Elmar Geiger





Psychotherapie
in der
Therapeutischen Gemeinschaft
für
Drogenabhängige

Theorie und Praxis in der TG Dachtmissen
Jugendhilfe e.V. Lüneburg







Dieser Text ist der gleiche wie die Konzeption der TG Dachtmissen. Zusätzlich ist hier ein Transskript einer vierstündigen Gruppentherapiesitzung mit therapeutischer Bewertung angeliedert. Er Text stammt aus dem Jahre 1996 und bezieht sich noch auf auf eine Therapie von 12 Monaten regulärer Dauer. Ab Januar 1997 gelten bundeseinheitlich nur noch 10 Monate Therapiedauer. Mit der Problematik dieser Therapiezeitverkürzung befasst sich der Text von homep2. Trotzdem gelten weiterhin die im folgenden Text dargestellten Überlegungen. Der aktuelle Stand der Konzeption beinhaltet der Text Kurzdarstellung der Therapie.







Vorbemerkung


Obwohl die Therapeutische Gemeinschaft als Einrichtungsart für die Therapie Drogenabhängiger in Deutschland seit über 25 Jahren existiert, scheint das Wissen über sie nur sehr lückenhaft zu sein - leider auch in der Fachöffentlichkeit. Genauere Kenntnisse besitzen meist nur die Betroffenen, nämlich die "Patienten" einerseits und die Mitarbeiter andererseits. Und selbst dies nur in bezug auf ihre "eigene" Einrichtung, da die Vorgehensweisen in den Einrichtungen doch sehr spezifisch sind, so daß der Begriff "Therapeutische Gemeinschaft" eigentlich wenig aussagekräftig ist.

Wenn nun hier versucht, wird den psychotherapeutischen Ansatz näher zu beschreiben, dann deshalb, um dem oben unterstellten Informationsmangel entgegenzuwirken. Doch es gibt noch einen anderen Beweggrund für diese Darstellung: Die stationäre Langzeittherapie mit dem Ziel einer dauerhaften Abstinenz gerät zur Zeit massiv unter Druck durch Subsitution und andere niedrigschwellige Angebote, wodurch real eine Abschaffung in ihrer jetzigen Form droht. Diese Gefahr wird natürlich durch den Zwang staatlicher Sparmaßnahmen verstärkt. Das komplexe Geschehen in einer Therapeutischen Gemeinschaft läßt sich Außenstehenden relativ schwer vermitteln - man ziehe zum Vergleich die doch einfach anmutende Argumentation für Substitution oder kontrollierte Freigabe heran. Daher ist in einer Zeit, in der Eingängigkeit und leichte Verständlichkeit von Formeln schon als Beweis gelten, allein von der Argumentation her die "Verteidigung" der stationären Langzeittherapie nicht leicht.

Diese Darstellung will versuchen jenes Verständnis zu wecken, das die Langzeittherapie in der Therapeutische Gemeinschaft braucht, um weiter existieren zu können. Neben einer theoretischen Erörterung wird eine ganze Gruppentherapiesitzung als Transskript wiedergegeben, um dadurch die nötige Anschaulichkeit zu erreichen.








Mein Dank gilt meiner Frau für ihre ausdauernde Korrekturarbeit. Weiterhin danke ich Renate D. für ihren Enthusiasmus, der Gruppe für ihre Offenheit sowie den Kolleginnen und Kollegen für ihre Mitarbeit.



 

Kirchgellersen 1996

 


INHALT

1. Indikation

2. Therapieziele und Abstinenz

3. Die Therapeutische Gemeinschaft

4. Die Notwendigkeit der Psychotherapie

5. Konzeption und Verhaltenstherapie

6. Besondere therapeutische Einflußgrößen - Emotionale Bindungen

6.1 Die therapeutische Beziehung - Bezugstherapeutensystem

6.2 Das therapeutische Gruppenklima und die Bindung an die Gruppe

7. Gestalttherapie

7.1 Warum Gestalttherapie?

8. Der Therapieverlauf

8.1 phase  I : die stationäre Phase

8.1.1 Grundstabilisierung, Stufe 1

8.1.2 Identifikation und Tiefung, Stufe 2

8.1.3 Autonomie, Stufe 3

8.2. Phase II: die teilstationäre Adaptionsphase

8.3 Phase III: die ambulante Nachsorge und deren Funktion als                               Sekundärprävention

9. Erfahrungen mit der Nachsorgegruppe (Phase III)

10. Die veränderte Situation

11. Transskript einer Gruppentherapiesitzung

11.1  Lebensgeschichtliche Bezüge

12.  Therapeutische Wertung der Therapiegruppe

12.1  Der therapeutische Prozess

12.2  Allgemeine psychotherapeutische Wirkfaktoren

12.3  Suchtspezifische Wirkungen der Gruppensitzung

13. Katharsis: Drogenpolitik - subjektiv, polemisch und tendenziös betrachtet

14. Anhang

15. Literaturverzeichnis






1. Indikation

 

Der Begriff "Drogentherapie", wie er hier verwendet werden soll, bezieht sich auf eine stationäre Therapie in einer Therapeutischen Gemeinschaft und ist eine Suchttherapie für Abhängige von schweren Drogen wie Opiaten, Kokain, Psychopharmaka und anderen Medikamenten mit großem Suchtpotential. In der Regel nahmen die Klienten* mindestens eines der angeführten Suchtmittel zu sich. Rechtlich ist sie eine Maßnahme der "Medizinischen Rehabilitation". Die Therapie der Alkoholsucht soll nicht unter den Begriff "Drogentherapie" fallen, weil dies sich umgangssprachlich und historisch so entwickelt hat. Inhaltlich ist diese Abtrennung aber unsinnig, zumal auch für schwere Alkoholiker eine Therapie in einer Therapeutischen Gemeinschaft angemessenen wäre, diese aber in anderen klinischen Einrichtungen behandelt werden. Zur Darstellung einer Drogentherapie stehen die Charakteristika der Klienten, die sie behandeln will, im Vordergrund. Dazu gehört zuallererst die allgemeine Diagnose: drogenabhängig. Diese als drogenabhängig bezeichneten Personen können zu Beginn einer stationären Therapie folgendermaßen beschrieben werden. Sie sind

1. geprägt durch längerdauernde traumatisierende Konstellationen in der Lebensgeschichte;

2. durch ungünstige Sozialisationsbedingungen benachteiligt, so daß weitere psychische Defizite bestehen und die Traumataüberwindung unzureichend bleibt;

3. randgruppenfixiert mit wenig gesellschaftsintegrierenden Kontakten, auch bedingt durch die Radikalität der Drogenbeschaffung;

4. Früheinsteiger mit "weichen" Drogen, meistens schon vor der Pubertät, vor allem mit Alkohol;

5. Nichteinsteiger oder Abbrecher in bezug auf Ausbildung und Beruf, da meistens abgeschlossene Ausbildungen nicht vorliegen;

6. körperlich von schweren Drogen abhängig;

7. wegen der Drogenkarriere zusätzlich belastet durch Erfahrungen mit Prostitution, Gefängnis, Obdachlosigkeit etc.

8. sind in der Regel nicht freiwillig in die Therapie gegangen und stehen unter dem Druck der Justiz (Therapieauflage, Haftverschonung, ausstehende Verfahren)

9. zu Beginn der Therapie dauernd abbruch- und rückfallgefährdet, weil der medizinische Entzug, der vorher durchgeführt wurde, die psychische Abhängigkeit nicht beseitigt.

10. körperlich und psychisch nicht belastbar, d.h. auch nicht arbeits- oder ausbildungsfähig, und

11. leiden unter weiteren psychischen Störungen. Es liegen oft Doppeldiagnosen vor, wie Bulimie, Migräne und (seltener) das "Borderline"-Syndrom. Hinzu kommen in dreiviertel der Fälle mindestens eine Hepatitisvariante und seit dem Einsatz von Methadon vermehrt epileptische Anfälle.

 

Für das Verständnis der hier vorgestellten Drogentherapie muß vor allem auf die überragende Bedeutung der ersten drei Punkte hingewiesen werden, denn in der Öffentlichkeit, leider aber auch in der Fachöffentlichkeit, scheinen traumatisierende Konstellationen und schwerwiegende Lebensereignisse als Ursachen einer massiven Drogensucht kaum erwogen zu werden. Daß die ursprüngliche Not dieser Menschen gar nicht in Betracht gezogen wird, liegt vielleicht an dem Erscheinungsbild des Drogenabhängigen, der dann auch noch mit "Fixer" oder "Junkie" bezeichnet wird, womit man seine Fachkenntnis durch diese Wortbenutzung meint ausdrücken zu müssen. Was zu Recht berührt, sind Süchtige mit zerstochenen Armen, ausdruckslosen Augen, Abszessen und abgemagerten Körpern, die überall in den einschlägig bekannten Stadtteilen anzutreffen sind. Doch das wird eher überlagert durch das "coole", letztlich undurchschaubare Betragen, das Befremden erzeugt. Abneigung ruft auch ihre "Linkheit" hervor, also die Täuschungsbereitschaft oder Betrugsmentalität, die wegen des Beschaffungsdruckes vor keinem noch so vertrauensvollen Kontakt haltmacht. Das soziale Drama der Süchtigen beruht in der völligen Umkehrung zwischenmenschlicher Werte, die alle der Gier untergeordnet werden. Mit Betrügereien, Diebstahl und Unehrlichkeit machen sie in ihrem sozialem Umfeld jegliches Vertrauen zunichte, hinterlassen eine breite Spur von ent- und getäuschten Partnern, Verwandten, Freunden und Angehörigen. Auffällig ist - moralisch gesehen - die geringe Gewaltbereitschaft, geringer jedenfalls als bei manchem angetrunkenen Normalbürger. Schlägereien oder Körperverletzung stellen reine Verschwendung von Energie dar, und diese wird zur Beschaffung gebraucht. Tötungsdelikte und Gewaltvergehen gehen mehr auf das Konto der nicht süchigen Dealer.

Das Erscheinungsbild einer gierigen, abgerissenen und verschlagenen Persönlichkeit erzeugt bei vielen Menschen eher Angst und Abscheu, stellt aber nur den Endpunkt einer langen Entwicklung dar und ist für einen psycho- therapeutischen Therapieansatz nicht zentral. Der Blick auf die ursprünglich erlittene psychische Not vieler Süchtiger ist verbaut und scheint schwer damit vereinbar zu sein. Gerade die momentane Not der Abhängigen, ihre gesundheitlichen Probleme, ihr Leiden an der Sucht und deren Folgen werden nur noch wahrgenommen und zum alleinigen Ausgangspunkt der Hilfe gesehen. Es reduziert sich alles nur noch auf Substitution, kontrollierte Abgabe und Legalisierung von Drogen. Die Entstehungsbedingungen der Sucht und ihre Definition als psychische Störung, aus der sich das Recht auf Heilung ableiten läßt, geraten völlig in den Hintergrund. In einer Untersuchung von Hanel & Herbst, die 302 Klientinnen/Klienten stationärer Therapieprogramme umfasst, ist folgendes festgestellt worden:

"Bis zum sechsten Lebensjahr wuchsen 24 % der Klientinnen/Klienten, im Zeitraum vom siebten bis zum vierzehnten Lebensjahr 39 %, nicht überwiegend bei beiden leiblichen Eltern auf, sondern bei der Mutter allein, bei Mutter und Stiefvater, Stiefmutter und Vater, bei Großeltern oder im Heim.

Welche bedeutsamen Ereignisse (life-events) haben die Klientinnen/Klienten erlebt? In 13 % der Fälle ist bis zum Erhebungszeitpunkt die Mutter, in 18 % der Vater und in 8 % ein Geschwister gestorben. Vor dem 21. Lebensjahr starben bei 26 % Mutter, Vater oder Geschwister. 25 % der Eltern ließen sich in diesem Zeitraum scheiden. 22 % der Befragten geben an, in Kindheit/Jugend eine wichtige Bezugsperson verloren zu haben. Bei 23 % war eine Bezugsperson lang andauernd oder häufig abwesend. In 23 % der Fälle erlitt ein Elternteil oder eine andere wichtige Person in Kindheit/Jugend der Befragten eine schwere Krankheit oder einen Unfall.

Mehr als 80 % der Befragten teilen mindestens eines, viele mehrere von den bereits genannten und weitere schwerwiegende Lebensereignisse aus ihrer Jugend mit. Dazu zählen auch lange Arbeitslosigkeit der Eltern, häufiger Wohnungswechsel, Selbstmordversuch und Verhaftung einer nahen Bezugsperson.

27 % der Klientinnen/Klienten geben an, eine eher schlechte Beziehung zur Mutter, 52 % eine solche zum Vater gehabt zu haben. 42 % der Befragten sind, in der Regel während der Pubertät, einmal oder mehrmals von zu Hause ausgerissen. 41 % der Frauen und 8 % der Männer erklärten, in Kindheit und Jugend sexuell mißbraucht oder vergewaltigt worden zu sein " ( Hanel & Herbst, 1988, S.17).

Wenn die Klienten nach einigen Monaten in der Therapie mehr Vertrauen gefunden haben und bereit sind, sich zu öffnen, dann berichten sie, wie diese in der Untersuchung sachlich aufgelisteten schwerwiegenden Lebensereignisse von ihnen selbst erlebt wurden und was das konkret bedeutet hat. Diese Schilderungen einzelner Episoden dauern über Wochen an, immer neue Einzelheiten werden bewußt. Dann treten Pausen ein, andere Erlebnisse drängen hervor, schon Geschildertes wird präzisiert. Insgesamt benötigt diese Bewältigung Jahre und erfordert psychotherapeutisches Vorgehen, wie in einem späteren Abschnitt gezeigt werden soll. Jedenfalls wird spätestens bei solchen Berichten immer wieder klar, daß bei diesen Drogenabhängigen psychische Verletzungen eine Ursache der Sucht darstellen, auch wenn das alltägliche Erscheinungsbild dieses nicht vermuten läßt.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Bezugs- bzw. Randgruppenfixierung der Drogenabhängigen, die beim Einstieg in harte Drogen eine zentrale Rolle spielt, denn man muß jemanden kennen, der harte Drogen nimmt, um richtig neugierig zu werden, man braucht jemanden, der einem zeigt, wie das rein technisch geht und man muß sich der Verschwiegenheit des anderen sicher sein, wegen der Strafbarkeit. Diese Hinwendung zu einer Clique ist ein Reflex auf das Versagen soziale Systeme, in denen die traumatischen Erfahrungen gemacht werden und die bei den Überwindungsversuchen Hilfe verweigern. Warum mit Eltern reden, wenn desaströse Scheidungskämpfe deren Aufmerksamkeit ganz verschlingt; warum über Mißbrauch reden, wenn so etwas in der Familie nicht vorkommen kann; ständig betrunkene Väter wollen auch nichts hören und im Heim sind noch viele andere, um die sich gekümmert werden soll. Dieses Gefühl, mit seinem Schmerz allein zu sein, führt zu dem Schluß, daß man auch keine Hlife erwarten kann. Geborgenheit und Methoden der Lebensbewältigung werden dann eben woanders gesucht und gefunden: in der Clique, in der Gleichgeschädigte aufeinandertreffen, die zuhause nichts hält. In Verbindung mit den Drogenkonsumritualen, dem Sceneleben, entsteht so eine Randgruppenmentalität, die den Drogenabhängigen immer auch durch andere beeinflußbar macht. Das kann nützlich bei der Therapie sein, denn so können clean lebende Drogenabhängige in der Therapeutischen Gemeinschaft positiv auf Therapieanfänger wirken, und wahrscheinlich ist das auch ein Grund, warum sich Drogenabhängige überhaupt so lange in eine Institution einbinden lassen.

Bei Drogensucht wird diese Gruppenfixierung verstärkt durch die Existenz einer Drogensubkultur, die sich im Sceneleben manifestiert. IIlegalität, Ächtung der Drogensucht und Art und Weise, wie die Drogen gehandelt und vertrieben werden, führen bei den Abhängigen zum Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft, ja einer besonderen Subkultur anzugehören. Das ist aber eine weitere Eigenart der Drogensucht, worin sie sich von anderen psychischen Störungen deutlich unterscheidet: die Betroffenen leben in sozialen Bezügen zu anderen Betroffenen. Bei anderen Störungen treffen die Betroffenen oft während der Therapie zum erstenmal auf andere mit dem gleichen Problem, und allein das hat dann schon eine therapeutische Wirkung. Für Personen mit schweren Ängsten oder chronischen Krankheiten bedeutet das Zusammenführen in einer Gruppentherapie oder Selbsthilfegruppe manchmal sogar den entscheidenen Durchbruch im therapeutischen Bewältigungsprozess. Bei Drogenabhängigen, die nicht entzogen sind, führte das zum Aufbau einer kleinen Scene und nach dem Entzug ohne professionelle Rahmenbedingungen zu einer Gruppe, die zum gemeinsamen Rückfall animiert, d.h., das Zusammenführen von Drogen-abhänigen stellt zunächst eine erhebliche Suchtstabilisierung dar. Nur die Institution der Therapeutischen Gemeinschaft kann diese Gefahr konstruktiv bewältigen, wie noch gezeigt werden wird. Daher bedeutet Drogentherapie immer auch ein Herauslösen aus bisherigen Lebensbezügen, eine räumlichen Trennung, weil in der Animierung durch andere Abhängige und der Scene der wichtigste, von außen kommende Hinderungsgrund für eine Suchtbewältigung zu sehen ist. Nach eigener Gier rangiert gleich der andere Süchtige in der Hierarchie der Rückfallauslöser.

 

 

 

2. Therapieziele und Abstinenz

Genau so wichtig wie die Charakterisierung der Klienten sind die Therapieziele für die Inhalte einer Konzeption. Ziel der Therapie der Therapeutischen Gemeinschaft Dachtmissen ist:

1. Drogenabstinenz. Diese gilt auch für individuelle Einstiegsdrogen, Ausweichdrogen und bisher nie benutzte Suchtmittel. Grundsätzlich wird Abstinenz von Alkohol und Haschisch angestrebt.

2. Selbständige Lebensführung aufgrund beruflicher Tätigkeit. Da innerhalb des zeitlichen Rahmens der Therapie selten eine Berufsausbildung abgeschlossen werden kann, muß zumindest eine fundierte Ausbildung begonnen sein.

3. Aufbau eines tragenden sozialen Netzes.

Persönlichkeitsmerkmale der Klienten und Ziele der Therapie bestimmen das therapeutische Vorgehen. Es gilt jedoch, eine besondere Eigenart der Suchttherapie hervorzuheben, die bei Behandlung anderer psychischer Störungen selten praktiziert wird, nämlich die Symptomunterdrückung, d.h. die Abstinenz von Drogen nicht nur als Ziel der Therapie, sondern schon als therapeutische Intervention zu Beginn der Therapie. Während des Drogenkonsums wirkt eine Psychotherapie nicht, da das Bewußtsein durch die Drogenwirkung so ausgefüllt wird, daß der innerpsychische Druck, etwa die Sucht zu ändern oder andere dringende Aufgaben anzugehen, nicht spürbar wird. Läßt die Wirkung des Suchtmittels nach, erfüllt die Angst vor Entzugsymptomen und erneute Gier das bewußte Erleben, so daß wiederum keine Motivation zur Persönlichkeitsänderung oder Bewältigung wichtiger Probleme entstehen kann.

Im diesem Zusammenhang muß, vor allem im Hinblick auf die sogenannte Selbstmedikationshypothese der Sucht, die Eigenständigkeit des Symptoms "Sucht" betont werden, die nicht ohne weiteres auf andere psychische Störungen reduziert werden kann. Nach dieser Hypothese nimmt der eingangs beschriebene Drogenabhängige Drogen wie ein Medikament ein wie z.B. etwa Psychopharmaka, um bestimmte emtotionale Zustände oder Stimmungen zu ändern bzw. herbeizuführen. Als Konsequenz für die Therapie gilt es dann die subjektiven Indikationsstellungen zu erarbeiten, damit der Abhängige sich sozusagen selber auf drogenfreie oder weniger nicht süchtig machende Maßnahmen umstellt. Drogensucht ist demnach eine Methode, um beispielweise seine eigene Depressivität oder Antriebsmangel in den Griff zu bekommen. Für einen psychotherpeutischen Ansatz gilt dieses grundsätzlich auch, aber erst nach erfolgtem körperlichen Entzug. Davor, bei noch bestehender Abhängigkeit, muß die Selbstmedikationshypothese bezweifelt werden, denn hierbei nimmt der Abhängige immer Drogen, und zwar entsprechend einem individuellen biochemisch bedingten Rhythmus. Er injiziert sich Heroin, wenn es ihm gut geht, wenn es ihm schlecht geht, bei Regen und bei Sonnenschein - darin besteht doch die Sucht, man kann nicht vom Suchtmittel lassen. So gesehen gleicht Sucht einem schweren Zwangssyndrom, dessen körperlicher Auslösemechanismus bekannt ist. In diesem Zusammenhang erhält dann auch die Abstinenz ihre Bedeutung, denn unter ihr läßt sich mit der Selbstmedikationshypothese therapeutisch sehr fruchtbar arbeiten.

 

Abstinenz von legalen und illegalen Drogen während und nach der Therapie ist eine Methode des Erkennens der eigenen Sucht. Durch Abstinenz von Drogenkonsum wird die eigene Suchtstruktur subjektiv am besten erfahrbar. Wer sich einer Droge enthält, erfährt erst dann, wie stark seine Abhängigkeit von ihr und wie seine Suchtstruktur beschaffen ist. Dieser Mechanismus ist universell, d.h. er gilt für Suchtkranke und "Gesunde" gleichermaßen. Das Ausmaß einer Sucht wird gemeinhin in der Menge konsumierter Substanzen gesehen, obwohl die Erprobung von Abstinenz viel aufschlussreicher und therapeutisch produktiver ist. Wer als "normaler" Mensch wissen möchte, ob er beispielsweise Probleme mit Alkohol hat, der sollte nicht überlegen, wieviel er trinkt, sondern er sollte einen Selbstversuch durchführen, einige Wochen auf Alkohol verzichten und dann zu registrieren versuchen, was sich in seinem Bewußtsein abspielt. Dann kann er das Ausmaß seiner Sucht erfahren, wie sie sein Denken subtil beeinflußt und seine Gesamtmotivation bestimmt. Diese Prägnanz der Suchterfahrung ist nur während der Abstinenz möglich. Konsumiert man wieder, geht diese Klarheit verloren.

Abstinenz ist somit eine Methode der Selbst-, genauer gesagt Suchterfahrung, der Selbstexploration und Introspektion. Die Befähigung zur Abstinenz, also zur Symptomunterdrückung, muß aber zunächst durch medizinischen Entzug hergestellt werden, um die massive körperliche Abhängigkeit aufzuheben. Danach besteht die psychische Abhängigkeit von der Droge weiter, doch diese wird nicht so heftig als Zwang erlebt wie die körperliche Abhängigkeit. Zumindest wird der zeitliche Ablauf vom Auftauchen des Verlangens im Bewußtsein, vom Spüren eines Suchtimpulses und von ersten Drogengedanken bis zum Entschluß, eine bestimmte Droge zu konsumieren und entprechende Maßnahmen einzuleiten, wesentlich gedehnt, d.h. es können Tage dazwischenliegen. Bei bestehender körperlicher Abhängigkeit, beispielsweise von Heroin, vergehen zwischen Nachlassen der Drogenwirkung, damit verbundenem Spüren von Entzugssymptomen und erneuter Drogenbeschaffung nur Stunden. Die Zeitspanne, die nach Aufhebung der körperlichen Abhängigkeit zur Verfügung steht, ist also wesentlich größer und kann vor allem psychotherapeutisch genutzt werden, um die Auslöser des Drogenverlangens zu finden und zu bearbeiten. Das können aktuelle Konflikte sein, aber auch ausgelöste Erinnerungen an traumatische Erfahrungen. Der psychotherapeutische Umgang mit einer solchen Problematik wird später noch geschildert werden. Jedenfalls gewinnt ein Klient auf diese Weise Einblick in seine Suchtdynamik und erfährt auch Möglichkeiten, seine Suchtimpulse zu bewältigen. Das bedeutet, er erfährt nicht mehr nur Ohnmacht seiner Sucht gegenüber, sondern kann ihre psychische Kontrolle entdecken lernen, ein ganz wesentlicher Fortschritt bei einer Sucht. Die ganze Therapie dient nun dazu, diese psychische Dynamik für den einzelnen erfahrbar, verständlich und beherrschbar zu machen.

Nun kann diese Abstinenz vom einzelnen Klienten zu Beginn der Drogentherapie nur durch Selbstkontrolle, Willensanstrengung und äußeren Zwang aufrecht erhalten werden. Deshalb wird auch der Begriff "Symptomunterdrückung" gewählt, da in diesem Stadium das Drogenverlangen eben nur unterdrückt oder von ihm abgelenkt wird. Ziel der Therapie muß aber das weitgehende Auflösen der Konsummotivation oder des Bedürfnisses nach Drogen sein, Selbstbeherrschung allein hat noch noch nie ausgereicht. Dies ist auch der Grund für den psychotherapeutischen Ansatz, weil dadurch psychische Ursachen der Sucht, ihre tieferen Mechanismen erkannt und behandelt werden, und damit eine authentische Motivation zur Abstinenz entsteht.

Hinter dieser Zielsetzung verbirgt sich auch die Annahme, wonach Drogenfreiheit tatsächlich ein Bedürfnis einer psychisch stabilen Persönlichkeit ist, und der Drogenabhängige seine eigene Sucht als Defizit erlebt. Für die eingangs beschriebenen Drogenabhängigen gilt dies ganz sicher, weil die Entstehungsbedingungen der Sucht immer mit traumatisierenden Konstellationen zusammenhängen und die Entwicklung in die Sucht einen Versuch darstellt, diese zu bewältigen. Das Symptom der Abhängigkeit ist daher das Ergebnis einer unzulänglichen Traumataverarbeitung und nicht einer freiwilligen Lebensentscheidung oder Ergebnis einer geistigen Umorientierung, die dann mit Wertewandel bezeichnet wird. Sucht bleibt nach diesem hier vorgestellten Ansatz eine psychopathologische Störung, die der Klient ebenso als solche empfindet, vor allem wenn er die Chance erhält, Nüchternheit in einer menschlichen Umgebung zu erleben. Diese Auffassung muß als sehr grundlegend erachtet werden, da sonst die Funktion der Psychotherapie nicht deutlich wird. Durch sie kann das echte Bedürfnis nach Drogenfreiheit wieder erfahrbar gemacht werden. Dies scheint auch bei dem nach Ansicht des Verfassers unreflektierten Umgang mit Ersatzdrogen, die beschönigend als 'Medikamente' bezeichnet werden, und der kontrollierten Freigabe von echten Drogen überhaupt nicht bedacht zu werden. Langfristig geht es also nicht um ein Abstinenztraining, denn dies kann nur Hilfsmittel und Durchgangsstadium sein, wenngleich zum gegebenen Zeitpunkt genauso berechtigt wie andere therapeutische Interventionen. Unter tiefenpsychologischem Aspekt betrachtet kann von einem Teil der Persönlichkeit ausgegangen werden, der die Drogenfreiheit will und den es psychotherapeutisch so zu stärken gilt, damit die Suchtpersönlichkeit überwunden werden kann. Eine ausführlichere Erörterung der Psychotherapie innerhalb der Drogentherapie wird später noch erfolgen.

Bis allerdings die psychotherapeutische Komponente der Therapie wirkt, vergeht Zeit, in der die Abstinenz bzw. Symptomunterdrückung dem Klienten ermöglicht werden muß. Als erste Vorbedingung dazu wird bis jetzt der körperliche Entzug genannt. Die Verfügbarkeit der Droge muß aber sogleich als nächste Grundvoraussetzung angeführt werden. Der Zugang zur Droge bleibt nach dem Entzug die allerwichtigste Einflußgröße für das Gelingen von Abstinenz bzw. Symptomunterdrückung. Die sinnliche Wahrnehmung einer Drogensubstanz, Assoziationswirkungen des Scenemilieus, der bei Konsum benutzten Gegenstände und Örtlichkeiten lösen sehr schnell massive Suchtimpulse aus, so daß nur die radikale Entfernung aus dem Milieu, der Abbruch des realen Kontaktes mit ihm hilft - zumindest bei dem eingangs beschriebenen "Typus" von Drogenabhängigen.

Dafür muß aber eine Einrichtung zur Verfügung stehen, die eine Verfügbarkeit von Drogen unterbinden kann, damit also Drogenfreiheit gewährleistet. Das ist nun einer der wichtigsten Beiträge der Therapeutischen Gemeinschaft zur Drogentherapie:

Sie stellt die erste stationäre Einrichtung dar, die einen drogenfreien Rahmen schafft. Herkömmliche Kliniken und der Strafvollzug waren und sind nicht in der Lage, Drogenfreiheit zu garantieren, trotz des gewaltigen Kontrollapparates, den sie zur Verfügung hatten und haben - mit ein Grund, warum die Dogentherapie in allen bis zum Entstehen der Therapeutischen Gemeinschaft vorhandenen stationären Einrichtungen versagt hatte. Suchtkranke, die normalerweise jede erdenkliche Gelegenheit nutzen, um an Drogen zu kommen, dafür sich mit jedem verbünden, der ihnen dabei hilft, fangen an, auf die Drogenfreiheit des Hauses zu achten. Eine funktionierende Gruppe abstinent lebender Abhängiger kann das am besten, wenn sie dazu motiviert ist. In der Therapeutischen Gemeinschaft Dachtmissen z.B. sind die Therapeuten nur tagsüber im Haus, zwischen 19.00 Uhr abends und 8.00 Uhr morgens ist die Gruppe sozusagen ohne Aufsicht, d.h. sie achtet auf sich selbst. Trotzdem kann diese Einrichtung absolut drogenfrei gehalten werden (was viele Experten für unmöglich halten). Rückfälle gibt es nur außerhalb der Einrichtung bzw. nach Abbruch der Therapie.

Wegen der Abstinenz besteht jetzt eine Schwierigkeit dieses Ansatzes darin, daß der Therapiefortschritt nicht als Auflösen oder Verändern des Symptoms, also des Konsumverhaltens, beobachtet werden kann. Ob eine Drogentherapie zeitlich ausreicht, zeigt sich erst, wenn das ursprüngliche Verhalten nicht wieder aufgenommen wird, also nach Ende der Therapie. Bis dahin tappt der Therapeut sozusagen im dunkeln, denn er hat kein langsam sich auflösendes Symptomverhalten zum Beweis der Wirksamkeit der Therapie zur Verfügung. Das Symptomverhalten, beispielsweise der Heroinkonsum, steht als Indikator nicht zur Verfügung.

Diese Eigenart der Drogentherapie hat mehrere Konsequenzen. So kann die erforderliche Therapiedauer nicht genau bestimmt werden. Bei anderen Symptomen teilt der Klient mit, daß seine Angstsymptome nicht mehr auftreten, seine depressive Gestimmheit stark verringert ist oder das Selbstvertrauen zur Lebensbewältigung nun ausreicht. Hier ist dann auch die wissenschaftliche Erfassung einer optimalen Therapiedauer einfach, da therapiebegleitend die Veränderung im Symptombereich gemessen werden kann.

Bei einer Drogentherapie muß vom Therapieergebnis auf die Therapiedauer geschlossen werden, also nachdem die Behandlung beendet ist. Wird ein Klient nicht rückfällig, so gilt u.a. die Therapiedauer als angemessen. Wird er rückfällig, dann hat u.a. die Therapiedauer nicht ausgereicht. Nun gibt es Therapieansätze, die grundsätzlich von mehreren Rückfällen ausgehen, folglich von mehreren Zyklen von Rückfall und erneuter Therapie, die die Klienten durchlaufen, bis sie endgültig stabil sind. Drogenabhängigkeit sei eben eine "Rückfallkrankheit". Ich halte diesen Ansatz für falsch, weil meiner Erfahrung nach ein Rückfall als persönlicher Mißerfolg erlebt wird. Dieses Mißerfolgserlebnis kann aber nicht durch entsprechende Vorbereitung auf den wahrscheinlichen Mißerfolg ausgeglichen werden. Hier wird nämlich ein grundsätzliches Phänomen menschlicher Motivation berührt. Die Stärke der Motivation ist immer auch mitbedingt von Faktoren, die in der Motivationspsychologie mit Begriffen wie Belohnung, Hoffnung auf Erfolg, Kontrollerwartung, Handlungskontrolle, aber auch Prinzip Hoffnung oder Sinnfrage etc. bezeichnet werden, und jemanden von vornherein auf die Vergeblichkeit seines Bemühens ( "man wird sowieso mal rückfällig") schon aufmerksam zu machen, heißt meiner Ansicht nach, ihn depressiv einzustimmen. Depressivität gehört aber auch zur subjektiven Befindlichkeit einer Sucht und sollte daher nicht noch durch das therapeutische Vorgehen induziert werden. Außerdem besteht bei solch einem zyklischen Ansatz die Gefahr, daß Drogenabhängige zu schnell die Diagnose unheilbar krank oder therapieresistent erhalten und keine Therapie mehr bewilligt bekommen.

Das Problem des fehlenden des Symptoms als Indikator des Therapiefortschritts gilt natürlich über die Frage der Therapiedauer hinaus grundsätzlich für die Beurteilung der Angemessenheit der therapeutischen Maßnahmen. Daher müssen andere Indikatoren als das Symptom Suchtverhalten für den therapeutischen Prozess gefunden werden. Vor allem das Selbstorganisationskonzept der Therapeutischen Gemeinschaft erhält hierbei eine wichtige Funktion, denn mit Beteiligung der Klienten an konkreten Gemeinschaftsaufgaben kann an deren realem Verhalten ein Einblick in ihre Entwicklung und demnach auch in ihre Bewältigung der Sucht genommen werden. Und was noch entscheidener ist: der therapeutische Prozess muß so transparent gemacht werden, daß daraus Rückschlüsse auf die erreichte Stabilität möglich sind. Die Therapeutische Gemeinschaft bietet mit einer entsprechenden Konzeption viele Möglichkeiten hierfür, wenn sie die beobachtbaren Phasen des Therapieverlaufs damit in Einklang bringt - wie noch aufgezeigt wird. Aus dem bisher Gesagten kann als erste wichtige Funktion der Drogentherapie daher folgendes festgehalten werden: Sie muß einerseits Abstinenz ermöglichen und nutzen und andererseits Indikatoren für den Therapiefortschritt vorsehen. Für beides eignet sich die Therapeutische Gemeinschaft besser als jede andere stationäre Einrichtung.

 

3. Die Therapeutische Gemeinschaft

Historisch gesehen hat sich die Therapeutische Gemeinschaft aus einer Lebensgemeinschaft entwickelt, d.h. alle Mitglieder haben zu ihrem Funktionieren und Erhalt beigetragen. In diesen Gemeinschaften mit Drogenabhängigen gab es keine Patienten mehr, die behandelt wurden, sondern handelnde Mitglieder, die trotz ihrer psychischen Beeinträchtigung durch die Sucht wichtig für die Einrichtung waren. Daß die Einrichtungen teilweise oder ganz von ehemaligen Abhängigen, von Ex-Usern geleitet wurden, war in der klinischen Praxis revolutionär. Heute sind trotz Professionalisierung diese Elemente in der Therapeutischen Gemeinschaft erhalten geblieben. Die Klienten sollen all das selbst tun, wozu sie momentan in der Lage sind, um ihrer Passivierung weitgehend vorzubeugen. Die Klienten sollen aus ihrer suchtbedingten Passivität herausgerissen und aktiviert werden, und ein Mittel der Aktivierung ist die konkrete, gegenwartsbezogene Sinngebung ihres Tuns. Da nun alle für das gemeinsame Leben wichtige Aufgaben auch gemeinsam bewältigt werden müssen, kann der Einzelne die Auswirkungen seines Handelns anschaulich erleben. Diese Transparenz der TG stellt einen therapeutischen Wert dar, weil viele Drogenabhängige die Welt als ziemlich undurchschaubar und nicht zu beeinflussen erleben. Nach der heutigen Motivationspsychologie bildet die Einschätzung der eigenen Wirksamkeit einen wesentlichen Motivationsfaktor. Drogenabhängige neigen hier aber aufgrund schon erlebter persönlicher Katastrophen zu pessimistischen Einschätzungen. Das Wiedererleben von Auswirkungen des eigenen Tuns hilft hierbei weiter und ist in einer von den Klienten geführten Einrichtung besonders gut erfahrbar.

Die Spannweite der Mitwirkung des einzelnen reicht vom banalen Putzen über die Haushaltskasse bis hin zur Gruppentherapie, wo gerade die gegenseitigen Rückmeldungen ("feed-backs") therapeutisch enorm wichtig sind. Jeder bekommt Aufgaben, wird dadurch wichtig und erfahrbar, beinflusst andere und wird durch andere beeinflusst. Erledigt jemand seine Aufgaben schlecht, hat sein Handeln für andere Konsequenzen und er kann das mitbekommen, denn es ist plötzlich nicht egal, wie man etwas ausführt. Für eine von der Sucht geprägte Persönlichkeit eine völlig andere Sichtweise der Welt: sie übernimmt Verantwortung, weil ihre Kompetenz für das Funktionieren der Gemeinschaft gefragt ist. Insofern ist der Klient von Anfang an nicht nur jemand, der verschiedenste Defizite einbringt, sondern jemand, dem Kompetenzen zugeschrieben werden, die für die Selbstorganisation und die Gruppentherapie real wichtig sind. Praktisch erhält jeder Klient von Anfang an Arbeitsbereiche, Verantwortungsbereiche genannt, in denen er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Solch eine Vorgehensweise ist allein schon von der Organisationsstruktur her bei psychiatrischen Kliniken mit ihrer Arbeitsteilung innerhalb des Personals, mit der Rollenverteilung in professionelle Helfer und Versorger auf der einen und sowie hilfebedürfigen Kranken auf der anderen Seite nicht durchführbar, und bei den zu behandelnden psychischen Störungen meist auch gar nicht anders zu bewerkstelligen. Die Beteiligung der Drogenabhängigen in Therapeutischen Gemeinschaften aufgrund voraus-gesetzter Kompetenzen ist ein neues Element in einer stationären Therapie, weil der Klient eben auch mit seinen Fähigkeiten konkret eine Bedeutung im klinischen Alltag bekommt.

Aber selbst wenn er auf den ersten Blick wenig Kompetenzen und scheinbar nur Defizite mitbringt, so bietet die TG viele Betätigungsfelder, wo auch die verborgenen Talente deutlich werden. Außerdem kann der Abhängige viel lernen und darf dabei viele Fehler machen. Dabei ist ganz sicher der Weg so wichtig wie das Ziel - die Organisationsstruktur ist flexibel genug, um Fehler der einzelnen auszugleichen. Die Kompetenzannahme ist auch eine Grundeinstellung der Humanistischen Psychologie, die historisch gesehen, Pate bei Entwicklung der Therapeutischen Gemeinschaft gestanden haben dürfte. Wie bei ihr, wird auch in der TG von einem positiven Potential der Persönlichkeit ausgegangen, das es zu wecken und mobilisieren gilt. Eine der therapeutischen Wirkungen der TG ist ganz sicher die Mobilisierung persönliche Kompetenz aufgrund der Selbstorganisation, indem sie sich von vornherein auf die Fähigkeiten ihrer Mitglieder stützt.

Untrennbar mit der Therapeutischen Gemeinschaft verbunden ist die Konzeption, denn eine Selbstorganisation braucht fest geregelte Abläufe. Sie ist ein Regelwerk, welches den Klienten erlaubt und ermöglicht, die Einrichtung weitgehend in eigener Regie zu führen. Als Basis der Selbstorganisation stellt sie ja die Voraussetzung für die eben beschriebenen Effekte einer Therapeutsichen Gemeinschaft her. Durch die Konzeption wird folgendes geregelt:

1. Aufgabenbewältigung. Was ist zu tun? Wer tut was? Wer teilt ein? Wer kontrolliert? Was geschieht bei mangelhafter Ausführung?

2. Abstinenzsicherung und Gewährleistung der Drogenfreiheit. Diese Regeln sollen Drogenkontakte verhindern und Drogenreize weitestgehend reduzieren. Darunter fällt die Zensur von Zeitschriften, Fernsehen, Musik und Briefen in bezug auf Darstellung von Drogenkonsum und Szenemilieu, Drogenverherrlichung und Anstiftung zum Konsum, der Ausschluß bestimmter Örtlichkeiten in der Stadt, aber auch Verhalten beim Verdacht auf Drogen im Haus etc.

3. Regelungen des Therapieverlaufs. Beinhaltet vor allem die Definition der Lernschritte und des Stufensystems.

Jeder Klient durchläuft mehrere Stufen und Phasen, die wiederum hierarchisch angeordnet und mit bestimmten Lernzielen und Anforderungen gekoppelt sind. Je stabiler ein Klient ist, desto mehr Verantwortung kann er tragen. Das Kriterium für Stabilität bildet vor allem die Fähigkeit, sich außerhalb der Einrichtung aufhalten zu können, ohne rückfällig zu werden. Phase I heißt die stationäre Phase mit drei Stufen, Phase II die teilstationäre Adaptionsphase im Stadthaus und Phase III die ambulante Nachsorge. In der Stufe 1 (Phase I) verläßt der Klient die Einrichtung nur in Notfällen wie Arztbesuch und immer in Begleitung, Stufe 2 sieht regelmäßiges Verlassen der Einrichtung zu zweit für Ge-meinschaftsaufgaben wie Einkäufe, Behördengänge und Arztbegleitungen vor und in der Stufe 3 kann der Klient für 15 Wochenstunden die Einrichtung allein verlassen. Fürs Stadthaus (Phase II) gilt, daß der momentane Aufenthalt immer bekannt sein muß und daß außerhalb der Einrichtung nicht übernachtet werden darf

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Nun kann man fragen, ob so ein Therapieziel, das dem reglementierten Verlassen der Einrichtung einen solchen Rang als Stabilitätsindikator einräumt, nicht zu übertrieben oder gar falsch ist. Erfahrungsgemäß ist es für einen Klienten, der zum ersten Mal zusammen mit jemand anderem aus der Gruppe als "Stufe 2" den stundenlangen Wocheneinkauf bewältigt und dabei mit Alkohol, Stress, anderen Menschen unter Drogen und nicht zuletzt mit dem Reiz von ein paar hundert Mark Einkaufsgeld konfrontiert wird und dabei nicht "durchdreht und Mist baut", ein großer persönlicher Erfolg. Das können wahrscheinlich Drogenabhängige viel mehr schätzen als Nichtdrogensüchtige, weil das Leben in der Abhängigkeit nur den Erwerb und Konsum von Drogen als Lebens-, besser Bewußtseinsinhalt kennt und etwas anderes im normalen Alltagsbewußtsein nicht mehr vorgekommen ist. Desgleichen bedeutet in der Stufe 3 das alleinige Verlassen der Einrichtung und Bummeln durch die Stadt am Abend für viele einen Riesenschritt nach vorn. Daher hat ein so mit konkretem Verhalten definiertes Therapieziel mehr Aussagekraft als dramatisch und überzeugend formulierte Einsichten, womöglich noch mit psychiatrischen Fachausdrücken geschmückt.

Das Stufensystem, das beim Abschnitt über den Therapieverlauf noch deutlicher werden dürfte, wird allzu oft mißverstanden, weil mit den Stufen Privilegien verbunden sind, die mißbraucht werden können und alle Klienten scheinbar über einen Kamm geschoren würden. Solange aber bei den Privilegien die Verbindung mit der Stabilität transparent bleibt, kann diese Gefahr klein gehalten werden. Privilegien der Stufe 3 sind beispeilweise der einschränkungsfreie Medienkonsum oder freie Zugang zum Telefon. Wenn keine Therapeuten anwesend sind, hat die Stufe 3 bei Gruppenentscheidungen Vetorecht. Privilegien kann daher man auch als Aufhebung von Einschränkungen ansehen, die jedoch notwendig sind, neu aufgenommenen Klienten die Einhaltung der Abstinenz zu ermöglichen. Grundsätzlich muß aber für alle Regeln der Bezug zum Ziel der Drogenfreiheit herstellbar sein. So beruht eine wichtige Funktion des Stufensystems darin, die Therapie in Teilziele aufzugliedern, damit der Zeitablauf für den einzelnen greifbarer wird. Denn eine Therapie mit dem Ziel zu beginnen, nach vielen Monaten dann stabil und drogenfrei leben zu können, stellt eine eindeutige Überforderung für die gerade vom Entzug kommenden Drogenabhängigen dar, speziell ihres Zeiterlebens und ihrer Geduld mit sich selbst. Weil sie in der Realität nicht immer überprüfen können, wie stabil sie schon sind, bzw. dies erst am Ende der Therapie ihnen möglich ist, brauchen sie sozusagen Wegmarken, an denen sie ihre Entwicklung ablesen können. Das Erreichen einer Stufe dokumentiert ja nach außen hin, wie weit fortgeschritten jemand in der Therapie schon ist. Es spornt an, die nächsten Stufen zu erreichen, weil dies subjektiv überschaubare Zeiträume sind und er mit anderen konkurrieren kann. Ein Klient muß sich auch anstrengen, um einen Antrag auf Versetzung in die nächste Stufe zu bestehen. Kurz, viele Frustrationen und Freuden der normalen Leistungsgesellschaft, in der er später bestehen muß, finden sich in diesem Stufensystem wieder. Natürlich ist die Hierarchisierung auch ein normales Organisationsprinzip, und eine Aufteilung der Therapie in Abschnitte ebenfalls ein Strukturierungsprinzip für Lernprozesse im Gruppenrahmen, wie es in Schulen mit den Klassen praktiziert wird. In der TG kommt jedoch ein weiterer Grund für das Stufensystem hinzu. Es lassen sich sehr wohl auch quasi natürliche Phasen im Therapieverlauf festellen, die der Stufen- und Phaseneinteilung weitgehend entsprechen. Dies sind die Grundstabilisierung, Identifikationsstufe, Autonomiestufe, Adaptionsphase und Nachsorge. Eine genaue Beschreibung dazu weiter unten.

Ebenfalls untrennbar mit der Therapeutischen Gemeinschaft verbunden ist die Möglichkeit der Nutzung des Alltags für die Therapie. Er bietet viele therapeutisch wertvolle und aufschlußreiche Auslöser und Gelegenheiten. Somit ist die Selbstorganisation nie Selbstzweck und das oberste Ziel nicht optimale Funktionsfähigkeit, sondern sie stellt auch ein therapeutisches Vehikel dar, das die Vielzahl der Probleme der Mitglieder aktualisiert und transparent werden läßt. Damit kann der Weltferne und Künstlichkeit einer Institution entgegengewirkt werden. Der Aufenthalt in der therapeutischen Gemeinschaft verliert so den Urlaubscharakter - böse Zungen sprechen auch von "Kinderlandverschickung" oder "Leben auf dem Lande". Die Notwendigkeit der Aktualisierung der Schwierigkeiten einer Person, also die Auslösefunktion der Therapie, wodurch im therapeutischen Rahmen auch wesentliches Problemverhalten wieder auftaucht, wird auch von Psychotherapieforschern als Forderung an eine Therapie gestellt, wie später noch mit einem Zitat belegt werden wird. Weil es außer Therapeuten und Klienten keine anderen Personen im Alltag gibt, kann eben alles u.a. psychotherapeutisch angegangen werden. Wie nun dies im einzelnen geschieht, wird bei der Darstellung der Psychotherapie ausführlicher erfolgen.

An dieser Stelle soll auch auf die Standardintervention eingegangen werden, die grundsätzlich gilt, ob explizit ausgesprochen oder sinngemäß angewandt, und die direkt auf den Alltag Bezug nimmt: Die Klienten werden bei allen auftauchenden Fragen immer auch zur persönlichen Stellungnahme, zum "feed-back", zur originären Rückmeldung aufgefordert. In den Zusammenkünften verschiedenster Art, von der Gruppentherapie bis zur Abendrunde gilt es immer wieder Stellung zu nehmen, was der andere, die Situation, der Konflikt oder das Problem in einem auslöst, "was" - so abgedroschen es auch klingt- "es mit mir macht". Der Sinn ist nicht etwa ein gigantisches "brainstorming", eine Denkfabrik etc., sondern die Rückmeldung an den einzelnen über das, was er in anderen bewirkt, eine Öffnung der Mitglieder anderen gegenüber und eine Selbstreflektion. Allerdings muß dabei seitens der Therapeuten auf die Emotionalität und Echtheit geachtet werden, um Fassadenhaftigkeit, Rationalisieren und Rhetorik zu vermeiden. Dabei treten mehrere Effekte auf. Einer ist die therapeutische Wirkung der emotionalen Beteiligung während des Verbalisierens selbst, wie sie als Effekt u. a. in der Gesprächpsychotherapie mit dem Begriff der Selbstexploration bezeichnet und in vielen klinischen Untersuchungen nachgewiesen wird. Es soll eine Sensibilisierung für die reale Umwelt, ein Ausbruch aus gedanklichen Fixierungen und der Kontakt zur Gegenwart erreicht werden. Außerdem führt diese emotionale Rückmeldung an den anderen zu einem besonderen Kommunikationsstil und damit zu einer betont therapeutischen Athmosphäre, wie sie nur in einer TG möglich ist. Natürlich nur, weil alle sich daran beteiligen und die Therapeuten darauf achten, denn ohne deren entsprechenden Interventionen ließe sich diese Art des Umgangs miteinander nicht durchhalten. Es werden immer neue Klienten aufgenommen, die das nicht kennen, und solch eine Anleitung zur Offenheit erweckt auch psychische Widerstände in Form von Angst oder Gefühlen der Peinlichkeit etc. In anderen Institutionen würde diese Umgansweise geradezu zu paradoxen und komischen Konfrontationen führen, wie sich leicht vorstellen läßt.

Ein anderer Effekt dieses gegenseitigen Austauschens ist die Erfahrung der persönlichen Wirkung auf andere. Dabei spielt noch nicht einmal die Art der Wirkung die entscheidende Rolle. Für viele Klienten ist wichtiger, daß sie überhaupt eine Wirkung haben. Die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit bzw. das Bedürfnis danach, stellt eine für die Entwicklung und Stabilität der Persönlichkeit zentrale Bedingung dar. Es geht hierbei nicht nur um Leistungsvermögen, sondern um eine Grundfrage der menschlichen Existenz. Deshalb ist diese Thematik unter verschiedenen Aspekten Gegenstand der Philosophie und Psychologie. Man denke etwa an die therapeutischen Wirkungen der "Encounter-Gruppen" (vgl. Rogers, 1970), wortwörtlich zu übersetzen mit "Gruppen der Begegnung". Martin Buber (1992) geht noch weiter, indem er ganz explizit vom "eingeborenen Du" spricht, will sagen, daß die Erfahrung des anderen die Grundbedingung für die Erfahrung der eigenen Individualität und des Ich-Bewußtseins schlechthin und in der Wirkung durch nichts ersetzbar ist. Für viele Drogenabhängige gehört zu den traumatischen Konstellationen, die am Anfang der Suchtgenese standen, dieses Erlebnis der eigenen Bedeutungslosigkeit und Wirkungslosigkeit bzw. das schlichte Fehlen eines Kommunikationspartners. Auch später in der Pubertät und Adoleszenz immer wieder die Erfahrung, daß entweder keine Reaktion aus der sozialen Umwelt erfolgt, oder sie immer gleichbleibt. Wahrscheinlich entsteht so ein Egozentrismus, der, vielleicht bezeichnenderweise, auch ein Merkmal der Sucht darstellt. Oft läßt sich zunächst ein erstauntes Registrieren des Faktums der eigenen Wirkung auf andere bei den Neulingen beobachten, ehe es dann zu den anderen positiven Effekten der offenen Kommunikation kommt. Die Gruppe wirkt wie ein Spiegel, sie reflektiert, wörtlich genommen, die eigene Person.

Natürlich fördert das häufige Feed-back auch das gegenseitige Verständnis, das Vertrauen und den Mut, seine Fassade fallen zu lassen, was ebenfalls gerade bei Drogenabhängigen ein große Rolle spielt. Die Freiheit, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist, ohne dadurch Nachteile erleiden zu müssen, kann nur in einer solchen Atmosphäre erfahren werden. Auch dies ist ein therapeutischer Effekt, auf dem Persönlichkeitstheorien basieren und der mit Begriffen wie ideales und reales Selbst umschrieben wird, wobei die psychischen Spannungen eben aus der Differenz beider erwachsen. Spezifisch für Drogenabhängige dabei ist das "coole" Sich-Geben, das Sceneverhalten, das eine bestimmte Fassade erfordert, die nicht nur eigene Schwächen kaschieren soll, sondern auch ein Signal bedeutet, daß man mit Drogen was zu tun hat. Jedenfalls werden durch diesen gegenseitigen Austausch oft Problemverhalten und Schwierigkeiten erst deutlich, die dann in der dafür vorgesehenen Einzel- und Gruppentherapie bearbeitet werden können.

Als ein erstes Fazit zur Therapeutischen Gemeinschaft kann folgendes gesagt werden: Sie setzt trotz der psychischen Störung Sucht bei der persönlichen Kompetenz des einzelnen an und macht ihr Funktionieren davon abhängig. Die Selbstorganistion ermöglicht die Beweglichkeit und Freiheit, um im Alltag eine therapeutische Atmosphäre durch einen selbstreflektierenden Kommuni-kationsstil entstehen zu lassen. Verschiedene therapeutische Wirkungen werden so erzielt, wie z.B. Problemaktualisierung, generelle Aktivierung, Leistungs-bereitschaft, Erleben der persönlichen Bedeutung, Selbst-Erfahrung und Beziehungsdichte zwischen den Mitgliedern und Gruppenkohäsion.

 

 

4. Die Notwendigkeit der Psychotherapie

Die Notwendigkeit von Psychotherapie in einer Therapeutischen Gemeinschaft scheint keineswegs selbstverständlich zu sein. Manche Einrichtungen legen geradezu Wert darauf, keine anzubieten, andere offerieren sie wie eine zusätzliche Vergünstigung. In Einrichtungen der Jugendhilfe Lüneburg gibt es eine klare Einstellung zu dieser Frage: man kann gar nicht anders als auch psychotherapeutisch zu arbeiten. Es treten, bedingt durch die Gruppendynamik, viele Probleme beim einzelnen auf und setzen eine psychische Dynamik in Gang, die mit Trainingsprogrammen oder Gesprächen nicht mehr zu bewältigen sind. Der Aufbau einer TG soll dies ja auch erreichen, wie bereits an mehreren Punkten deutlich geworden sein dürfte. Doch nicht nur ausschließlich bestimmte Rahmenbedingungen können die Problembereiche des einzelnen aufschließen. Seine Probleme drängen einerseits zum Ausdruck und andererseits besteht Widerstand dagegen, weil es ihm peinlich ist, er glaubt, er sei der einzige Mensch auf der Welt damit oder er früher schlechte Erfahrungen mit dem Sich-öffnen gemacht hat. Dadurch bauen sich große Spannungen innerhalb der Persönlichkeit auf. Diese werden dann oft nach außen in Form von Gereiztheit oder Ungeduld gebracht und es entzünden sich Konflikte innerhalb der Gruppe bei fast allen beliebigen Gelegenheiten. Heftige Reaktionen, emotionale Ausbrüche, nie enden wollende Konflikte zwischen den immer gleichen Personen, Abbruch- und Drogengedanken in Verbindung mit eigentlich geringfügigen Anlässen deuten dann auf tieferliegende Schwierigkeiten hin. Durch rationales Erklären und Appellieren an die Vernunft können diese Konflikte aber nicht beigelegt werden, denn sie treten immer wieder auf, weil sie nämlich teilweise außerhalb willentlicher Kontrolle der Betroffenen sind. Weil gerade die Ausgangssituationen scheinbar einfach zu klären sind, verwundert es dann doch, daß die beteiltigte Person sich kaum beruhigen läßt. Psychotherapeutisches Handeln bedeutet dann, sich als Therapeut davor zu hüten, den Konflikt durch Anweisungen, Erklärungen, Deutungen, Sanktionen oder salomonische Urteile zu verorganisieren. Es gilt dann die Energie herauszufinden, die diese Dynamik aufrecht erhält.

Der psychotherapeutische Ansatz, wie er in der TG Dachtmissen praktiziert wird, geht von mehreren Hypothesen aus, die sich auf die Aktualisierung psychischer Probleme der Person beziehen. Im Falle traumatischer Erlebnisse läßt sich dieses relativ einfach verdeutlichen, sind doch gerade psychische Traumata dadurch charakterisiert, daß sie nicht vergessen werden können. Sie können bestenfalls überwunden werden, wenn den betroffenen Menschen dabei geholfen wird. Das heißt aber nicht, daß sie dann vergessen worden sind, sondern sie bleiben in der Erinnerung erhalten, nur eben nicht mehr so massiv emotional belastend und behindernd. Aber dazu bedarf es bei der helfenden Person viel Geduld und Einfühlungsvermögen; meist wird dazu professionelle Hilfe notwendig sein. Erfährt jemand diese Hilfe nicht, kann er seine traumatischen Erlebnisse nicht einfach vergessen, weil die Zeit eben nicht immer Wunden heilt. Stattdessen versucht er, sie zu blockieren oder zu verdrängen - fast immer um den Preis einer psychischen Störung. Die Drogensucht des eingangs beschriebenen Personenkreises stellt ursprünglich einen solchen Überwindungsversuch dar. Die traumatischen Konstellationen unter denen die Klienten gelebt haben, wirken leider zweifach: zum einen als psychische Verletzung an sich und zum anderen als Versagen von Hilfe zu deren Überwindung. Wenn in einem sozialen Umfeld beispielsweise Mißbrauch, körperliche Gewalt, dramatische Ehescheidungen mit den dazugehörenden Folgen für das Kind, oder Alkoholismus möglich sind, so ist es eher unwahrscheinlich, daß aus demselben Umfeld die Hilfe erfolgt, die es dem Kind oder Jugendlichen ermöglicht, diese seelischen Verletzungen zu überwinden.

Diese zweifache Wirkung der traumatisierenden Konstellationen bei den Klienten in unseren Einrichtungen gilt es zu beachten, denn sonst müßte jedes Trauma in einer Sucht oder Angstneurose enden. Die unglücklichen Umstände, die sozialen Systeme, die keine Hilfe gewähren, spielen ebenso eine wichtige Rolle, wie die Verletzung selbst. In diesem Zusammenhang nun ein Zitat aus der Lebensereignisforschung, die ja versucht mögliche Zusammenhänge zwischen kritischen Lebensereignissen und der Entwicklung psychischer Störungen aufzudecken. Allerdings befaßt sie sich primär mit psychiatrischen Störungen wie Depression etc. und weniger mit der Suchtgenese. Es weist aber in dieselbe Richtung wie die eben dargestellte Doppelwirkung traumatischer Konstellationen. So berichtet Bastine:

"In einer kritischen Untersuchung stellten Gersten, Langner, Eisenberg & Simcha-Fagan (1977) bei einer Stichprobe von über 1000 Kindern und Jugendlichen sogar fest, daß Lebensereignisse und psychische Störungen in ähnlicher Weise miteinander korrelierten, unabhängig davon, ob die Lebensereignisse vor oder nach der Störung aufgetreten waren. Die Autoren schließen daraus, daß die lebensverändernden Ereignisse nicht als Ursache der Störung anzusehen, sondern daß die Beziehung zwischen beiden auf dritte Faktoren zurückzuführen ist, z.B. schlechte sozioökonomische Lebensbedingungen, anhaltende familiäre Schwierigkeiten oder ständigen Leistungsdruck " (Bastine, 1990, S. 168).

Es gibt aber noch andere Konstellationen im Leben der Klienten, die ebenso leicht wie traumatische Erfahrungen vom Alltag in der TG aktualisiert werden. Dazu gehören massive ungelöste Konflikte der Vergangenheit, die nie zu einem persönlich befriedigenden Abschluß gebracht werden konnten. Die Gestalttherapie, die noch beschrieben wird, nennt dies offene Gestalten oder unerledigte Geschäfte. Aus der Lernpsychologie weiß man, daß ungelöste Testaufgaben wesentlich länger erinnert werden wie gelöste, bekannt als der "Zeigarnick-Effekt" (vgl. Heckhausen, 1989, S.146 ff). Ungelöste Konflikte werden ebenfalls noch jahrelang erinnert - man denke etwa an jedem geläufige Familienkonflikte, fein ausgebaute Nachbarschaftsstreitigkeiten oder dramatischer, nie endende Familienfehden mit Blutrache. Bleiben nach einer Auseinandersetzung heftige Emotionen, die nicht in angenehmere überführt werden, weil die Konfliktpartner beispielweise "auseinandergestoben" sind und die Beziehung abgebrochen haben, so werden solche Situationen nur sehr langsam vergessen. Ist bei der traumatisierenden Erfahrung die psychische Verletzung ein seelischer Schmerz, die zugrundeliegende Emotion, so stellen bei nicht gelösten Konflikten aggressive Emotionen wie Haß, Wut oder Ärger den emotionalen Kern dar, der nur schwer von sich aus dem Vergessen anheim fällt. Diese Aggressionsarten wurden ursprünglich wie die meiste Aggression durch Frustration, also dem Versagen wichtiger Bedürfnisbefriedigungen, dem Vereiteln bedeutsamer Ziele und dem Zerstören von Hoffnungen erzeugt. Als Mischung aus Wut und Enttäuschung, verbunden mit bestimmten Personen, sind ungelöste Konflikte sehr langlebig und meist unter den Bergriff des "unerledigten Geschäftes" der Gestalttherapie einzuordnen.

Nun kann ein Individuum seinen Alltag aber nur bewältigen, wenn es ihm gelingt, diese starken Emotionen zu bändigen. Die theoretischen Annahmen der einzelnen Therapieschulen versuchen solche Bewältigungsstrategien zu erklären. Der Begriff der Verdrängung aus der Psychoanalyse dürfte am bekanntesten sein. Wilhelm Reich (1970) postuliert die Muskelan- bzw verspannung und die Atmungseinschränkung ("Atempresse") als die Methoden der Emotions-dämpfung, die schon als Kind gelernt werden müssen. Weiterentwicklungen dieses Ansatzes wie Bioenergetik oder Rolfing versuchen durch ihre Diagnostik diejenigen Muskelgruppen zu finden, die sozusagen einen Konflikt repräsentieren. Massagen oder Stresspositionen setzen dann die ursprünglichen Emotionen und Gedanken frei. Die Gestalttherapie nimmt nun diese Vorstellungen mit auf, geht aber davon aus, daß die ursprünglichen, belastenden Erfahrungen auf verschiedenartige Weisen aus dem Bewußtsein verbannt werden, nicht nur durch Muskelverspannungen und Atemregulation. Diese Hemmungsmechanismen der Emotionen werden zuerst automatisiert und danach vergessen. Das Individuum vergisst nicht die Wut, sondern die Art, wie sie diese unterdrückt, so daß Körperempfindungen oder Verhaltensweisen, beispielweise verspannte Kiefer- oder Nackenmuskeln, zwar wahrgenommen werden können, deren ursprünglicher Zweck aber längst vergessen worden ist (Perls, Hefferline & Goodman, 1979 b, S. 222 ff).

Es geht bei dieser Darstellung nun nicht darum, möglichst umfassend Bewältigungstrategien für massive emotionale Erlebnisse aufzuzeigen, sondern auf eine psychische Dynamik hinzuweisen, die dadurch entsteht, wenn von diesen Erfahrungen nicht positive oder neutrale Erinnerungen übrigbleiben, die nicht assimiliert oder in die Persönlichkeit integriert sind. Dann bilden sich vielerlei psychische Symptome aus, und eines davon ist die hier erörterte Drogensucht. Die Klienten unserer Einrichtungen haben nun ebenfalls ihre negativen Erlebnisse nur unzureichend verarbeitet, was dann beim Wegfall der Droge als Bewältigunsmittel in der Therapie zu einer labilen psychischen Verfassung führt. Bei der Darstellung des Therapieverlaufs wird diese noch ausführlicher beschrieben. Im Zusammenhang mit der Begründung einer psycho-therapeutischen Vorgehensweise muß jedoch noch auf andere Mechanismen eingegangen werden, die zur Dynamik des Therapieverlaufs beim einzelnen und bei der Gruppe gehören. Im Alltag können die traumatischen Erlebnisse und massiven Konflikte sehr unkontrolliert hervorgerufen werden. Dazu bedarf es oft nur einfacher, wenngleich verschiedenartigster sinnlicher Assoziationen, wie laute Stimmen, die Statur eines anderen, seine Gesichtsform oder ein nicht aufgeräumtes Zimmer. Die Stimmung schlägt um, und der Anlaß wird meist gar nicht richtig registriert, zumindest aber nicht mitgeteilt. In den ersten Monaten der Therapie führt diese dann vorhandene Anspannung zu erhöhter Konfliktbereitschaft oder Empfindlichkeit, deren eigentlicher Auslöser fast "geheimgehalten" wird. Es entstehen Konflikte mit anderen bzw. der Betreffende wirkt plötzlich sehr bedrückt, hat Drogengedanken oder will gehen. Fragen, was er denn habe, werden abgeblockt. Dann wird ein plausibel scheinender Auslöser "gefunden", oft in Form einer Kommunikationstörung, weil Person A der Person B nicht richtig zugehört hat oder in Form eines Informationsdefizites, weil Klienten nicht wußten, wie dies und jenes zu sein hat. Nur, es stellt sich schnell heraus, daß trotz Deutung und Analyse die betreffende Person immer noch gereizt oder niedergeschlagen ist und Reden nichts half. Manchmal kommt dann eine Diagnose wie "Widerstand" oder "labile Person" hinzu, die das Unverständnis gegenüber dem Betroffenen noch deutlicher werden läßt und zu unnötigen Eskalationen führt. In solch einem Fall unterstellt der psychotherapeutische Ansatz einen wieder aktualisierten Konflikt oder ein Trauma, die nun jeweils therapeutisch angegangen werden müssen.

Viel häufiger als solche einfachen Assoziationswirkungen spielen komplexe kognitive Strukturen bei der Auslösung belastender Erfahrungen eine Rolle. Vor allem ist es der mit dem psychoanalytischen Begriff "Übertragung" bezeichnete Sachverhalt, wonach Klienten auf alle Mitglieder der Gemeinschaft alte Einstellungen und Emotionen übertragen und sich entsprechend verhalten; das gilt besonders in bezug auf die Mitarbeiter. Gerade dann, wenn bestimmte Reaktionsmuster oder Emotionen auf jemanden sich immer gleichen, kann von Übertragungen ausgegangen werden. Leider sind diese Übertragungen meist negativ, da sie von einer Person herrühren, mit der traumatisierende oder konflikthafte Erlebnisse verbunden werden. Väterlich wirkende Therapeuten bekommen mit Sicherheit negative Vaterübertragungen, mütterliche Therapeutinnen ambivalente Mutterübertragungen. Fast immer werden auf die Gruppe Familien- oder Geschwisterkonstellationen übertragen, aggressive Männer lösen Zuhälterübertragungen aus, bestimmte Gesten erinnern an das Gefängnis etc. Klienten mit massiven Autoritätsproblemen werden diese mit Sicherheit auf "passende" Mitarbeiter übertragen. Klärt der Klient das nicht , bricht er ab oder hält später keine Lehre durch. Haben sie sehr verwöhnende Mütter, so werden sie auch in der Gemeinschaft permanent versuchen, die Gruppe und die Therapeuten für ihre Aufgaben zu aktivieren, anstatt selber zu handeln. Dies alles muß immer in das psychotherapeutische Kalkül einbezogen sein, denn sonst werden die Lösungen auf der falschen Ebene gesucht und mit Fehldiagnosen gearbeitet. Die Übertragungen wirken nun nicht nur als allgemeiner kognitiver Faktor, also als Denkfigur oder Denkweise, der die Interaktion mit der Umwelt immer beeinflußt, sondern, weil wahrscheinlich alle psychoneurotischen Störungen auch eine Beziehungsstörung darstellen, wie viele Therapieansätze betonen. Da alle Klienten negative Erfahrungen mit zwischenmenschlichen Beziehungen verschiedenster Art erlebt haben, neigen sie auch zu schnellen negativen Übertragungen.

Die Problematik solcher Übertragungen liegt in ihrer Wirkung als Wahrnehmungsverzerrung. Dadurch reagiert die übertragende Person nicht mehr adäquat auf den realen Interaktionspartner und die gegenwärtige Situation, sondern als eher passend zu jemanden aus ihrer Biographie. Da es sich dabei in der Regel um konfliktbehaftete Erfahrungen mit Menschen handelt, und diese übertragen werden, fallen die entsprechenden Reaktionsweisen meist konfliktprovozierend aus. Überträgt ein Klient viel, so sind seine Ver-haltensmuster leider sehr starr, weil sie ja einem anderen gelten als der real vorhandenen Person. Im normalen Leben wirken sich solche Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster sehr hinderlich aus. Sieht ein Klient in allen selbstsicheren Männern autoritäre Väter, dann neigt er dazu, sein altes Verhalten zu wiederholen, und zwar in Form offenener oder verdeckter Aggressionen, Provokationen, Boykottverhalten oder Ängsten. So kommt es dann oft zu sich selbst erfüllenden Prophezeihungen, die Interaktion schaukelt sich auf, so daß der Interaktionspartner sich dann tatsächlich autoritär zu verhalten beginnt. Auf der Seite des Klienten endet so etwas oft - eben wie früher - in Drogengedanken und Rückfallgefährdung. Es werden beim Klienten schnell komplexe Reaktionsketten am Ende mit Rückfall ausgelöst, motiviert durch sowieso vorhandene depressive Tendenzen oder Gier nach Drogen, die das Denken nach einer Bestätigung der Unerträglichkeit der Situation und damit zur Rechtfertigung zum erneuten Konsum suchen läßt.

Überhaupt sind viele Interakionen in der Gemeinschaft nur vor diesem Hintergrund verständlich. Die Gruppendynamik ist stark von oft brisanten Übertragungen und Assoziationen geprägt. Natürlich ist das ganze Geschehen in einer Gruppe bestimmt von der Eigenart der Personen, die dort aufeinandertreffen, jedoch vor allem durch die Lebensgeschichte des einzelnen, und diese Erfahrungen werden in die Gemeinschaft hineinprojiziert oder auf sie übertragen. Diese psychischen Mechanismen werden nun nicht als Störfaktoren betrachtet, die für das Zusammenleben erschwerend sind, sondern als entscheidend für das Gelingen der Therapie, denn sie erfüllen eine Auslösefunktion. Durch den stationären Aufenthalt und die Entfernung aus den gewohnten Lebensumständen besteht natürlich die Gefahr des "Aus den Augen, aus dem Sinn", oder es könnte ein Urlaubseffekt eintreten. Allerdings ist da-gegen die Gefahr, wegen therapeutisch nicht aufgegriffener Bezüge zur Vergangenheit abzubrechen, viel größer. Auch in bezug auf die Ver-gangenheitsbewältigung gibt es fast so etwas wie Standardinterventionen, wenn Konflikte sich nicht schnell lösen lassen oder Stimmungen lang anhalten. Eine ist die Frage:"Seit wann genau ist das so?" Wird sorgfältig und nicht inflationär mit dieser Frage gearbeitet, so verblüfft es immer wieder, wie hinter bestimmten Ereignissen der Gegenwart ganze Lebensepisoden wieder präsent werden können. Die anderen Interventionen lauten etwa :"woher kennst Du das?" oder " wer war auch so?" Auch hier werden bei geschicktem Insistieren erstaunliche Zusammenhänge mit Übertragungen deutlich. Es geht aber nicht darum, hier jetzt Rezepte für Interventionen mitzuteilen. Vielmehr soll auf die frappierende Wirkung einfacher Fragen im Kontext einer psychotherapeutischen Vorgehensweise hingewiesen werden, die zeigt, wie Drogenabhängige noch immer massiv bedrängt von ihrer Vergangenheit, im abstinenten Zustand leben. Von daher stellt sich eigentlich nicht die Frage, ob man die Vergangenheit einbeziehen muß, sondern nur noch, wie das konstruktiv geschehen kann.

An dieser Stelle sollen nun Grawe, Donati & Bernauer zu Wort kommen, die eine für den deutschsprachigen Raum umfassende Metaanalyse aller empirischen Psychotherapiestudien vorgelegt haben. In ihrer Wertung der Ergebnisse lassen sich folgende Aussagen finden:

"Es gibt eine große Anzahl von Hinweisen darauf, daß die Schwierigkeiten eines Patienten am besten in einem Setting behandelt werden können, in dem eben diese Schwierigkeiten aktualisiert werden: Partnerprobleme unter Einbeziehung beider Partner; Probleme, an denen Familienangehörige maßgeblich beteiligt sind, unter Einbezug der bedeutsamen Familienmitglieder; generalisierte zwischenmenschliche Schwierigkeiten in der Gruppentherapie; Schwierigkeiten in ganz bestimmten Situationen, wie Waschzwänge, Platzangst usw. durch Aufsuchen der Situationen, in denen diese Schwierigkeiten auftreten usw. Manche Beziehungsprobleme eines Patienten können auch in einer einzeltherapeutischen Situation in der Beziehung zum Therapeuten aktualisiert und behandelt werden. Psychoanalytiker sprechen in diesem Zusammenhang von "Übertragung". Es gibt zwar noch nicht viele, aber doch erste stichhaltige Befunde darüber, daß ein solches "Übertragungsgeschehen" therapeutisch fruchtbar für die Herbeiführung bedeutsamer Veränderungen genutzt werden kann (Silberschatz & Curtis, 1986, Silberschatz, Curtis & Nathans, 1989). Die "Übertragung" in der dyadischen Situation der Einzeltherapie ist jedoch nur ein Spezialfall eines sehr viel allgemeineren Phänomens. Nicht nur Patienten, sondern Menschen überhaupt setzen sich zu ihrer Umgebung im Sinne ihrer bestehenden Schemata in Beziehung (Grawe, 1986). In dieser Hinsicht ist Übertragung ubiquitär: Man kann nicht nicht übertragen. Dies gilt auch für die Beziehungsschemata eines Menschen. Sie bestimmen nicht nur sein Verhalten und Erleben in bereits bestehenden Beziehungen und sind deshalb per Definitionem in diesen Beziehungen aktualisiert - dies ist die Grundlage für Paar- und Familientherapien-, sondern sie bestimmen auch, wie er sich zu neuen Interaktionspartnern in Beziehung setzt, z.B. im Rahmen einer Einzeltherapie zum Therapeuten oder im Rahmen einer Gruppentherapie zum Therapeuten und zu den anderen Gruppenmitgliedern. Eine Gruppentherapie bietet daher noch reichere Übertragungs- bzw. Aktualisierungsmöglichkeiten als eine Einzeltherapie und ist daher, wie in unseren Ergebnisberichten für eine ganze Anzahl verschiedener Therapiemethoden festgestellt wurde, noch besser geeignet, Veränderungen des zwischenmenschlichen Erlebens und Verhaltens herbeizuführen. Dasselbe Prinzip gilt jedoch auch für nicht-zwischenmenschliche Situationen. Wenn man den Patienten in eine Situation bringt, in der seine problemrelevanten Schemata real aktualisiert werden, können diese besonders wirksam verändert werden" (Grawe, Donati & Bernauer, 1994, S. 704 f).

Bisher war die Notwendigkeit der Psychotherapie mit der Auslösewirkung der TG insgesamt begründet worden. Nun wird psychotherapeutisch aber nicht nur sozusagen gezwungenermaßen gearbeitet, sondern auch weil die Sucht als psychische Störung gerade mit psychotherapeutischen Methoden bewältigt werden kann. Gegenpol dazu wären rein medizinische Verfahren, wie chirurgische Eingriffe oder medikamentöse Behandlungen, die es praktisch als Alternative nicht gibt. Auch wenn Methadon im Suchtbereich als Medikament bezeichnet wird, so führt dessen Verwendung ja nicht zur Heilung von der Sucht. Schon eher praktizierte Alternativen gehen ideologisch vor, indem man etwas propagiert, das die Sucht ersetzen soll, von ihr ablenkt und sie zum Verschwinden bringt, wobei nicht erklärt werden kann, warum. Das sind dann Ansätze, die auf Effekte der Alltagserfahrung beruhen und die schon diesem oder jenem Menschen in schwierigen Lebenslagen geholfen haben. Dann wird auf Sport, Natur, Tiere, Überlebenstrainings, Handwerk, kreatives Gestalten, Trennung von Männern und Frauen, Sinngebung durch Religion oder Beschaffung von Wohnung und Arbeit gesetzt - all das hat sicher auch eine therapeutische Wirkung. Die bewußte Auseinandersetzung aber mit schmerzhaften Erfahrungen, Mechanismen der eigenen Gier, der scheinbar unkontrollierbaren eigenen Bewußtseinsdynamik, chaotischen Stimmungs-schankungen, heftigen Emotionen und geringer Frustrationstoleranz kann nicht umgangen werden. Dies muß professionell geschehen, entsprechend einem anerkannten Verfahren. "Gespräche", Analysen und Diskussionen helfen nicht. Man muß die Sucht in vollem Bewußtsein kognitiv und emotional überwinden, man kann sie nicht wegreden oder austricksen, indem lange von ihr abgelenkt wird, in der Hoffnung, daß irgend etwas passiert, wodurch sie dann verschwindet.

Psychotherapeutisches Vorgehen bedeutet, nur mit dem Medium der Sprache und der zwischenmenschlichen Interaktion zu arbeiten, auch wenn die Auswirkungen darüber hinausgehen und Körper, Emotionen, irrationale Gedanken, Phantasie oder Verhalten betreffen. Ergänzend wird nonverbal und mit Materialien und Methoden der Kunst gearbeitet. Psychotherapie ist eine dialogische und phänomenologische Methode (vgl. Yontef,1983). Sie bietet Methoden an, um mit dem vor allem problematischen Verhalten und Erleben der Klienten konstruktiv umzugehen. Das bezieht sich auf heftige emotionale Ausbrüche, lang anhaltende bedrückte Stimmungen, bestimmte Träume, Drogenträume, Hilfe beim Offenbaren peinlicher oder schmerzhafter Erlebnisse, Umgehen mit psychischen Traumata, massive Konflikte mit anderen, Verhaltensauffälligkeiten wie Vergesslichkeit, Schlaflosigkeit oder Selbst-aggression, Ängste, Panikzustände, allgemeine Antriebsschwäche, Gefühle der Sinnlosigkeit, geringe körperliche oder psychische Belastbarkeit, sexuelle Probleme, Beziehungsprobleme, Schuldgefühle, Minderwertigkeitsgefühle, Übertragungen, Suizidgedanken, Drogengier und Suchtgedanken aller Art und zu jeder Tageszeit, Zweifel am Sinn der Therapie, des eigenen Durchhaltevermögens und moralische Probleme aufgrund der Drogen-beschaffung.

Von der Psychopathologie her betrachtet müssen die neben der eigentlichen Sucht geschilderten psychischen Störungsbilder den Psychoneurosen zugeordnet werden. Psychosen sind extrem selten und auch das "borderline syndrome" nicht so häufig, um in der Konzeption mitberücksichtigt werden zu müssen. Die therapeutische Methode, die in der TG Dachtmissen angewandt wird, ist die Gestalttherapie. Sie wird später noch genauer beschrieben werden. Ihre suchttherapeutische Wirkung besteht in einer eher indirekten und langfristigen Sicherung der Abstinenz. Sie bewirkt die langfristige psychische Stabilisierung, indem sie den Psychoneurotizismus abbaut. Das Verlangen nach den drogeninduzierten Zuständen ist dann durch neu entwickelte Bewältigungsstrategien stark vermindert. Wie gezeigt, spielen die traumatisierenden, schwerwiegenden Lebensereignisse bei den aktuellen Handlungen eine große Rolle, weil sie letztendlich durch ihre leichte Aktualisierbarkeit immer zu emotionalen Zuständen führen, die als unerträglich erlebt werden und dann die euphorisierende oder stimulierende Wirkung der Droge subjektiv als unumgänglich erscheinen lassen. Diese auch als tiefenpsychologisch zu bezeichende Aufarbeitung sichert das langfristige Abstinenzverhalten, indem es die emotionale Labilität herabsetzt, die Unerträglichkeit aktualisierter Emotionen lindert, auf die konstruktive Bewältigung der eigenen Impulsivität, auf die grundsätzliche Motivationslage im Sinne von langfristigen Lebenszielen und auf eine Art "Psychohygiene" abzielt. Weil jedoch das symptomatische Drogenkonsumverhalten aus vielen, fast ritualisierten Verhaltensweisen bzw. richtiggehenden Verhaltensketten besteht, die dann in einer Konsumhandlung enden, diese ganzen Verhaltensweisen mit den Urspüngen der Entwicklung in die Sucht aber nichts zu tun haben, trägt das tiefenpsychlogische Herangehen an die biographischen Hintergründe relativ wenig zum aktuellen Abstinenzverhalten bei. Für den aktuellen Konsum aber sind diese ritualisierten, automatisierten Verhaltensabläufe genauso ausschlaggebend.

Zum Beispiel das therapeutisch unspektakuläre Verschlafen: Wer oft verschläft, versäumt wichtige Termine, frustriert sich dadurch und braucht dann einen Stimmungskick per Droge, wodurch die körperliche Abhängigkeit verstärkt wird. Das klingt sehr vereinfacht, verdeutlicht aber solche Abläufe. Das kurzfristige abstinente Verhalten beruht darauf, daß es den Klienten gelingt, immer selbständiger solche Abläufe zu unterbrechen, und zwar ohne Bearbeiten der Vergangenheit. Dieses Einüben der Abstinenz auf der reinen Verhaltensebene ist sozusagen das Vehikel, um gefährdende Auslösesituationen ganzer Verhaltensketten zu umfahren. Es soll die Möglichkeit, in solche Konsumabläufe zu verfallen, reflexartig verhindern, bis dann eine genauere Auseinandersezung einsetzen kann.

 

 

 

 

 

5. Konzeption und Verhaltenstherapie

Bei der therapeutischen Bewältigung spezifischer Suchtproblematik mit diesem so aufgebauten Symptomverhalten erhält die Konzeption in Verbindung mit einem verhaltenstherapeutischen Ansatz eine dem tiefenpsychologischen Vorgehen vergleichbare Bedeutung.

Die Verhaltenstherapie als eine Methode der Psychotherapie wird vor allem im Zusammenhang mit der Konzeption der TG angewandt. Wie schon gezeigt, stehen die Regeln in einem Zusammenhang mit den Therapiezielen. Verletzung der Konzeptionsregeln bedeutet daher gleichzeitig auch deren direkte oder indirekte Gefährdung. Das konsequente und kontinuierliche Einhalten dieser Regeln soll einen Übungseffekt erzeugen, d.h. es soll drogenfreies und abstinenzsicherndes Verhalten eingeübt und sozusagen automatisiert werden. Dazu gehört der Aufbau eines Antisuchtverhaltens, eines Verhaltens, das solche Verhaltensketten in den Konsum vermeidet, unterbricht und mit Konsumverhalten nicht vereinbar ist. Wie eine solches Verhalten oft als ein Ablauf mehrerer, hintereinanderfolgender Verhaltensweisen, quasi wie eine Verhaltenskette organisiert ist, die mit einem Rückfall endet, soll ein Beispiel zeigen:

Jemand verschweigt, daß bestimmte Musik ihn an Drogen erinnert. Die Musik regt ihn an, sich scenemäßig zu kleiden; dann fängt er an "cooles" Verhalten an den Tag zu legen, wie bestimmte Redensarten zu benutzen und Drogengespräche zu führen, träumt immer häufiger von Drogen, verschweigt dies alles und kommt an den Punkt, wo er sich mit seinem Abbruch beschäftigt. Natürlich muß der biographische Hintergrund dieser Assoziationen herausgefunden werden, einfach weil sie funktionieren und sicher mit intensiven Erlebnissen verbunden werden. Aber für abstinenzsicherndes Verhalten ist es zunächst wichtiger, daß die Musik nicht gehört und daß das fatale Schweigen verlernt wird. Auch für das Schweigen gilt: sicherlich verstehbar, warum gelernt, aber Schweigen zu brechen zum Teil ist auch lernbar. Vieles in der aktuellen Suchtdynamik beruht auf solchen Verknüpfungen, die unterbrochen werden müssen, und dabei sind der biographische Bezug oder die Entstehungsbedingungen nicht wichtig, sondern allein das aktuelle Verhalten und seine aktuellen Auslöser. Es sind Verhaltensweisen, die nicht mit den Ritualen des Drogenkonsums und dem Alltag der Sucht assoziierbar sind. Viele Regeln der Konzeption sind darauf zurückzuführen:

Vermeiden von Drogenreizen aller Art, also entsprechender Darstellungen im Fernsehen, in Filmen und in Zeitschriften

Häufiger Musikkonsum

Scenesprache und Scenekleidung

Gespräche über Drogen

Vermeiden von Drogenkontakten

- Keine Duldung sogenannter weicher Drogen in der Nachsorge

  oder Adaptionsphase

- Regelmäßiges Aufstehen

- Zuverlässiges Arbeiten

- Pünktlichkeit

- Körperpflege

- Kochen können

- Kleidung waschen

- Zimmer reinigen

- Umgang mit Geld

- Verzicht auf Taxifahrten

- Lesen, Schreiben, Rechnen

- Reden lernen

- Sich ausdrücken lernen

- Schweigen vermeiden

- Streiten lernen

- Zuhören lernen

- Planen lernen

- Diäten einhalten können

- Medikamente einnehmen, wie vom Arzt angeordnet

- Gesundheitsvorsorge

- Sport treiben

- Rechtzeitig schlafen gehen

- Freizeitaktivitäten kennenlernen

Das Einhalten der entsprechenden Regeln ist Antisuchtverhalten, abstinenzsicherndes Handeln und verringert Assoziationen mit dem Suchtalltag. Auf diese Weise soll ein Verhaltensrückfall verhindert werden, d.h. Handlungen, die so weit gediehen sind, daß eigentlich nur noch die Einnahme von Drogen fehlt. Das grundsätzliche Antisuchtverhalten bzw. sein Gegenpol, das "typische Junkieverhalten" und die dazu gehörende Einstellung sollen noch etwas mehr verdeutlicht werden, sind sie doch Gegenstand der täglichen therapeutischen Interventionen. Damit ist die vorherrschende Tendenz bei den Klienten gemeint, im Grunde vieles wahrzunehmen aber nichts darüber zu erwähnen: das fatale Schweigen bzw. die Verschwiegenheit. Dies artet auch in Verlogenheit aus und ist von Außenstehenden nicht mehr nachzuvollziehen; allen ist klar, daß dadurch Abläufe in Gang gesetzt werden, die mit Therapieabbruch und Rückfall enden. Trotzdem wird geschwiegen, und sogar die eigene Stabilität riskiert wegen des schlechtens Gewissens dabei, insofern dies wiederum Drogengedanken induzieren kann. Oder darin kommt einfach die pure Gleichgültigkeit zum Ausdruck, im übertragenen Sinne wie gleichgültiges Achselzucken zu verstehen. Dies gehört dann zum "typisch linken" Verhalten der Drogenabhängigen. Der tägliche Kampf der Therapeuten gilt gar nicht der Drogengier oder Vergangenheit, sonderen dem Aufbrechen dieser Verschwiegeheit, fast schon Verschworenheit. Nirgendwo ist das alte Sprichwort, daß "Reden Silber, Schweigen aber Gold" sei, falscher als in der Drogentherapie. Die Klienten spüren als Gruppe alle mit Sucht verknüpfte Verhaltensweisen und Einstellungen, sie schweigen dazu und ihnen ist das bewußt. Zumindest empfinden sie ein deutliches Unbehagen, und diese Verschwiegenheit liegt dann oft richtiggehend in der "Luft". Oft entsteht dann eine allgemeine Gereiztheit, die sich aufschaukeln kann und weitere destruktive, die Stimmung vergiftende Verhaltenweisen einzelner folgen lassen, getreu der verdeckten Grundeinstellung der Abhängigen, wonach alles sowieso sinnlos sei (vornehm ausgedrückt). Diese Zwiespältigkeit oder Doppeldeutigkeit im alltäglichen Umgang, bei der die eigentlichen Themen nicht angesprochen werden und so getan wird , als ob nichts passiert sei, erzeugen mittelbar über das ungute Gefühl dabei Drogengedanken und lösen bei weiterem Schweigen und Verharmlosen die oben beschrieben Verhaltensketten aus. Daher müssen die Therapeuten tagtäglich die Klienten zum Reden bringen im Sinne von "ermuntern". Nur so kommt man den Verhaltensketten, den oben beschriebenen Abläufen auf die Spur, die letztlich in der Konsumhandlung enden.

Oft geübtes Handeln gemäß den Regeln der Konzeption sind vor diesem Hintergrund zu sehen. Damit aber stellt sich natürlich sofort die Frage: was tun, wenn ein Klient das so nicht "üben" will und die Regeln und Therapieziele der Konzeption nicht einhält? Bestrafung oder andere Disziplinarmaßnahmen führen nicht weiter, da Strafe ein Verhalten nur für die Dauer der Strafandrohung unterdrückt, nicht aber auflöst. Außerdem braucht in einer TG keine Sühne geleistet zu werden. Hier kommt nun der verhaltenstherapeutische Ansatz zum Tragen, weil das Problem der Regelverletzung sich so leichter versachlichen läßt, drohen doch Abweichungen von einer Gruppe wie von Therapeuten immer mit Moralisierungen geahndet zu werden, wodurch aber umgekehrt auch die Möglichkeit der Identifizierung mit dem "Sünder" entstehen kann. Das allerwichtigste ist, daß überhaupt reagiert wird. Denn es geht nicht um einen reibungslosen Ablauf des Alltagslebens oder Erziehung, sondern darum, der typischen Lethargie des Drogenkonsumenten entgegenzuwirken. Zu Beginn und noch lange während der Therapie läßt sich bei den Klienten eine Einstellung feststellen, aufgrund derer nur dann reagiert wird, wenn es sich mehr nicht vermeiden läßt. Oberflächlich nennt man das dann "cool" bleiben. Wahrscheinlich ist es zumindest ein Ausdruck des drogenbedingten Egozentrismus', wonach außer Drogen zunächst einmal nichts wichtig ist. Vielleicht drückt sich darin aber auch eine resignativ-depressive Grundstimmung aus, die schon früh unter den traumatisierenden und frustrierenden Lebensbedingungen entstanden ist. Das kennen sie: Es passiert viel in ihrer Umgebung, auf das reagiert werden müßte, aber keiner tut was. Insofern induzieren ausbleibende Reaktionen wiederum Assoziationen mit der Biographie oder Übertragungen, die sich verstärken, wenn nur Passivität erlebt wird. Jedenfalls muß auf Regelverletzungen oder problematisches Verhalten reagiert werden, denn die Klienten spüren sehr wohl, wenn etwas nicht korrekt läuft. Die ganze Therapie über wird viel Zeit damit verbracht, die Klienten zu Reaktionen anzuregen und ihren Impulsen nachzugehen, wenn ihnen etwas auffällt. Das ist sozusagen ein Antidrogenverhalten, nicht mit Konsumideologie vereinbar, und darauf kommt es an.

Da einerseits reagiert werden muß, andererseits Bestrafungen nicht zu vertreten sind, wird in einer TG verhaltenstherapeutisch vorgegangen. Verletzt also jemand Regeln, so wird dies sanktioniert. Der Sinn der Regeln in bezug auf die Therapieziele muß erkannt und das regelverletzende Verhalten abgebaut werden. Verhaltenstherapeutisch zu reagieren ist nun keine beschönigende Ausdrucksweise für verbrämte Strafen. Verhaltenstherapeutisches Vorgehen heißt vor allem beim zu ändernden Verhalten als solchem anzusetzen, es sachlich, nicht wertend zu untersuchen und es nicht grundsätzlich als Symptom für tiefer liegende psychische Strukturen zu betrachten, wie im obigen Abschnitt geschildert. Daher wird auch mit Belohnung und Sanktion gearbeitet. Ver-haltenstherapeutisch vorgehen bedeutet des weiteren, eine Verhaltensanalyse zu erstellen, welche Auslöser und Verstärker das aktuelle, problematische Verhalten steuern. Es werden dann eine oder mehrere Konsequenzen gemeinsam mit der Gruppe erarbeitet, die dem einzelnen weiterhelfen sollen, sein Problemverhalten abzubauen. So abstrakt all das klingen mag, so ist dies doch eine andere Vorgehensweise, als bisher im Abschnitt über Psychotherapie gezeigt wurde. Ein Beispiel:

Verschläft jemand oft, so kann er als Sanktion den Weckdienst übernehmen oder (schriftlich) sich Gedanken darüber machen müssen, was in seinem Leben er schon verschlafen hat. Es gibt auch "sportliche" Konsequenzen, wie Kuchen backen oder zum Gruppenabend Tee kochen, weil einfach schlichte Faulheit oder unfaires Verhalten unterstellt wird. Die Verhaltensanalyse kann aber ergeben, daß er zur Zeit massive Drogenträume hat und deshalb schlecht schläft. Oder er glaubt ernsthaft, mit vier Stunden Schlaf auskommen zu können. Vielleicht schläft er schlecht ein, weil er unter Spätfolgen des Entzugs leidet oder abends im Bett zu lange mit seinem Zimmergenossen über die Vergangenheit redet. Es kann auch sein, daß er nachts mehrmals zum Telefonieren das Haus verließ, weil die Mutter sterbenskrank ist oder er Sehnsucht nach der Freundin hat. Es gab auch Klienten, die in eine Kneipe gingen, und es kann bei unplausiblen Erklärungen dann eine Urinprobe verlangt werden.

Darin beruht nun das therapeutische Geschick der Mitarbeiter und der Gruppe: die aktuellen Bedingungen und Auslöser für das in Frage stehende Verhalten zu finden und die richtige Konsequnez zu ziehen, die den Betreffenden weiterbringt. Dabei kann natürlich wiederum die tiefenpsychologische, biographische Dimension deutlich werden, wie im vergangenen Abschnitt geschildert. Gerade die Therapeutische Gemeinschaft bietet in bezug auf die Anwendung verschiedener therapeutischer Methoden mehr Möglichkeiten als alle anderen Institutionen. Die verhaltenstherapeutische Komponente kann in der TG sozusagen natürlich bzw. spielerisch eingesetzt werden. So kann die ganze Gruppe einbezogen werden, wenn jemand als Konsequenz ein "Programm" bekommt, wie grundsätzlich mit der Abendrunde anzufangen und seinen tagsüber angestauten Ärger mitzuteilen. Oder die Gruppe gewährt Urlaub vom Tagesablauf, weil die Person sich zu sehr angestrengt und zu viel Verantwortung für andere übernommen hatte. Oder jemand übernimmt die Haushaltskasse, weil er/sie sich unterfordert fühlt etc. Die Selbstorganisation bietet viele Möglichkeiten, Defizite aufzudecken, wobei Regelverletzungen zeigen, inwieweit jemand in der Lage ist, seine Abstinenz durch angemessenes Verhalten zu stützen. Dabei ist von entscheidender Bedeutung, daß es keine unsinnigen, mit der Drogenfreiheit in keiner Weise zu verbindenden Regeln gibt. Ebenfalls müssen die Organisationsabläufe ständig überprüft werden, weil auch die TG nicht gegen Bürokratismus gefeit ist. Manche Klienten, die sich lauthals über die Bürokratien beklagen, mit denen sie zu tun hatten, können selbst schlimme Bürokraten sein. Auch Mitarbeiter sind hierbei anfällig. Jedenfalls tragen die schlecht durchdachten Regeln und die straffähnlichen Sanktionen viel zu den Horrorlegenden bei, unter denen alle TGs zu leiden haben, zumal es ja Abbrecher oder Rückfälige sind, die sie verbreiten.

 

 

 

6. Besondere therapeutische Einflußgrößen - Emotionale Bindungen

Vor dem Hintergrund vieler Konzeptionen müssen hier zwei besondere Einflußgrößen betont werden, die leider zu wenig beachtet werden, obgleich sie die Motivation zur Therapie fördern und für den Therapieerfolg entscheidend sind: die emotionalen Bindungen an Therapeut und Gruppe. Im Grunde funktionieren die oben geschilderten therapeutischen Vorgehensweisen bei Klienten nur, wenn sie darauf eingehen und sich dazu motivieren lassen. Die Motivation der Klienten schwankt sehr stark, was ja auch zur Sucht gehört. Mit Willensanstrengung oder Abschreckung durch den Suchtalltag läßt sich aber keine Therapie durchhalten, wie schon erwähnt. Die konstante Motivation zur Suchtbewältigung fehlt den Klienten am Anfang der Therapie, wie im Abschnit über den Therapieverlauf noch mehr gezeigt wird. Gleichbleibender Wille zur Abkehr von der Droge muß schon eher den Ergebnissen einer Therapie zugerechnet und kann eben nicht vorausgesetzt werden. Also benötigen die Klienten noch etwas anderes, das sie hält und durchhalten läßt. Nach Meinung des Verfassers ist es die emotionale Bindung an die Therapeutische Gemeinschaft. Sie hält sie in Abbruchkrisen in der TG und hilft ihnen, weiterzumachen, auch wenn momentan starke Zweifel bestehen. Vor allem sind es zu gleichen Teilen die Bindungen an die Gruppe und die Therapeuten, besonders an diejenigen, mit denen die Einzeltherapie durchgeführt wird. Da jeder Klient an Einzel - und an Gruppentherapie teilnimmt, müssen die Beziehungen in beiden Therapiefomren weitreichend sein. Beide Formen sind als gleichrangig zu betrachten, sie ergänzen sich. Die Beziehungen zwischen Therapeut und Klient und die Beziehungen in der Gruppe müssen mit Sorgfalt aufgebaut werden. Wenn hier zunächst von Bindungen gesprochen wird, dann deshalb, weil darin die Art der Beziehung mehr zum Ausdruck kommt, weil es sich um tiefgehende psychische Erlebnisse handelt, die diese Beziehungen auszeichnet und weil darin auch die gegenseitige Verantwortung deutlich wird, die sie begleiten. Der Klient muß erleben, daß es nicht egal ist, was er tut, und zwar in dem Sinne, daß es Therapeuten der Einzeltherapie wie auch die Gruppenmitglieder bewegt und berührt, wie es ihm ergeht. Das kann es aber nur, wenn auf beiden Seiten eine emotionale Beziehung gespürt wird und dann von Bindung gesprochen werden kann.

Distanzierte Beziehungsangebote, weil letztlich jeder seines Glückes Schmied ist und daher immer selbst genau wissen muß, was er tut, und folglich eine Bindung zwischen Therapeut und Klient in den Verdacht einer Befriedigung der Therapeutenbedürfnisse nach Nähe, Macht etc. gerät, taugen nicht bei Drogenabhängigen. Dieses Klientel ist geradezu aufgewachsen mit unverbindlichen Beziehungen oder einseitigen Bindungen, in denen sie selbst sich meist verbunden fühlten, der andere aber nicht. Manchmal waren die Eltern da, manchmal nicht, mal nur der eine von beiden etc., oder es gab plötzliche Trennungen - die Biographien sind voll solcher Erfahrungen inkonstanter Beziehungen. Deshalb wollen sie wissen, wie ernst es der Therapeut oder auch die Gruppe meint und daher muß bei diesen Bindungen der Aufbau, die Pflege und die psychisch konstruktive Ablösung unbedingt im therapeutischen Interesse stehen. Die abrupten Beziehungsabbrüche, notwendig wegen der in Konzeptionen festgelegten Abläufe, stellen eine der wichtigsten Ursachen für Rückfälle dar. Die beiden wichtigsten Beziehungsbereiche, nämlich die Bindung an den Therapeuten und an die Gruppe, müssen in der Drogentherapie besonders gestaltet sein.

Natürlich gelten auch hier Einflußgrößen, wie sie von der Psychotherapieforschung aufgezeigt worden sind. Aber die Betonung der emotionalen Bindung an Gruppe und Therapeut scheint doch den gängigen Vorgehensweisen zu widersprechen und führt leicht zum Vorwurf, man wolle die Klienten abhängig von Therapeut und Gruppe machen bzw. zur Frage, wer nun wen brauche, der Therapeut den Klienten oder der Klient den Therapeuten. Nur, so leicht macht man Drogenabhängige nicht von Personen abhängig, denn so lange sie ihre Sucht nicht psychisch überwunden haben, ist für sie die Droge das wichtigste und es dauert lange, bis deren Macht psychisch kompensierbar oder gar gebrochen ist. Wenn dann Bindungen entstehen, haben sie mehr Substanz und basieren auf anderen Faktoren als beispielsweise subtiler Gehirnwäsche (wie oft unterstellt wird) und welche dann ähnlich den Sekten, zu psychischer Abhängigkeit führt. Vielleicht ist übrigens solch eine sektenähnliche Abhängigkeit die einzige Art personaler Abhängigkeit, die bei unserem Klientel überhaupt funktionieren könnte. Trotzdem muß man konzedieren, daß eine Abhängigkeit von den Menschen in der Gemeinschaft entsteht und dieser Effekt durchaus erwünscht ist, um zunächst die Drogenabhängigen im therapeutischen Rahmen zu halten. Solange transparent bleibt, wie diese Bindungen wachsen und wie dann die Ablösung aus der Abhängigkeit konstruktiv gestaltet wird, so lange kann sie auch therapeutisch gerechtfertigt werden, zumal von anderen Menschen sich abhängig zu fühlen eine Tatsache des sozialen Daseins des Individuums darstellt. Bindungen und positive Beziehungen (und sogar negative, wie Haß) bedeuten immer auch Abhängigkeit, nur beinhaltet dieser Begriff eben eher destruktive Aspekte.

Die Bindungen oder Beziehungen entstehen aufgrund vieler Faktoren. Zum Teil sind es ganz alltägliche, wie die Tatsache, daß die Dramatik der psychotherapeutischen Arbeit in der Einzel- wie auch in der Gruppentherapie - man denke an die Schilderungen traumatisierender Erfahrungen oder die Heftigkeit der ausgedrückten Emotionen - alle Beteiligten, einschließlich der Therapeuten, bewegt und somit gemeinsame Erlebnisse bildet, die alle mehr oder weniger verbinden. Auch das gemeinsame Leben unter einem Dach mit seinen Episoden, die angestrebte Transparenz durch die therapeutische Atmosphäre in der Therapeutischen Gemeinschaft, wie schon geschildert, verbindet, ebenso das Erleben der Höhen und Tiefen des therapeutischen Prozesses beim anderen. Solche Erfahrungen, wie Bindungen zu anderen entstehen, kennt jeder. Hier jedoch gehen die Ursachen für die Bindungen über Alltagsfaktoren hinaus. Es ist vor allem das Erlebnis eines persönlichen Änderungsprozesses aufgrund der Psychotherapie, das hinzukommt. Etwas was passiert mit einem, man gerät wieder psychisch in Bewegung, Stimmungen werden als beeinflußbar erlebt, Konflikte mit anderen können gelöst werden, man bekommt Einblick in die eigene Bewußtseinsdynamik, Einsichten über sich selbst reifen - man erlebt psychische und praktische Hilfe. Die Erfahrung von Hilfe, sie vor allem läßt tiefe Bindungen zu Therapeuten und Gruppe entstehen. Damit ist aber auch eine Verpflichtung für die Drogentherapie, speziell für die Therapeuten angesprochen: die Therapie muß als hilfreich erlebt werden. Der Klient muß bald die Erfahrung machen, daß er etwas was tun kann, wenn er z.B. sich aus-geschlossen fühlt, Vorbehalte gegen Therapeuten oder Gruppenmitgliedern oder Drogenträume hat. Diese ersten Ahnungen, nicht ohnmächtig sein zu müssen, stellt die wichtigste Erfahrung dar, und wenn sie mit den Personen in der Einrichtung in Verbindung gebracht werden können, dann entsteht eine positive Beziehung, eine emotionale Bindung zu ihnen.

Drogenabhängige brauchen von Anfang an die Erfahrung, daß sie sich entlasten können. Der Verfasser hält nichts von therapeutisch begründbaren schmerzhaften Prozessen, durch die jemand durch muß, wenn nicht gleichzeitg auch Erfahrungen der Entspannung und Linderung psychischer und praktischer Nöte gemacht werden, d.h. die Therapie muß sich fühlbar positiv auswirken. Tut sie es nicht und wird dies rational von Therapeuten für therapieprozessbedingt ausgegeben, so grenzt dies an Gesundbeterei, schließlich, es könnte ja sein, daß die Therapie gar nicht wirkt. Natürlich muß der Gier nach dem schnellen Stimmungskick nicht psychotherapeutisch nachgegeben werden und Therapeuten damit beschäftigten, Klienten möglichst rasch "gute Gefühle" zu machen. Das wäre reine Suchtverlagerung und führte tatsächlich zu einer emotionalen Abhängigkeit durch den Klienten. Und selbstverständlich durchlebt jemand auch sehr krisenhafte Phasen in der Therapie, wenn z.B. alte Konflikte und Verletzungen wieder aktualisiert sind oder wenn ein Klient seine Fassaden ablegt und plötzlich glaubt, überhaupt keinen echten Kern zu besitzen. Entscheidend bleibt zunächst der Eindruck der Bewegung, Entwicklung, der Veränderung. Stagnationen im Prozess wird es ganz sicher geben, aber gerade dann muß eine Beziehung und Bindung gewachsen sein, die dem Klienten das Vertrauen gibt, daß diese Phase auch vorüber geht, falls der Therapeut dies ihm so erklärt und als eine Therapiephase diagnostiziert.

Zu den Bindungen zum Therapeuten der Einzeltherapie und zur Bindung an die Gruppe soll nun getrennt eingegangen werden, vor allem unter dem Aspekt Konzeption.

 

 

6.1 Die therapeutische Beziehung - Bezugstherapeutensystem

Der Qualität der Beziehung zwischen Therapeut und Klient kommt überragende Bedeutung im Rahmen einer Psychotherapie zu. Wird sie als hilfreich erlebt, entsteht eine emotionale Bindung an den Therapeuten, die wiederum die Motivation zur Therapie entscheidend prägt. Natürlich schreibt jede Therapierichtung vor, welche Qualitäten die Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Klienten aufweisen muß, um hilfreich sein zu können. Dazu wird noch in einem Zitat einiges verdeutlicht. Im Zusammenhang mit der Drogentherapie und den oft angewandten Konzepten muß leider auf einen Mangel hingewiesen werden: damit überhaupt eine gute Therapiebeziehung entstehen kann, muß Zeit vorhanden sein. Und genau dies wird durch viele Konzeptionen verhindert, indem die Therapie in verschiedene Abschnitte aufgeteilt wird, und für jeden Abschnitt dann andere Therapeuten zuständig sind. Dadurch lassen sich viele Klienten gar nicht erst richtig auf eine Beziehung ein, denn das ist Teil ihrer traumatisierenden Erfahrungen: Beziehungen dauern nicht lange, werden abrupt abgebrochen und man hat keinen Einfluß darauf. Der schlimmste Bruch in den Drogentherapien ist immer dann gegeben, wenn die Klienten von einem Haus ins andere oder vom Stammhaus in ein Stadthaus übersiedeln müssen und gleichzeitig auch die Therapeuten wechseln. Danach gibt es die meisten Rückfälle innerhalb der Therapie. Bei der Beschreibung des Therapieverlaufs wird diese Problematik noch verdeutlicht. Jedenfalls akzeptieren die Klienten solche Brüche nicht und dadurch wird auch die Entwicklung einer konstruktiven Therapiebeziehung verhindert, weil, abgesehen von dem Zeitfaktor, sogenannte normale Menschen auch nicht bereit sind, alle paar Monate jemandem zuerst intimste Dinge zu offenbaren, den Kontakt dann abzubrechen und dann bei jemand anders wieder damit zu beginnen. Ausgerechnet beziehungsgeschädigte Drogenabhängige sollen nun diese Flexiblität zeigen.

Aus diesem Grund arbeitet die TG Dachtmissen mit dem Bezugstherapeutensystem, das heißt, daß die Einzeltherapie immer mit demselben Therapeuten über alle Therapiephasen hinweg durchgeführt wird, also im Stammhaus. in der Adaptionsphase im Stadthaus und in der ambulanten Nachsorge. Auch die Gruppentherapiesitzungen werden von allen Therapeuten gleichermassen in allen Therapiephasen durchgeführt. Da ein Klient zusätzlich seinen Bezugstherapeuten wählen darf, wird durch dieses System zumindest von den Rahmenbedingungen her die Grundlage für eine gute Therapiebeziehung geschaffen, wie sie so ohne das Bezugstherapeutensystem nicht möglich ist. Für die Therapeuten selbst hat dies auch einen heilsamen Nebeneffekt, sie werden nämlich in der Adaptionsphase oder Nachsorge auch Zeuge der erreichten Stabiltät oder Instabiltät ihres Klienten und können sich nicht hinter den Mauern ihres Stammhauses "abschotten", weil jetzt andere für den Klienten zuständig sind.

Durch das Bezugstherapeutensystem und durch Kompetenz des Therapeuten erfährt der Klient Hilfe, die eine positve Bindung entstehen läßt. Damit wird aber auch die Verantwortung klar, die ein Therapeut hat, und ein Klient wird versuchen zu überprüfen, ob der Therapeut sie auch übernimmt. Er will wissen, ob dieser hinter seinem Tun steht, ob er den Manipulationen widersteht, ob er kompetent ist oder ob er nur Phrasen drischt. Wenn er sich auf eine Beziehung, eine Bindung einläßt, dann will er nicht getäuscht werden. An diesem Punkte haben die Drogenabhängigen ein "Urmißtrauen". Denn sie wissen nicht, ob eine Therapie überhaupt funktioniert, die Scene und die öffentliche Meinung reden hauptsächlich von der Ineffizienz der Drogentherapie, und die Drogenabhängigen hören es gern, denn die Gier nach Negativem gehört zum Symptom. Wenn sie also dem Therapeuten durch die Therapie folgen, dann meist weil sie begonnen haben zu vertrauen. Wenn sie, trotz ihrer negativen Erwartungen, aufgrund der Bindung bleiben und weitermachen, dürfen sie nicht enttäuscht werden, d.h. ihr langsam entstehendes Vertrauen muß gerechtfertigt werden.

Damit kommt man aber zu einer wichtigen emotionalen Haltung, die zur Bindung oder Beziehung gehört: dem Vertrauen. Drogenenabhängige testen bzw. entwickeln Vertrauen in zwei Bereichen, nämlich in bezug auf die menschliche Integrität der Therapeuten und in bezug auf deren therapeutische Kompetenz. Dazu müssen sie ihre Therapeuten über einen gewissen Zeitraum erleben können. Sie müssen oft die Erfahrung der Therapiesitzungen gemacht haben, um das notwendige Vertrauen aufzubauen. Und Drogenabhängige sind mißtrauisch anderen, speziell Autoritäten gegenüber. Ohne dieses Vertrauen gibt es kein wirkliches Einlassen auf die Therapie. Wechseln dann, wenn nach einigen Monaten Vertrauen gewachsen ist, wieder aufgrund der Konzeption die Therapeuten, so gleicht das einem Beziehungsabbruch. Denn die neuen Therapeuten werden nicht in ihrer Funktion gesehen, derer man sich nun weiterhin bedienen kann, sondern als konkrete Einzelpersonen, unverwechselbar und einmalig. Nach Eindruck des Verfassers stellen sich manche Konzeptionen den Klienten, wenn er erfolgreich die Therapie durchläuft, so vor: er soll so autonom werden, um im Therapeuten sozusagen ein Werkzeug sehen zu können, mit Hilfe dessen er seine Probleme selbständig angeht. Je besser er Therapeuten wechseln kann, desto mehr gewachsen ist er. Nur, den Anspruch, selbständig, "groß und stark" sein zu müssen, kennen sie zu Genüge aus ihrem Leben. Sie wittern dahinter nur einen mehr oder weniger billigen Abschiebeversuch oder Kontaktvermeidung desjenigen, der ihn stellt. Der einzigartige Mensch erweckt Interesse, wozu auch gehört, daß der als Therapeut auch was kann - das ist nicht der gewandte Psychotechniker, dessen man sich bedient. Therapeuten nach zig Jahren intensiver Ausbildung können das, jemanden schnell als Therapeuten zu akzeptieren, ohne lange Erfahrung mit ihm zu haben. Klienten mit dieser Biographie sind dabei massiv überfordert.

Daher das Bezugstherapeutensystem. Ganz wichtig hierbei ist, daß diese Beziehung auch bestehen bleibt, wenn die Betreuung weniger wird und der Klient wieder in die Gesellschaft übergeht, also vor allem im Stadthaus und in der Nachsorge. Bei solchen Schritten prüfen die Klienten, ob die Beziehung seitens der Therapeuten noch vorhanden ist, oder die Therapeuten sie nun nun loswerden wollen. Viele Therapeuten haben Angst vor solchen "Beziehungsbeweisen" für die Klienten, das ist verständlich, denn der Klient muß sich ja wirklich langsam ablösen und selbständig werden. Nun glauben sie, die Klienten wollten die gleiche intensive Betreuung wie im Stammhaus. Dem ist aber nicht so. Sie wollen die Sicherheit, ohne Vorbedingung kommen zu können, wenn sie Hilfe brauchen, das Gefühl, nicht allein gelassen zu sein. Darin gleicht die Ablösung einer Ablösung aus dem Elternhaus während der Adoleszens: am wichtigsten, die Eltern, das Elternhaus existieren und man kann zurück, wenn man wollte, was praktisch selten passiert, denn man will ja tatsächlich selbständig werden, aber ohne Druck. Der gleiche Mechanismus bei den Klienten. Ein Beispiel: Als eine Klientin auf keinen Fall ins Stadthaus wechseln wolle und sie darüber in eine tiefe Krise geriet, hat der Verfasser ihr zugesichert, sie könne bleiben so lang sie will. Er war auch entschlossen, dies zu tun. Sie glaubte ihm und wechselte nach vier Wochen aufgrund ihres eigenen Entschlusses. Das ist die Paradoxie, die ein Therapeut begreifen muß, gibt er die Beziehungssicherheit aus Überzeugung, lösen sich die Klienten selbständig und es entstehen keine langen Anklammerungen. Daher funktioniert das Bezugstherapeutensystem mit seiner langen Betreuungszeit, weil es die Bindung und die Ablösung ermöglicht aufgrund normaler psychischer Reifungsprozesse.

 

 

6.2 Das therapeutische Gruppenklima und die Bindung an die Gruppe

Die Psychotherapie wird in zwei Formen (Settings) durchgeführt, und zwar als wöchentliche Einzeltherapie und regelmäßige Gruppentherapie (Phase I : zweimal pro Woche, Phase II : einmal pro Woche, Phase III : vierzehntägig). Analog zur Bedeutung der Beziehung Klient/Therapeut ist das Gruppenklima, speziell die Gruppenzusammensetzung und die Qualität der Beziehungen der Gruppenmitglieder miteinander. Viele Therapieschulen haben neben Einzeltherapie auch Gruppentherapie als wichtige Therapieform entwickelt, weil bestimmte therapeutsiche Effekte im Gruppenrahmen leichter oder überhaupt nur zu erzielen sind. Psychodrama arbeitet nur mit Gruppen, die Gestalttherapie hat auch mittlerweile Formen der Arbeit mit Gruppen entwickelt (vgl. etwa Zinker, 1993) Nutzte noch die F. Perls die Gruppe nur als interaktives Auditorium, arbeiten klientenzentrierte Encountergruppen ohne direktiven Leiter. Auch die Verhaltenstherapie nutzt die Arbeit in Gruppen, und die Therapeutische Gemeinschaft kann so wie eine permanente Gruppentherapie oder Marathongruppe gesehen werden. Allerdings ensteht aus einer Ansammlung von Menschen unter einem Dach nicht automatisch eine therapeutisch fruchtbare Gruppe. Das bedeutet, seitens der Mitarbeiter muß die Gruppe auf die Gruppe so eingewirkt werden, daß das entsprechende therapeutische Potential sich entwickelt. Dieses Eingreifen ist aus zwei Gründen sehr wichtig: zum einen sind Drogenabhängige durch Gruppen, wenn sie sich damit identifizieren, mehr beeinflußbar als durch Drogenberater oder Therapeuten, was auch mit ihrer Neigung zur "Randgruppenfixierung" (siehe Seite 4) zusammenhängt; zum anderen tendieren Gruppen von noch nicht ausreichend stabilen Drogenabhängigen immer zur gegenseitigen Anstiftung zum Konsum. Das ist Teil des Suchtverhaltens, des Symptoms Drogensucht, wie schon unter dem Abschnitt über die Therapeutische Gemeinschaft angeklungen war. Daher muß geklärt werden, wie denn eine erfolgreiche Gruppentherapie in der TG gewährleistet werden kann.

In einer erfolgreichen Gruppentherapie besteht ein hohes Maß an Bindung der Mitglieder untereinander. In der Forschung wird dies z.B. mit Gruppenkohäsion bezeichnet (siehe Zitat weiter unten). Besteht Einigkeit über das Therapieziel Suchtbewältigung, so entwicklet eine solche Gruppe ein großes, breites therapeutisches Potential, das auch nicht durch Einzeltherapie kompensiert werden kann. Die therapeutisch hochwirksame Gruppe ist in etwa so zu kennzeichnen:

1. Konflikte, Störungen, Auffälligkeiten werden von der Gruppe benannt

2. Es besteht ein Bedürfnis in der Gruppe nach deren Klärung

3. Die Mitglieder der Gruppe sind bereit, sich zu öffnen und ihre eigentlichen Motive und Emotionen zu offenbaren und auszudrücken

4. Einzelne Mitglieder bearbeiten therapeutisch in der Gruppenöffentlichkeit persönliche Probleme

5. Durch die therapeutische Arbeit in der Gruppe erlebt der einzelne Änderungsprozesse bei sich und anderen aufgrund aktiver Beteiligung an psychotherapeutischen Vorgehenweisen.

6. Diese gemeinsamen Bewältigungsprozesse werden als hilfreich erlebt und stellen Gruppenerlebnisse dar. Beides stärkt die gegenseitigen Bindungen und  fördert ein therapeutiches Gruppenklima.

7. Das Ziel der Drogenfreiheit ist Teil einer gemeinsam wachsenden solidarischen Einstellung

Die Grunderfahrung kann man auch so formulieren: wir können uns ändern, wenn wir uns gegenseitig helfen und einlassen. Die Frage aber bleibt, wie kann in einer Einrichtung eine solche Gruppe mit hohem therapeutischen Potential aufgebaut werden und wie kann erreicht werden, daß das einzelne Gruppenmitglied sich einläßt und anbindet? Ganz sicher nicht durch Listen von Verhaltensratschlägen oder Geboten, die, inhaltlich korrekt, an zentralen Orten innerhalb der Räumlichkeiten einer Einrichtung aufgehängt sind. Auch nicht durch predigtartige Vorträge oder Ermahnungen seitens der Therapeuten, hat doch gerade die Forschung beispielsweise zur Gesprächspsychotherapie eindeutig die große Ineffizienz von Ratschlägen bei Änderungsprozessen erwiesen. Die dahin führenden Schritte sind in der Realität komplex und deshalb auch schwer zu beschreiben - falls das überhaupt möglich ist. Trotzdem soll es hier versucht werden.

Nach Auffassung des Autors spielen Identifikationsprozesse die zentrale Rolle. Gilt bei der Beziehung Therapeut/Klient die wahrgenomme Hilfe als eine der entscheidenden Ursachen für eine Bindung, verhält es sich bei der Gruppentherapie wegen der Mentalität Drogenabhängiger anders. Der Aspekt der Hilfewahrnehmung ist nur ein Teil der Vorgänge, die zu Bindungen führen, wobei dieser allerdings mit zunehmender Therapieerfahrung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Etwa für zwei Drittel der Zeit im Stammhaus spielen Identifikationsprozesse die entscheidenere Rolle. Identifikation mit anderen ist ein tiefergehender psychischer Vorgang, der das Verhalten und Erleben einer Person mehr beeinflußbar durch andere werden läßt als etwa verbale, rationale Überzeugungsarbeit. Es findet bei vorhandener Identifikation Lernen am Modell statt, d.h. das Verhalten und Erleben des anderen bekommt Modellcharakter und wird leicht übernommen, denn die Bereitschaft dazu ist vorhanden. Voraussetzung zur Identifikation ist die angenommene Ähnlichkeit zwischen mir und meiner Identifikationsperson. Basiert die angenommene Ähnlichkeit auf einem hervorstechenden positiven Merkmal, so wird die Identifikation leichter und tiefer. Der Fall, daß das Merkmal negativ bewertet wird und dadurch besondere Abgrenzungsmechanismen auftreten, soll hier nicht erörtert werden, denn bei Drogenabhängigen ist das hervorstechende Merkmal die illegale Drogensucht, und die wird letztlich positiv bewertet. Die Wahrnehmungspyschologie zeigt, daß hervorstechende Merkmale als Ankerreiz dienen und vom Wahrnehmungsapparat prägnanter bzw. zu einer deutlichen Figur gemacht werden. Für die Klienten ist Abhängigkeit nicht nur verbales und kognitives Merkmal, sondern auch optischer Reiz, da sie sich an vielen Äußerlichkeiten, einschließlich bestimmer Verhaltensweisen, erkennen können. Die Vergleichbarkeit der Biographien und ähnliche Erlebnisse, die sie nach und nach voneinander erfahren, erhöhen die empfundenen Gemeinsamkeiten. Das kognitiv und optisch prägnante Merkmal Drogensucht erleichtert sehr stark die Wahrnehmung von Ähnlichkeit und damit die gegenseitige Identifikation. Deshalb hat eine Gruppe "Junkies" einen großen Einfluß auf einen "Junkie", am Anfang der Therapie vielleicht mehr als das eigene Denken.

Dieser auftretende Identifikationsmechanismus hat für die Gruppendynamik und die Entwicklung der therapeutischen Atmosphäre große Konsequenzen. Will man ein therapeutisches Gruppenklima, wie oben beschrieben, aufbauen, so braucht man positive Vorbilder in der Gruppe, die vorleben und sich zur Identifikation eignen. Das können aber nur therapieerfahrene Klienten sein, also diejenigen, die schon fortgeschrittene Therapiestadien erreicht haben. Sie dienen als Vorbild für die "jüngeren" Klienten, ob sie nun wollen oder nicht. Verwirklichen in der Phase I Klienten der Stufe 3 in etwa die gruppentherapeutisch wichtigen Verhaltensnormen, wirken sie als positves Modell und erreichen am ehesten ihre Internalisierung durch Anfänger. Andererseits muß es für einen Anfänger auch ähnlich Unerfahrene wie ihn geben, denn sonst erlebt er einen zu großen Unterschied zwischen sich und den Fortgeschrittenen, und er grenzt sich ab in der Art etwa:"die Klienten der Stufe 3 waren ja von vornherein anders als ich selbst, sonst wären sie ja nicht in die höheren Stufen gekommen". Gruppendynamisch muß die Gruppe in bezug auf die aktuell erreichte Verweildauer gemischt sein, damit verschiedene Identifikationspersonen zur Verfügung stehen. Das gilt auch in bezug auf andere Persönlichkeitsmerkmale und Schwere der Störung, damit neben dem Merkmal "Junkie" auch in bezug darauf Identifikationspersonen vorhanden sind. Die Vielfalt der Persönlichkeiten unter dem gemeinsamen Merkmal Drogensucht, die Heterogenität einer Gruppe, ist auch unter diesem Gesichtspunkt ein wesentlicher gruppentherapiefördernder Faktor.

Also, die Übernahme positiver Normen geschieht bei Therapieanfängern primär durch Identifikationsprozesse. Erst im Verlauf der Therapie kommen dann weitere Erkenntnisprozesse zum Tragen, die therapeutisch stabilisierende Überzeugungen reifen lassen, wie die schon erwähnte Wahrnehmung der Hilfe. Außerdem wird die eigene autonome Motivation zur Drogenfreiheit immer wichtiger und die identifikatorische Orientierung am anderen läßt nach. Diese Entwicklung wird noch im Abschnitt über den Therapieverlauf eingehend geschildert werden. Für die Erörterung des therapeutischen Gruppenklimas bleibt zunächst festzuhalten, daß Identifikationsprozesse zur Internalisierung konstruktiver Gruppennormen im stationären Therapieabschnitt, vor allem aber bei Anfängern, eine erhebliche Rolle spielen.

Ein weiterer Grund, die Identifikation als bedeutend für die Anfangszeit der Therapie einzustufen, liegt in ihrer Motivationskraft. Während bei anderen Psychotherapiegruppen die Motivation, sich einer Gruppentherapie zu unterziehen, für den einzelnen klar ist und somit das gemeinsame Interesse an Heilung und Linderung eint, ist sie bei Drogenabhängigen zumindest zwiespältig, meist aber zunächst erzwungen. Sie wollen durchaus "clean" werden, aber nicht auf eine so mühevolle Weise wie es eine Therapie zu sein scheint. Daher wirken andere Drogenabhängige, mit denen man sich vergleichen kann, spontan und emotional motivierend. Übrigens gilt dies auch umgekehrt: rückfällige Klienten, mit denen man sich identifiziert hatte, wirken äußerst demotivierend. Der Grund für die Neigung liegt, wie schon erwähnt, in der negativen Einschätzung der Therapie. Sie können es sich nicht vorstellen und glauben nicht an den Therapieerfolg. Teilweise beruht diese Skepsis einfach aus ihrer Erfahrung mit ihrer Sucht. Da sie ihr immer wieder erlegen waren, wie sollen sie dann aus sich heraus Zuversicht schöpfen? Der schlechte Ruf der Therapie unterstützt natürlich diese resignative Einstellung. Da sie es nicht können, brauchen sie Identifikationspersonen, die stellvertetend für sie Zuversicht und Hoffnung zeigen, zumindest aber weitermachen in Therapie.

Hier zeigt sich eine weitere sinnvolle Funktion des Stufensystems mit seiner Hierarchisierung. Klienten, die therapeutische Normen repräsentieren können, erhalten mehr Einflußmöglichkeiten, so beispielsweise die Stufe 3 in ihrer Ältestenfunktion. Bei einem Antrag auf Versetzung in diese Stufe diskutiert die Gruppe auch darüber, ob dem Berwerber die Vorbildfunktion zuzutrauen ist bzw. er muß dies darlegen können. Die Klienten der höheren Stufen und Phasen erhalten so eine Doppelfunktion als Normengeber und Identifikationsperson. Selbst wenn man nicht explizit mit einem Stufensystem arbeitet, entstehen durch die Gruppendynamik trotzdem analoge Rollenzuweisungen mit genau der gleichen Doppelfunktion. Nur gibt es dann einen informellen "Ältesten", der Normen prägt und als Vorbild für andere wirkt. Arbeiten solche heimlichen oder informelle "Anführer" in einer Gruppe gegen das Team der Therapeuten und gegen fundamentale Therapieziele, endet die Gruppenentwicklung oft in mehreren Abbrüchen und Rückfällen. Besteht zum Beispiel eine Gruppe aus vielen Anfängern mit viel "Knasterfahrung" und wenigen überzeugenden, stabilen, therapieälteren Klienten, die dann auch von der Konzeption her keine größeren Einflußmöglichkeiten haben, weil das Stufensystem wegen Antiquiertheit abgeschafft wurde, dann ist eine solche Gruppe als Ganzes gefährdet, eben wegen der beschriebenen Dynamik. Daher hält der Verfasser das Abschaffen eines Stufensystems oft für blauäugig, führt die doch wirkende Gruppendynamik zumindest bei diesem Klientel immer zu Hierarchisierungs - und Identifikationsprozessen. Auch aus diesem Grund sieht die TG Dachtmissen als Teil der Konzeption das Stufensystem vor, um gruppendynamisch explizit zu machen, was sowieso stattfindet.

Man muß sich aber immer wieder vor Augen halten, daß der Identifikationsprozess nicht ein besonders kluger Trick ist, um speziell unwillige Anfänger zur Übernahme von gruppentherapeutisch wertvollen Normen zu verführen. Identifikationsprozesse finden immer statt, sie sind wohl eine Methode des Menschen, um sich die soziale Wahrnehmung und Orientierung in sozialen Systemen zu vereinfachen, ganz abgesehen von Sicherheits- und Schutzbedürfnissen. Auch hier gilt das gleiche wie bei den Übertragungen: es gibt immer Identifikationsprozesse in Gruppen. Daher muß eine Therapie in der TG diese Identifikationsneigung positiv nutzen und nicht ignorieren. Das Stufensystem kann dazu eingesetzt werden. Gelingt es den Therapeuten, den informellen Vorbildern einen offiziellen Status zu geben, die auch therapeutisch positive Normen verkörpern, dann bietet die Gruppentherapie ein großes Potential. Andererseits ist es als Alarmzeichen anzusehen, wenn die Gruppe Mitglieder mit zweifelhafter Therapiemotivation für höhere Stufen zuläßt. Hier zeigt sich auch die Verzahnung von Einzel- und Gruppentherapie: in der Einzeltherapie kann der einzelne positive Erfahrungen machen, die er wiederum in die Gruppe weitergibt, so daß die Entwicklung des therapeutischen Prozesses nicht nur von der Gruppentherapie mit ihrer komplexen Dynamik abhängt. Auch im Gruppenrahmen kann der Aufbau von informellen Vorbildern durch die Therapeuten beeinflußt werden, was jedoch Erfahrung mit Gruppenarbeit voraussetzt. Dazu gehört des weiteren das prozessorientierte Denken, denn positive Vorbilder können nicht befohlen werden. Übrigens ist es wahrscheinlich geradezu notwendig in der heutigen Zeit, positive Identifiktionsmöglichkeiten zu bieten, da unsere Gesellschaft durch eine immer mehr zunehmende Individualisierung und Entsolidarisierung gekennzeichnet ist. Randgruppen, junge und alte Menschen dürften das deutlich spüren - sicher auch eine Rahmenbedingung der Suchtentstehung.

Leider wird mit der sogenannten Individualisierung, die ja von den Kostenträgern immer mehr verlangt wird, dieser Identifikationsprozess in den neueren Konzeptionen zunehmend unterbunden, da die Klienten anscheinend durch die Regeln der Konzeption zu sehr gleichbehandelt und nicht in ihrer Eigenart gewürdigt werden würden. Jeder macht dann etwas ganz Spezielles, keiner mal etwas Ähnliches, so daß die Wahrnehmung von Ähnlichkeit unterbunden wird. Darunter leidet dann die Gruppenkohäsion, es drohen dadurch beziehungslose Gruppen zu entstehen, die nur aus organisatorischen Gründen gebildet worden sind, aber nicht aus therapeutischen - fatal bei einem Klientel, das mit Beziehungslosigkeit geradezu aufgewachsen ist. Eine Gruppe braucht eine Identität, zu der sich die Mitglieder bekennen können. Sie kann umschrieben werden mit den Worten: "Wir sind drogenabhängig, haben vor der Therapie Ähnliches erlebt, sind durch gemeinsame Erlebnisse in der Therapie zusammengewachsen, zweifeln manchmal, ob wir es schaffen, wollen aber eigentlich clean werden". Besitzt in einer TG eine Gruppe eine so in etwa zu formulierende Identität, dann erreicht sie beim einzelnen einen enormen Motivationsschub, der viel größer und unmittelbarer, weil emotionaler, ist als Appellieren an den Verstand.

In den Therapiegruppen der Phase II und III spielt die Identifikationsneigung nicht mehr die vorherrschende Rolle beim Aufbau stabiler Beziehungen oder Bindungen. Hier gleichen dann die dabei wirkenden Faktoren mehr denen der Einzeltherapie: es sind dann primär Hilfe und Unterstützung, die der einzelne spürt und die er zu schätzen weiß. So ähneln diese Gruppen mehr den außerstationären Therapiegruppen, in denen es zu grundlegenden, tief empfundenen Erfahrungen kommt, die persönliches Wachstum und Veränderung prägen. Es bereitet große Schwierigkeiten, diese Entwicklungen begrifflich zu fassen. Beispielweise versucht dies Martin Buber, indem er die Beziehung zwischen Menschen auf eine existentielle Dimension zurückführt (vgl. hierzu etwa Staemmler (1993), der unter dem gestalttherapeutischen Aspekt diesen philosophischen Ansatz referiert). Oder etwa C. Rogers (1970), der die menschliche Begegnung in Gruppen als eine grundlegende Erfahrung beschreibt. Jedenfalls führt die fassadenfreie, authentische und nicht gespielte Begegnung in den Gruppen und das Erleben des mehr oder weniger echten Kerns des anderen zu nicht zu ersetzenden Erfahrungen, die wiederum den therapeutisch notwendigen Halt geben (bezeichnenderweise gibt es ja das gegenteilige Phänomen, wonach manche Personen glauben, ohne Selbsterfahrungsgruppen nicht leben zu können).

In der Beschreibung des Therapieverlaufs wird bei den jeweiligenTherapiestufen nochmals auf diesen Faktor eingegangen werden.

Im Zusammenhang mit dem zur Psychotherapie Referierten sei nun auf den Stand der Psychotherapieforschung verwiesen. Obwohl andere Begriffe darin verwendet werden, lassen sich doch interessante Verbindungen herstellen. Dazu Grawe, Donati & Bernauer:

"Für die Wahl eines besonders geeigneten Therapiesettings ist jedoch nicht nur der Gesichtspunkt der Problemaktualisierung maßgeblich. Das Setting ist nicht nur ein mehr oder weniger gut geeignetes Mittel zur Herbeiführung erwünschter Veränderungen, es ist gleichzeitig auch die tragende Grundlage des Veränderungsprozesses. Das Setting soll Bedingungen schaffen und fördern, die den Patienten in seinen Veränderungsbemühungen unterstützen. Dazu gehören z.B. die "therapeutic alliance" oder das Arbeitsbündnis in der Einzeltherapie, die Gruppenkohäsion in einer Therapiegruppe, die Nutzung der positiven Ressourcen einer Familie, der Schutz eines stationären Aufenthaltes usw. Das Therapiesetting hat also nicht nur eine therapeutische Funktion unter dem Problemaktualisierungsaspekt, sondern eine mindestens ebenso wichtige unter dem Unterstützungsaspekt. Für die Einzeltherapie ist die Bedeutung der Qualität der Therapiebeziehung für das Therapieergebnis über alle Zweifel erhaben nachgewiesen, und zwar für ganz unterschiedliche Therapieformen (Orlinsky, Grawe & Parks, in press). Sie kann als der empirisch am besten abgesicherte Wirkfaktor der Psychotherapie angesehen werden. Therapieausbildungen, die kein systematisches Training der Therapeuten zur Herstellung und Aufrechterhaltung einer guten Therapiebeziehung im Sinne der empirisch überprüften Definitionen beinhalten, können nicht den Anspruch erheben, wissenschaftlich fundiert zu sein, denn die Nichtbeachtung dieses Wirkfaktors ist mit der wissenschaftlichen Pflicht zur Rezeption des gesicherten Wissens in einem Fachgebiet unvereinbar.

Auch für die Gruppentherapie gibt es so viele gesicherte Befunde über die settingspezifischen "instrumentellen" Bedingungen für ein gutes Therapieergebnis (Grawe, 1980a; Dziewas, 1980; Orlinsky et al., in press), daß die Nichtbeachtung dieser settingspezifischen Wirkfaktoren (Gruppenkohäsion, Vertrauen und Arbeitshaltung) durch Therapeuten, die in Gruppen arbeiten, einem Kunstfehler gleichkommt. Das gruppentherapeutische Setting ist nicht nur für die Behandlung zwischenmenschlicher Probleme geeignet. In einer sehr großen Anzahl der von uns analysierten Therapiestudien wurden die Therapien in Gruppen durchgeführt, auch wenn es überhaupt nicht um die Behandlung zwischenmenschlicher Probleme ging. Die Therapieeffekte waren in der Regel mindestens gleich gut wie bei der Behandlung im Einzelsetting. Dies spricht dafür, daß das Gruppensetting Unterstützungsfaktoren enthält (s. dazu Yalom, 1974), die über die der Einzeltherapie hinausgehen und die die geringere Beachtung, die den Problemen des einzelnen Patienten geschenkt werden kann, ausgleichen. Auf jeden Fall ist das gruppentherapeutische Setting unter dem Gesichtspunkt der therapeutischen Potenz dem einzeltherapeutischen Setting zumindest gleichzustellen, auch wenn es nicht um zwischenmenschliche Probleme geht. Allerdings ist ein gruppentherapeutisches Setting in der Regel schwerer herzustellen, weil man dafür gleichzeitig mehrere sich ergänzende Patienten benötigt. Für Patienten, bei denen Veränderungen im zwischenmenschlichen Bereich erwünscht sind, ist das gruppentherapeutische Setting aber dem einzeltherapeutischen auf jeden Fall vorzuziehen. Wir haben für verschiedene Therapieformen immer wieder gefunden, daß die Gruppenbehandlungen mehr Veränderungen im zwischenmenschlichen Bereich bewirkten als die Einzelbehandlungen" (Grawe, Donati & Bernauer ,1994, S. 705 f).

Des weiteren kommen Grawe, Donati & Bernauer zu dem Schluß, daß eine zukünftige, erfolgreiche und schulenübergreifende Psychotherapie vor allem drei wichtige Wirkungsdimensionen beachten muß, die sie Perspektiven nennen:

"Zu einer Allgemeinen Psychotherapie gehört neben den beiden behandelten Perspektiven, der Problembewältigungsperspektive und der Klärungsperspektive, auf jeden Fall noch eine dritte unverzichtbare Perspektive: die Beziehungsperspektive. Die Notwendigkeit, die Probleme des Patienten auch unter der Beziehungsperspektive zu betrachten, ergibt sich, wie bei den beiden anderen Perspektiven, sowohl aus dem empirischen Forschungsstand als auch aus theoretischen Überlegungen.

Wenn man alle je untersuchten Zusammenhänge zwischen bestimmten Aspekten des Therapiegeschehens und dem Therapieergebnis zusammennimmt, dann sind Aspekte des Beziehungsgeschehens in Psychotherapien diejenigen Merkmale des Therapieprozesses, deren Einfluss auf das Therapieergebnis am besten gesichert ist [... ] Die Bedeutung der Beziehungsperspektive [... ] stützt sich nicht nur auf eine, sondern drei Begründungen, die wir nachfolgend in Anlehnung an Grawe-Gerber (1992) erläutern:

1. Die erste ist die, daß psychische Störungen zu einem wesentlichen Teil als Beziehungstörungen aufgefasst werden können bzw. aus zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen und Psychotherapie daher ebenfalls zu einem wesentlichen Teil als Behandlung von Beziehungsstörungen aufgefasst werden sollte [...]

2. die zweite Begründung für die Bedeutung der Beziehungsperspektive [...] ist die, dass das zwischenmenschliche Geschehen in der Therapie eines der wichtigsten Mittel ist, um therapeutische Änderungen herbeizuführen [...] Die Problematik eines Patienten unter der Beziehungsperspektive reflektieren heisst zuallererst, sich die Frage zu stellen, ob es problematische Beziehungsschemata bzw. problematische Beziehungsabläufe mit wichtigen Bezugspersonen gibt und wie diese zu therapeutischen Zwecken aktiviert bzw. aktualisiert werden könnten. Dies wird dadurch möglich sein, die relevanten Bezugspersonen ganz oder teilweise in die Therapie einzubeziehen. Eine weitere Möglichkeit der therapeutischen Aktivierung von problematischen Beziehungsschemata ist durch eine Behandlung im Gruppensetting gegeben. Im Einzelsetting sind die Möglichkeiten zur Aktivierung von Beziehungsschemata jedenfalls viel beschränkter und weniger wirksam als in einem erweiterten zwischenmenschlichen Setting [...] Die Bedeutung der Beziehunsperspektive beschränkt sich aber selbstverständlich nicht auf die Wahl eines geeigneten zwischenmenschlichen Settings, sondern sie bleibt während der ganzen Therapiedauer bestehen. Immer wieder ist zu entscheiden, wie in der jeweiligen Therapiephase bestimmte Interventionen zur Weiterentwicklung stimuliert werden können und immer wieder stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage der Kompetenzen des Therapeuten für das Treffen und das Umsetzen solcher Entscheide.

3. Die dritte Begründung für die Beziehungsperspektive ist die Tatsache, daß sich Psychotherapie immer in zwischenmenschlichen Beziehungen abspielt und die Qualität dieser Beziehungen nachweislich einen sehr grossen Einfluss auf das Therapieergebnis hat [...] Die Bedeutung der Qualität der Therapiebeziehung für das Therapieergebnis ist in nahezu eintausend signifikanten Zusammenhängen zwischen verschiedenen Merkmalen der Qualität der Therapiebeziehung und dem Therapieerfolg dokumentiert (Olinsky, Grawe & parks, in press). Die Vielfalt der untersuchten Merkmale wurde in dieser Meta-Analyse zunächst in vier breitere Kategorien eingeteilt, nämlich "role-investment", "emphatic resonance", "mutual affirmation" und "global qualtity". Der Kategorie role-investment sind dann z. B wiederum mehrere Variablen zugeordnet wie Engagement des Therapeuten, Engagement des Patienten, wechselseitiges Engagement, Glaubwürdigkeit versus Unsicherheit des Therapeuten, Echtheit des Therapeuten und Motivation des Patienten" (Grawe, Donati & Bernauer 1994, S.775 ff).

 

 

 

 

 

 

 

7. Gestalttherapie

Faßt man die bisherigen Ausführungen über das Symptom Drogensucht zusammen, so geht die Konzeption der TG Dachtmissen von einem Zweikomponentenmodell der Sucht aus:

Drogensucht besteht aus zwei Komponenten oder Schichten, zum einen aus einer Psychoneurose und zum anderen aus dem Suchtverhalten. Der Psychoneurotizismus resultiert aus den traumatisierenden Lebenserfahrungen und ungelösten massiven Konflikten. Das spezifische Suchtverhalten besteht aus quasi ritualisierten Verhaltensketten und Verknüpfungen mit Drogenreizen als Auslösern und wird aufgrund der Belohnung durch den Konsum als Endhandlung aufgebaut. Die Gestalttherapie wird als Verfahren zur Behandlung der psychoneurotischen Komponente oder Schicht eingesetzt. Bei der Wahl eines Verfahrens muß natürlich die Eigenart des Klientels im Vordergrund stehen, wie das bis hierher geschehen ist. Im Rückgriff auf eine Seite 23 gemachte Aufzählung und in Ergänzung dazu muß der Therapeut daher folgende Verhaltens- und Erlebnisweisen dieser Klienten therapeutisch bewältigen können:

- heftige emotionale Ausbrüche

- lang anhaltende bedrückte Stimmungen

- bestimmte Träume

- Drogenträume

- Hilfe beim Offenbaren peinlicher oder schmerzhafter Erlebnisse

- Umgehen mit psychischen Traumata

- massive Konflikte mit anderen

- Verhaltensauffälligkeiten wie z.B. Vergesslichkeit

- Schlaflosigkeit

- Selbstaggressionen

- Ängste

- Panikzustände

- allgemeine Antriebsschwäche

- Gefühle der Sinnlosigkeit

- geringe körperliche oder psychische Belastbarkeit

- sexuelle Probleme

- Beziehungsprobleme

- Massive Abhängigkeiten zu außerhalb der Therapie lebenden problematischen,   meist süchtigen Personen

- Schuldgefühle

- Minderwertigkeitsgefühle

- Übertragungen

- Suizidgedanken

- Drogengier und Suchtgedanken aller Art und zu jeder Tageszeit

- Zweifel am Sinn der Therapie, des eigenen Durchhaltevermögens

- moralische Probleme aufgrund der Drogenbeschaffung.

- Widerstand gegen Therapie

- Abneigung gegenüber der Gruppe

- Projizierendes und introjizierendes Denken

Hier den richtigen Ansatz zu finden, kann auch bedeuten, daß man sich zunächst vergegenwärtigt, was bei einer solchen Problematik nicht weiterhilft. Dazu gehören verbale Belehrungen, das Appellieren an die Vernunft oder das Gewissen, Abschreckungsszenarien, Deutungen und Ratschläge, wahrscheinlich alles was sozusagen von "außen" kommt und vom Klienten aufgenommen werden soll. Ihm hilft weiter, was von "innen", von ihm selbst kommt. Nun existieren aber einige Verfahren, die mit den eben aufgezählten Symptomen "umgehen" können. Daher bleibt zu fragen:

 

 

7.1 Warum Gestalttherapie?

Das in der Therapeutischen Gemeinschaft Dachtmissen vor allem für die psychoneurotische Komponente der Sucht angewandte therapeutische Verfahren ist die Gestalttherapie. Sie ist von dem Ehepaar Frederick ("Fritz") und Laura Perls und dem Sozialphilosophen Paul Goodmann in den 40er und 50er Jahren entwickelt worden. Fritz und Laura Perls waren ursprünglich Psychoanalytiker und haben aufgrund ihrer Kritik an der Psychoanalyse die Gestalttherapie begründet. Allgemein kann dieses Verfahren als tiefenpsychologisch, interaktiv und phänomenologisch charakterisiert und der "Humanistischen Psychologie" zugerechnet werden. Populär wurde sie in Deutschland durch Bücher von F. Perls, obwohl die konsequente theoretische Fundierung eher P. Goodman zugeschrieben wird. Die Weiterentwicklung in Deutschland in den letzten Jahren zielt denn auch mehr auf theoretische Stimmigkeit ab und geht weg vom intuitiven Stil F. Perls'. Der zentrale Begriff, mit dem sich Perls von der Psychoanalyse abgrenzt, ist der des Kontaktes. Die Psychopathologie soll damit besser erklärbar sein als mit den Konzepten der Psychoanalyse. Hier wird das Individuum, subjektiv repräsentiert durch die psychische Struktur des Ich, als quasi eingeklemmt betrachtet zwischen den Triebansprüchen aus dem unbewußten Es und den Ge- und Verboten aus dem Über-Ich, dem Gewissen. Die von Natur aus mehr oder weniger große Unvereinbarkeit der Forderungen aus Es und Über-Ich erzeugen die psychopathologischen Symptome, unter denen das Ich, also der bewußte Teil der Person, leidet. Die Fortentwicklung von der Pschoanalyse soll nun anhand zweier Zitate aus der Abhandlung "Kontakt und Widerstand" des amerikanischen Gestalttherapeuten G. Wheeler umrissen werden, der sich mit der theoretischen Weiterentwicklung der Gestalttherapie befasst. Da heißt es:

"Zur gleichen Zeit führt Perls, ohne sich dessen selbst voll bewußt zu sein, eine interessante  und möglicherweise nützliche Veränderung im Umgang mit den »Widerständen« oder Abwehrmechanismen im Kontrast zum Freudschen Modell ein. Bei Freud (1894; 1920) ist Widerstand immer und vor allem eine Angelegenheit des Widerstandes gegenüber der Therapie (und daher gegenüber Therapeuten, was auf das gleiche hinausläuft, da der Therapeut im Freudschen Modell immer recht hat; vgl. A. Freud, 1937). Wenn die »Abwehrmechanismen« wie bei Anna Freud herausgearbeitet werden, sind damit gleichzeitig Abwehrmechanismen gegenüber dem Instinkt, das heißt gegen den überwältigenden und unkontrollierbaren Druck des Es, welches den Inhalt der Interpretation des Therapeuten ausmacht, gemeint; daher werden Abwehr gegen den Instinkt und Widerstand gegen die Therapie gleichgesetzt. Im Gegensatz dazu wird Widerstand von Perls nicht notwendigerweise als Widerstand gegen den Therapeuten oder den therapeutischen Prozeß und dessen Inhalt verstanden, sondern gegenüber Kontakt (Wheeler 1993, S. 65).

In bezug auf die therapeutische Methode schreibt Wheeler:

"Und schließlich hebt Perls wie Reich die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Muskelspannungen oder Blockierungen oder Hemmungen zusammen mit den Interpretationen als therapeutische Aktivität hervor. Diese konzentrierte Aufmerksamkeit nannte Perls damals »Konzentrationstherapie« und übernahm diesen Begriff direkt und anerkanntermaßen von Reich (Perls 1947, Teil III, bes. Kap. I-III). Dies ist also die »Revision von Freuds... Methode«, die Perls zu Beginn des Buches versprach. Statt der »freien Assoziation«, die Perls als willkürliche Schrotschuß-Methode oder als »Höhenflug von Ideen« charakterisiert (189), pflegte er den Patienten aufzufordern, einen meditationsähnlichen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit einzunehmen, eine erhöhte Bewußtheit gegenüber der abwesenden oder behinderten oder vielleicht übertriebenen entsprechenden Funktion, womit er gewöhnlich Aggression meint. Wiederum kann dies in einem Mißverständnis des Begriffs der »freien Assoziation« begründet liegen, und sicherlich ist die Konzentration der Aufmerksamkeit für das Analysematerial auch ein natürlicher Effekt traditioneller Psychoanalyse. Der Unterschied zu dieser besteht darin, daß Perls neben der Interpretation relativ mehr Gewicht auf die Konzentration der Bewußtheit selbst als heilende Intervention legt, als Freud dies tun würde" (Wheeler, 1993, S.67).

Mit dem Konstrukt des Kontaktes rückt Perls die Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt in den Vordergrund. Dabei bezieht sich Kontakt auf die sinnliche Wahrnehmung und motorische Bewegung gleichermaßen, denn sich bewegen heißt auch mit der Umwelt interagieren:

"Wir benutzen das Wort »Kontakt« - »in Berührung sein mit« Objekten - als Grundbegriff sowohl für die sinnliche Wahrnehmung als auch für das motorische Verhalten. Wahrscheinlich gibt es primitive Organismen, in denen die Wahrnehmung und die motorische Reaktion der gleiche Akt sind, und bei höheren Organismen, die über guten Kontakt verfügen, kann man immer das Zusammenwirken von Sinnen und Bewegung (und Gefühlen) nachweisen" (Perls et al. 1979, S.9).

Die Struktur des Kontaktes, seine Gestaltung, erfolgt nach den Gesetzen der Gestaltpsychologie, besonderes der Tendenz zur prägnanten Ausdifferenzierung einer strukturierten Figur vor einem Hintergrund, wobei das Bedürfnis die Stukturierung bestimmt. Diese Interaktion, der Kontakt, kann nun mehr oder weniger gut funktionieren, hier liegen die Ursachen der psychischen Störungen. So kann die soziale Wahrnehmung durch Projektionen verzerrt sein, die Befriedigung von Bedürfnissen durch moralische Introjektionen blockiert werden, die persönliche Autonomie durch Konfluenz (das bedeutet eigentlich Zusammenfluß und meint die Verstrickung zweier Personen) gestört sein, um nur einige der Störungen des Kontaktes in den Begriffen Perls' zu nennen. Das Menschenbild der Gestalttherapie charakterisiert Wheeler so:

"Um es nochmals zu sagen: Die grundliegende menschliche Bedingung besteht wie bei jedem lebenden Organismus darin, eine nährende Beziehung mit der Umwelt herzustellen und aufrechtzuerhalten (in der Umwelt zu leben, würde Goodman vorzugsweise sagen). Dies ist das zentrale Problem, das in jedem Augenblick neu gelöst werden muß. Die Lösung dieses Problems in einem gegebenen Augenblick ist Kontakt (zwischen Organismus und Umwelt), ist Erfahrung, ist »strukturierte Bewußtheit« (da es eine andere nicht gibt), ist kreative Anpassung, ist Wachstum" (1993, S. 85).

Man darf jetzt nicht den Fehler begehen und unter "Kontakt" mit der Welt eine Art philosophischer Kontemplation, eine Übung und Reflexion der eigenen Weltbetrachtung sehen, die primär rational und verbal ablaufen soll und eine Denkfigur darstellt und die es mit "Argumenten" zu ändern gilt. Hierbei zeigen die Transskripte der Perlschen Therapiesitzungen drastisch, daß Kontakt immer sinnliche Wahrnehmung bedeutet und die Emotionalität und Motorik einschließt, da beide wiederum sinnlich, d.h. mittels Körperwahrnehmung erfahrbar sind. Perls vergleicht Denken verächtlich mit einem Computer, der die Welt nur simuliert, sie aber nicht ist und der die Person am spontanen Handeln hindert. Inneres Sprechen, Phantasieren, Nachdenken sieht er primär als Vermeidung des sinnlichen und motorischen Kontaktes mit der Welt, mit den eigenen Gefühlen und mit den Impulsen. Die Symbolisierungs- oder Repräsentationsmechanismen der Sprache und des Denkens wirken bei neurotischen Personen eher psychisch krankmachend. Es geht um das alte Problem: die Speisekarte kann man nicht essen, nur die Speise selbst; der realistischste Traum bleibt immer ein Traum, vor lauter Reden oder Denken (bei Freud Probehandeln genannt) unterbleibt das Handeln selbst etc. Das Ziel, das durch Kontakt, also Bewußtheit oder sinnliche Wahrnehmung, verwirklicht werden soll, ist eine organismische Bewußtheit, bei der das Individuum seine ureigensten Bedürfnisse von Augenblick zu Augenblick erfahren und sie in der Interaktion der konkreten Umwelt befriedigen kann. Das Ideal bei Perls stellt die organismische Selbstregulierung dar, da jeder Organismus eigentlich immer "weiß", was er braucht. Das Bedürfnis organisiert im Idealfall die Wahrnehmung durch Ausdifferenzierung einer Figur vor einem Hintergrund und wird dann mit ungeteilter Energie befriedigt. Nur die neurotischen Mechanismen hemmen und verzerren diesen Prozess.

Dieser Begriff geht jedoch über die Beschränkung auf die Sinneswahrnehmung hinaus. Kontakt kann als absoluter Gegenpol zum Autismus einerseits und zum undifferenzierten Reizchaos andererseits gesehen werden. Denn wohl jeder Mensch muß von Geburt an lernen: Es gibt "Ich" und "Nicht-Ich". Was gehört zu mir, was nicht; was ist "Ich" und was ist "Nicht-Ich"? Welche Empfindung bezieht sich auf etwas innerhalb meines Körpers und welche auf etwas außerhalb dessen? Bewußtsein, genauer Bewußtsein seiner selbst kann ohne Erfahrung von "Anderssein" oder "Nicht-Ich" gar nicht entstehen, und diese Erfahrung bedeutet "Kontakt"; Selbst-Bewußtsein und Kontakt bedingen sich gegseitig. In diesem Zusammenhang entwickelt die Gestaltterapie auch den Begriff der Grenze, an der sich Kontakt ereignet; dies soll aber nicht weiter vertieft werden. Die Welt ist mehr als eine Projektion oder Simulation des Gehirns, sie existiert wirklich, wenn auch nur über das zentrale Nervensystem vermittelt - das soll mit der Postulierung von Autismus als Gegenpol zu Kontakt hier einerseits gemeint sein. Andererseits ist die Welt auch nicht ein ozeanisches, intrauterines Reizchaos. Die natürliche geistige Entwicklung einschließlich des Selbst- oder Ich-Bewußtseins kann nur durch "Kontakt" vollzogen werden (an dieser Stelle sei nochmals auf M. Buber verwiesen, vgl. auch S. 13). So gesehen begründet überhaupt Kontakt die normale geistige Funktionsfähigkeit und möglicherweise setzt psychische Gesundheit Kontaktfähigkeit voraus. Jedenfalls soll mit diesen Bemerkungen davor gewarnt werden, den Begriff des "Kontaktes" nur auf "sensivity training" etc. zu reduzieren.

Was dieses zentrale Konzept des Kontaktes für die Drogentherapie so wertvoll macht, beruht in der Möglichkeit, Sucht als eine komplexe Kontaktstörung aufzufassen. Es leuchtet spontan ein, daß der Konsum von Opiaten und deren Abkömmlingen einen absoluten Zustand der Kontaktlosigkeit im obigen Sinn darstellt. Die Substanz erzeugt, besser, simuliert durch das Zentrale Nervensystem einen Zustand, in dem Kontakt zur Umwelt und die Interaktion mit der "Realität" einfach überflüssig wird. Andere Drogen simulieren geradezu Sinnlichkeit oder Impulsivität, wie beispielsweise Kokain oder auch Alkohol. Aber es bleibt doch extreme Kontaktlosigkeit, in diesem Fall zur authentischen Impulsivität. Alles was kann Kontakt herstellen kann, wird halluzinisiert und ist keine eigenständige "Leistung" der Person, sondern der Droge. Im Kontakt sein bedeutet Antidrogen-Verhalten, heißt, in der konkreten Realität zu leben und sich zu erleben - das genaue Gegenteil der Drogenerfahrung. (Wie organismische Selbstregulierung wirkt, zeigt übrigens als Negativbeispiel der Zustand des Entzuges, wenn die Substanzen wieder zugeführt werden müssen, weil der physiologische Schwellenwert unterschritten worden ist. Jetzt erzeugt der Mangel ein extrem starkes Bedürfnis, das der Abhängige mit totaler Konsequenz zu befriedigen sucht. Da wird nicht lange abgewogen, gezaudert, überlegt oder durch Hemmungen gezögert. Der Einsatz für das Ziel ist total und impulsiv).

Polster & Polster (1975), die beide zur Weiterentwicklung der Gestalttherapie beigetragen haben, drücken die Bedeutung von "Kontakt" so aus:

"Kontakt ist belebend. MICHELANGELO hat dies erkannt, als er in der Sixtinischen Kapelle Adam malte, der matt darauf wartet, daß die Berührung Gottes ihn zum Leben erweckt. Durch seine symbolische Darstellung der göttlichen Macht hat MICHELANGELO die Bedeutung des physischen Kontaktes zwischen zwei Wesen gezeigt" (a.a.O. S.127).

 

Das Konzept des Kontaktes und seine dann praktische, therapeutische Umsetzung begründet die Anwendung der Gestalttherapie in der Drogentherapie. Natürlich ist ihr theoretischer Überbau zu komplex, um hier ausreichend dargestellt werden zu können. Daher soll anhand einiger spezieller Facetten ihre "Tauglichkeit" ausführlicher beschrieben werden, wobei die Verknüpfung mit dem Kontaktbegriff nicht immer sofort als evident erscheint. Das fällt vor allem bei Perls auf, ist er doch das Paradebeispiel des intuitiv handelnden Praktikers, der seine Abneigung gegen Theoriearbeit schon fast kultiviert und sich wenig darum kümmert, ob die theoretischen Verbindungen zwischen den Begriffen ausreichend dargestellt sind oder nicht. Unter dieser Perspektive kann man nun einige Merkmale hervorheben, die Gestalttherapie für den eingangs beschriebenen Typus von Drogenabhängigen als sinnvoll erscheinen läßt. Diese sind vor allem:

1. Gestalttherapie rückt Handlungsblockierungen und damit die Interaktion mit der Umwelt in den Vordergrund des therapeutischen Prozesses.

2. Ausgangspunkt und Bezugsrahmen der therapeutischen Interventionen sind die momentanen Erfahrungen und Bewußtseinsinhalte.

3. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt stellt ein wesentliches     Ziel der Gestalttherapie dar

4. Der therapeutische Prozeß bezieht die Emotionalität auch des Therapeuten mit ein.

5. Die im Leben unabgeschlossenen Situationen sind zentrale Inhalte der Therapie.

6. Das therapeutische Verfahren ist direktiv.

 

 

Diese Merkmale sollen nun genauer erläutert werden.

Zu 1.:

Beim neurotischen Klienten sind die "Zugriffsfunktionen", wie es die Gestalttherapie ausdrückt, gestört, wodurch eine aggressive Auseinandersetzung mit der Umwelt unterbleibt. Aggression hat hier insofern eine positive Bedeutung, als sie im ursprünglichen Wortsinn verstanden wird, nämlich als "Heranschreiten, Angreifen" (von lateinisch "ag-gredi"). Nach Auffassung von Perls verfügt der neurotische Klient - nur bei ihm sollte die Gestalttherapie angewandt werden - über ein beträchtliches Manipulationspotential. Aufgrund seiner Hemmungen und Ängste seinen (aggressiven) Handlungsimpulsen gegenüber traut sich der neurotische Patient nicht, eigene Handlungsabsichten zu verwirklichen. Stattdessen versucht er seine Umwelt so zu beeinflussen, daß diese seine Absichten ausführt. Bei dieser Beeinflussung verbirgt er jedoch seine wahren Ziele und scheut auch davor zurück, offen um Hilfe zu bitten. Eine solche Vorgehensweise nennt Perls Manipulationstendenz.

Die Tendenz, seine Umwelt zu manipulieren, bringt der Klient auch in der Therapie zum Ausdruck. Dazu Perls:"Er kommt jedoch nicht mit leeren Händen. Er bringt sein Manipulationsvermögen mit, seine Tricks, mit denen er die Umwelt mobilisiert und dazu benutzt, seine Arbeit für ihn zu tun. Und wir wollen uns nicht der Täuschung hingeben, diese manipulativen Techniken seien leicht zu durchschauen. Der Neurotiker ist kein Dummkopf. Er muß ganz schön schlau sein, um zu überleben, denn ihm geht in der Tat in fühlbarem Ausmaß eine der essentiellen Eigenschaften ab, die das Überleben fördern: die Selbständigkeit. Er ist buchstäblich behindert, und es bedarf beachtlichen Scharfsinns, um damit durchzukommen. Unglücklicherweise sind alle seine Manöver darauf ausgerichtet, die Auswirkungen dieser Behinderung zu minimalisieren, anstatt sie zu überwinden" (Perls, 1976, S. 64).

Wie stellt sich nun diese Manipulationstentenz für den Therapeuten dar? Dazu Perls:"Seine Manipulationsmittel sind mannigfacher Art. Er kann reden, er kann uns mit Worten ertränken. Er kann in die Schmollecke gehen und streiken. Er kann Versprechungen machen und Entschlüsse fassen; er kann Versprechungen machen und Entschlüsse fallen lassen. Er kann unterwürfig sein und er kann sabotieren. Er kann die zartesten Nuancen hören, er kann den Tauben spielen. Er kann sich erinnern oder er kann vergessen, ganz wie die Situation es verlangt. Er kann uns Sand in die Augen streuen und er kann uns auf den Holzweg führen. Er kann lügen und er kann zwanghaft ehrlich sein. Er kann uns mit seinem Elend zu Tränen rühren, oder er kann sein Schicksal mit ehernem Gesicht ertragen. Er kann uns mit seiner montonen Stimme hypnotisieren, oder er kann uns mit ihrem schrillen Mißklang irritieren. Er kann uns, wenn er nur selbst draußen bleiben kann, seine 'Probleme' bringen, säuberlich und mit Blumen seines psychologischen Jargons verziert, und er erwartet dann von uns, daß wir das Paket für ihn auspacken und seinen Inhalt zu seiner Zufriedenheit erklären" (Perls, 1976, S. 65).

Obwohl diese beiden Zitate sich auf den neurotischen Klienten beziehen, zeigen sie gleichzeitig, warum der Perls'sche Ansatz auch auf den eingangs beschriebenen Typus von Abhängigen anwendbar ist. Hier ist zunächst eine kritische Distanz zum Klienten erkennbar, wie sie so von vornherein bei anderen Therapieformen nicht thematisiert ist - teilweise deshalb, weil eine Tendenz zur Manipulation gar nicht als Teil der Neurose betrachtet wird.

Die Tendenz zu manipulieren, ist auch beim Drogenabhängigen eindeutig feststellbar, und zwar nicht nur weil er auch neurotisch ist, sondern weil die Manipulation zum Suchtverhalten gehört. In dieser Tendenz zeigt sich der jahrelange Umgang mit der Illegalität der Drogenbeschaffung und des Konsums. Offener Umgang mit dem Ziel, Drogen nehmen zu wollen, ist wegen der rechtlichen und moralischen Sanktionierung dabei nur schwer möglich. Also bleibt für den Abhängigen nur die Verstellung und Manipulation.

Aber auch die Vergangenheit des Abhängigen mit den ungenügend verarbeiteten Traumata und der wenig die Handlungskompetenz fördernden sozialen Umwelt leistet einer solchen Tendenz Vorschub. Wie bereits geschildert, läßt die soziale Umwelt ein direktes Verwirklichen von Handlungsimpulsen nicht zu, so daß dem Kind oder Jugendlichen nur die Manipulation übrig zu bleiben scheint, es sei denn, die Handlungsziele werden ganz mit dem Risiko einer depressiven Grundstimmung aufgegeben.

Wichtig gemäß dem Perls'schen Ansatz ist, die manipulative Tendenz als eine psychische Behinderung zu betrachten, die einer Person viel Leid verursacht, weil die Verwirklichung von Zielen durch die Manipulation der Umwelt sehr mühsam und frustrierend ist. Der so geprägten Persönlichkeit fehlt ein hohes Maß an Lebenskompetenz, sie ist in vielen Situationen tatsächlich hilflos. Daher ist die Überwindung der manipulativen Tendenz durch die Therapie auch eine Verringerung der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht durch Erweiterung der Handlungskompetenzen und des Lebensmutes.

 

 

Zu 2.:

Ausgangspunkt und Bezugsrahmen der therapeutischen Interventionen sind die momentanen Erfahrungen und Bewußtseinsinhalte, das "Jetzt-Prinzip".

Nach Perls zählt zur neurotischen Störung die Vermeidung der "Hier-und-Jetzt-Bewußtheit", also die Bewußtheit dessen, was im Moment an bewußtseinsfähigen Prozessen abläuft (eben die Vermeidung von Kontakt). Dazu gehören Körperempfindungen, Gefühle und Sinneswahrnehmungen. Das Bemühen, dem Klienten wieder zu einer ungestörten Wahrnehmung dieser im Moment ablaufenden Prozesse zu verhelfen, kennzeichnet die Gestalttherapie. Dazu Perls: "Bewußtheit per se - durch und aus sich selbst heraus - kann heilsam sein. Denn bei voller Bewußtheit wird man sich dieser organismischen Selbstregulierung bewußt und man kann dem Organismus die Herrschaft überlassen, ohne dazwischenzutreten, ohne zu unterbrechen: Wir können uns auf die Weisheit des Organismus verlassen" (Perls, 1979, S. 25).

Zur Verdeutlichung ein weiteres Zitat: "Es muß also Ziel der Therapie sein, ihm (dem Klienten, Anm. d. Verf.) die Mittel an die Hand zu geben, mit denen er sowohl seine gegenwärtigen Probleme lösen kann als auch alle, die morgen oder im nächsten Jahr entstehen können. Dieses Werkzeug ist der Selbst-Support (= Selbsthilfe, Anm. d. Verf.), und den erreicht er dadurch, daß er mit sich und seinen Problemen unter Benutzung aller ihm gerade zur Verfügung stehenden MIittel umgeht und zwar jetzt. Wenn er sich in jedem Augenblick seiner selbst und seiner Handlungen - der phantasierten, der verbalen oder der physischen - wirklich bewußt werden kann, dann kann er sehen, wo seine gegenwärtigen Schwierigkeiten liegen, und dann kann er sich selbst helfen, sie in der Gegenwart, im "Hier-und-Jetzt", zu lösen" (Perls, 1979, S. 81).

Die Betonung des gegenwärtigen Erlebens kommt der Mentalität der Abhängigen entgegen, da diese in gewisser Weise gerade wegen ihrer Sucht sehr oder fast ausschließlich gegenwartsbezogen orientiert sind und einen Großteil ihrer Wahrnehmung auf das momentane Erleben richten, sei es als Wahrnehmung der Wirkung einer Droge, sei es als Wahrnehmung der körperlichen und psychischen Symptome des Entzugs. Man kann dem Konsumerlebnis neben dem Verlangen nach euphorischen Zuständen auch ein Interesse an Bewußtseinsphänomenen und den Hang damit zu experimentieren wollen, zuschreiben. Darin unterscheiden sich die Drogenabhängigen deutlich von anderen Patientengruppen wie beispielsweise von Zwangsneurotikern, deren Bewußtsein nur dazu zu dienen scheint, sich permanent Normenerfüllung gegenwärtig zu halten, oder Angstneurotikern, die ihrem Bewußstein mißtrauen, weil immer mit Panikattacken zu rechnen ist. Negativ drückt sich dieser Gegenwartsbezug in dem "In-den-Tag-Hineinleben" oder in der Konzentration aller Kräfte auf die nächste Injektion aus. Nun könnte darin aber ein Widerspruch auftauchen, ist doch gerade das Aufbauen einer Zukunftsperspektive und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, also das Heraus aus der engen Gegenwart, ein Ziel der Drogentherapie. Trotzdem ist die Gestalttherapie mit ihrem "Jetzt-Prinzip" (ein Ausdruck von Polster & Polster, 1975, S. 15 ff) deshalb nicht kontraindiziert, weil sie den Klienten entgegenkommt, sie dort abholt, wo sie stehen, nämlich bei ihrer Fixierung auf momentane Bewußtseinsphänomene und sie nicht mit abstrakten Zukunftsentwürfen oder rationalem "Über-die-Vergangenheit-Reden" von sich weiter entfremdet.

 

 

Zu 3.:

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt stellt ein wesentliches Ziel der Gestalttherapie dar.

In der Gestalttherapie stehen die Emotionen des Klienten als sehr authentische und ursprüngliche Lebensäußerungen im Mittelpunkt der therapeutischen Bemühungen. Wenn man die Protokolle der Therapiesitzungen von Perls nachliest, wird deutlich, welches Gewicht er den Gefühlen als Schlüssel zu den entscheidenden Motiven und Erlebnissen eines Menschen beimißt. Sie bilden einen gesunden Gegenpol zu den rationalen Verbalisierungen, die Perls als einen Teil der neurotischen Störungen betrachtet. Die langen emotionslosen Monologe und das Reden über Probleme macht er der analytischen Praxis zum Vorwurf, zumal die Verbannung der Emotionalität lange sozial erwünscht war:

"Denn die Emotionen sind, auch wenn die moderne Psychiatrie sie behandelt, als seien sie ein ärgerlicher Überschuß, den man eliminieren müsse, unser eigentliches Leben. Wir können die Emotionen diskutieren und interpretieren, wie immer wir wollen. Es ist Zeitverschwendung. Denn die Emotionen sind die Sprache des Organismus; sie modifizieren die grundlegende Erregung entsprechend den Erfordernissen der Situation. Die Erregung wird in bestimmte Emotionen transformiert, und die Emotionen werden zu sensorischen und motorischen Vollzügen umgeformt. Die Emotionen liefern die Energie für die Besetzungen und mobilisieren die Mittel und Wege, Bedürfnisse zu befriedigen" (Perls, 1977, S. 41).

Auch für den Drogenabhängigen ist die Auseinandersetzung mit seiner Emotionalität eine entscheidende Voraussetzung für die Überwindung der Sucht. Die ungünstige Verarbeitung seiner Traumata, das Ignorieren oder Abwerten seiner Emotionalität durch seine Umwelt während seiner Sozialisation, das Idol des "coolen" Typs in der Subkultur und das Maskieren der Emotionalität als bittere Notwendigkeit, um überhaupt die Drogenbeschaffung zu bewältigen, sei es dem Dealer gegenüber, sei es um irgendwo Geld aufzutreiben etc., all das führt zu einer Abspaltung der Gefühlswelt und zu einer Unfähigkeit, sie konstruktiv zu bewältigen. Das Verlangen nach Substanzen, die positive Gefühle erzeugen, negative verschwinden lassen und insgesamt die Grundgestimmtheit fühlbar ändern, zeigt, daß diese Verdrängung der Emotionalität nicht gelungen ist, er unter ihr leidet und nüchtern auch keine Distanz dazu hat. Will er seine Sucht überwinden, so muß es ihm gelingen, nüchtern eine positive Gestimmtheit zu erreichen, negative Gefühle ohne euphorisierende oder dämpfende Mittel zu überwinden oder auch unangenehme Erfahrungen hinnehmen zu können.

Nun läßt sich aber bei Drogenabhängigen immer wieder feststellen, daß sie gar nicht mehr in Betracht ziehen, wie sie - außer mit Drogen - eine positive Gestimmtheit bzw. angenehme Gefühle erreichen könnten. Wenn man schlecht drauf ist, keinen Antrieb verspürt oder etwas Besonderes erleben will, dann müssen entsprechende Substanzen 'eingeklinkt' oder 'eingeworfen' werden. Ein Zusammenhang zwischen Emotionalität und den eigenen Handlungen wird überhaupt nicht gesehen. In der Motivationspsychologie gibt es nun Ansätze, die in der Emotionalität eine Art spontaner, "organismischer Kommentar" zum Stand der Verwirklichung der eigenen Handlungsabsichten sieht. So schreibt Heckhausen:

"Plausibler erscheint allerdings eine andere Sicht. Statt einer typischen Grundemotion oder einer Mischung verschiedener Grundemotionen und ihrem entsprechenden mimischen Ausdruck, die für ein gegebenes, nur beim Menschen anzutreffendes Motiv das typische leitende Erleben und damit ein am Ausdruck ablesbarer Indikator für eben dieses Motiv wären, können so gut wie alle Grundemotionen im Verlauf einer von einem gegebenen Motiv geleiteten Handlung auftreten. Je nachdem, ob der Fortgang der Handlung glatt oder stockend ist, ob er gefördert oder unterbrochen wird, ob sich unerwartete Schwierigkeiten in den Weg stellen oder glückliche Fügungen ergeben, ob man in böser Absicht behindert und ob man schließlich verbindliche Standards erfüllen oder nicht erfüllen kann - all dies kann mit den Grundemotionen [...] verknüpft werden und im Ablauf der Handlung wechseln [...]"

Und weiter:"[...] daß Emotionsphasen, in denen die eine oder andere Grund-emotion dominiert oder sich mit anderen mischt, sich im wesentlichen auf Schub- oder Stopp-Phasen in der Initiierung und im Ablauf einer Handlung beziehen, deren Ziel man aufgrund einer vorausgehenden Motivationsphasen intendiert hat; [...]" (Heckhausen, 1989, S.76).

Polster & Polster drücken dies so aus:

"Jeder Mensch organisiert seine Energie so, daß er einen guten Kontakt zu seiner Umwelt findet, oder er leistet dem Kontakt Widerstand. Wenn er das Gefühl hat, daß seine Anstengungen erfolgreich sein werden - daß er potent ist und daß seine Umwelt ihm eine Gegenleisuntg bieten kann -, dann wird er dieser Umwelt mit Lust, Vertrauen und sogar mit Wagemut gegenüberteten. Aber wenn seine Anstrengungen nicht das bringen, was er will, dann enstehen in ihm die verschiedensten störenden Gefühle: Ärger, Verwirrung, Groll, Impotenz, Enttäuschung usw. In diesem Fall muß er seine Energie auf vielfache Weise ableiten, was die Möglichkeit einer kontaktreichen Interaktion mit seiner Umwelt verringert" (a.a.O., S. 77).

Anhand dieser Zitate läßt sich leicht die Fruchtbarkeit der Handlungsperspektive einsehen, wie sie im vorangegangenen Abschnitt aufgezeigt wurde. Auch das weiter unten noch näher beschriebene Konzept des "unerledigten Geschäftes" als einer wesentlichen Grundauffassung der Gestalttherapie fügt sich in den Zusammenhang mit der Emotionalität ein. Es mag vielleicht banal klingen, aber der Drogenabhängige muß oft erst (wieder) begreifen, daß er seine Emotionalität, seine Stimmungen durch sein eigenes Handeln beeinflussen kann, und abgebrochene oder nichtbegonnene Handlungen eine Vielzahl von unangenehmen Gefühlen auslösen können, je nachdem wie erreichbar oder unerreichbar die zugrundeliegenden Ziele sind.

 

 

 

Zu 4.:

Der therapeutische Prozess bezieht die Emotionalität auch des Therapeuten mit ein.

Die Emotionalität des Therapeuten ist insofern wesentlich, als die Gestalttherapie in dessen subjektivem Erleben auch ein diagnostisches Mittel sieht, das in die Therapie eingeht. Außerdem ist es wichtig, daß der Klient erfährt, welche Gefühle er wiederum bei einem Therapeuten auslöst. Strikte Zurückhaltung, sehr kontrolliertes Verhalten, Vermeiden jeglicher Wertung, wie es andere Therapieformen vom Therapeuten verlangen, sind bei Drogenabhängigen eher kontraindiziert. Das wird nämlich als "cool", wenig echt, hinterhältig, als mangelnde Fähigkeit zur eigenen Meinung oder als Desinteresse ausgelegt. Diese Tendenz der Wahrnehmung ist ein Übertragungseffekt von wichtigen Personen der Sozialisation und der Drogenkarriere auf die Therapeuten; insgesamt kann sie durch die Echtheit der Therapeuten abgebaut werden, wozu eben in deutlichem Maße deren erfahrbare Emotionalität beiträgt. Die Klienten wollen wissen, wen sie vor sich haben, und das gelingt über offenes emotionales Verhalten der Therapeuten überzeugender als durch Darlegungen ihrer Weltanschauungen, ist doch die Emotionalität der ursprünglichere Ausdruck einer Person als das Denken (vgl. auch Abschnitt über die therapeutische Beziehung, S. 30). Somit trägt die Emotionalität der Therapeuten eben auch zum Erleben von Kontakt durch die Klienten bei und ist nicht eine beqeme Entlastung - was manchmal vergessen wird.

 

 

Zu 5.:

Die im Leben unabgeschlossenen Situationen sind zentrale Inhalte der Therapie

"Das ist das Grundkonzept der Gestalttherapie: Der Patient wiederholt zwanghaft im täglichen Leben alles, was er nicht zu einem befriedigenden Abschluß bringen kann. Diese Wiederholungen sind sein unerledigtes Geschäft. Aber auf diese Weise kann er nicht zu einer kreativen Lösung kommen, weil er seine Blockierungen mit seinen Wiederholungen zusammen ausagiert" (Perls, 1977, S. 111).

Wie schon weiter oben (S. 18) aufgezeigt, gibt es im Leben eines Abhängigen viele "unerledigte Geschäfte", wie nicht erfüllte Wünsche, nicht ausgeführte Absichten oder Verlangen nach Vergeltung, die emotional nur mit Drogenkonsum ertragen werden. Wichtig an der Gestalttherapie ist, daß sie dem Einfluß der Vergangenheit zwar Rechnung trägt, indem sie von unabgeschlossenen Erfahrungen (oft 'offene Gestalten' genannt) als die Gegenwart bestimmende Einflußgrößen ausgeht, aber gleichzeitig nicht von vornherein festlegt, welche Konstellationen der Vergangenheit prägend sind, wie etwa die Psychoanalyse. Von daher ist der therapeutische Prozess frei für das Erkennen eines ganz persönlichen Prägemusters.

Andererseits verzichtet sie in ihrer Psychopathologie nicht auf die Vergangenheit, um sich nur auf die Gegenwart oder Zukunft zu konzentrieren im Sinne von Selbstverwirklichung, Selbsterfahrung oder Verhaltenskontolle wie etwa bei der Gesprächspsychotherapie oder Verhaltenstherapie.

Wie schon ausgeführt (vgl. S. 17): Der Drogenabhängige hat traumatisierende Erfahrungen hinter sich, die sich auch in der Gegenwart nicht unterdrücken lassen. Deshalb muß die Therapie die Vergangenheit einbeziehen, ohne gleichzeitig nur bestimmte Standardsituationen als psychisch verletzend anzunehmen. Was wirklich traumatisierend war, zeigt sich erst im therapeutischen Prozess. Diese Einbeziehung der Vergangenheit durch die Postulierung eines Mechanismusses, der verhindert, daß nicht zu Ende geführte Pläne, emotional nicht abgeschlossene Erlebnisse, eben "unerledigte Geschäfte" oder "offene Gestalten", einfach vergessen werden, verlangt aber auch nach einer therapeutischen Methode, die ein "Herumwühlen" in der Biographie vermeidet und dem weiter oben dargestellten "Hier-und-Jetzt-Prinzip" nicht im Wege steht.

Dazu Perls:"Es reicht nicht aus, sich einen vergangenen Vorfall in die Erinnerung zurückzurufen, man muß psychodramatisch zu ihm zurückkehren" (1977, S. 85).

Wie das geschieht, verdeutlicht folgendes Zitat, das gleichzeitig eine der wesentlichsten Methoden der Gestalttherapie darstellt:"Wir können mit unseren Patienten zusammen Psychodrama spielen, und wir können sie aber auch ermuntern, dieses Spiel alleine zu spielen. Das Spiel nennen wir 'Monotherapie'. In letzterem Fall erschafft sich der Patient seine eigene Bühne, seine eigenen Schauspieler, seine eigenen Kulissen, seine Spielleitung und seinen Ausdruck. Das gibt ihm Gelegenheit zu erkennen, daß alles was er phantasiert, zu ihm gehört, und gibt ihm eine Chance, die Konflikte in seinem Inneren zu sehen. Die Monotherapie vermeidet also die Einmischung und Vorschriften anderer, die im üblichen Psychodrama gewöhnlich anwesend sind" (Perls, 1977, S. 105).

Was Perls hier Monotherapie nennt, ist unter der Bezeichnung "Technik des heißen Stuhls" geläufiger, da als wichtigstes Requisit der psychodramatischen Darstellung oft ein leerer Stuhl für einen phantasierten Konfliktpartner oder einen verschmähten Teil der Persönlichkeit verwandt wird. Nun werden erfahrungsgemäß bei dieser psychodramatischen Vorgehensweise viele alte, nicht aufgelöste Emotionen und Impulse wieder aktualisiert, die dann sinnlich erfahrbar werden im Sinne des Kontaktbegriffs. Mit dieser Vorgehensweise gelingt es Perls sein "Hier-und jetzt-Prinzip" aufrechtzuerhalten, obwohl das Thema sich auf die Vergangenheit bezieht. Und das ist wiederum nur möglich, weil man einen psychischen Mechanismus der Unfähigkeit zu vergessen, des unerledigten Geschäftes, der offenen Gestalt, des Zeigarnick-Effektes, oder wie auch immer benannt, akzeptiert und therapeutisch integriert, wie schon gezeigt wurde (vgl. S. 18 ff ).

 

 

Zu 6.:

Das therapeutische Verfahren ist direktiv

In der Gestalttherapie greift der Therapeut in den Therapieverlauf lenkend ein, er gibt Anweisungen, stellt Aufgaben und untersagt bestimmte Verhaltensweisen; deshalb wird das Verfahren direktiv genannt. Wenn auch die Theorie vorschreibt, wann er lenkend eingreifen soll, nämlich dann, wenn neurotische Verhaltensweisen oder Mechanismen auftauchen, wie Ausblenden der aktuellen Wahrnehmung oder Manipulationstendenzen, so bleibt doch das Risiko, daß sich der Klient nur anpaßt und sich nicht wirklich ändert.

Daher sind andere therapeutische Verfahren konsequent nondirektiv, wie etwa die Gesprächspsychotherapie. Für eine Darstellung der Kontroversen zu diesem Problem zwischen den verschiedenen Schulen fehlt hier der Raum, doch es ist auch eine Frage der Indikation eines therapeutischen Verfahrens für eine bestimmte Patientengruppe.

Im Fall der eingangs beschriebenen Suchtpersönlichkeit geht die Drogentherapie von der Notwendigkeit des direktiven Eingreifens durch die Therapeuten aus, wie es bei der Gestalttherapie der Fall ist. Bei einer starken Drogensucht ist das symptomatische Verhalten so mächtig, daß der Betroffene nicht in der Lage ist, es allein zu kontrollieren. Die Radikalität der Drogenbeschaffung, die fast alle moralischen Skrupel (Tötungsdelikte eindeutig ausgenommen) überwindet, zeigt diese Macht des Symptoms. Sie zeigt auch, daß der Drogenabhängige, wenn er sich selbst überlassen bleibt und von außen keine Anstöße erhält, eher bereit ist wegen seiner Sucht den Tod in Kauf zu nehmen als sich zu ändern. Die Prägung durch die Sucht, die in diesem Zusammenhang auch eine Gewöhnung an die eigene Passivität und Leidensbereitschaft bedeutet und der weiter oben schon erwähnte, biographisch bedingte Mangel an aktivem Bemühen um Änderung, lassen ein nondirektives Vorgehen geradezu kontraindikativ erscheinen.

Erfahrungsgemäß ist der Drogenabhängige zu Beginn der Therapie weitaus ausdauernder im Abwarten bis etwas geschieht als alle Therapeuten bzw. er greift eher zur Droge als etwas an sich selbst oder der Situation zu ändern. Sieht das therapeutische Verfahren dann aber eine eher kommentierende oder rückmeldende Haltung vor, so besteht die Gefahr, daß der Klient die Nichtaktivität der Therapeuten als grundsätzliche Nichtänderbarkeit oder Hoffnungslosigkeit der momentanen Lebenssituation mißversteht.

Mit ihrer Direktivität in Richtung auf eine offenere Wahrnehmung und größere Selbstmobilisierung eröffnet die Gestalttherapie dem Klienten neue Erfahrungen, macht ihn neugierig und setzt seiner Depressivität etwas Positives entgegen, zeigt, daß er in der Lage sein kann, neue Wege zu gehen. Das direktive Eingreifen ist also ein Mittel, mit dem die "gesunden" Anteile eines Klienten mobilisiert werden sollen und nicht eine Form der Disziplinierung. Es zielt auf die neurotischen Mechanismen ab, unter denen er selbst leidet und hilft ihm, sich davon zu befreien, was er allein nicht vermag. Für einen Drogenabhängigen bedeutet das Erleben seiner Lebendigkeit durch Entdeckung seiner Wahrnehmung und seiner Strebungen eine neue Perspektive in seinem bisherigen Leben.

Daß direktives Verhalten durch einen Therapeuten nicht mit Passivität des Klienten einhergeht, ist eine Stärke des gestalttherapeutischen Ansatzes und bei der unabdingbaren Aktivierung des Drogenabhängigen von größter Wichtigkeit. Die Vereinbarkeit von Aktivierung des Klienten mit direktivem Verhalten zeigen die Protokolle von Therapiesitzungen von Perls (vgl. 1979) in eindrucksvoller Weise.

 

 

 

8. Der Therapieverlauf

Der therapeutische Prozess ist von seinem Verlauf her auf das Fernziel einer für den Drogenabhängigen attraktiven, drogenfreien Existenz ausgerichtet. Dazu gehören die drei genannten Ziele (vgl. S. 7). Gemäß dem Zwei-komponentenmodell der Sucht wird mit dem tiefenpsychologischen Verfahren der Gestalttherapie die psychoneurotische Komponente angegangen, also die Stimmungslabilität, die heftigen emotionalen Erregungen etc. und vor allem die Drogengedanken und Gierattacken. Für die Verhaltenskomponente der Sucht wird das Regelwerk der Konzeption und verhaltenstherapeutisches Vorgehen angewandt, um Verhaltensketten und Abläufe zu unterbrechen, die in einer Konsumhandlung enden, und um Antisuchtverhalten aufzubauen. Trotz dieser therapeutischen Maßnahmen ist eine völlige "Heilung" von der Sucht, die den Süchtigen wieder der "Normalbevölkerung" gleichstellt, unwahrscheinlich - zumindest über viele Jahre hinweg. Es bleibt für den ehemaligen Süchtigen lange ein verglichen mit der Normalbevölkerung größeres Risiko, wenn er mit legalen oder sogenannten ungefährlichen, aber illegalen Drogen in Kontakt kommt. Von daher wird er nie mehr "so sein können" wie vor der Sucht.

Über Jahre hinweg muß auch noch Selbstkontrolle ausgeübt werden, um einen Rückfall zu vermeiden, obwohl eine erfolgreiche Therapie die willentliche Kontrolle der Sucht selten notwendig macht, da die Bewußtseinsinhalte kaum noch drogenorientiert sind und das Gegensuchtverhalten weitgehend automatisiert ist. Die Stabilisierung gelingt aber um so dauerhafter, wenn die erreichte Lebenssituation als so attraktiv empfunden wird, daß gleichzeitig auch ihr Verlust durch erneuten Drogenkonsum sofort antizipiert werden kann. Und dies unterscheidet den erfolgreichen Therapieabsolventen vom Einsteiger in die Sucht: Ersterer weiß, was er verlieren würde, letzterer hat nichts zu verlieren, weil seine Lebenssituation für ihn aversiv, d.h. abweisend, erlebt wird. Das ist das Problem der Drogenabhängigen, sie geben sich selbst nicht die Chance, drogenfrei zu leben. Allerdings, woher soll bei ihren Lebensumständen diese Zuversicht auch kommen? Bis die befriedigende Lebenssituation erreicht ist, die nicht mehr aufs Spiel gesetzt werden kann, vergehen gut fünf Jahre, rechnet man vom Beginn der Therapie an. Und darin liegt auch die Aufgabe der Therapie: Sie muß dem einzelnen helfen, trotz seiner permanent vorhandenen psychischen Labilität ein fernes Ziel stetig anzusteuern, das er gar nicht richtig kennt bzw. nur vage antizipiert, eben die attraktive drogenfreie Existenz. Alle therapeutischen Aktivitäten resultieren daraus: die Auseinandersetzung mit den Schmerzen der Vergangenheit, die schnell aktiviert sind, die Eingewöhnung in ein Antisuchtverhalten, die berufliche Rehabilitation, das Leben in einer Therapeutischen Gemeinschaft, die lange Zeit des therapeutischen Prozesses.

Natürlich wird irgendwann das neue Leben so selbstverständlich sein, daß die Rückfallvermeidung als bewußte Intention gar nicht mehr präsent ist. Drogen zu nehmen erscheint dann geradezu als absurd. Aber diese Einstellung reift erst, wenn das "neue" Leben dann auch über Jahre gelebt wird. Für die Therapie bedeutet dies eine jahrelange Begleitung und Anbieten eines "Sicherheitsnetzes", in das der einzelnene auch fallen kann, wenn er auf seinem langen Weg einmal "straucheln" sollte. Das geht aber nur, wenn der therapeutische Prozess nicht zerstückelt wird durch Beziehungsabbrüche, sondern eine Kontinuität von Beziehungen gewährleistet. Vor diesem Hintergrund muß die Konzeption und der sich daraus ergebende Therapieverlauf gesehen werden: Lange therapeutische Beziehungen trotz abnehmender Betreuungsdichte und Leben in einer drogenfreien Gegenkultur.

 

Der Therapieverlauf kann nicht so ohne weiteres willkürlich beeinflußt werden, weil er in Wechselwirkung mit Klienten, Therapeuten, Einrichtung und Merkmalen der Therapieverfahren eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Man kann nicht einfach Therapieziele festlegen und davon ausgehen, diese könnten in einem mehr oder weniger kontinuierlichen Prozess verwirklicht werden. Wie die Lernpsychologie zeigt, verlaufen selbst einfache Lernvorgänge wie das Auswendiglernen von Silbenreihen nicht analog einer ansteigenden Gerade in einem Schaubild. Um so komplexer sind die Vorgänge in einem therapeutischen Prozess. Diese Bemerkungen scheinen notwendig zu sein, wenn man sich Konzeptionen mancher Einrichtungen betrachtet, wo eine möglichst ausgeklügelte Zieldefinition als ausschlaggebend für den Therapieprozess erachtet bzw. ihm gleichgesetzt wird. Im Gegensatz dazu wird hier von einem Phasenmodell des Therapieverlaufs ausgegangen, d.h. es lassen sich eigendynamische Phasen identifizieren, diese sind aufeinander bezogen und können weder übersprungen noch eliminiert werden. Um einer Begriffsverwirrung vorzubeugen, sei angemerkt, daß die äußerst wichtigen Verlaufsphasen im Stammhaus als Stufen bezeichnet werden. Die Struktur dieser Verlaufsphasen und ihre konzeptionelle Bezeichnung läßt sich nun so darstellen:

 

A. Medizinischer Entzug

Er ist die Voraussetzung für die Drogentherapie, denn unter der Abstinenzbedingung läßt sich die Suchtstruktur subjektiv am besten erfahren und dadurch ändern

 

B. Phase I - Stammhausphase (vollstationär) - ca. 10 Monate

 

Sie stellt den vollstationären Therapieabschnitt im Stammhaus dar. Kennzeichnend dafür sind hohe Betreuungsdichte und anfänglich sehr geringer Außenkontakt, der allmählich zunimmt. In dieser Stammhausphase lassen sich wiederum drei wichtige Entwicklungsphasen, Stufen genannt, unterscheiden. Es sind dies:

 

Stufe 1 - Grundstabilisierung

Nach dem körperlichen Entzug leiden die Klienten unter großer psychischer Labilität mit starken Stimmungs- und Motivationschwankungen, der von Beginn an psychotherapeutisch entgegengewirkt werden muß. Teilweise ist dies durch den sekundären Entzug verursacht, der ein halbes Jahr dauern kann und der seit dem Einsatz von Substitutionsmitteln deutlich ausgeprägter ist

 

Stufe 2 - Identifikation und Tiefung

Ein Identifikationsprozess mit der Gruppe und der Einrichtung hat eingesetzt, zu diesem Zeitpunkt der effektivste Mechanismus für die Abbruchvermeidung, die Übernahme wichtiger Normen und Therapieziele und die Stärkung der gesamten Therapiemotivation. Identifikationsprozesse treten immer auf, daher muß die Konzeption sie konstruktiv zusammen mit der Gruppendynamik als wesentliche Therapiefaktoren nutzen. Verbunden damit bzw. erst dadurch möglich ist eine Vertiefung des therapeutischen Prozesses, weil die Klienten beginnen, ihre tiefer liegenden psychischen Verletzungen zu offenbaren.

Stufe 3 - Autonomie

Es beginnt eine Besinnung auf die eigene Individualität, die aber nur in der Beziehung zur Gruppe reifen und erlebt werden kann. Dies wird gefördert durch Einstieg in den Rehabilitationsprozess, Berufseignungstests, ein Arbeitspraktikum, und die Vorbereitung des Übergangs in die Adaptionsphase. Das Autonomiebedürfnis darf nicht als Signal einer Selbständigkeit zur Begründung sofortiger Entlassung werden. Diese würde zu diesem Zeitpunkt zu einer pubertäts- oder adoleszenzähnlichen Verunsicherung der Person und damit Rückfall führen.

 

C. Phase II - Adaptionsphase

Sie wird in einem Stadthaus mit hoher Platzzahl durchgeführt, um eine große Gruppe mit unterschiedlicher Verweildauer der Mitglieder zu gewährleisten, ist gekennzeichnet durch eine zwar wesentlich geringere Betreuungsdichte, aber weiterhin fortgesetzter psychotherapeutischer Einzel- und Gruppentherapie und wird getragen durch das Bezugstherapeutensystem aus der Phase I. Sie dient der Eingewöhnung in Ausbildung und Beruf und der Bewältigung der Abstinenz unter gesellschaftlich realistischen Bezügen. Die ersten beiden Monate sind vollstationär, um der problematischen Eingewöhnung gerecht zu werden, denn: Es werden Krisen aktualisiert analog zu jenen der Pubertät und Adoleszenz aufgrund der Ähnlichkeit der psychischen Situation nach Verlassen des Stammhauses mit der nach Verlassen des Elternhauses und der dabei stattfindenden Auseinandersetzung mit existentiellen Zielen, wie Beruf, zukünftige Lebensgestaltung etc.

Der Übergang in die Nachsorge wird vorbereitet


D. Phase III - Nachsorge und Sekundärprävention (ambulant) - ca. 3 Jahre

Sie ist eine ambulante Maßnahme primär in Form regelmäßiger Gruppenpsychotherapie (14tägige, dreistündige Treffen). Sie sichert die Stabilität, indem sie der gesellschaftlichen und psychischen Isolation abstinenter Drogenabhängiger entgegenwirkt, die wiederum eine Folge der Drogenkarriere darstellt. Außerdem dient sie der Rückfallprävention, der Krisenintervention und dem Aufbau einer drogenfreien Gegenkultur

 

 

 

 

 

8.1 phase  I : die stationäre Phase

8.1.1 Grundstabilisierung, Stufe 1

Sobald ein Klient medizinisch entzogen und damit nicht mehr körperlich abhängig ist, wird er in die TG aufgenommen. Im Aufnahmegespräch mit der Gruppe stellt er sich vor, wird nach seinem bisherigen Leben befragt, kann selbst fragen und wird dann aufgenommen, indem jeder dazu sein Einverständnis gibt. Praktisch wird jeder aufgenommen, ganz selten wird jemand abgelehnt, dann aber mit guten Gründen. Das wäre der Fall, wenn es sich um den Zuhälter einer Klientin oder einen verhaßten Dealer handelte. Ansonsten ist dieses Gespräch entgegen verbreiteter Vorstellungen schon seit langem keine Motivationsprüfung mehr, sondern ein Akt der Begrüßung und Vorstellung.

Zu Beginn der Therapie gilt die eingangs gegebene Charakterisierung der Klienten, die in die Einrichtung kommen. Nun stellt diese Aufzählung aber eine eher abstrakte Charakterisierung dar, die dem konkreten therapeutischen Handeln im Alltag wenig Ansatzpunkte gibt. Dieses setzt an dem momentanen Verhalten und Erleben der Neuankömmlinge an. Im Alltag zeigen die Klienten eine hohe emotionale Labilität, die sehr schnell in eine depressive oder dysphorische Grundstimmung umschlägt, aufgrund derer jegliches Bemühen sinnlos erscheint. Sie wissen dann überhaupt nicht mehr, warum es gut sein soll, "clean" zu werden. Und eine Therapie zu schaffen, womöglich eine Ausbildung zu bewältigen, ist nicht mehr vorstellbar. Selbst ehemalige Klienten, die nachweislich dies alles erreicht haben, werden als nicht mit einem selbst vergleichbar erlebt, weil diese bestimmt irgendwie von vornherein "besser" waren. In einer Art Unkenntnis den eigenen Stimmungen gegenüber scheint alles auf die Unmöglichkeit einer Änderung des Lebens hinzudeuten. Drogenträume sind dann ein Zeichen einer nichttilgbaren Gier, Vergeßlichkeit ein Zeichen von drogenbedingten Hirnschädigungen. Weil plötzlich manchmal alles in der Erinnerung als nicht mehr so schlimm erscheint, sei es die Prostitution, die Kriminalität oder Entzüge, muß es auch nicht schlimm gewesen sein. Im Grunde war es auch kein Problem, von der Sozialhilfe gelebt zu haben, ja auch das Leben ohne festen Wohnsitz war eine amüsante Erfahrung.

Was also Dysphorie und Depressivität fast ergänzt, ist eine euphorisierende oder verniedlichende Erinnerung, die eine Anstrengung in Richtung Abstinenz überflüssig, ja geradezu grotesk erscheinen läßt. Die momentane Stimmung wird als absolut und nicht mehr änderbar erlebt, sie stellt die Realität schlechthin dar. Bei psychisch stabilen Menschen besteht im Gegensatz dazu immer noch eine gewisse Distanz den eigenen Stimmungen gegenüber, in dem Sinne, daß man sehr wohl um deren Änderbarkeit und zeitliche Begrenztheit "weiß", oder auf den Weitergang "des Lebens" hofft etc. Solche Mechanismen sind bei den Klienten zu Beginn der Therapie nur schwach ausgebildet. Wegen dieser Labilität finden die meisten Therapieabbrüche in den ersten sechs Monaten statt.

Das allererste Therapieziel besteht nun darin, diese Stimmungsschwankungen abzumildern und für den einzelnen besser beherrschbar zu machen, wobei auch das Gefühl der Ohnmacht ihnen gegenüber schwinden muß. Therapeutisch geschieht dies durch Herausfinden der Auslöser in der Einzel- und Gruppentherapie. Meist sind es die Alltagsfrustationen, von denen der einzelne nicht berichtet und die er nicht emotional ausdrückt. Oft sind es aber auch Erinnerungen an und Assoziationen mit traumatischen Erfahrungen, massiven Konflikten oder Drogenerlebnissen, die unkontrollierbar ins Bewußtsein drängen und über die er nicht reden möchte. Diese müssen dann psychotherapeutisch bewältigt werden durch Mitteilen, Ausdrücken, also durch Selbstöffnung und emotionale Entlastung und vor allem durch die Einzel- und Gruppentherapie (mit ersterer beginnt der Anfänger ebenfalls in den ersten zwei bis drei Wochen). Geschieht das konstruktiv, so erlebt ein Klient immer wieder das Auflösen von solch belastenden Emotionen und er gewinnt Einblick in seine eigene Bewußtseinsdynamik. Die Auseinandersetzungen mit den erlebten Traumata, die oft zum ersten Mal anderen überhaupt mitgeteilt werden können, bewirken eine Verminderung starker negativer Emotionen. Sie müssen dann auch nicht mehr zwingend mit Symptomhandlungen bis hin zum Drogenkonsum kompensiert werden. Außerdem werden eigene psychische Mechanismen immer mehr reflektiert und begreifbarer. Auch werden durch die verhaltenstherapeutisch orientierten Interventionen und Konzeptionsregeln Drogenreize und Verhaltensabläufe zum Kosum hin weitgehend ausgeschlossen, wodurch eine weitere Stabilisierung erreicht wird.

Neben der psychischen Labilität aufgrund der oben geschilderten Bewußtseinsdynamik spielt zu Beginn der Therapie als weiteres labilisierendes Moment die Drogenideologie, das suchtorientierte Denken eine große Rolle. Dies dem einzelnen in ihrer motivationsgefährdenden Wirkung im Alltag so bewußt zu machen, daß die Gefährdung durch das eigene Denken gesenkt wird, dauert bis zu einer ersten Stabilität, um die Klienten zu zweit in die Stadt lassen zu können, auch mehrere Monate. Dabei ist es eben nicht möglich, den Einzelnen "umzuerziehen", indem ihm von außen beigebracht wird, was alles suchtorientiertes Denken ist. Die Klienten sind auf diese Weise erfahrungsgemäß nicht dazu bereit, es erzeugt nur Widerstand gegenüber der Therapie. Vielmehr müssen sie selbst bereit werden, diese Einstellungen zu ändern. Das geht aber nur durch den Aufbau von Vertrauensbeziehungen zu Therapeuten und zur Gruppe, so daß sie diesen auch zu glauben beginnen. Denn die Drogenideologie ist eben eine Ideologie, und eine Ideologie zu ändern ist ein psychisch schwieriger Prozeß, der durch positive zwischenmenschliche Beziehungen begleitet werden muß. Dazu gehört auch das Entwickeln von Vertrauen in die Gruppe und die Therapeuten, um dann den Mut zu bekommen und zu offenbaren, was sie tatsächlich in bezug auf Drogen denken und fühlen. Natürlich wird kritische Rückmeldung von erfahrenen Klienten in Auseinandersetzungen ebenfalls helfen, die Suchtideologie abzubauen, wenn die Beziehungen vorhanden sind. Aber bis Suchtideologie und suchtorientiertes Denken keine akute Abbruch- und Rückfallgefährdung mehr darstellen, benötigen die Klienten drei bis sechs Monate.

Bis sich dann auch suchtorientierte Einstellungen, die Alkohol und Haschisch tolerieren, gewandelt haben, vergeht ein Jahr. Hält ein Klient danach diese Drogen immer noch für keinen Einstieg in den Rückfall, ist er stark gefährdet und kann so nicht in die offene Adaptionsphase entlassen werden. Auch dieser Aspekt der Drogenideologie ist am Anfang der Therapie bei unseren Klienten stark ausgeprägt und wird heute mit der enormen Zunahme der allgemeinen Drogentoleranz und der gleichzeitigen fortschreitenden Ablehnung der Abstinenz als Therapieziel immer wichtiger. Dadurch werden nämlich ebenfalls längere Behandlungszeiten notwendig, was sich aber auch nicht in Tagen angeben läßt, außer daß Praktiker vor Ort dies feststellen.

Bei dieser ersten Stabilisierung haben auch die durch die Konzeption geregelten festen Abläufe eine wichtige Funktion. Die Regelmäßigkeiten des Tages- und Wochenablaufes, die Rituale bei Entscheidungen, Rechte und Pflichten, all das erzeugt im Laufe der Wochen eine beruhigende Routine, wodurch die Klienten immer beschäftigt sind und so etwas abgelenkt werden von ihrem Drogenproblem. Sie können nicht die ganze Zeit über ihr Drogenproblem nachgrübeln, worunter so mancher Therapie versteht; das wirkt bei den Klienten der Stufe 1 wiederum durchaus stimulierend und deshalb müssen sie "etwas tun". Hinzu kommt, daß auch Langeweile eine suchterregende Wirkung hat - daher sind vor allem die Wochenenden bei Anfängern gefürchtet, weil die älteren "Stufen" einmal Ruhe haben möchten, die Neulinge sich hingegen eher langweilen. Auch sind geregeltes Aufstehen, Mahlzeiten, Nachtruhe, Sport und regelmäßiges Arbeiten sozusagen reines Anti-Drogen-Verhalten, an das sich viele erst langsam gewöhnen müssen. Außerdem kann in den ersten sechs Monaten mit einem sekundären Entzug grechnet werden, d.h. mit körperlicher Labilität, die sich auch psychisch auswirkt. Mit dem Einsatz von Methadon hat die geringe Belastbarkeit in den ersten sechs Monaten drastisch zugenommen, so daß hier die Gleichmäßigkeit aufgrund der Regelungen beruhigend wirkt - besonders wichtig vor dem Hintergrund des hektischen Drogenlebens. Zeitperspektive und Zeiterleben, bekommen wegen der Einteilung in überschaubare Abläufe eine konkrete Dimension, das Leben wird kurzweiliger als es unter der permanenten Perspektive vieler Monate von jetzt bis zum "clean-sein" oder Therapieende wäre, gäbe es nicht immer "was zu tun."

 

All die psychotherapeutischen und konzeptionellen Maßnahmen, wie eben beschrieben, tragen zur Grundstabilisierung bei und führen zu einer erfolgreichen Eingewöhnung. Aufgrund des Stufensystems entsteht mit dieser Eingewöhnung in der Regel der Wunsch, weiterzukommen. Dazu müssen die Voraussetzungen für die Stufe 2 erfüllt bzw. die Therapieziele der Stufe 1 erreicht worden sein. Die ist vor allem die eben beschriebene Grundstabilisierung. Nur was ist deren Kriterium? Die Konzeption ist hierbei pragmatisch ausgelegt:

Wenn es gelingt, einen Klienten emotional so zu stabilisieren, um ihn mit klaren Aufträgen (Einkäufe, Arztbegleitung) und in Begleitung eines anderen in die Stadt fahren lassen zu können, ohne durch Drogenreize wie Alkoholflaschen oder "breiten" Personen zum Therapieabbruch oder Eigenkonsum angeregt zu werden, und es ihm gelingt, dann nach Rückkehr aus der Stadt über solche Erlebnisse noch am selben Tag zu berichten, dann hat er das Therapieziel der Stufe 1 erreicht und kann in die nächste Stufe weiterrücken. In der Regel brauchen die Klienten dazu drei bis vier Monate.

 

 

 

 

8.1.2 Identifikation und Tiefung, Stufe 2

Das erste Therapieziel ist also dann erreicht, wenn Gruppe und Therapeuten jemandem zutrauen, regelmäßig mit Aufträgen zu zweit die Einrichtung ohne Rückfall oder Abbruch verlassen zu können. Das in der TG Dachtmissen angewandte Stufensystem definiert die Klienten nach diesem Kriterium der Stabilität und gibt denjenigen, die das erste Therapieziel erreicht haben den Status der Stufe 2. Will nun jemand in die Stufe 2, so "macht er seinen Antrag" auf Aufnahme in diese Stufe. Dies ist eine Gruppensitzung mit Therapeuten, in der es darum geht, seine Einschätzung der Beziehung zu jedem Gruppenmitglied mit dessen eigener Einschätzung zu vergleichen, also um Fremd- und Eigenwahrnehmung. Decken diese sich einigermaßen und hat der Kandidat einige tiefere Beziehungen, so bedeutet das eine erste Bindung an die Gemeinschaft. Klaffen aber Eigen- und Fremdwahrnehmung zu sehr auseinander, so zeigt sich darin eine verzerrte Wahrnehmung der tatsächlichen Anbindung an die Gemeinschaft und er bewältigt dieses zeitweilige Verlassen der Einrichtung mit den Versuchungen nicht, weil die Bindungen fehlen. Bildet sich jemand gute Beziehungen nur ein, so will er seine schwachen Bindungen nicht vergegenwärtigen, ist in der Situation draußen ohne Halt und droht dann von Abbruch- oder Suchtimpulsen mitgerissen zu werden, weil ihn menschlich nichts hält.

Die Stufe 2 kann als die Kernstufe der Phase I bezeichnet werden, sie trägt für das Funkionieren der Selbstorganisation die Hauptverantwortung. Sie organisiert praktisch das Alltagsleben der Gemeinschaft, also die Versorgungseinkäufe, die Verpflegung, die Hausreinigung, die Arbeit in den Verantwortungsbereichen, wie Hauswirtschaft, Haushaltskasse, Hausmeister, Fahrradverantwortung, Garten, Postverantwortung, die Begleitungen zu Ärzten, Behörden, die Medikamentausgabe und Aufträge des Teams der Mitarbeiter. Dazu gibt es einen Haupverantwortlichen, der alles in einer Kladde notiert, was dazu montagnachmittag in einer Sitzung der Gesamtgruppe die Stufe 2 geplant hat. Diese Funktion, von Klienten "Orgie" genannt (abgeleitet von Organisation), wechselt in der Regel alle vierzehn Tage und bedeutet tatsächlichen Stress. Entsprechend ist sie gefürchtet, zumindest "offiziell". Hinter vorgehaltener Hand wird schon zugegeben, daß die Verantwortung auch geschätzt wird und man froh ist, eine so wichtige Funktion zu haben. Jedenfalls bildet die Stufe 2 das organisatorische Herz der Phase I des Stammhauses.

Ohne diese Aufgabenübernahme könnte eine Therapeutische Gemeinschaft nicht exisitieren, denn Klienten würden nichts in Eigenregie übernehmen. Es müßte extra Personal, d.h. hauptamtliche Mitarbeiter dafür eingestellt werden. Dann gäbe es Mitarbeiter für die Hauswirtschaft, die Instandhaltung, Gebäudereinigung, Pflegekräfte zur Begleitung zu Behörden und Ärzten, Beschäftigungstherapeuten, die mit Klienten kreative Tätigkeiten übten etc. Kurz, man hätte eine Klinik, eine für Drogenabhängige nicht geeignete Institution (vgl. S 9). Das heißt aber, die Selbstorganisation ist keine Spielerei, der folgenlos gefrönt werden kann. Werden die Aufgaben nicht ordentlich ausgeführt, kann die Institution nicht arbeiten, mit all den negativen Folgen für den Therapieerfolg, auch in bezug auf die Drogenfreiheit im Haus, die letztlich nur Klienten gewährleisten können, wenn sie dazu motiviert sind. Bezogen auf die Stufe 2 bedeutet das, alle in der TG sind real auf die Verantwortungsübernahme und Motivation der Klienten in der Funktion als Stufe 2 angewiesen. Dazu sind aber nur Klienten bereit, die sich tatsächlich mit der Gemeinschaft identifizieren. Die Identifikation führt zu der entsprechenden emotionalen Bindung, aus der die notwendige Motivation erwächst. Daher bedeutet Wechseln in die Stufe 2 auch eine beginnende Identifikation mit der TG.

Die reale Verantwortung für andere fördert zwangsläufig die Identifikation mit der Gemeinschaft in großem Maße. Die Bereitschaft zur Identifikation mit der Therapeutischen Gemeinschaft, die mit dem Übergang in die Stufe 2 auch dadurch deutlich wird, daß im Antrag für die Stufe 2 ja auch der Wille zur Erfüllung der Aufgaben geprüft wird, gibt dem Leben der Klienten neue Inhalte, wichtig für Menschen, für die psychogene Substanzen alles sind. Sie öffnet den Einzelnen für das Erlernen eines anderen, eines abstinenten Lebens, und zwar mehr als Belehrungen oder Strafandrohungen. Da die TG selbstorganisiert ist, sind vor allem die Strukturen und Konsequenzen von Verantwortung erkennbar für einen Klienten. Diesen Identifikationsprozeß muß ein Klient durchleben, weil er noch lange, bis in die Nachsorge hinein, einen Teil seiner Stabilität sich aus der Identifikation mit der abstinent lebenden Bezugsgruppe holt. Was sie aber für den Therapieprozess in der Stufe 2 so wichtig macht, besteht im Aufbrechen des drogenbedingten Egozentrismus' und Egoismus' durch die Verantwortung für andere. Das gehört auch zum Erlernen eines Anti-Drogenverhaltens:"Mein Handeln hat immer auch Folgen für andere". Das gilt für die Scene, für den Arbeitsplatz, für Familienfeiern: würden nicht so viele Drogengebrauch vormachen, würden ihn viele andere nicht nachmachen. "Mein Rückfall ist immer auch dein Rückfall"; Individualisierung kann so gesehen schlicht kontraindiziert sein. Durch die Identifikation können Klienten soziale Verantwortung übernehmen lernen, und dies nicht im Sinne des Erlernens einer ethischen Grundhaltung, da die TG ganz nebenbei noch eine moralische Lehranstalt ist, sondern weil die innerpsychische Wirkung wesentlich ist. Ablenkung und Abwendung von der suchttypischen Selbstfixierung sollen durch Verantwortung für das Ganze in der Stufe 2 gefördert werden. Daß ein Klient gebraucht wird, kann er in der Stufe 2 real erfahren. Für jede nicht süchtige Person ist das eine wesentliche Erfahrung ihrer Existenz, die das Selbstwertgefühl tief beeinflußt. Und das trifft für die Klienten ebenso zu, für viele von ihnen eine ganz neue Erfahrung.

Die Identifikation wirkt sich auch auf den psychotherapeutischen Prozeß im Sinne einer Tiefung aus. Identifikation bedeutet, daß der Klient die Therapeutische Gemeinschaft als einen Teil von sich betrachtet, er fühlt sich von allem, was da passiert, betroffen, er kann sich nicht mehr heraushalten. Die Therapie wird "aufregend" und es "passiert" etwas. Damit bekommt die TG eine Auslösefunktion: Jede Unterbringung in einer stationären Einrichtung setzt den Mechanismus "aus den Augen, aus dem Sinn" in Gang. Die ursprünglichen Probleme scheinen mit der Entfernung aus dem Scenealltag nicht mehr vorhanden, es treten "künstliche", einrichtungsbedingte Schwierigkeiten in den Vordergrund. Diese werden durch verschiedene Rückzugs- und Vermeidungsmechanismen zu bewältigen versucht. Klassisches Beispiel dafür: Strafvollzug und Drogen. Mit der Identifikation ändert sich so etwas total, der Klient öffnet sich dem ganzen sozialen Mikrokosmos der Einrichtung und erlebt die meisten seiner lebensentscheidenden Situationen im Ansatz wieder, weil alle psychische Störungen immer auch durch Beziehungsstörungen mitverursacht sind - zumindest die psychoneurotischen (vgl.S 38). Dazu gehören Über-tragungen auf Gruppe, Therapeuten und Einrichtung als Elemente von Familien-, Eltern- und Heimstrukturen. Auf diese Weise werden viele traumatisierende Erfahrungen aktualisiert, weil diese oft mit Familie, Eltern oder Heimen etc. verknüpft sind. Des weiteren berühren die Erlebnisse der anderen in deren Vergangenheit so viel mehr und stimulieren damit wiederum auch die Verarbeitung der eigenen.

Öffnung, Einlassen, Kontakt und erreichbar werden bedeuten eine neue Dimension in der Therapie, verglichen mit der ersten Stabilisierung in der Stufe 1. Die Therapie dort gleicht eher einer permanenten Krisenintervention, um der Gefahr des immer drohenden Abbruchs begegnen zu können. Übertragungen oder Projektionen wirken dort massiver, weil sie fast für Realität gehalten werden. Schmerzhafte Erfahrungen überfluten scheinbar unkontrolliert das Bewußtsein, weil man ohnmächtig dagegen ist, es sei denn, man nimmt Drogen. Gegenüber dieser Totalität des Erlebens fehlt bei Klienten der Stufe 1 ein Gegenpol, bzw. dieser besteht weitgehend im Impuls, Drogen nehmen zu müssen. Dabei muß immer die Auswirkung der Abstinenz berücksichtigt werden, denn nach dem medizinischen Entzug entsteht durch sie zunächst eine Art Leere, die durch etwas anderes als Drogenfixierung gefüllt werden muß. Mit der nun spürbar werdenden Bindung an die Menschen der TG verändert sich in der Stufe 2 diese Art des Erlebens, es gibt dann immer noch etwas anderes: die Gruppe, die Therapeuten, die Aufgaben für die Gemeinschaft. Typischerweise weiß ein Klient der Stufe 1, der abbrechen will, immer wohin er gehen kann bzw. es zieht ihn dorthin. Bei Klienten ab Stufe 2 taucht dagegen eher das Problem auf, daß sie nicht mehr wissen, wohin sie sollen und können. Mit dem Abbau der Ausschließlichkeit des Erlebens ändern sich die Themen in der Therapie mehr in Richtung eines Bedürfnisses nach einem besseren Verstehens seiner selbst und der persönlichen Änderung. Durch die Einbettung in die Institution und der noch nicht begonnenen Außenorientierung wegen der beruflichen Rehabilitation entsteht eine Sicherheit, sich den eigenen Problemen mit mehr Ausdauer und weniger Angst widmen zu können. Meist können dann Aktualisierungen alter Erfahrungen im Gruppenkontext jetzt ohne labilisierende Drogenassoziationen und mit weniger Angst, dafür aber mehr mit Trauer und psychischem Schmerz verarbeitet werden. Die psychischen Krisen sind weniger von Gierattacken und Abbruchgedanken begleitet, die Bindung an die TG hält und motiviert die Klienten, dies zu bewältigen. In der Stufe 1 besteht noch lange nur die Alternative: flüchten oder aushalten (in Anlehnung an den Titel einer Schrift von H. E. Richter). In der Stufe 2 reift das Interesse: warum will ich eigentlich flüchten?

Auf diese Weise kann nun die Psychotherapie wesentlich vertieft werden. Aber das heißt auch, dieser Prozeß darf nicht unterbrochen werden durch erzwungene Entlassungen oder Weiterrücken im therapeutischen Programm, will man nicht erneut den Klienten mit den wieder vergegenwärtigten schmerzhaften Erinnerungen alleinlassen und ihn so seinen alten Bewältigungsstrategien zutreiben, die ja vor allem in der Illusion des kontrollierten Drogenkonsums bestehen. Solche, etwas unglücklich ausgedrückt, "antherapierten" Klienten werden dann erfahrungsgemäß viel extremer rückfällig als vor der Therapie, weil, wie fast alle berichten, die Therapieerfahrung sich nicht mehr "wegmachen" läßt. Das schmerzt dann noch mehr und induziert einen radikalen Drogenkonsum.

Nun könnte man einwenden, man solle wegen dieses Problems eben nicht so intensiv therapieren. Daher muß nochmals betont werden: diese Entscheidungsfreiheit haben die Therapeuten nicht. In dem Moment, in dem Drogenabhängige in einer Einrichtung zusammengefaßt werden, treten Übertragungen erfahrungsgemäß als Mechanismus der menschlichen Wahrnehmung "unwillkürlich" auf (vgl. Zitat S. 21). Desgleichen tritt die psychische Neigung zur Identifikation früher oder später nach Aufnahme in Erscheinung. Ziel der Therapie ist es, diese Neigung konstruktiv zu nutzen und eine Identifikation mit abstinent und therapiemotiviert lebenden Klienten zu erreichen - die Konzeption ist u.a. auch darauf ausgerichtet. Gelingt dies nicht, so entsteht eine destruktive Identifikation, nämlich die Identifikation mit den anderen als Drogenkonsumenten. Dann etabliert sich eine "Scene" in der Einrichtung, wie z. B. bekannt aus Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken.

Drogenabhängige, die stationär zusammengefaßt werden, brauchen also die positive Identifikation mit der Einrichtung, um die psychotherapeutisch notwendigen Prozesse der Tiefung und Auflösung der Drogenfixierung durchlaufen zu können. Durch sie entstehen neue Ziele, und das Bewußtsein wird wesentlich ausdifferenziert, andere Bewußtseinsinhalte kommen hinzu, es gibt mehr Kategorien als Drogenwirkung, Entzug oder Gier ("Turkey oder breit"). Und es sei nochmals daran erinnert: nur die Drogenabhängigen selbst sind in der Lage, das Haus drogenfrei zu halten, vorausgesetzt, sie identifizieren sich mit der TG als drogenfreier Raum, und nur Drogenfreiheit ist und bleibt die Vorbedingung für eine Bewältigung der Sucht, ganz sicher bei dem eingangs beschriebenen Klientel.

 

 

8.1.3 Autonomie, Stufe 3

Stellt sich der Klient seinen Erlebnissen im Mikrokosmos der Gemeinschaft, vor allem seinen Übertragungen und Problemaktualisierungen, so findet ein Reifungsprozeß statt, in dem die ursprüngliche Gruppenidentifikation der Stufe 2 allmählich einem Bedürfnis nach persönlicher Autonomie weicht. Ein Effekt der Identifikation ist ja auch die Erfahrung von Geborgenheit in der Gruppe, die für derart entwurzelte Menschen, wie es Drogenabhängige faktisch sind, von enormer Bedeutung ist. Hat ein Klient dies vier bis sieben Monate durchlebt, so verspürt er allmählich einen Drang nach mehr Autonomie. Von der Konzeption her ist für solch ein Stadium die Stufe 3 vorgesehen

Diese Autonomie ist relativ, d.h. sie ist bezogen auf die Gruppe und wird nur vor ihr als Hintergrund verständlich. Das Bedürfnis nach ihr ist eine erste Abgrenzung zur Gruppe und eine Hinwendung zur eigenen Identität. Der Klient der Stufe 3 empfindet zum ersten Mal ein Anderssein in Bezug auf sie, denn aus seiner Sicht besteht sie aus zwei Drittel "jüngeren" Klienten (es werden ja ständig neue Klienten aufgenommen und ständig Klienten in die Adaptionsphase entlassen). Diese neuen Klienten sind noch sehr nahe an dem Sceneleben, zeigen entsprechend viel Sceneverhalten und suchtorientierte Einstellungen, die den Klienten der Stufe 3 befremden und zur Abgrenzung reizen. Dieser Effekt ist deshalb so wertvoll, weil er dem Betreffenden seine eigene Reifung erfahrbar werden läßt und für ihn ein Erfolgserlebnis darstellt. In Begriffen der Gestalttherapie ausgedrückt: die eigene gewachsene Autonomie wird als Figur erst vor dem Hintergrund der Gruppe wahrnehmbar.

Das vom Klienten gezeigte Verlangen nach mehr Autonomie darf jedoch keinesfalls als Bedürfnis nach einer schnellen Entlassung gedeutet werden. Diese würde nämlich die eben gezeigte Möglichkeit einer Wahrnehmbarkeit seiner Reifung zunichte machen, da er sich "draußen" mit Sicherheit sofort als klein, hilflos und minderwertig fühlen würde - Drogengedanken und Impulse folgen dann als nächstes. Selbst wenn heftig nach Entlassung verlangt wird, ist die Begründung dafür meistens, daß man es nicht mehr aushält, weil die Gruppe "so blöd" ist etc. - oft eine Vermeidung von meist wichtigen Konflikten. Auch Klienten gehen mit der Zeit die drogengierigen Einstellungen und Verhaltensweisen der "Neulinge" auf die "Nerven".

Vom Konzept her wird das Erleben der eigenen Autonomie durch verschiedene Aufgabenstellungen gefördert. Dazu gehört die Möglichkeit, allein die Einrichtung verlassen zu können (15 Stunden pro Woche), der Ältestenstatus (Vetorecht bei Gruppenentscheidungen, Besprechungen mit dem Team, Apothekeneinkäufe etc.), und vor allem die Orientierung auf die eigene Zukunft: was kann ich, was will ich werden, wie will ich leben? Der Ältestenstatus gehört zum Konzept der Selbstorganisation und bedeutet die größtmögliche Verantwortungsübergabe an Klienten, ist also eine Konsequenz der Idee "Therapeutische Gemeinschaft". Warum er aber außerdem so wichtig ist, beruht noch auf einem anderen Grund: Der Ältestenstatus ermöglicht die wichtige Abgrenzung von der Gruppe und somit eine erste Überwindung und Weiterentwicklung der Identifikation der Stufe 2. Die gesunde Ablösung von der Therapie im Stammhaus wird daruch eingeleitet, weil 1. das Bedürfnis danach gereift ist und 2. weil die verschiedenen Aufgaben dieser Stufe immer auch Autonomie und Individualisierung fördern. In den täglichen Besprechungen mit dem Team geht es um die Einschätzungen und Wahrnehmungen der Stufe 3 bezüglich der therapeutischen Atmosphäre und Vorfällen in der Gruppe. Sie haben dabei den Auftrag, sich aus der Organisation herauszuhalten und das der Stufe 2 zu überlassen. Durch ihre Therapieerfahrung sind sie in der Lage, viele der relevanten therapeutischen Prozesse intuitiv zu spüren und haben daher mehr die Aufgabe der teilnehmenden Beobachtung. Erst wenn die Gruppe therapieschädigende Entscheidungen für den einzelnen wie auch für die Gesamtheit trifft, müssen sie Veto einlegen. Da diese Funktion allen bekannt ist, muß auch die Stufe 3 mit unliebsamen Übertragungen rechnen, wie jeder, der sich gegen eine Gruppenströmung stellt und mit Autoritäten wie den Therapeuten zusammenarbeitet. Auch die anderen Aufgaben dieser Stufe fördern die Ablösung auf natürliche Weise, wie das Verlassen der Einrichtung allein oder der Apothekeneinkauf.

Es wird Kontakt mit der Arbeitsverwaltung aufgenommen, meist wird an einem ganztägigen Eignungs- und Leistungstest teilgenommen. Das Rehabilitationsziel der Stufe 3 ist das vierwöchige Arbeitspraktikum. Es dient der Berufsfelderkundung und der Belastungserprobung, und zwar in normalen Betrieben und Einrichtungen und nicht an Sonderarbeitsplätzen für Drogenabhängige. Das tägliche regelmäßige Verlassen des Stammhauses und die Rückkehr dorthin hat für die weitere Rehabilition wichtige Effekte. Denn wenn die Klienten überhaupt Erfahrungen mit einem normalen Arbeitstag haben, dann in der Regel negative, die vor allem immer mit Drogenkonsum assoziiert werden: man kam nach Hause und nahm sofort Drogen oder man nahm schon Drogen bevor man zur Arbeit/Schule ging. Erfahrungen mit Arbeitwelt ohne Drogen gibt es kaum. Auch die Schulbesuche unter einer Abstinenzbedingung kamen praktisch nicht vor. Das Arbeitspraktikum noch im Stammhaus durchzuführen, heißt lernen, wie man sich ohne Drogen entspannen und entlasten kann, und zu spüren, nicht allein gelassen zu sein, weil das Interesse der Gruppe und Therapeuten wesentlich tiefer empfunden wird als in der späteren teilstationären Phase II. Die Totalität des Arbeitsalltags kann sehr schnell zur trotzigen Entfremdung führen, gäbe es nicht die Beziehungsdichte des Stammhauses, die der Selbstisolation entgegenwirken kann. Mit dieser Bemerkung rückt aber die psychlogische Dimension dieser Stufe nochmals in den Vordergrund.

Die Ablösung von der Gruppe, die Zurücknahme der Identifikation mit ihr, stellt einen labilisierenden Prozeß dar, denn gleichzeitig rückt damit die eigene Person in den Vordergrund, und die wird nun zum ersten Mal seit Jahren nüchtern erlebt. Meistens werden all die negativen Emotionen und das geringe Selbstwertgefühl, die zum Beginn der Drogenkarriere das Bewußtsein prägten, wieder aktualisiert. Von seiner eigenen psychischen Entwicklung her betrachtet, fängt der Klient da wieder an, wo er zu Beginn seiner Drogensucht stand. Fast immer ist dies aber ein pubertäres oder adoleszentes Entwicklungsstadium der Persönlichkeit. Hierbei ist eben die Persönlichkeit noch nicht gefestigt, die eigene Identität muß noch gefunden werden. Meines Erachtens findet während des regelmäßigen Drogenkonsums keine emotionale Entwicklung statt, da wesentliche, zur Bewältigung drängende emotionale Erfahrungen mittels bewußtseinsändernder Drogen ausgeschaltet werden.

In dem Therapieabschnitt der Stufe 3 fühlen sich viele Klienten wie zu Zeiten ihrer Pubertät oder Adoleszenz: Berufswahl und Ausbildungsgänge müssen überlegt werden, die Clique wird kleiner, weil jeder seinen eigenen Weg einschlägt, und meist verläßt man den Familienverband mit massiven Konflikten. In der Therapie wird dann plötzlich vieles ähnlich erlebt, weil eben die Situation absolut vergleichbar ist: Berufswahl und Ausbildungsgänge müssen überlegt werden, weil die Klienten als Abbrecher solch einen Prozeß noch gar nicht abgeschlossen haben. Mitklienten beginnen Ausbildungen und haben jetzt andere Prioritäten und der Wechsel in die Adaptionsphase ins Stadthaus steht an. Psychisch erleben sich die Klienten, wenn sie die Einrichtung alleine für ein paar Stunden verlassen, als äußerst unsicher, eben wie früher vor dem Einstieg. Die Welt hat sich, sozusagen nüchtern betrachtet, nicht verändert, man selbst auch nicht. Viele erleben das als einen Schock.

Mit diesem Hinweis auf Parallelität eines Lebensabschnittes mit einem Therapieabschnitt soll dessen spezifische Problematik verdeutlicht werden. Gleichzeitig ergibt sich hieraus aber auch ein Hinweis auf die Dauer der Autonomiestufe, der Stufe 3: jetzt auf den Klienten Druck auszuüben, die Einrichtung zu verlassen, ist genauso fatal, wie einen normalen Jugendlichen zum Verlassen der Familie aufzufordern, nur daß unsere Klienten eben auf alte Mechanismen zurückgreifen, nämlich den Einstieg in den Drogenkonsum. Neben der eher verständlichen Abbruchhäufung in den ersten sechs Monaten, ist die Übergangssituation von der Stammhausgruppe in das Stadthaus am häufigsten von Rückfällen begleitet; hier liegen meines Erachtens die größten Schwächen vieler Therapiekonzepte. Das Autonomiestreben nach der Phase der Identifikation wird mißdeutet als Ausdruck einer jetzt autonomen, nachgereiften Persönlichkeit, dabei ist es eher ein pubertäres oder adoleszentes Übergangsstadium zwischen Sicherheit einer Familienstruktur und der Freiheit des Erwachsenendaseins. Daher braucht ein Klient beides: die garantierte Sicherheit des Stammhauses, in die er immer zurückkehren kann, wenn er möchte, und die Eigenverantwortlichkeit bei seinem Handeln.

Die eben beschriebene Wahrscheinlichkeit der Parallelität einer Lebensphase mit einem Therapieabschnitt induziert Einstellungen und Verhaltensweisen aus dieser Lebensphase, in der Regel die der Adoleszenz. Tiefenpsychologisch kann man dies auch mit dem Begriff der Übertragung kennzeichnen und erklären. Viele Klienten reagieren auf die Gruppe und Therapeuten mit Übertragungen aus der Pubertät und Adoleszenz, neigen dann auch zu entsprechendem konflikthaften Verhalten. Daher ist Zwang bei diesem Selbstfindungs- und Ablösungsprozeß völlig kontraindiziert, will man nicht wieder alte Mechanismen in Gang setzen. Erfahrungsgemäß dauert dieser ganze Prozeß, an dessen Ende ein Klient therapeutisch verantwortbar in die Adaptionsphase entlassen werden kann, etwa vier Monate, wobei nochmals an die oben angeführten konkreten Aufgabenstellungen erinnert wird.

 

 

 

8.2. Phase II: die teilstationäre Adaptionsphase

Nach Abschluß seines vierwöchigen Arbeitspraktikums verläßt der Klient innerhalb von zwei Wochen das Stammhaus und beendet somit die Phase I der Therapie. In der Autonomiestufe hat er seine Belastbarkeit bewiesen, so daß der streng kontrollierte Rahmen des Stammhauses für ihn nicht mehr nötig ist. Er kann jetzt mit der offenen, selbstverantwortlichen Struktur der Adaptionsphase umgehen. Von der suchttherapeutischen Warte her gesehen kann man erst ab Stufe 3, der Autonomiestufe, von einem psychotherapeutischen Prozeß im Sinne einer motivierten "Arbeit an sich selbst", vergleichbar mit ambulanten Psychotherapien, sprechen, da die ersten beiden Therapiestufen viel mehr Motivationsarbeit zur Therapie hin bedeuten als Auseinandersetzung mit der Sucht. Inhaltlich stehen in Stufe 1 die psychische Labilität und die Abbruchvermeidung im Vordergrund. Stufe 2 ist geprägt von Identi-fikationsprozessen, damit verbundener gruppendynamischer Aus-einandersetzung und Offenbarung traumatischer und anderer relevanter Erfahrungen. Erst in der Stufe 3 rückt die eigene autonome Persönlichkeit in den Mittelpunkt der Therapie. Viele Therapeuten machen diese Erfahrung, wonach die "eigentliche" Therapie jetzt erst beginnt.

Gerade in so einem Abschnitt aber verlangen jetzt die Kostenträger, daß die Therapie im wesentlichen durchgeführt sein muß. Man konzediert noch eine Übergangssituation, meist Adaptionsphase genannt, deren tieferen Sinn man aber nicht mehr einsehen will. Viele Einrichtungen ihrerseits verlegen ihre Klienten in räumlich weit entfernte Übergangseinrichtungen, was noch nicht einmal so schlimm wäre, würde nicht gleichzeitig ein radikaler Wechsel der Therapeuten stattfinden. Das heißt, ein Klient soll sich plötzlich auf neue Therapeuten in neuer Umgebung einlassen, wobei Übergangsmaßnahmen von begrenzter Dauer diesen Wechsel erträglich machen sollen. Für die Klienten aber ist das in der Regel der größte Schock während ihrer Therapie, was sie aber nicht zeigen, denn sie glauben, sie müßten ab jetzt allein alles bewältigen. Kein "normaler" Mensch ließe das mit sich machen: Erst soll er sich neun bis zwölf Monate tief einlassen, tut er es nicht, "schiebt" er Widerstand. Dann soll er die doch tiefen Beziehungen zur Gruppe und zu den Therapeuten abschalten, danach noch schneller intensive Beziehungen zu neuen Therapeuten und Gruppenmitgliedern aufbauen, weil es ja allgemein einsichtig ist, daß gerade jetzt tiefe Beziehungen zur Bewältigung des Übergangs wichtig sind. Nur: wieviel Zeit braucht ein psychisch gesunder Mensch, um vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen? Ganz sicher Monate. Keinesfalls aber ein paar Wochen, wie das manche Konzeptionen für Klienten vorsehen.

Weniger emotional betrachtet: Es muß immer wieder im therapeutischen Bewußtsein verankert werden, daß der Übergang vom Stammhaus in ein Stadthaus eine pubertäre und adoleszente Situation darstellt. Denn so fühlen sich die Klienten, wenn sie dort weggehen und da ankommen, und genauso ist aber auch ihr Konfliktpotential. Viele berichten meist spontan, daß sie sich wie fünfzehn oder sechzehn fühlen. Die Konsequenz aus dieser Parallelität von Therapieabschnitt und Biographie bedeutet, daß man mit Wiederholungen von adoleszenten Krisen rechnen muß, weil diese Situation sich für Übertragungen perfekt eignet. Es ist vor allem die Erfahrung mit Alleingelassensein und psychischer Isolation, die fast alle Klienten in solchen Lebenskrisen erlebt haben und die sie jetzt beim Übergang ins Stadthaus erneut erwarten. Meist versuchen sie sich dagegen mit besonderer Härte zu schützen, da man jetzt "sowieso alles alleine hinkriegen muß". Diese Verschlossenheit führt dazu, daß sie gerade jetzt noch weniger von ihren Schwierigkeiten berichten wollen als ohnehin, von den garantiert auftretenden Drogengedanken ganz zu schweigen. Da nützt es auch wenig, wenn besonders einfühlsame und hilfsbereite neue Therapeuten sich anbieten. Hier hilft nur die Sicherheit und Stabilität einer gewachsenen therapeutischen Beziehung weiter.

Diese krisenhafte Phase im therapeutischen Prozess liefert eine weitere Begründung für das Bezugstherapeutensystem, das ja zum wichtigsten Kern des therapeutischen Konzeptes der TG Dachtmissen gehört. Um es nochmals zu wiederholen: hierbei werden die Klienten in allen Therapiephasen von denselben Therapeuten betreut: so arbeiten die Mitarbeiter der TG Dachtmissen sowohl im Stammhaus (Phase I) wie auch im Stadthaus (Phase II) und in der ambulanten Nachsorge (Phase III). Jeder Klient bekommt einen Bezugstherapeuten in den ersten Wochen nach Therapiebeginn, er behält diesen über die ganze Therapie hindurch bis in die ambulante Nachsorge hinein. Alle Therapiegruppen und andere Treffen werden von denselben Mitarbeitern betreut, so daß nur ein dienstplanbedingter Wechsel stattfindet, Einzeltherapie ausgenommen. Eine weitere Maßnahme, die den Übergang erleichtern soll, ist die geringe räumliche Distanz zwischen dem Stadthaus und dem Stammhaus ( 25 Minuten mit dem Fahrrad ).

Bringt man den Verlauf der Therapie nach dem Übergang nun auf einen Nenner, so kann zunächst eine ein- bis zweimonatige konflikthafte Eingewöhnungszeit beobachtet werden, deren Hintergrund oben beschrieben worden ist. Für diese Zeit entspricht die Intensität der Betreuung noch jener der Phase I. Die konkreten Anforderungen, an die sich gewöhnt werden muß und die daraus sich ergebenden therapeutischen Maßnahmen, sind folgende: Zunächst sind die Klienten viel mehr auf sich allein gestellt als in der Phase I. Es gibt keine automatische Präsenz der Therapeuten, sondern feste Termine: Die Reha-Gruppe montags mit der Wochenplanung, die Gruppentherapie donnerstags, täglich Kaffeerunden, auch an den Wochenenden, die tägliche Abendrunde ohne Therapeuten und vor allem die psychotherapeutische Einzelsitzung. Außerdem gibt es Sondertermine für Schuldenregulierung, Ausbildungsplanung etc., und es werden noch zwei bis drei weitere Arbeitspraktika durchgeführt, wenn nicht schon mit einer Ausbildung begonnen werden kann.

Behördengänge, Schulbesuch und Praktika decken natürlich viele Schwierigkeiten auf, die meist auch biographisch verankert sind. Viele davon lassen sich nicht von vornherein in der Phase I diagnostizieren, weil sie den Klienten selbst nicht bewußt sind. Auch deshalb ist die Adaptionsphase zeitaufwendig und es werden in der Regel für diese Phase II gut sechs Monate benötigt. All die schönen Planungen, wie sie möglichst früh in der Therapie von den Kostenträgern verlangt werden und deshalb in den Konzepten stehen, erweisen sich im Testfall der Realität als nicht durchführbar, da es sich bei dem Klientel unserer Einrichtungen eben auch um Abbrecher (siehe oben) handelt, die ihre tatsächlichen Interessen und Fähigkeiten erst noch kennenlernen müssen. Man kann eben nicht davon ausgegehen, daß die erste, perfekt geplante Rehamaßnahme auf Anhieb auch durchgehalten wird, wie beispielsweise eine solide finanzierte Umschulung, inklusive Wohnung und Schuldenerlaß. Der Alltag wird ganz falsch eingeschätzt, weil eben noch nie nüchtern eine Ausbildung regulär beendet oder erlebt wurde. Daher muß ein Klient die Chance haben dürfen, abzubrechen, neu beginnen zu können und psychotherapeutische Unterstützung dabei zu haben, um der Resignation widerstehen zu können. Und er benötigt eine ständig anwesende Bezugsgruppe, wie sie im "Stadthaus" existiert.

Solche Umorientierungen während der Adaptionsphase sind häufig, und sie werden natürlich von einer massiven Rückfallgefährdung begleitet. Wenn dann die Klienten schon entlassen sind, weil alles so "schön" geplant war, stehen sie wieder allein da, bzw. sie ziehen sich zurück, auch wenn zigmal versprochen war, sich zu melden, falls sie Schwierigkeiten hätten. Es ist im Grunde sehr einfach: ein Klient, der entlassen ist, meldet sich weitaus seltener als einer in der Therapie. Bei Therapeuten, mit denen jemand seit der Phase I in Verbindung steht, wird sich eher gemeldet als bei solchen, die eigentlich erst in der Adaptionsphase kennengelernt werden, und eine Gruppe im Stadthaus mit gewachsenen Beziehungen ist in der Diagnose von Schwierigkeiten sehr präzise und kann durch lose Bekanntschaften außerhalb nicht ersetzt werden. Das muß man sich vor Augen halten, wenn man Klienten sehr früh in einen individualisierten, ambulanten Status entläßt, weil dieser faktisch immer mit heftigen Beziehungsabbrüchen einhergeht, trotz aller Absprachen. Aber auch diejenigen, die ziemlich geradlinig ihre Rehabilitation durchführen, geraten noch in genug Krisen, die begleitet werden müssen, und zwar im Rahmen einer teilstationären Phase II mit deren Bezugsgruppe.

Die psychischen Krisen der Adaptionsphase werden also hauptsächlich ausgelöst durch die Parallelität des Überganges in die Phase II mit Pubertät und Adoleszenz sowie deren Realität in der Ausbildungs- und Arbeitswelt. Sie sind immer mit einer Aktualisierung der Suchtstruktur verbunden, angefangen von Drogengedanken bis hin zu Risikosituationen, um vermeintlich zu testen, wie stabil man ist. Hinzu kommt leider der massive Drogenkonsum legaler und illegaler Drogen, den die Klienten jetzt überall sensibel wahrnehmen und der in manchem den Eindruck entstehen läßt, es gäbe überhaupt keine drogenfreien Räume mehr in der Gesellschaft. Zusammengefaßt beginnt in der Adaptionsphase eine intensive Auseinandersetzung mit Suchtstruktur und Drogenkonsum, und weil eben bei Klienten in Krisen und bei realen Drogenreizen mit einer Rückfallgefährdung gerechnet werden muß, müssen diese Probleme bearbeitet werden. Und da diese Probleme tieferliegen, ist es nicht mit "Gesprächen" getan, sondern nur mit qualifizierter Psychotherapie. Und diese braucht Zeit, sechs Monate haben sich für die Adaptionsphase mit ihrer Dichte der Betreuung als notwendig erwiesen. Die individuellen Unterschiede sind eingedenk der großen Ähnlichkeit der Klienten zu Beginn der Therapie nicht sehr spürbar.

In der Adaptionsphase rückt etwas in den Vordergrund, was vorher als selbstverständlich erschien, nämlich die Besinnung auf die eigentlichen Ziele einer stationären Therapie. Da jeder nichtsüchtige Mensch auch nicht alle seine Traumata mit Psychotherapie bewältigen kann, sondern allein damit "klarkommen" muß, kann natürlich der Eindruck entstehen, es werde zu viel therapiert und es würden zu hohe Ziele gesteckt, wodurch die Therapie, vor allem in der Phase II, unnötig verlängert werden würde. Das Ziel der TG Dachtmissen bleibt die drogenfreie, selbständige Lebensführung. Dazu benötigt der ehemalige Drogenabhängige eine Ausbildung und einen Beruf und Lebensumstände, die ihn so zufriedenstellen und psychisch stabilisieren, daß der Drogenkonsum überflüssig wird. Auf dem Weg dahin werden die bisher beschriebenen Therapiestadien notwendigerweise durchlaufen. Neben der beruflichen Wieder- bzw. Neueingliederung ist die Sicherung der erreichten Abstinenz das allerwichtigste Therapieziel in diesem Abschnitt, vor allem weil gerade die Adaptionsphase den Therapeuten mit dem Problem konfrontiert, inwieweit denn Alkohol oder Cannabis problematisch sind. Letzterem bescheinigen mittlerweile Gerichte absolute Ungefährlichkeit. Reiche es nicht aus, sich auf die Sucht von Heroin oder Kokain zu konzentrieren, und ist ein gelegentlicher Konsum davon wirklich so schlimm, zumal ja Methadon beweise, daß es auch ohne Abstinenzregeln gehe?

Es gibt kaum einen Begriff der stationären Therapie, der (leider auch in der Fachöffentlichkeit) so mißverstanden wird, wie jener der Abstinenz. Die Abstinenzregel ist kein religiöser Heilsweg, um dem Leibhaftigen zu entgehen, der ja das Kartenspiel und den Branntwein erfunden hat. Sie ist auch nicht Ausdruck reaktionärer Geisteshaltungen, um jemandem sein privates Glück zu beschneiden, sie hat nichts mit Lustfeindlichkeit zu tun und ist nicht Ausdruck eines Zwangscharakters, sie zeigt nicht, wie brutal Therapeuten zu Klienten sind und beweist nicht die Realitätsferne unserer Therapie, vor allem ist sie auch nicht das alleinige Ziel der Therapie (siehe oben).

Die Funktion von ihr besteht neben der schon beschriebenen (Stichwort: Methode der Suchterfahrung, vgl S. 7) in der Rückfallprävention. Ehemalige Klienten können nicht kontrolliert trinken, kiffen, koksen oder Heroin nehmen. Dies endet immer wieder in einer erneut andauernden Abhängigkeit. Alkohol führt den vormals eindeutigen Heroinkonsumenten über kurz oder lang zum Heroin zurück, selbst wenn er noch nie Alkoholprobleme hatte, was übrigens fast alle Klienten behaupten, und was eigentlich nicht stimmt. Das gehört zur Suchtideologie. Für Cannabis gilt das gleiche. Jeder ehemalige Abhängige kennt harte Drogen, wird beim Konsum von weichen Drogen sie damit vergleichen, und der Vergleich wird dann immer zugunsten der harten Drogen ausfallen. Auch deshalb wird in der Therapie mit der Abstinenzregel gearbeitet; sie ist eine Methode der Rückfallprävention. "Nur" weiche Drogen zu nehmen, heißt das noch vorhandene Suchtverhalten, die komplexen Verhaltensketten, wieder zu aktivieren. Suchtverhaltensweisen sind ähnlich stabil wie motorische Fertigkeiten, man verlernt sie nie wieder richtig, eben wie Radfahren oder Schwimmen. Deshalb: weg von alten, gewohnten Auslösern wie Haschisch oder Alkohol. Mit harten Drogen wird das alte Suchtverhalten noch schneller voll aktiviert. Deshalb muß ein Rückfall vermieden werden und der verbreiteten Ansicht, zum therapeutischen Prozess gehöre auch die Erfahrung des Rückfalls, muß eindeutig widersprochen werden. Das Risiko, daß die alten Mechanismen schnell wieder aktiviert sind, ist wesentlich höher als die Aussicht auf eine therapeutisch konstruktive Überwindung des Rückfalls.

Die Hypothese, wonach die Rückfallerfahrung auch konstruktiv genutzt werden kann, beruht auf den Erfahrungen von Klienten, die immer wieder von einem ausbleibenden Drogeneffekt bzw. Konsumerlebnis berichten, wenn sie gegen Ende der Phase II oder in der Nachsorge zum erstenmal rückfällig waren. Sie stellen fest, daß die Droge nichts mehr "bringt". Und sie erleben sich durch ihre in der Therapie erworbene Sensibilität stark geschockt von der Drogensuchtrealitität. Beides zusammen bildet dann sehr wohl ein abschreckendes Erlebnis, das wiederum zur erneuten Anstrengung, die eigene Sucht zu überwinden, führen kann. Daher die positive Einstellung Rückfallperioden gegenüber. Nun findet aber ein Rückfall nicht in "leerem Raum" statt, sondern immer vor einem Hintergrund, in einem Zusammenhang und mit einer Vorgeschichte. Bis ein Rückfall sich ereignet, bis also zum erstenmal wieder Alkohol, Haschisch bzw. gleich Heroin oder Kokain konsumiert wird, muß schon Suchtverhalten, d.h. Verhalten, das mit Drogenkonsum assoziiert bzw. konditioniert ist, aktiviert geworden sein - im Sinne der im Kapitel über Verhaltenstherapie dargestellten Verhaltensabläufe. In diesem Stadium der Therapie steht am Anfang immer das Verschweigen von belastenden Situationen und Auslösern und die Selbstisolation. Dazu gibt es verschiedene Gründe, warum sich ein Klient nicht in den Therapiesitzungen oder seinen Mitklienten gegenüber mitteilt, wie etwa Scham, daß er nach so langer Therapiezeit etwas noch immer nicht bewältigt; die Überzeugung, er werde weder von den Therapeuten noch von seiner Bezugsgruppe verstanden und Angst vor deren Reaktionen; des weiteren eine vorangegangene Isolierung von seiner Bezugsgruppe und Therapeuten, weil man beispielsweise den oder die Traummann oder -frau gefunden hatte, so daß die gewachsenen Kontakte aus der Therapiezeit nicht mehr notwendig zu sein schienen; während der vorangegangenen Therapie nicht ausgetragenen Beziehungskonflikte, so daß jetzt tragfähige Beziehungen fehlen; häufige Konfrontationen mit Drogen aller Art, weil etwa der Weg zum Arbeitsplatz oder zur Ausbildungsstelle durch entsprechendes Umfeld führt; leider auch Animation zum Konsum durch aufgeklärte Zeitgenossen, die wissen, daß "weiche" Drogen ungefährlich sind, weil sie deren Konsum angeblich seit Jahren beherrschen, bzw. Anstiftung durch alle, die trinken und kiffen; der geselllschaftliche Trend zur Drogenverharmlosung, weil Abstinenz mittlerweile in der (Fach-)Öffentlichkeit gleich hinter reaktionären Einstellungen rangiert; all das bildet weitere Auslöser, die, wenn sie verschwiegen und während sozialer Isolation einwirken, zum Rückfall führen.

Ist also jemand rückfällig geworden, so muß er all dies Suchtverhalten im weiteren Sinne, wie Verschwiegenheit und Rückzugsverhalten wieder abbauen, um nicht erneut rückfällig zu werden. Das schaffen viele nicht mehr, weil sie dann oft sehr viel erklären und all die Enttäuschungen aushalten müßten, die sie anderen mit ihrem Rückzug bereitet haben. Unbestreitbar ist es ein großer Gewinn, falls er dies dann bewältigt, aber die Wahrscheinlichkeit, daß er dies nach einem Rückfall eben nicht schaftt, die dürfte wesentlich höher sein.

Diese aktive Rückfallvermeidung "kostet" Zeit, denn immer wieder müssen die Tendenzen zur Verschwiegenheit und Selbstisolation therapeutisch angegangen werden. Daher werden die Einzel- und die Gruppentherapie genauso benötigt, wie in der Phase I. Nur der faktische Zeitaufwand ist geringer, keinesfalls jedoch die therapeutische Notwendigkeit. Daher ist es zutiefst unverständlich, daß gerade dieser Therapieabschnitt von vielen Verantwortlichen als zu vernachlässigend betrachtet wird. Das wäre, wenn man die Analogie zwischen Adoleszenz und Phase II mitberücksichtigt, als wolle man Pubertät und Adoleszenz als unwichtige Lebensphasen einstufen.

Im Zusammenhang mit der Entwicklung zum Rückfall hin zeigt sich die Bedeutung der sozialen Beziehungen als ein Mittel, um der fatalen Selbstisolation entgegenzuwirken. Bei Drogenabhängigen im Therapiestadium der Adaptionsphase muß eigentlich bei einem Rückzug immer eine Gefährdung angenommen werden, er bedeutet keine Besinnung auf die eigene Individualität oder reife Ablösung von einer Gruppenfixierung. Der Aufbau und die Pflege drogenfreier Kontakte muß als das wichtigste langfristige Therapieziel der Phase II gesehen werden. Das heißt nun nicht, die bisher beschriebenen Therapieziele der Phase II wären von geringerer Bedeutung, aber sie haben immer noch den Charakter von Kriseninterventionen. Natürlich lernt der Klient durch jede Bewältigung einer Krise und stabilisiert sich dabei weiter und selbstverständlich gibt es einen Lerntransfer, eine Übertragnug des Gelernten auf neue Situationen. Aber die langfristige Stabilisierung erwächst nicht allein daraus, wie oft Krisen in der Therapie bewältigt wurden. Von der Persönlichkeit her ist es genauso wesentlich, daß der Klient ein großes Netz eindeutig drogenfreier Kontakte aufbaut, und zwar solche Kontakte, die er auch als positiv erlebt und die auch er will. Dieser Zusatz scheint nötig, weil in allen (Übergangs-)Einrichtungen den Klienten gepredigt wird, wie wichtig Kontakte sind und alle Klienten "nicken ab" und signalisieren tiefe Einsicht. Leider spüren sie aber die Bedeutung eines sozialen Netzes nicht. Daher bleibt es dann bei Versprechungen, man werde sich schon um seine Beziehungen kümmern, wenn mann wieder "draußen" sei.

Nun bestehen in der Phase II zwangsläufig Beziehungen, weil die Klienten in einem gemeinsamen Stadthaus wohnen, so daß die Notwendigkeit und das Problem des freiwilligen Beziehungsaufbaus erst für die Zeit der Phase III gelten, wo ja die Klienten real außerhalb der Einrichtung für sich leben. Dann müssen sie in der Lage sein, drogenfreie Kontakte aufzubauen und zu halten. Und das beginnt aber schon in der Phase II, hier werden die notwendigen Einstellungen dazu erworben. Dazu muß jedoch auch die Möglichkeit vorhanden sein, d.h. es müssen nach der Therapie genügend potentielle drogenfreie Beziehungspartner vorhanden sein. Ziel der Therapie in der Phase II ist es, die Klienten in eine drogenfreie Subkultur zu entlassen, die Selbsthilfecharakter hat und deren Mitglieder sich gegenseitig stabilisieren. Erleichtert bzw. initiiert wird diese Gegenkultur durch das Nachsorgekonzept der Phase III, das im nächsten Kapitel dargestellt wird. Aber die Bereitschaft, daran teilzunehmen, hängt wesentlich von der Vorbereitung darauf in der Phase II ab. Damit läßt sich noch ein ganz wesentliches Therapieziel formulieren: In der Adaptionsphase werden die Klienten zur Teilnahme am ambulanten Nachsorgekonzept der Phase III vorbereitet und motiviert. Zum Nachsorgekonzept gehört u.a. die Wahrung einer drogenfreien Subkultur. Damit ausgedrückt ist auch die konzeptionelle Perspektive des Regelübergangs in die Nachsorge, da jeder entlassenene Klient ohne sie zunächst rückfallgefährdet ist. Klienten, die ohne sie auskommen, stellen die absolute Ausnahme dar. Im nächsten Kapitel wird dieser Standpunkt ausführlich dargestellt werden.

Zusammengefaßt lassen sich folgende Therapieprozesse für die Phase II, die Adaptionsphase, feststellen:

1. Es gibt eine besonders labile, zweimonatige Eingewöhnungszeit, die in ihrer Krisenhaftigkeit der Adoleszenz entspricht. Auch danach sind auftauchende Probleme ähnlich strukuriert.

2. Der intensive Kontakt mit der gesellschaftlichen Realität des Drogenkonsums stellt eine erhebliche Gefährdung dar, die nur mit qualifizierter Psychotherapie bewältigt werden kann, d.h. sowohl tiefenpsychologisch als auch verhaltenstherapeutisch im Sinne des vorgestellten Zweikomponentenmodells der Sucht (vgl. S 39).

3. Arbeitspraktika, Schulbesuch und begonnene Ausbildungen sind die dritte wichtige psychische Belastungsursache.

4. Die Phase II motiviert und bereitet alle Klienten zur Teilnahme an der ambulanten Nachsorge vor.

Erfahrungsgemäß brauchen die Klienten mindestens sechs Monate, um so stabilisiert zu sein, daß sie in den ambulanten Status der Phase III (der Nachsorge) entlassen werden können. Sie haben dann einen in der realen Arbeitswelt erprobten Entscheidungsprozeß für eine bestimmte berufliche Rehabilitation durchlaufen und die entsprechende Ausbildung begonnen. Sie können nun allein leben und brauchen nicht permanent die Präsenz einer Bezugsgruppe in einem stationären oder teilstationären Rahmen. Damit ist der Hauptzweck der Adaptionsphase erfüllt, ein ambulanter Status, der mit geringem Betreuungsaufwand die bestmögliche Stabilität der ehemaligen Drogenabhängigen sichert.

 

 

 

 

8.3 Phase III: die ambulante Nachsorge und deren Funktion als                               Sekundärprävention

Nach Abschluß der teilstationären Adaptionsphase verläßt ein Klient die Einrichtung, in diesem Fall das Stadthaus, und lebt dann selbständig in einer eigenen Wohnung. Er wird aber weiterhin durch eine ambulante Nachsorge, hauptsächlich in Form einer regelmäßigen Nachsorgegruppe und Einzeltherapiesitzungen in Krisensituationen, betreut. Die Betreuung leisten nach dem Bezugstherapeutensystem wiederum die ihm vertrauten Mitarbeiter der TG, d.h. die Einrichtung der stationären Therapie trägt auch die Nachsorge. Eine Nachsorge, die von der Einrichtung durchgeführt wird, die auch die stationäre Behandlung übernommen hat, also sozusagen "Therapie in einer Hand" praktiziert, scheint selten in Erwägung gezogen zu werden, zumal viele Einrichtungen in einem Verbund oder einer Kette zusammenarbeiten und so das Weiterleiten von Klienten von einer Einrichtung in die andere sich anzubieten scheint. Man kann also von einem "Schulklassenmodell" der Therapie sprechen, da hier analog zu Schulklassen Klienten den Verbund durchlaufen. Wie beim Übergang von der Phase I in die Phase II meistern die Klienten die Entlassung nicht so, wie in den Konzepten geplant. Die Frage ist also, warum eine seit 1973 bestehende stationäre Einrichtung sich der Sekundärprävention angenommen hat - wäre dies nicht Aufgabe anderer Institutionen? Es gibt drei Ursachen, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben:

1. Die Szene der labilen Ex-Klienten und deren besondere Subkultur;

2. unzureichender Therapieerfolg;

3. das Überleitungsproblem.

 

 

1. Die Szene der labilen Ex-Klienten und besondere Subkultur 

Ein Ausgangspunkt für den Aufbau einer ambulanten Nachsorge war die Situation im Umfeld der Einrichtung im Jahre 1987, wie sie bis dahin entstanden war und eigentlich immer entsteht, wenn Drogenabhängige aus einer stationären Behandlung regulär entlassen werden, danach aber keine weitere Betreung mehr erfolgt und die Klienten sozusagen als "geheilt" gelten. Im Umfeld der stationären Drogentherapieeinrichtung muß dann von folgender Lage für die Entlassenen ausgegangen werden:

Sie treffen auf eine Randgruppe, zu der periodisch rückfällige oder weiche Drogen konsumierende ehemalige Klienten gehören, wie sie beispielsweise im Laufe der Jahre im städtischen Bereich von Lüneburg entstanden ist. Diese ehemaligen Klienten sind nur mangelhaft beruflich integriert, d.h., sie verfolgen keine konsequente Berufsausbildung und gehen eher Gelegenheitsarbeiten nach. Ihre Lebensverhältnisse sind labilisierend, sie selbst noch nicht wieder von ihrer Hauptdroge abhängig, bringen aber auch nicht die Energie auf, um wieder stabil zu werden. Es besteht immer die eindeutige Möglichkeit, ganz rückfällig zu werden, wobei nach einigen Jahren dies meistens auch eintritt. Diese 'Ex-User'-Szene übt einen negativen Einfluß auf den Erfolg der Arbeit der Einrichtung aus, weil sie sowohl auf Klienten in der Einrichtung wie auch auf regulär Entlassene demotivierend wirkt. Frisch entlassene Klienten lernen in diesem Umfeld: Drogenabstinenz ist in dieser Gesellschaft nicht zu verwirklichen, sie wird nur von den Therapeuten vorgegaukelt, die ja keine Ahnung haben, was "draußen" wirklich los ist. Ohne Alkohol und andere Einstiegsdrogen geht es nicht; man muß eben aufpassen, was man tut. "Drücken", überhaupt der Konsum harter Drogen, wird weiterhin als gefährlich betrachtet. Arbeit und Ausbildung gelten als wichtig, doch werden die Berufs- und Ausbildungsziele als eher unerreichbar dargestellt. Es besteht das Ideal des kontrollierten Umgangs mit Drogen. So in etwa die Grundeinstellung dieser Randgruppe.

Sie wirkt auf die neu Entlassenen wie ein Vorbild, da dieser Personenkreis wegen seiner identischen Erfahrungen mit Drogenkarriere und Therapie geradezu zur Identifikation einlädt. Um die Leichtigkeit zu verstehen, mit der diese Anpassungsbereitschaft seitens der regulär Entlassenen vor sich ging, muß man sich die Situation der Klienten nach der Entlassung aus einer Therapie vergegenwärtigen:

Für einen Klienten, der seine stationäre Therapie (damals nach ca. 18 Monaten) beendet, besteht über einen längeren Zeitraum die Gefahr der gesellschaftlichen Isolation, die subjektiv als Einsamkeit erlebt wird. Durch die fortwährende Konzentration auf den Drogenkonsum und dem damit verbundenen mehr oder weniger rasch erfolgten Ausstieg aus Ausbildung und Beruf ist während der Drogenzeit eine immer größer werdende Kluft zwischen dem Drogenabhängigen und seiner nicht süchtigen Altersgruppe entstanden. Nimmt ein Klient wieder seine schulische und berufliche Ausbildung auf, muß er feststellen, daß seine Altersgruppe längst ihre Ausbildung beendet hat, altersgemäße Positionen in der Gesellschaft einzunehmen beginnt und zum Teil schon Familien gegründet hat. Bei seinem Neuanfang besucht er dann Schulen, in denen er bei weitem der älteste Schüler ist, bei Berufsausbildungen muß er sich deutlich Jüngeren unterordnen, verfügt über wenige finanzielle Mittel, da meistens noch Schulden zu tilgen sind etc.

Des weiteren muß er versuchen, abstinent auch in bezug auf legale Drogen zu leben, was bei dem überall in der Gesellschaft anzutreffenden Alkohol- und Tablettenkonsum sehr schwer ist und die Kluft zwischen ihm und den sogenannten 'normalen Menschen' ebenfalls vergrößert. In die Kreise, in denen er jahrelang gelebt hat, nämlich die Szene, kann er auch nicht mehr zurück, will er sich nicht massiv gefährden. Auf diese Weise entsteht ein Gefühl der Isolation, das Drogenwünsche aufkommen läßt und das ihn empfänglich für die Kontaktangebote aus dem Kreise labiler Ex-Klienten macht. Diese animieren zu ihren Konsumgewohnheiten, was gar nicht böswillig gemeint sein muß, aber eben stattfindet, denn für einen labilen Ex-Klienten stellt auf Dauer ein total abstinent lebender 'Neuling' eine Bedrohung seiner Rechtfertigungs- und Konsumideologie dar.

Diese Ex-User-Szene bedeutet oft das einzig akzeptierte Kontaktangebot, weil fatalerweise die eigentlich positive Identifikationsgruppe, nämlich die abstinent lebenden und ihrer Rehabilitation nachgehenden ehemaligen Klienten, gar nicht für den neu Entlassenen verfügbar ist. Diese Gruppe verschwindet sozusagen in der Gesellschaft und hat kein Interesse daran, sich als ehemalige Drogenabhängige erkennen zu geben. Da sie wegen Ausbildung und Beruf genug ausgelastet sind, werden sie auch deutlich weniger in den gängigen Lokalitäten anzutreffen sein wie labile Ex-Klienten, weil sie weder Zeit dazu noch das Interesse daran haben. So kommt es dann, daß die Instabilen das Bild der Therapie in der Öffentlichkeit viel stärker prägen als die Stabilen. Leider wird das auch von Klienten, die sich noch in der Therapie befinden und schon allein die Einrichtung verlassen können, so erlebt. Die Instabilen werden für Klienten in der Therapie und für die frisch Entlassenen zu einem negativen Modell, weil das positive Modell, nämlich die Stabilen, gar nicht angetroffen wird.

Für die Therapiemotivation und den Willen, danach abstinent zu bleiben, ist es von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß die Klienten in der Therapie und in der Entlassungssituation abstinent lebende ehemalige Klienten erleben, die ihr Leben meistern. Denn jeder Drogenabhängige ist, aufgrund der Erfahrung der Ohnmacht seiner Sucht gegenüber, zutiefst skeptisch, ob die Überwindung der Sucht überhaupt möglich und wünschenswert ist. Nur zu leicht ist er für Zweifel empfänglich, was die Bewältigung der Sucht angeht. Dem einzigen Personenkreis, dem er in dieser Hinsicht wirklich glaubt, ist derjenige der abstinent lebenden Klienten, eben der Gruppe von Menschen, die Ähnliches erlebt haben und die es geschafft haben. Von daher ist es geradezu therapieentscheidend, ob stabile oder labile Ex-Klienten das Bild der Therapie prägen.

Einer solchen Situation kann nur entgegengewirkt werden durch Aufbau einer gezielten Sekundärprävention. Diese sollte in erster Linie eine drogenfreie Gegenkultur aufbauen, um der fatalen Außenwirkung durch labile Klienten entgegenzutreten, sollte dadurch den abstinent lebenden Klienten eine sich gegenseitig stützende Kontaktmöglichkeit in Form einer Gruppe geben, um ihre Isolation zu durchbrechen und sollte bewirken, daß neu Entlassene positive Kontakte bekommen, die labilisierende Beziehungsangebote überflüssig machen.

 

 

2. Unzureichender Therapieerfolg

Der unzureichende Therapieerfolg durch Fehlen einer Nachsorge geht aus einer statistischen Bestandsaufnahme hervor, die 1987 durchgeführt wurde. Dazu wurde der Status aller regulär entlassenen Klienten über drei Jahre hinweg von 1984 bis 1987 erfaßt. Das ist bei einer Einrichtung mit 19 Therapieplätzen und damit einer überschaubaren Anzahl von regulären Therapiebeendern relativ leicht möglich, weil der Verbleib der ehemaligen Klienten in allen Fällen zu ermitteln war. Therapeuten der Einrichtung teilten in drei Kategorien ein:

Kategorie S wie Stabil: Die Personen dieser Gruppe leben weitestgehend abstinent in bezug auf legale und illegale Drogen, keine Symptomverschiebung auch nur im Ansatz, Ausbildung und Beruf werden überzeugt angegangen, Lebensführung macht Drogenkonsum überflüssig.

Kategorie L wie Labil: Regelmäßiger Konsum legaler Drogen, Konsum persönlicher Einstiegsdrogen, Symptomverschiebung, Episoden mit der Hauptdroge, jedoch keine Abhängigkeit davon. Ausbildung und Beruf werden nur inkonsequent angegangen, Lebensführung erfordert Konsum "kontrollierbarer" Drogen. Langfristige Entwicklung in die erneute Abhängigkeit von der Hauptdroge sehr wahrscheinlich.

Kategorie R wie Rückfällig: Allmähliche Aufnahme des alten Konsumverhaltens und erneute körperliche Abhängigkeit von der Hauptdroge, Ausbildung und Beruf werden aufgegeben.

Für den Zeitraum vom 01.10.1984 bis 30.09.1987 lassen die regulär Entlassenen sich folgendermaßen einteilen (Stand:1.3.88):

Kategorie S (wie stabil): 25,00 % ( 6 Personen)

Kategorie L (wie labil): 54,16 % (13 Personen)

Kategorie R (rückfällig): 20,83 % ( 5 Personen)

Abgebrochen haben oder vorzeitig entlassen wurden 17 Personen.

Bei der Zuordnung der einzelnen ehemaligen Klienten zu den Kategorien gab es auch Grenzfälle, jedoch kann das vor der eindeutigen Struktur der Verteilung vernachlässigt werden. Die von den Prozentsätzen ableitbare Aussage ist wohl die: Es gibt wenig eindeutig stabilisierte Ex-Klienten (Kategorie S), es gibt ähnlich wenig eindeutig Rückfällige, und es gibt einen Großteil von labilen Ex-Klienten (Kategorie L).

Der Anteil der als labil Eingestuften war das entscheidende Argument für den Aufbau einer Nachsorge, denn dieser Personenkreis ist noch nicht so weit abgeglitten, um nicht für stützende Maßnahmen im Rahmen der Möglichkeiten einer stationären Einrichtung erreichbar zu sein. Aus der Untersuchung wird auch verständlich, warum die unter Punkt 1 beschriebene Subkultur der labilen Ex-Klienten entstehen konnte und warum sie so einflußreich ist: Sie hatte einfach einen großen Zugang an regulär Entlassenen. Abbrecher und vorzeitig Entlassene spielen hierbei keine Rolle, da sie sofort zum Bahnhof gebracht und in den Zug gesetzt werden bzw. sie haben kein Interesse am Verbleib in der Region. Deshalb hält sich so gut wie niemand aus dieser Gruppe im städtischen Umfeld auf. Hervorzuheben gilt nochmals der relativ geringe Anteil von Rückfälligen im Vergleich zu den Labilen.

 

 

 

3. Das Überleitungsproblem

Aus der obigen Erhebung ergibt sich eine große Anzahl von ehemaligen Klienten, die zwar labil sind, sich aber gleichzeitig auch so stablisiert haben, um noch ohne ihre Hauptdroge leben zu können. Für diesen Personenkreis wäre eine erneute stationäre Therapie überflüssig, eine ambulante Maßnahme zur weiteren Stabilisierung aber genau angebracht. Als Institution käme dazu eine Drogenberatungsstelle in Frage. Leider waren seit Bestehen der Therapeutischen Gemeinschaft (1973) alle Versuche, Klienten nach Therapieabschluß in eine Betreuung durch die Drobs überzuleiten, erfolglos. Die ehemaligen Klienten nahmen die Angebote der Drobs zu selten an. Vor allem waren es diejenigen, die zu den Stabileren gehörten, die davon noch Gebrauch machten. Je labiler jemand war, desto weniger kümmerte er sich um Hilfe. Dem liegt das schon beschriebene Merkmal des Drogenabhängigen zugrunde, das in der Therapeutischen Gemeinschaft sehr bald zur Einführung eines Bezugstherapeutensystems und des Prinzips der Wahrung einer Kontinuität der Beziehungen führte: Die Drogenabhängigen sind zutiefst beziehungsgeschädigt, weil sie unter Bedingungen aufgewachsen sind, die keine verläßlichen Beziehungen gewährten. Tod, Scheidung, Wechsel der Heime und nicht zuletzt labile und überforderte Bezugspersonen haben sie traumatisiert und empfindlich für Beziehungsabbrüche werden lassen (vgl. S. 5 nochmals die Untersuchung von Hanel & Herbst (1988), wo 88 % der Drogenabhängigen solche Lebensereignisse kennen). Da sie schon während der stationären Therapie einen Therapeuten- und Bezugsgruppenwechsel kaum meistern, sind sie nach der Therapie auch nicht zur Überleitung in eine Drobs für eine Nachsorge bereit. Sie nehmen nach Ende der Therapie in einer kritischen Situation lieber gar keine Hilfe in Anspruch, anstatt zu einer Drobs zu gehen. Wie schon erwähnt, schaffen das am ehesten die sowieso schon Stabileren. Wenn also Beziehungsbrüche in der stationären Therapie zu vermeiden sind, gilt das auch für die Entlassungssituation und die Reintegration in die Gesellschaft. Diese Erfahrungen führten daher ebenfalls zu dem Entschluß, eine Nachsorgegruppe aufzubauen, die eine Kontinuität der Beziehungen in vertretbarem Ausmaß wahren kann.

 

9. Erfahrungen mit der Nachsorgegruppe (Phase III)

Die Nachsorgegruppe, die ab Oktober 1987 aufgebaut worden ist, hat seitdem mehrere Aufgaben:

1. Aufbau einer drogenfreien Gegenkultur ehemaliger Klienten,

2. Aufbau einer Bezugsgruppe für stabile ehemalige Klienten,

3. Instrument der Krisenintervention,

4. Stabilisierung labiler ehemaliger Klienten,

5. Hilfe bei der Bewältigung der Ablösung von der Therapeutischen Gemein    schaft.

Der letzte Punkt muß näher erläutert werden. Das Bezugstherapeutensystem darf eine Ablösung eines Klienten nicht verhindern. Durch die Teilnahme an der Nachsorgegruppe gelingt diese Ablösung besser, weil das Beziehungsgeflecht der Teilnehmer untereinander und das Vertrautsein miteinander aus Zeiten der Therapie ein Ende der Beziehung zum Therapeuten kompensiert. Die Beziehung zum Bezugstherapeuten wird also in eine Anbindung an eine Bezugsgruppe übergeleitet. Aber auch die Trennung von der Therapeutischen Gemeinschaft, die ja den Charakter der Bindung an ein Elternhaus erworben hat, wird unproblematischer.

Als Rahmenbedingungen für die Nachsorgegruppe ist folgendes festgelegt worden:

a) Abstinenzregel - kein Konsum legaler oder illegaler Drogen;

b) Abstinenzbegleitung - bei Verletzungen der Abstinenzregel zählt für den      Verbleib in der     Gruppe der Wille zur Abstinenz. Keine Suchtbegleitung;

c) Regelmäßigkeit der Treffen - alle 14 Tage mittwochs 18.00 Uhr bis 21.00      Uhr.

d) Verbindlichkeit der Teilnahme;

e) Professionelle Leitung der Gruppe durch Therapeuten der Gemeinschaft;

f) Psychotherapeutisches Umgehen mit den Themen;

g) Schweigepflicht;

h) kein Weitererzählen von Gerüchten, sondern persönliches Nachfragen;

i) kein Verschweigen von Rückfällen in der Gruppe.

Nach drei Jahren Nachsorgegruppe wurde wieder eine Erhebung über den Status der regulär Entlassenen durchgeführt, und zwar für den Zeitraum von Oktober 1987 bis Oktober 1990. Wieder wurden die weiter oben angeführten Kategorien verwandt (Stand: 1.3.91):

Kategorie S wie stabil:

77,27% (17 Pers.), alles Teilnehmer an der Nachsorgegruppe;

Kategorie L wie labil:

9,09 % (2 Pers.), keine Teilnehmer an der Nachsorgegruppe;

Kategorie R wie rückfällig:

13,18 % (3 Pers.), keine Teilnehmer an der Nachsorgegruppe;

(25 Abbrecher und vorzeitig Entlassene).

Die Erhebung zeigt eine hohe Anzahl von abstinent lebenden ehemaligen Klienten, die alle an der Gruppe teilnahmen, 13 davon mehr als ein Jahr. Sowohl bei den Labilen wie auch Rückfälligen fällt auf, daß sie keine Teilnehmer sind. In der Praxis war es so, daß zwei Rückfällige nur zweimal teilnahmen, der andere sporadisch ca. ein halbes Jahr. Erstere haben Kontakt zur Drobs, letzterer will erneut eine Therapie antreten. Beide Personen der Kategorie 'Labil' haben nie an der Nachsorgegruppe teilgenommen.

Eine sinnvolle Interpretation der Ergebnisse ist nur dann möglich, wenn der Zeitraum von drei Jahren ohne Nachsorge dem gleichen Zeitraum mit Nachsorgegruppe gegenübergestellt wird:

Kategorie: Stabil Labil Rückfällig Summe

keine Nachsorge 1984 - 1987:

25,00 % (6) 54,16 % (13) 20,83 % (5) (24)

 

mit Nachsorge 1987 -1990:

77,27 % (17) 9,09 % ( 2) 13,18 % (3) (22)

(Gezählt wurde jeweils vom 01. Oktober bis 30. September, Zahl der Abbrecher 1984-1987: 17, 1987-1990: 25. Stand: 1.3.88 bzw.91).

Die Prozentwerte zeigen eine hohe Zunahme der als stabil eingestuften ehemaligen Klienten für die Zeit nach Beginn der Nachsorge. Der Unterschied zwischen den beiden Zeiträumen ist statistisch hoch-signifikant (Chi-Quadrat für 'stabil' vs. 'labil oder rückfällig', kontinuitätskorrigiert nach Clauß, Finze & Partsch (1995):10,54, Irrtumswahrscheinlichkeit: kleiner als 1%, 1 Freiheitsgrad).

Die Unterschiede in den Abbruchquoten, bezogen auf die jeweiligen Zeiträume, sind statistisch nicht signifikant (Chi-Quadrat: 1,21). Außer einer Erhöhung der Belegung sind keine Änderungen im Therapiekonzept vergleichbar der Einrichtung der Nachsorge im zweiten Zeitraum vorgenommen worden, so daß als Folgerung nur übrigbleibt:

Das von der Therapeutischen Gemeinschaft Dachtmissen eingeführte Nachsorgekonzept führt zu einer wesentlichen Stabilisierung stationär entlassener Klienten. Mit vergleichsweise geringem Aufwand an gezielter und sinnvoller Nachsorge kann die Zahl der Rückfälle drastisch gesenkt und eine erfogreiche Sekundärprävention geleistet werden.

Vor allem hat die Zahl der als labil eingestuften Klienten extrem abgenommen, so daß mit der Nachsorge die Gruppe erfaßt wird, die es vordringlich auch zu erreichen gilt.

In der Nachsorgegruppe gab es während des untersuchten Zeitraums zweimal Rückfälle (Dosis: 3 bzw. 5 Injektionen Heroin), die verantwortungsvoll gemeinsam bewältigt wurden. Die Alkoholabstinenz funktioniert gut, worauf auch die Teilnehmer sehr achten, da für viele Alkohol sehr wohl den Charakter einer Einstiegsdroge hat.

Diese Untersuchung genügt nicht strengsten Kriterien empirischer psychologischer Forschung. So wurden keine Urinproben verwandt, in die Zuordnung zu den Kategorien gehen Beurteilertendenzen mit ein. Es fehlen Kontroll- oder Vergleichsgruppen. Da es nur zwei Erhebungszeitpunkte gibt, werden keine Veränderungen der untersuchten Personen erfasst. Insofern stellt sie keinen wissenschaftlichen "Beweis" dar, trotzdem bleiben die Aussagen äußerst plausibel.

 

 

10. Die veränderte Situation

Die Situation für Therapiebabsolventen hat sich grundlegend geändert. Die Szene labiler oder rückfälliger Ex-Klienten der TG Dachtmissen hat keinen Einfluß mehr, weil sie zahlenmässig stark geschrumpft ist. Den vorgesehenen Regelübergang in die ambulante Nachsorge nehmen alle Klienten wahr. Danach brechen ca. 21% die Nachsorge ab, wobei diese alle in den oben beschriebenen labilen Zustand abgleiten und langfristig rückfällig werden (genauere statistische Angaben folgen weiter unten). Je abrupter, früher und krisenhafter dieser Ausstieg ist, desto eher gleiten die Aussteiger in den Zustand der Labilität und damit langfristig in den Rückfall ab. Über die Ursachen dieses Ausstiegs kann wenig Allgemeingültiges gesagt werden. Wahrscheinlich sind es eher gruppendynamische Mechanismen, aber auch Selbstüberschätzungen und Loyalitätskonflikte in bezug auf therapieunerfahrene Partner und Nachsorgegruppe. Oft war der Ausstieg bzw. Abbruch schon während der Rehapase im Stadthaus geplant, aber der Mut fehlte dazu und erst das Leben in der eigenen Wohnung ermöglichte ihn scheinbar komplikationsloser ohne die Auseinandersetzungen mit anderen Klienten oder das Risiko des normalen Therapieabbruchs mit seinem Wegfall der gewohnten Unterstützungen durch den therapeutischen Rahmen. In der Regel werden sie dann in ein Substitutionsprogramm aufgenommen, das aber nicht zu einer beruflichen Rehabilitation weiterführt, weil die geringe psychische Belastbarkeit durch die Ersatzdroge nicht aufgehoben ist.

Die Nachsorgegruppe entspricht in der Praxis einer Gruppentherapie. Die Themen sind Probleme in der Ausbildung und am Arbeitsplatz, Auslöser von Drogengedanken und Drogenverlangen, die Allgegenwart von Drogen jeglicher Art in der Gesellschaft, Konflikte mit Partnern, Eltern und Geschwistern, Schulden, Probleme mit der Finanzierung des Lebensunterhalts, vor allem während der Ausbildungen. Der feste Rhythmus der Treffen erweist sich als sehr stabilisierend, ebenso der damit verbundene Kontakt zu den Therapeuten der TG. Erst nach Ablauf von zwei bis drei Jahren beginnen Teilnehmer mit der Ablösung, manche bleiben länger - es wird dabei keinerlei Druck ausgeübt. Es zeigt sich, daß die Ablösung dann erfolgt, wenn wesentliche Ziele der Rehabilitation bewältigt worden sind, wie abgeschlossene Lehre oder Umschulung, und sich in einen festen Arbeitsplatz eingearbeitet worden ist. Oder Abschlüsse vorbereitender Schulen, wie Realschulabschluß oder Abitur sind erreicht und das eigentliche Studium wird gemeistert.

Aufgrund der so integrierten Nachsorge ist eine drogenfreie Gegenkultur entstanden, in die ein regulärer Beender der stationären Therapie aufgenommen wird. Neben der Nachsorgegruppe besteht sie in einem System drogenfreier Kontakte mit Selbsthilfecharakter. Dazu gehören auch die ehemaligen Klienten, die die Nachsorgegruppe sozusagen "regulär" beendet haben, aber immer noch Kontakt zum Therapiebereich halten. Fördernd hierbei sind ein- bis zweimalige Treffen aller ehemaliger Klienten im Stammhaus in Dachtmissen. Das Geflecht von Beziehungen, das so entsteht, hat den Vorteil einer großen Auswahlmöglichkeit von Kontakten. Der einzelnene muß nicht immer wieder mit denjenigen zusammenkommen, die er nun schon seit langem, oft seit Therapiebeginn kennt, und die dadurch langweilen oder behindern können.

Dieses Nachsorgekonzept vermeidet den verheerenden Effekt der Isolation, wie sie immer nach einer stationären Maßnahme zu entstehen droht. Die so erlangte Stabilität der Klienten ist hoch. Für den Erhebungszeitpunkt 1.1.96 gilt:

Durch vier Therapeuten wurden alle regulären Therapiebeender zwischen dem 1.1.91 und dem 31.7.95 eingeschätzt ; dies ergab 38 Personen (=100%). 79% dieser regulären Therapiebeender, d.h. der Klienten, die die stationäre Phase I und die teilstationäre Phase II regulär durchlaufen haben, brechen die Nachsorge nicht ab und bleiben stabil (bzw. abstinent) im Sinne der obigen Kategorie (das sind 30 Personen).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Anteil der Therapieabbrecher bezogen auf die Phase I und Phase II, also der stationären und teilstationären Phasen, weil bei einem so guten Ergebnis immer der Verdacht einer effektiven Filterwirkung der Therapie entkräftet werden muß, will sagen, vielleicht entwickelt diese Therapie nur ein besonders großes Geschick, erfolgversprechende Klienten zu binden.

Die Abbruchquote betrug zum Erhebungszeitpunkt 39% (entspricht 25 Personen) für den Zeitraum vom 1.1.91 bis 31.7.94, d.h. 61% aller in diesem Zeitraum aufgenommenen Klienten brechen nicht ab ( 39 Personen), es wurden allerdings Klienten, die innerhalb von 14 Tagen abbrachen, nicht berücksichtigt, obwohl dies weniger als fünf Personen waren.

Diese Einschätzungen sind insofern relativ einfach zu erheben, weil die stabilen Klienten in der Region verbleiben, leicht erreichbar sind und weil andererseits aufgrund der Einrichtungsgröße die Zahlen überschaubar bleiben. Natürlich haben diese Zahlen auch nicht wissenschaftliche Qualität, es gelten die schon auf Seite 77 angeführten Einschränkungen, aber sie entsprechen dem selbstkritischen Eindruck der Mitarbeiter, der nicht prinzipiell falsch sein muß. Möglicherweise hilft auch die bisherige Darstellung der Konzeption dem Leser in dieser Frage.

Die Szene labiler und rückfälliger Ex-Klienten hat keine Bedeutung mehr, d.h. die Klienten können nach Ablauf der stationären Therapie in eine drogenfreie Gegenkultur übergeleitet werden, wo sie eine erfolgreiche Überwindung der Sucht anhand von realen Vorbildern erleben. Der Zeitraum von drei Jahren für die Teilnahme an der Nachsorge ist Praxis und hat sich als so stabilisierend erwiesen, daß nach dem Ausscheiden praktisch keine Rückfälle mit erneutem Einstieg in die Sucht registriert werden konnten.

Nun ist die letzte möglicherweise Aussage insofern irreführend, als nach dem endgültigen Auscheiden nicht von einem totalen Kontaktabbruch ausgegangen werden kann. Es finden gelegentliche Konakte statt, sei es aus Anlaß des schon erwähnten, arrangierten Treffens aller ehemaliger Klienten im Stammhaus, sei es wegen konkreter Bitte um Hilfe bei Schwierigkeiten. Es ist die Überzeugung, daß sie sich melden könnten, wenn sie Unterstützung bräuchten, die sehr stabilisiert und paradoxerweise eben nicht zu ständigen Hilferufen animiert. Daher endet die Therapie nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern hört ganz allmählich auf bzw. ist ein Wachstum in die Selbständigkeit - zumindest gilt das für diese Konzeption.

 

 

 

11. Transskript einer Gruppentherapiesitzung

Um einen Einblick in das therapeutische Geschehen zu geben, wurde von einer Videoaufzeichnung einer Gruppentherapiesitzung ein Transskript erstellt. Ausgewählt wurde die Freitagsgruppe, die in der Regel vier bis fünf Stunden dauert. Sie und die kürzere Dienstagsgruppe (ca. drei Stunden) stellen die regelmäßigen Gruppentherapiesitzungen der Woche dar. Diese konkrete Sitzung wurde wegen ihrer für diese Drogentherapie typischen Bandbreite von Themen ausgewählt. Sie ist weniger für gestalttherapeutisches Vorgehen beispielhaft, da es sich hier noch um eine relativ therapieunerfahrene Gruppe der Phase I handelt. Das Transskript stimmt da nicht immer wörtlich mit der Videoaufzeichnung überein, wo die Verständlichkeit und Lesbarkeit nicht mehr gegeben war. Alle Teilnehmer sprechen nämlich oft in abgebrochenen Sätzen und verwenden Satzphrasen, wobei dies alles auch noch mehrmals wiederholt wird. Schreibt man das genauso auf, dann ist es teilweise nicht mehr lesbar im Sinne von nicht verständlich. Interessanterweise stört dieser Sprachstil beim Betrachten der Videoaufzeichnung nur wenig. Es war eher so, daß gerade diese Videoaufzeichnug, abgesehen von der Technik, als gelungen galt, weil eben gut verständlich, und daher ausgewählt wurde. Das Fehlen der visuellen Wahrnehmungsmöglichkeit und die Beschränkung auf das geschriebene Wort stellen also eine gewisse Verfälschung des Kommunikationsprozesses dar. Um die Anomyität zu wahren, sind alle Namen durch Pseudonyme ersetzt. Es war nicht geplant, diese Gruppensitzung aufzunehmen, um ein Transskript von ihr zu erstellen. Die Klienten sind an Video- oder Tonbandaufzeichnungen gewöhnt, weil diese für die Supervision genutzt werden und sie selbst auch die Aufnahmen anschauen können. Von daher dürfte ihr Verhalten nicht dadurch beeinflußt sein.

 

 

 

 

I.

(Man sieht die Klienten in einem quadratischen Gruppenraum sitzen, eine Therapeutin und eine Therapeut kommen herein und setzen sich. Man hört , wie jemand durch eine der beiden Türen in den Gruppenraum kommen will. Die Tür ist verschlossen, was sonst nie vorkommt. Längeres allgemeines Geraune. Therapeut steht auf).

Therapeut: "Wo ist der Schlüssel?                                                                           (Schweigen)                        Ohne Schlüssel fang' ich nicht an."                                                                           (verläßt mit Therapeutin den Raum. Allgemeine Hektik. Besagte Tür wird aufgeschlossen, alle setzen sich)

Reinhard: "Ich hol' die Therapeuten."

(Reinhard und die Therapeuten kommen herein und setzen sich)

Therapeutin (zu Gregor gewandt): "Du hattest den Schlüssel?"

Gregor: "Der war hier."
Therapeut: "Wieso hast du denn den Schlüssel?"

Gregor: "Weil ich am Isoschrank gestern Abend war. Ich hab' den dann abgezogen" (Hinter dieser besagten Tür befindet sich der sogenannte Isoschrank, ein Schrank mit lauter Schließfächern, der alle Gegenstände enthält, die den Klienten zu Beginn der Therapie abgenommen werden). "Es war spät ... und zwischendurch ...Telefon und so ..."(Gemurmel).

Therapeutin: "Wieso ziehst du den Schlüssel ab?"

Gregor: "Weil ich von innen abschließen wollte ... (undeutlich)..."

Therapeut: "Hallo Gerda."

Gerda: " Hallo Elmar."

Therapeut: "Was machen wir?"

Gerd: "Ich hab' gestern an meinem Traum im Einzel (Einzeltherapiesitzung) gearbeitet. Ich möchte daran weitermachen."

Thomas: "Ich wollte auch sagen wie es mir geht, wie es mit dem Praktikum geht."

Therapeut: "Logo."

Klientin: "Ich möchte auch was machen."

Anderer Klient: "Ich möchte auch was machen."

Gabi: "Ich möchte auch was machen ... Ich möchte meine Speisekammerzettel vorlesen."

Therapeutin (ironisch): "Nein?!"

Therapeut, zu Gabi gewandt: "Mit dir fangen wir an. Noch jemand? Fragen?"

Gerda: "Ich!"

Therapeut: "Was?"

Gerda: "Ich will Andrea was sagen."

Therapeut: "Das machen wir dann nach Gabi." (Gerda ist eine Klientin, die schon in der Phase II sich befindet und in dieser Gruppe mit Andrea, die noch in der Phase I sich befindet, etwas zu klären hat)

Therapeutin: "Melanie?"

Melanie (undeutlich): "Ich muß nichts sagen, ich mach' am Dienstag."

Therapeut: "Doch, du mußt....schon klar."

Therapeutin: "In der Kaffeerunde gestern hast du gesagt, daß du heute was machst."

Gabi: " ... und einen Strafpunkt möchte ich noch löschen."

 

 

II.

Therapeut (an Gabi gewandt): "Ich meine, wir können dir die Peinlichkeit nicht ersparen. Was hast du gestern für einen Anruf entgegengenommen? Von was für einer Frau, Gabi?"

Gabi: "... Ja, ich habe gedacht, sie hat sich mit 'Fischer' gemeldet (das ist der Nachname eines Klienten). Ich hab' gedacht ... Kann ich mal den Ben sprechen. Ja, und dann habe ich gedacht, das ist Ben seine Mutter."

Therapeut: "Das hast du nicht nur gedacht. Du bist wo hingegangen und hast gesagt, Bens Mutter hat angerufen?"

(Gabi reagiert nicht)

Therapeut: "Wo bist du hingegangen?"

Gabi: "Ich bin in die Abendrunde gegangen und hab' das da gesagt."

Therapeut: "Allen?"

(Gabi nickt)

Therapeut: "Nachdenken! Es waren ja nicht alle da."

Gabi: "... äh, nicht alle, äh, nur Ben, und wer war noch nicht da? Stefan."

Viele: "Nur Ben."

Therapeut (an Ben): "Und du hast das gewußt, daß sie das erzählt hat?"

Ben: "Ja, nee, das war alles verdreht gestern Abend."

Therapeut: "Nein, da war nichts verdreht."

Ben: "O.k., ich hab's von Ulla erfahren (Ulla war die Therapeutin, die an diesem Abend Bereitschaftsdienst hatte). Ich hab' das nicht aus der Gruppe erfahren, ich hab' das ..."

Therapeut: "Von Ulla hast du erfahren, daß Gabi sagte, deine Mutter hätte angerufen."

Ben: "Nein, von Gabi weiß ich das seit jetzt, daß sie den Anruf entgegengenommen hat."

Therapeutin: "Du wußtest also nicht, wer das war?"

Ben: "Nee, ich dachte, Gregor wär' dran gewesen, ich wußte gar nicht, daß es mit Gabi irgendwie zusammenhängt."

Therapeut: "Gabi hat den Anruf entgegengenommen und hinterher gesagt, deine Mutter hätte angerufen, und die ganze Gruppe weiß es."

Gabi: "Ja, das ist ganz schön peinlich."

Therapeut an Gabi:"Das weißt du?"

Gabi: "..., daß ich äh ..."

Therapeutin: "Hallo ..., du weißt, daß seine Mutter tot ist?"

Gabi: "Ja, das ist es, daß ich nicht mehr dran gedacht hab', daß du erzählt hast, daß deine Mutter tot ist. Ich hab' nur 'ne Frau am Telefon gehört, dann bin ich davon ausgegangen ... "

Therapeut (an Ben): "Wann ist deine Mutter gestorben? Wie alt warst du da?"

Ben: "Elf."

Therapeut: " An was?"

Ben: "... Hm?"

Therapeut: "An was?"

Ben: "Ja, sie hatte Krebs."

Therapeut: "Knochenkrebs."

Ben: "Ja, jetzt hör' ich das auch alles zum erstenmal (stöhnt), ich weiß überhaupt nicht, was Sache ist."

Therapeut: "Nee, nee. Wie geht's dir damit?"

Ben: "Mir geht's ein bißchen merkwürdig, so ..."

Therapeut: "Was heißt ein bißchen merkwürdig?"

Ben: "Ich bin irgendwo ganz woanders. Ich hab' das so verstanden, daß meine ..."

Therapeut: "Ja, da kommen wir noch dazu."

Ben: "Ja, ich weiß nich' ... das Ding ist auch so ..."

Therapeut: "Warum erzählt dir das keiner hinterher?"

Gabi : "In der Abendrunde war das dann so, daß das ja gar nicht deine Mutter wär', und dann hab' ich gesagt, ja, ich hab' halt nur 'ne Frau gehört, die sich mit "Fischer" gemeldet hat, und sie wollte um halb acht noch mal anrufen, und dann (zu Gregor gewandt) wurdest du ans Telefon geholt. " (dies war der zweite Anruf für Ben, den dann Gregor entgegengenommen hatte)

Therapeut: " Was habt ihr mit Ben gemacht gestern Abend? Wer hat's ihm denn nun gesagt?"

Gregor: "Ich hab' ihm dann, nachdem du mit Ulla telefoniert hast, von dem Gespräch erzählt, was ich angenommen hab', mit seinem Vater. Aber das mit seiner Mutter ..."

Therapeut: "Ihr seid derartige Vernebler. Es geht doch nicht um das Gespräch mit der Frau am Ende der Leitung."

Zu Gregor gewandt: "Du weißt doch genau, worauf ich hinauswill."

Gregor: "Ja klar, daß jeder das wußte, nur Ben nicht."

Therapeut: "Ja klar, daß alle mit wissenden Gesichtern durch die Gegend laufen, und Ben denkt dann manchmal, warum hab' ich das Gefühl, die Leute sagen mir nicht alles? Das fehlt noch. Das ist die Brutalität in einer Therapeutischen Gemeinschaft. Ich finde das einfach brutal, das ganze. Das Gespräch entgegenzunehmen und dann wird's dir nicht gesagt."

Gabi: "Also ich habe daran, ich hab' das hinterher dir nicht gesagt, weil ich nicht, erst mal nicht daran gedacht hab', daß das nicht deine Mutter sein kann, weil sie tot ist und dann hab' ich gedacht, wer kann denn das gewesen sein. So ..., dann hab' ich gedacht, um dir das zu ersparen, ..."

Therapeutin: "Du bist ja lustig, so wirst du ja nicht erfahren, wer das war. Denn er ist ja der einzige, der sagen kann, wer noch Frau Fischer sein kann ..."

Gabi: "Ich hab' dann gedacht, das ist seine Oma."

Therapeut (an Ben): "Lebt deine Oma noch?"

Ben: "Nee."

Ben: "Also, es ging mir jetzt total beknackt. Irgendwie hab' ich gerochen, hier ist was los."

Therapeut: " Ja, logisch."

Ben: "Ich habe gedacht, was hab' ich hier nur ausgelöst, so in der ganzen Gruppe. Was ist denn los? Bereitschaft hin, Bereitschaft her, und alles nur am Drucksen, einzelne wußten auch nicht was los ist. Ich hab' mir dann schon die wildesten Gedanken gemacht, und dann mit Ulla noch das Ding (Ulla, die Therapeutin des Bereitschaftsdienstes, hatte Ben über den Anruf seines Vater und Gregors Eindruck informiert, Bens Vater wäre betrunken). Ich dachte, jetzt erzählt sie mir gleich, mein Vater ist verreckt. Ich wußte irgendwie gar nicht, was Sache ist. Danach war ja 'ne Gruppe, und für so ein Telefonat so eine Dramatik in die Gruppe reinzusetzen ..."

Therapeutin (an Gabi): "Mal ganz ehrlich, äh, du wolltest es nicht Ben ersparen, sondern du wolltest dir das ersparen, denn das ist ja ganz schön peinlich, was du da veranstaltet hast."

Therapeut: "Ja, ich finde, die Gruppe war auch nicht doll."

Therapeut (an Gregor): "Wie hast du denn das mit seinem Vater gemeint? Hast du dem Ben alles gesagt?"

Gregor: "Ja, ich hab' ihm alles gesagt."

Therapeut: "Was hast du ihm gesagt?"

Gregor: "Daß ich den Eindruck hatte, daß er breit war, eben betrunken, daß ich echt Schwierigkeiten hatte, ihm das rüberzubringen."

Therapeut: "Was wolltest du ihm denn rüberbringen?"

Gregor: "Daß er Kontaktsperre hat."

Therapeut: "Was ist mit Kontaktsperre?"

Gregor: "Weil der Kontakt mit seinem Vater nicht klar ist."

Therapeut: "Ach, dann hat er Kontaktsperre?"

Therapeutin: "Gregor, du hast ihm gesagt, er hätte Kontaktsperre?"

Gregor: " ..."

Therapeut: "Du hast gesagt Kontaktsperre?"

Gregor: "Ja, irgenwann hab' ich gesagt, Kontaktsperre. Er kann jetzt nicht mit ihm reden. Und dann hab' ich ihm irgendwann gesagt, er hat Kontaktsperre, weil er immer wieder nachgefragt hat wieso, wieso kann er nicht mit mir reden."

Therapeut: "Nicht weil er Kontaktsperre hat. Ich will dieses Wort nicht mehr hören ..."

Gregor: "Und dann hab' ich gesagt, er wird sich dann zurückmelden von sich aus."

Therapeut: " ... weil die Leute von sich aus anrufen und nur von sich aus das machen sollen. Und bevor sie sich nicht selber melden, wollen wir das nicht erzwingen. So wird das erzählt, und nicht, daß sie Kontaktsperre haben."

Gregor: "Das habe ich ja auch gesagt."

Therapeut: "Nein, das hast du nicht gesagt."

Gregor: "Das Wort Kontaktsperre habe ich erst später, im Nachhinein, gesagt."

Therapeut: "Das ist Index".

Gregor: "Ich wußte nicht ..."

Therapeut: "Dann sagst du ... das läuft so, daß die Leute in der Stufe 2 (Ben ist Stufe 2) sich selber melden, und wenn sie das nicht tun, werden wir dann nicht ..., werden wir nichts dagegen machen."

Therapeutin: "Es besteht kein Verbot, Kontaktsperre ist ein Verbot."

Gregor: "Er wollte von mir wissen, warum du dich nicht von selber meldest." (an Ben gewandt)

Therapeut: "Dann sagst du, dann kann ich auch nichts machen, dann soll er einen Brief schreiben."

Gregor: "Und irgendwann war dann die Frau dran, und die meinte aufeinmal, O.K., alles klar, versteh' ich, können sie die Nummer aufschreiben."

Therapeut: "Was für 'ne Frau denn? Weißt du das, daß irgendwann die Frau dran war?"

Ben: "Na, ja, das hast du mir dann erzählt. Ich denke, das war irgendwie die Freundin, ja ich mein', ich hab' das gestern schon mit Karla gehabt, das war irgendwie so, daß er den Eindruck gehabt hat, was weiß ich wie, ..."

Therapeut: "Was ist das denn, was weiß ich wie?"

Ben (an Gregor): "Du hast es irgendwie so ausgedrückt, daß er das nicht richtig schnallt, er hat das wohl nicht richtig verstanden, als wär' er irgendwie breit, so nee ..., mein Alter ist ein bißchen alt, wenn der das Wort Kontaktsperre hört, dann denkt er was weiß ich, ähh. Mich kann keiner mehr beruhigen, so ... , verstehste, so denkt der. Für ihn ist es auch irgendwie klar, mit mir immer sprechen zu können. Mit dem Wort Kontaktsperre, ich schätz' ihn mal so ein, mit dem Begriff kann der gar nichts anfangen."

Therapeut: "Mit dem Begriff kann keiner umgehen."

Ben: "So, der hat irgendwie gedacht, ich bin jetzt irgendwie weggeschlossen."

Therapeut: "Einzelhaft ..."

Ben: "Ja, ich so gedacht, daß er irgendwie rabiat ist ..."

Therapeut: "Hier, Stufe 2: Es gibt die Sprachregelung: die Leute sollen sich von selber melden, und wenn sich einer von selbst nicht gemeldet hat, dann werden wir ihn hier nicht dazu zwingen. Das ist den Leuten überlassen, ob sie Kontakt machen wollen oder nicht. Das ist die Konzeption. Man kann gern Grüße ausrichten lassen, das machen wir auch. Wir sagen auch, daß angerufen worden ist, aber melden müssen sich die Leute selber, das müssen sie selber tun, selber entscheiden. Wir wollen keinen zu Kontakten zwingen. Kapiert? Und für Stufe 1 gilt ..., da heißt es nicht Kontaktsperre, sondern wir wollen eine Einschränkung haben, wir wollen, daß die Leute zunächst zu sich selbst kommen und nicht durch draußen abgelenkt werden. Und wenn sie da so drauf bestehen wollen und das mit einem Rechtsanwalt durchsetzen, dann können wir auch nichts machen. Aber wir wollen, daß die Leute in Ruhe gelassen werden, und wenn einer unter Strafandrohung mit Gericht den Kontakt herstellen will, können wir auch nichts dagegen machen. Die sollen die Leute in Ruhe lassen, das könnt ihr ihnen alle sagen, allen Müttern und sonstwem, hauptsächlich sind es ja Mütter, denn Väter existieren ja selten."

 

III.

Therapeut (an Ben gewandt): "Also war es die Freundin, sag doch mal, was ist da ...?"

Ben: "Ja, ich sag mal ... der hatte mal einen Arbeitsunfall gehabt und nimmt jetzt ziemlich viel Medikamente. Ja, ich versuch' das mal zu erklären, seinen Zustand."

Therapeut: "Dann nimmt er also Schmerzmittel?"

Ben: "Ja, und da ist dann immer notarztmäßig und so ziemlich viel Tralala, wenn er es nicht mehr aushält, schmerzmäßig, und deshalb ist er mit dieser Frau, die da im Hintergrund war, ausgezogen, aus dem ... elternhausmäßig (also aus dem Elternhaus), und er wohnt jetzt mit ihr zusammen. Ich hab' mit meiner Schwester telefoniert , es kann sein, daß sie sich getroffen haben und sie ihr die Nummer gegeben hat. Sonst hätte er die Nummer nicht, sonst hätt' er die nicht rausgekriegt. Ja, und irgendwie will ich auch Kontakt dazu haben in dem Sinne, weil ich mit ihm überhaupt nicht reden kann. Klar wär es mal ganz gut, wenn ich mit ihm ... mir geht's gut und so, aber irgendwie kommt da nicht viel rum ... und so, er erzählt, was weiß ich, was in der Nachbarschaft los ist, ich hab' gar nicht den Draht zu ihm, das ist total oberflächlich."

Therapeut: "Und, was hat er mit dir gemacht früher? Vor dem Tod deiner Mutter, und danach? Was war er für ein Typ gewesen?"

Ben: "Ja, irgendwie so ein ziemlich brutaler Typ. Was heißt brutal?"

Therapeut: "Brutal heißt brutal."

Ben: "Zuhause hat er irgendwie so ziemlich viel vertrimmt."

Therapeut: "Der wurde immerhin gewalttätig?"

Ben schweigt.

Therapeut: "Hallo, sag's doch mal."

Ben: "Ja, der wurde oft ... soll ich das wiederholen?"

Therapeut: "Ja, das sollst du, das hast du nämlich noch nie erzählt."

Ben: "Meine Tante, seine Schwester, die lebt auch mit in dem Haus, die hat er auch manchmal richtig blaugefetzt. Die Schwester von mir, die ist von zuhause geflüchtet, die hat wirklich einen auf den Dötz gekriegt, wo ich jetzt mein', daß sie manchmal noch Nachwirkungen hat, und was nicht alles so. Ich weiß, in der Zeit ist der immer ziemlich schnell ausgeflippt, so ... Wenn ihm irgendwas zu laut war, im Haus oder so, so mit dem Stock und so, da hat er immer ziemlich leicht ausgeholt, er hat gemeint, mit Brutalität, äh mit Gewalt kann man ziemlich gut erziehen und ähh, ach nee, von mir hat er den Eindruck, daß ich besonders schwer erziehbar bin, dann hat er mir gedroht, mehr oder weniger, daß ich ins Heim komm', so irgendwie ..."

Therapeut: "Nicht so irgendwie, was noch?"

Ben: "Ja, ich hab' Angst vor ihm gehabt, so, also wenn der hinter mir her war, dann wußte ich ..., Mann, das hört sich so nach Gewalt an."

Therapeut: "Erzähl'!"

Ben: "Ja, wenn er dann so ausgeflippt ist und mich zur Brust ... was weiß ich, dann dachte ich, ähh, das war ihm egal, ähm.. Mann das hört sich jetzt so blöd an."

Therapeut: "Erzähl's mir, was war dann ? Brems' dich nicht so, was war dann?"

Ben (murmelt): "Ja, wenn er dann als Kind so hinter mir her war, dann hab' ich oft geschrien, mein Vater will mich umbringen, so, also so 'ne Angst hatte ich vor dem, ja, ich weiß auch nicht ..."

Therapeut: "Was ist, Ben? Wo bist du gerade?"

Ben: "Ich überlege, wie das ist, wie das war, ja der hat gestern angerufen, irgendwie so, und daß er breit war, irgendwie hab' ich gedacht, wenn er so unter Alkohol war, das war irgendwie selten, weil er oft so Medikamente drin hatte."

Therapeutin: "Und dann?"

Ben: "Weiß ich nich, ja dann ist er ganz anders losgegangen, ja dann meinte er auf einmal, jeden Augenblick sterben zu müssen, ja solche Dinger."

Therapeut: "Wenn er was getrunken hatte?"

Ben: "Ja, damit kam er gar nicht klar."

Therapeutin: "Wehleidig getan?"

Ben: "Ja, so, ungerechte Welt."

Therapeut: "Weltschmerz."

Ben: "Ja."

Therapeutin: "Kannst du dir vollstellen, daß er in so einer Gemütsverfassung seinen Sohn anruft?"

Ben: "Nee, weil jetzt ist das eh', weil der ausgezogen ist und so, das hat jetzt irgendwie so 'nen Touch von so mal überprüfen, was los ist, das ist alles ziemlich auseinander. Ja, der war dann irgendwann ausgezogen, nachdem meine Mutter gestorben war, dann war ihm das ziemlich schnell klar, daß er irgendwie 'ne neue Frau braucht. Mir kam das so vor: irgendwie schnell von der Familie weg. Mit ihm allein war das ziemlich unerträglich, er hat irgendwie ganz komische Dinger gefahren, wieder Kontakte machen und so. So, er hat immer Frauen eingeladen und so 'ne Dinger. So, da hab' ich irgendwie schnell geschaltet. So, die Vaterräume (will sagen: die Vaterrolle) und so, wie auch immer, hat sich ziemlich schnell erledigt. Und dann ist er ziemlich schnell ausgezogen, und diese komische Frieda da im Hintergrund, und die fetzten sich irgendwie nur so, wenn sie sich halt gestritten haben, dann kommt er wieder in das Elternhaus, wo meine Tante wohnt und mein Bruder, dann geht er da wieder los. Hab' ich so mitgekriegt, wenn er da war. Er hat dann wieder aufgeräumt und erklärt, wie schlecht meine Tante ist, und was nicht alles. So irgendwie, das war alles ein Hin und Her. Aber das war vatermäßig, er hat irgendwie angerufen um zu schnallen, ob ich jetzt noch hier bin oder nicht. Wenn ihn jemand fragt, so ich hab' da einmal angerufen, was weiß ich. Kann mir noch eher vorstellen, daß die Frau da gesagt hat, ruf' doch mal an, das sieht dann besser aus.

Er hat mir ziemlich schnell klargemacht, daß ein Führerschein und Auto und so noch drin ist, oder finanziell, was weiß ich, aber nichts Tiefgreifendes. Und darum, gefühlsmäßig ist das ziemlich abgeschlossen, wenn er anruft. Wenn er anruft, dann denke ich, das löst bei mir ziemlich viel aus, und dann quatscht er mich irgendwie voll, was weiß ich, mit solchen blödsinnigen Sachen. Und dann krieg' ich dann irgendwie so Mitleid, weil er irgendwie, körperlich ist er ziemlich schlecht zugange, und zwar schon zeimlich lange, da will ich ihn auch ziemlich in Ruhe lassen, ich will ihn auch nicht mit meinen Sachen belasten.

Ich hab' mich damit noch gar nicht so beschäftigt, bislang war irgendwie das Ding klar, daß ich da irgendwie nicht in Kontakt gehe."

Therapeut: "Na ja, so war das nicht. Und wenn dein Vater nicht auf dich los ist, ist dein Bruder auf dich los?"

Ben: "Na ja, das war ja irgendwie erst später so."

Therapeut: "Wann später?"

Ben: "Ja, weil er irgendwie den Eindruck hatte, als Kind hätte ich zuviel Freiraum, das war ziemlich klar, und meine Schwester hat dann auch noch einen auf den Deckel gekriegt, das war 'ne ziemlich dominante Rolle, die er in dieser Erziehung hatte, und ich war irgendwie der Jüngste, und so als Kind hatte ich auch ziemlich den Freiraum. Mein Bruder, mit meiner Erziehung hat er das ziemlich klar gemacht, weil, mein Vater war ja auch schon ziemlich alt."

Therapeut: "Ja, und dann ist er manchmal auf dich los."

Ben: "Ja, so mit Hausaufgaben fing das an, diese komischen Dinger, und in den letzten Jahren war das so, das ist mir jetzt richtig peinlich ..."

Therapeut: "Was ist damit? Was war denn in den letzten Jahren?"

Ben: "Nach meinem Abbruch (Therapieabbruch) und so, wenn ich da irgendwie zuhause gewesen bin und ich war ziemlich breit, dann ist er dann irgendwie ausgeflippt, es war ihm alles zuviel Streß, dann hat mich halt genommen ..."

Therapeut: "Du warst breit, und dann hat er auf dich eingeschlagen?"

Ben: "Ja."

Therapeut: "Und hinterher, am andern Tag war was? Dir war das egal, weil du breit warst?"

Ben: "Für ihn war das o.k., das paßte halt zu dem allem, das kommt mir jetzt so doof vor, ich komme mir jetzt so doof vor."

Therapeut: "Du zierst dich so beim Erzählen."

Ben: "Ja, mein Gott, wenn ich dann irgendwie ausgeflippt bin in breitem Zustand oder was weiß ich, und, oder hab' mein Zimmer dann leicht demoliert,"

Therapeut: "In breitem Zustand hast du dein Zimmer leicht demoliert?"

Ben: "Ja, auch mal übern Tisch geknallt und so, dann ist der Tisch irgendwie zusammengebrochen, oder mit total lauter "Mucke" eingepennt, so, und ich habe genervt, weil er gerade von der Arbeit kam, dann ist er da rein, war dann auch ein bißchen provokant, und hat mir dann voll welche gezwiebelt, irgendwie hab' ich da was draufgekriegt und hab' da so 'ne komische Narbe, ich weiß gar nicht, was da so lief. Ich bin dann morgens aufgewacht und die Nase war dann total noch fett, die Lippe is' auf und so 'ne Dinger. Er war aber schon wieder arbeiten. Ich hab' meiner Tante das erzählt."

Therapeut: "Was war da denn wieder los?"

Ben: "Ja, das war so, daß meine Tante immer hoch kam und hat uns auseinandergezogen, hin und her, das war immer voll die Dramatik. Ich habe das meistens irgendwie vergessen, das war dann für mich irgendwie auch schon erledigt. Ja, ich denk' dann irgendwie, er hatte recht, was soll er machen, daß er das irgendwie nur noch so stoppen konnte."

Therapeut: "Was hast du denn so abgezogen? Mmh, Möbel demoliert, und was noch?"

Ben: "Ja, ich hab' dann auch ziemlich fleißig gezockt, bankkartenmäßig und so 'ne Dinger, Türen aufgebrochen dabei ..."

Therapeut: "Welche Türen?"

Ben: "Ja das war dann nachher ja alles abgeschlossen, das ganze Haus war ja verriegelt."

Therapeut: "Was noch?"

Ben: "Ja, und bei den Bullen ständig angerufen, weil ich was weiß ich, so das hat dann alles wieder Streß gegeben und beim Bekannten von mir und Nachbarn, daß ich da irgendwie nichts mehr geschnallt hab', erst wußte keiner was los war, dann hat das Telefon geklingelt, dann war dies, dann war wieder dies, dann war wieder das ganze Haus durcheinander, weil, ich war dann total lange weg, so, das war ein absolutes Spannungsverhältnis.

So, ich denke mir, das hat sich dann entladen. Dann kam mein Alter zwischenzeitlich wieder, weil der wieder Streß hatte mit seiner Frau, dann war das irgendwie, das war alles total panisch."

Therapeutin: "Wer war dein Nachbar."

Ben: "Das war so 'n Alki."

Therapeutin: "Was ist da passiert?"

Ben: "Ich war dann so da irgendwie voll am Saufen gewesen, und dann auch wieder nichts geschnallt, voll in irgendein' so 'n blöden Graben reingeflogen, ach, da war immer nur Panik. Den hab' ich dann irgendwie auch noch ... (Ben stöhnt), den hab' ich dann auch noch so 'n bißchen ans Gift gebracht, obwohl der gar nichts damit zu tun hatte. Ich weiß nicht so, das war irgendwie ganz normal, da ist nichts Dramatisches passiert."

Therapeut: "Nee ... bei mir zuhause war das nicht so, ganz normal, nichts passiert. Ben, ist dir das peinlich?"

Ben: "Ja, mir ist das peinlich."

Therapeut: "Du wirst mir mehr erzählen müssen im Laufe deiner Therapie. Wie fühlst du dich denn jetzt gerade?"

Ben: "Ja weiß ich nicht, irgendwie ein bißchen aufgebracht. Ja irgendwo denk' ich, ich will das ganze nicht an mich ranlassen. Für mich ist das im Moment so, daß ich denke, daß ist normal, ist so irgenwie nichts Hartes dran. Ich erzähl' da nicht gerne drüber, merke ich. So, das fällt mir auch schwer, denke ich. Ich möchte das am liebsten so ganz unterhaltsam rüberbringen, so daß es alles ganz witzig war. So toll, und immer "action" im Haus und was nicht alles. Aber wie das alles so richtig konkret für mich war, das find' ich dann nicht so toll."

Therapeut: "Gut, reagiert mal."

Kerstin: "Also, ich fand das unheimlich interessant, was du erzählt hast, mich hat das sehr interessiert, vor allem, weil ich von mir aus viel davon kenne, und ein bißchen traurig hat es mich auch gemacht, vor allem, was du erzählt hast, dieses, der wehmütige Vater. Also, ich fand es interessant, echt."

Beate: "Also, ich hör' zum erstenmal was von dir, also ich bin dabei traurig geworden, das find' ich ganz schön schlimm, was du da erlebt hast."

Thomas: "Ich fand's auch gut, daß du mal so erzählt hast, ich konnt' da gut zuhören. Teilweise bin ich traurig geworden, Angst vor dem Vater und so, das kenn' ich auch ein bißchen, das hat mich ziemlich aufgewühlt. Ich konnte auch total gut zuhören. Ich find' das immer schade, du fängst immer an, dann hörst du so gleich wieder auf. Ich komm' dann schnell wieder raus."

Gabi: "Ich möcht' eigentlich mal, was weiß ich, daß mir das leid tut, daß ich da nichts gesagt hab' ... (Gemurmel, unverständlich) ...das tut mir echt leid."

Therapeut an Ben: "Ist das o.k.?"

Ben: "Ja, gut."

Karla: "Du hast gesagt, du willst das gar nicht so an dich ranlassen, ich glaub', das ist ganz schön in dir drin. Deshalb ist es, was Thomas gesagt hat, ich find's auch schade, daß du dich immer selber unterbrichst, wenn's dir peinlich ist. Ich find's auch interessant zu hören, was mit dir los war. Und mich regt das auch ganz schön auf, Ben, was du so erlebt hast, und daß du das so hinterm Berg hältst, mich macht das traurig, mich macht das wütend eigentlich auch."

Gerd: "Mich hat das eigentlich auch mehr wütend gemacht. Ich fand das interessant, ich fand das gut von dir zu hören, was ich eigentlich am schlimmsten fand, wo du gesagt hast, daß das berechtigt war, daß du Schläge gekriegt hast. Ich weiß nicht, wie ich das hier jetzt rüberbringe, aber das find' ich irgendwie am schlimmsten, daß du am Schluß denkst, das ist irgendwie berechtigt, das find ich schlimm."

Stefan: "Ich find' das hoch interessant, so wie du erzählt hast, daß du von deinem Vater weggelaufen bist, .... (unverständlich)..."

Therapeut (an Ben): "Gut? Wer macht denn die Beschlußmappe?"

Beate: "Ich."

Therapeut: "Kannst du mal sinngemäß zwei Sachen formulieren, wie man das am besten sagt mit der sogenannten Kontaktsperre. Wenn einer Stufe 2 ist, daß man sagt, die Leute sollen sich selber melden und wir wollen nicht, daß sie unter Druck kommen und sie werden sich melden, wenn sie das wollen. So lange muß man warten, Grüße kann man ausrichten, aber die Leute sollen sich selber melden. Und bei Stufe 1 sagen wir, die sollen in Ruhe gelassen werden."

Gerda: " Die Kontaktsperre ist ja auch nur, wenn ihr rausgeht, so, daß ihr nicht die Leute anquatscht, so, das ist Kontaktsperre. Das ist nicht in Ordnung, wenn ihr das macht."

Therapeut (zu Beate gewandt): " Wie man das erklärt, das formulierst du mal, das legt ihr neben das Telefon."

 

IV.

Therapeut: "Gut, weiter."

Gerda (zum Therapeuten gewandt): " Ich muß dir noch was sagen. Ich wollt' mich entschuldigen für gestern, daß ich bockig war am Anfang der Gruppe (Phase-II-Gruppe), wie das war mit Daniel (ihr Sohn) und so. Mich hat das gestern abend noch beschäftigt, weil du eigentlich gar nichts dafür konntest. Und es ist auch so wie du sagst, ihr macht ja auch viel." (lacht)

Therapeut: "Du hattest auch deinen "spanischen" Blick drauf, ist schon gut."

Gerda: "Ja."

Therapeut: " Was wolltest du denn Andrea sagen? Worum geht's?"

Gerda: "Also, ich will nur mal, ich will mal sagen, wie ich im Moment fühle (sie wendet sich Andrea zu) wie ich das hier gemacht habe, und daß ich, wenn ich herkomme und dich besuche oder wir telefonieren zusammen, dann kann ich mich nicht abgrenzen bei dir, wenn du erzählst über Erlenhorst (eine andere Lüneburger TG), dann fühl' ich mich wieder wie in der Anfangszeit."

Therapeutin: "Wenn sie schimpft und was erzählt?"

(Gerda und Andrea kennen sich aus dieser Einrichtung)

Gerda: "Ja, wenn du schimpfst, so. Die erste Zeit hier war ich auch hassig auf Erlenhorst, weil ich nur meine Sachen sehen wollte, und auch auf Roman (Therapeut dieser Einrichtung) und all die Leute, ich habe das alles im Einzel gemacht und hier in den Gruppen. Ich habe Vorwürfe gehabt an die Phase II (dieser Einrichtung), daß sie uns nichts gezeigt haben, daß wir da neu waren. Das waren meine Vorwürfe. Aber ich sehe auch meinen Teil, ich habe da viel gelinkt (Regelverstöße), ich wußte am Ende gar nicht mehr, ob das link ist oder ob das in Ordnung ist. So, ich hab' gemacht, was ich wollte.

Hier in Dachtmissen oder in Erlenhorst hat mir keiner beigebracht, wie man linkt und so, das kam von mir, und daß die Leute da, wie ich abgehauen bin, äh schlecht über mich reden, oder daß Roman sauer ist oder war, das find' ich auch in Ordnung, so. Weil ihr, wenn hier einer abhaut, dann sag' ich auch Scheiße, dann sag' ich auch, was weiß ich, diese blöde Sau, weil äh, ich find' das berechtigt, was weiß ich, wenn die sagen, blöde Kuh oder, weil, ich habe da gesoffen, ich habe viele in Gefahr gebracht, ich hab' meinetwegen manche zum Saufen gebracht, bin ich da abgehauen, auch mit 'ner Mutter (Gerda hat einen Sohn, den sie beim Abbruch dort nicht mitnahm), und das ging alles von mir aus, so ... und ich würde da auch nicht sagen, schade, daß Gerda abgehauen ist. Und die anderen Leute, die neuen Leute, die da waren, Sigi ..., das ist mir egal, was die von mir sagen, die haben eh' keinen Plan, so seh' ich das. Mir und ... mir geht's gut hier, so, und ich habe hier viel über mich erfahren, was ich noch nicht wußte, und ich hab' meinen Ärger nun rausgelassen. Für mich ist das Thema Erlenhorst gegessen, so. Ich hab' das auch mit Sandra geklärt, ich habe Sandra gehaßt, ich kannte Sandra gar nicht; das kam, weil Sigi was sie über Sandra erzählt hat, und Sandra war für uns gleich gestorben. Und ich hab' Sandra hier kennengelernt, wir haben uns gefetzt, aber wir lieben uns."

Therapeut: "Was willst du denn jetzt zu Andrea sagen?"

Gerda: "Daß ich denke, daß du viel Ärger hast und Vorwürfe und so, aber daß du das im Einzel und in den Gruppen machen sollst, daß dir das nichts bringt, wenn du nur hassig ... und so bist ..."

Therapeut: "... und dir erzählt ... "

Gerda: "... ja, und mir dann erzählt, ja, so, ... weil ich versteh' das, ich komm' dann in eine Rolle, wo ich dann denke, ist ja doch so, wie ich gedacht habe, die Arschlöcher und so, und das will ich gar nicht. Für mich ist das Thema echt gegessen. Ich will davon nichts mehr wissen. Wenn ich die seh' und die grüßen mich, dann grüß' ich zurück. Wenn die mich nicht grüßen, dann grüße ich auch nicht. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen, und ich fühl' mich nicht wie die böse Gerda."

Andrea: "Also ich möchte dir sagen, ich will dir mal sagen, den ersten Teil, den du gerade gesagt hast, da habe ich noch abgeblockt, weil ich das gar nicht hören will, was du mir sagst. Klar weiß ich, daß viel an mir liegt so, was auch in Erlenhorst passiert ist. Das andere Ding ist, ich kann auch verstehen, ich denk' mir, mir würde es genauso gehen, wenn ich hier wäre und du wärst gekommen, und du wolltest über Erlenhorst erzählen, daß ich dann auch in die Rolle kommen würde. Ich versteh' das. Ich werde das hier ja mit Elmar machen, im Einzel oder in der Gruppe und ich find' es gut, daß du das jetzt gesagt hast. Das erste ist immer noch, daß ich dachte, was erzählt die mir denn da für 'ne Scheiße , weil ... noch versteh' ich es nicht. Noch seh' ich die Sachen bei mir nicht, weißt, im Moment seh' ich nur die andern."

Therapeutin: "Gerda, du lachst?"

Gerda: "Warum ich lache? Weil ich irgendwie gewußt habe. daß du das sagst (zu Andrea gewandt) Hättest du mir das erzählt, hätte ich auch so gedacht. Ich will dir sagen, daß es mir gut geht, daß ich hier geblieben bin und nicht abgehauen. Ich hatte hier auch meine Krisen und ich bin hier mit Daniel (ihrem Sohn). Ich habe wieder einen Bezug zu Daniel, und ich fand es auch gut, daß Roman Daniel auch dabehalten hat, daß er Daniel nicht weggeben hat (nach ihrem Abbruch in der anderen Einrichtung). Das muß man auch sehen. Ja, das ist halt so. Was ich noch sagen wollte, damals in Erlenhorst, die erste Zeit hab' ich mich alleine gefühlt, da habe ich mich oft gegen dich und Sigi gefühlt. Ich will jetzt einfach zu dir einen klaren Kontakt haben. Deshalb komm' ich auch hierher und sag' die Sachen. Es ist mir nicht scheißegal, ich habe mich aus riesig gefreut, als ich gehört hab', daß du hierher kommst. Ich will auch, daß du hierbleibst und das schaffst."

Therpaeut (an Gerda): "Du hast dich alleine gefühlt und Sigi und Andrea hast du zusammen gesehen?"

Gerda: "Ja, wir haben auch ein paar Gruppen gemacht, in denen ich da saß und Andrea und S. da. Ich hab' mich so gefühlt, ja, das war so. Aber danach war mir eh alles scheißegal."

Therapeut: "Wer ist zuerst gegangen, du?"

Gerda: "Ich, nee, Andrea"

Gerda: "An dem Tag, an dem du abgehauen bist, da hab' ich dich ja tierisch zur Sau gemacht, ... zwei Tage vorher waren wir ja im Kino, da hatten wir eine "Stufe 2-Aktivität", glaube ich, ... haben wir aus Spaß, was weiß ich, laß uns einen saufen und so. Und da hab' ich dich zur Sau gemacht. Da hab' ich gesagt, wenn ich ja gesagt hätte, dann hätten wir gesoffen. In dem Moment tat mir das nicht leid, daß ich dich da zur Sau gemacht hab' (will sagen: vor der Gruppe angeschwärzt). Aber wenn ich jetzt darüber so nachdenke, daß ich mich mit meinem Linken, also, da hatt' ich noch nicht gesoffen gehabt, aber mit meinem Linken, die ich schon hatte, also Telefonlinken (heimliches Telefonieren) und Speisekammer plündern und solche Sachen, ne, da wollt' ich mich vor schützen und deshalb habe ich dich, glaub' ich, so angeschrien, daß du dann Thema warst. So, das tut mir eigentlich leid. Da hab' ich ein schlechtes Gewissen."

Andrea: "Schön, daß du das gesagt hast, das ist das einzige Ding für mich, was mir im Weg ist, als du mich an diesem einenTag, das war schlimm für mich, wie du mit mir umgegangen bist. Ja, wir waren zusammen gewesen und irgendwann haben sich die Wege getrennt, weil wir hatten keinen Plan, jeder hat sein Ding für sich gemacht, so den einen Tag, ich konnt' nicht mehr, so, deshalb hab' damals auch die ich Linken aufgemacht, so. Ich hab' nicht alles gleich auf den Tisch gelegt, aber ich hab's nicht ausgehalten. Weil, wenn ich in die Nähe von S. gekommen bin, hieß es, 'psst, Andrea kommt', diese ganzen Sachen.

Da sind viele Sachen passiert, aber am meisten hat es mir wehgetan, wie du ganz extrem mich an dem einen Tag angemacht hast, ja, Nase an Nase. Weißt du, wenn mir draußen einer so gekommen wäre, den hätt' ich umgebracht, dem hätt' ich den Kopf abgerissen. Ich hab' nur auf dem Stuhl gesessen und dachte, blöde Sau und so. Ich hab' mich nochmal umgedreht und zu dir gesagt, von dir hätt' ich das am allerwenigsten erwartet. Ich hab' gesehn, daß du traurig warst, wie ich gegangen bin. Gut, die ganzen Linken (Regelverstöße) haben uns auseinandergebracht, so ist das einfach. Weil, ich mag dich unheimlich gern, ich weiß, wie du mich abgeholt hast (aus der Entzugsstation zur Aufnahme in Dachtmissen), sind mir die Tränen in die Augen gekommen. Ich mag dich einfach gern. Ich finde schon, daß wir das hier wieder regeln könnten, weil, das ist wichtig für mich."

Therapeut: "Danach bist du abgehauen? Nach der Auseinandersetzung?"

Andrea: "Ja".

Gerda: "Da kamst du (an Therapeut gewandt), da kamst du einen Tag später und hast mich gefragt, warum bist du denn so heiser, aber da hattet ihr eine Teambesprechung oder so, und da konnte ich nicht mehr reden, und ich war ganz ... (markiert eine heisere Stimme)."

Therapeut: "Na gut, will jemand was sagen?"

Thomas: "Ich find's gut, daß du hier hergekommen bist und das gesagt hat, ich fand eben schön, wie ihr miteinander geredet habt, mich hat das eben berührt."

Karla "Mir hat es auch gefallen, daß du hier hergekommen bis, um Andrea noch was zu sagen."

Therapeut: "Gut, machen wir weiter.

(zu Gerda gewandt) Willst du hierbleiben oder willst du rausgehen?"

Gerda: "Ich wollte was gerne sagen. Ich wollt' dir sagen, Kerstin, ich find' das, was ich mitkriege, wie das du hier so machst, als Stufe 3, das find ich total gut, also, das ist so... und ich freu' mich für dich, wie du das machst. Ja, das wollt ich noch mal sagen, und jetzt geh' ich. Tschüß."

(Gerda steht auf und verläßt den Raum)

 

V.

Therapeut: "Weiter! Störungen."

Melanie: "Ich möchte ganz gern mal was mit Reinhard und Gregor machen."

Therapeut: "Mit Reinhard und Gregor? Was war mit Reinhard und Gregor?"

Melanie: "Weil, die haben meine Sachen gefilzt." (Filzen: das Gepäck eines Neuankömmlings wird gründlich durchgesehen in bezug auf Drogen und dazugehörende Utensilien)

Therapeut: "Ach, und da wolltest du erst am Dienstag dran arbeiten?"

Melanie: "Oh, nee, das hätt' ich gesagt."

Therapeut: "Wo ist denn unser Gregorlein?"

Jemand: "Auf Klo." (Gelächter)

Therapeut: "Was wolltest du denn am Dienstag machen?"

Melanie: "Mann, ich bin einfach nur so aufgeregt, ich hab' immer Angst, daß ich nicht weiß, wie ich anfangen soll, ihr fragt dann, ja was denn, und dann weiß ich nicht, was ich sagen soll."

Therapeut: "Du weißt nur, daß du es am Dienstag sagen sollst."

Therapeutin: "Ich weiß nicht, worum es geht."

Melanie: "Ja, das ist gestern erst entstanden."

Therapeutin: "Mit dem Brief von deiner Mutter und so?"

Melanie: "Ja, das beschäftigt mich. Da hab' ich voll den Druck in mir, das kann ich doch nicht schon wieder machen."

(Gregor kommt wieder herein)

Therapeut: "Du fängst ja erst an mit deiner Mutter."

Therapeut (an Gregor, der eben hereingekommen ist): "Also, du guckst so, was hast du denn gerade gedacht?"

Gregor: "Ich bin eben hier reingekommen und hab' nicht gewußt, wer jetzt macht."

Therapeut: "Ja, was glaubst du, wer jetzt macht?"

Gregor: "Wie ich 'Mutter' gehört hab', da wußt' ich, wer jetzt macht."

Therapeut: "Ja, es geht aber nicht um die Mutter."

Melanie: " Nee."

Gregor: "Worum geht's?"

Therapeut: "Also, um Reinhard und Gregor."

Melanie. "Also, mir ist es wichtig, daß ich dir das noch mal sag'. So (an Gregor gewandt), ich habe mich gestern von dir ganz schön verarscht gefühlt und Reinhard, als ich gesagt habe, ihr sollt mit mir mal hochkommen, ich will mit euch mal reden und so. Ich hab' versucht irgendwie zu sagen, wie es mir damit geht. Ich war dolle aufgeregt. Aber von euch kam da nichts. Ich möcht' von euch was dazu hören. Ich denk', das kann passieren mit dem Filzen. Und mir ging's echt Scheiße damit, dieses Teil da offen zu sehen. Du rennst aus dem Zimmer raus und so ..."

Therapeut: "Wer hat denn das Teil gesehen?"

Melanie: "Ich saß mit Gregor zusammen."

Therapeut: "Wer von der Gruppe hat denn das Teil gesehen?"

Melanie: "Keiner, nur Gregor und ich."

Klient: "Ich weiß noch gar nicht, worum es geht."

Therapeut (an einen Klienten): "Geh' mal ins Team-Zimmer und hol' das mal, sei so gut."

(kommt zurück mit einer leeren Musikkassette und hantiert daran herum)

Therapeut: "Gib' das mal her, das ganze Ding, ich kann das selber ausbauen" (meint damit die Papierhülle).

Therapeut: "Also, was war jetzt da?"

Melanie: "Ich hab' doch Kassetten. Ich habe Anspruch darauf gestellt, daß ich mir die selber angucke. Dann hab' ich das gestern Abend gemacht und dann hab' ich mir die Kassetten angeguckt, und dann hab' ich dieses Teil da ausgepackt, und das aufgeklappt und so, und ich weiß, ich kenn' ja meine Geschichte, ich hab' das Zeug manchmal da drauf gehabt, ich hab's da draufgeschüttet, irgendwie so, jedenfalls klebt da noch was dran, so ..."

Therapeutin: "Was klebte da dran?"

Melanie: "Shore"

Therapeut (ungläubig): " Da klebte Shore dran?!!!" (auf der Papierhülle ist ein markstückgroßer, für den Therapeuten etwas kaffeebrauner Fleck zu sehen)

Therapeut, betrachtet die Kassettenhülle: " Bist du sicher? Habt ihr was dran verändert?"

Melanie: "Weiß ich nicht."

Therapeut betrachtet weiter die Hülle: "Will das jeder sehen?"

Melanie: "Für mich ist das so, wenn ich filzen geh,... mich regt das tierisch auf ..."

Therapeut: "Wer hat denn gefilzt?"

Gregor: "Ich habe das gefilzt."

Therapeut: "Was hast du denn dabei gedacht?"

(Mehrere laute Stimmen zu hören)

Therapeut: "Ruhe!"

Gregor: "Schmaul"

Melanie: "Mich regt das tierisch auf!"

Therapeut: "Was ist das?"

Gregor: "Schmaul, Peek, was weiß ich, eyh! Irgendein Peek, irgendein Dreck."

Therapeut: "Was heißt denn irgendein Dreck? Hast nicht an Shit gedacht?"

Gregor: "Nöö ... und ich konnt' nich reagieren, ich hab' die gestern aufgemacht und du bist dabei tierisch ausgeflippt, weil ich fand das alles o.k., daß dich das ärgert, ich hab' ein tierisch schlechtes Gewissen gehabt, ich hab' Angst gehabt um dich und solche Sachen, verstehste, aber, daß du dich dann aber oben hinsetzt und sagst, ihr habt da nicht reingeguckt, (laut werdend) ich hätt da voll abdrehen können."

Melanie (fällt ihm ins Wort): "Ihr habt da nicht reingeguckt!"

Gregor schreit: "Natürlich, ich hab' die Kassettenhülle aufgemacht."

Melanie (schreit noch mehr): "Wenn ich filze ..., dann filz das, Mann!"

Gregor (schreit zurück): "Ich hab' da reingeguckt, ich hab' die Kassetten durchgeguckt, ich wollt' sie sogar aufschrauben, das hab' ich zu Reinhard gesagt, Mann."

Therapeut: "Ja kann man das jetzt als Shit-Spuren erkennen oder nicht?"

Melanie: "O.k, vielleicht ist das dann mein Ding und weil ich weiß, daß das da drauflag, und daß was..., bevor da noch was passieren kann, ich wollte das ja nur sagen, Mann, mehr will ich überhaupt nicht."

Therapeutin: "Na, ja, es sind zwei Sachen, ob dich das aufregt, oder ob du Gregor unterstellst, daß er da gar nicht reingeguckt hat, das sind zwei verschiedene Dinge."

Melanie: "Also, ich denk' schon, da wurde nicht richtig reingeguckt, ja, ich denke das."

(der Therapeut hat die Hülle mittlerweile weitergereicht und die Gruppenmitglieder betrachten sie einzeln nacheinander)

Thomas: "Na, ja, wenn ich jetzt so höre ..."

Therapeut: "Ja, jetzt weiß ich's auch, Thomas."

Thomas: "Ja, aber auf den ersten Blick würde ich auch denken, daß es ..."

Therapeut: "Dreck!" (meint Schmutz)

Melanie. "Ich hab' das Ding aufgemacht und wußte auf mal sofort ... "

Therapeut: "Ja, will's noch einer sehn? Ich hab' Wochenenddienst und will den normal hinkriegen. Will's noch einer sehen? Hält's einer nicht aus vor Neugierde? Macht es jetzt! Denn nachher kommt das Teil wieder weg. Die letzte Chance! (Pause) ... Neugierde befriedigt? Gut! Also, man kann, wenn man es nicht weiß, kann man durchaus sagen...., das fällt mir nicht auf, das ist Dreck (zu Melanie gewandt). Ja?"

Melanie: "Na gut, ich wollte nur sagen ..."

Therapeut: "Nein, was ist denn jetzt mit dir? Ihr seid ja mordsmäßig böse aufeinander."

Melanie: "Ich bin ja nur darauf sauer, daß er einfach behauptet... "

Therapeut (an Gregor): "Mach' ..."

Gregor: "Was weiß ich, eyh, du sagst einfach, auf einmal sagst du, ich kenn' meine Geschichte (Gregor wird lauter) Was guckst du denn da rein, eyh, in das Scheißding!"

Melanie (schreit zurück): "Ich hab' das doch nicht erwartet! Ich hab' das in der Kaffeerunde klargemacht, daß ich mir das angucken möchte und daß ich meine Kassetten haben will! Ich hab' da reingeguckt, ja und, da hab' ich's nicht erwartet, o. k. Und in dem Moment da hab' ich nur gedacht, ihr habt's gefilzt, ihr habt's gesehen, soo, und ..."

Karla: "Du hast gesagt, du hast die Angewohnheit gehabt, das da drauf zu machen. Da frag' ich mich, wieso du deine Kassetten verlangst."

Melanie (schreit): "Mann, das weiß ich doch nicht mehr, das ist schon ein bißchen her! Ich bin jetzt clean und ich war da drauf, verstehst du das nicht?"

Karla: "Doch, ich versteh' das."

Melanie (schreit): "Ich wußte das doch nicht mehr!"

Karla: "Ja, o. k., aber du sagst, du hast die Angewohnheit gehabt. Ich glaub' nicht, daß du nicht mehr dran gedacht hast."

Melanie (heftig): "Also, willst du mir jetzt vorwerfen, daß ich die Kassetten aus dem Schrank rausgehol' ..."

Karla (dazwischen): "Ich will dir nix vorwerfen."

Melanie: "Daß ich mir die Scheiße anguck', und mach', daß es mir ja wunderbar damit geht, toll, also ehrlich!"

Therapeut: "Weiter, weiter, Gregor!"

Gregor: "Nee, nee, ich will dir nicht vorwerfen, daß du das mit Absicht gemacht hast, aber in dem Moment, wo du die Kassette siehst, daß du dann trotz alledem reinguckst, das werf' ich dir vor."

Therapeut: "Weiter!"

Gregor: "Was weiß ich, ich hab' gestern eine Heidenangst gehabt um dich, verstehste. Aber ich war auch bockig, ich war einfach nur bockig, ehrlich. Und deswegen konnte ich gestern Abend in dem Zimmer auch nicht mehr reagieren. Ich wußte auch nicht, daß Ulla zu dir gesagt hat, das sollst du machen (mit Gregor und Reinhard, beide Stufe 3, darüber reden). Ich habe auf einmal nur gedacht, was weiß ich da, eyh, was geht denn jetzt hier ab. So was kannst du in der Gruppe machen. Was weiß ich, wie ich dann reagieren sollte. Holst Reinhard, holst uns rein und blökst dann einfach los, Mann und ich kann ja nicht ahnen ... Klar, versteh' ich ja auch, wenn Ulla gesagt hat, du sollst das machen, das wußte ich aber nicht. Ich hab' gedacht, was geht denn jetzt ab. Da kann ich mir auch irgend jemand schnappen und den voll anmachen, weißte, das wußt' ich alles nicht. Deshalb hab' ich nicht drauf reagieren können. Im Vordergrund war Angst, Angst vor dir und mir war das unangehm."

Therapeutin: "Angst?"

Gregor: "Ja, Angst um dich."

Melanie: "Ja, dann sag' wenigstens, ich kann jetzt nicht reagieren, und renn' nicht einfach raus, ohne was zu sagen, und ich steh' da wie blöd."

Therapeut: "Weiter! Red' mal weiter!"

Melanie: "Jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich's sehen soll, so, es is' meins"( meint, es ist jetzt ihr Problem)

Therapeut: "Nein, was fühlst du gerade?"

Melanie: "Mich regt das halt einfach auf."

Therapeut: "Weiter! Was regt dich auf, sag' das mal."

Melanie: "Das Zeug regt mich auf da drinne, so."

Therapeut: "Erzähl' mal, erzähl' mal."

Melanie: "Als ich das gestern Abend wieder gesehen hab', war mir mit einmal wieder alles scheißegal, das mit meiner Mutter war mir auf einmal egal, und es hat mich gestern den ganzen Tag beschäftigt, daß ich gestern Abend mit ihr telefonieren wollte, daß ich das nicht machen kann, und so. Es war mir mit einmal scheißegal. Ich hab' mich gefühlt wie draußen. Es ist egal, es war mir alles egal."

Therapeut: "Weiter."

Melanie: "Es hat mich auch halt angemacht."

Therapeut: "Erzähl'."

Melanie: " ...(schweigt)..."

Therapeut: "Erzähl'! Es hat dich angemacht."

Melanie: "Ja."

Therapeut: "Erzähl' weiter."

Melanie: "Was soll ich da noch sagen."

Therapeut: "Das hat dich wie angemacht? Bleib jetzt nicht stehen! Angemacht, wie?"

Melanie: Schweigen.

Therapeut: "Hast du viel geraucht?"

Melanie: "Was?"

Therapeut: "Hast viel geraucht?"

Melanie: "Gestern Abend oder was, nee, ich hab' doch das nicht geraucht."

Therapeut: "Weiter! Red' doch, Mensch, (wird lauter) laß' mich doch nicht hängen!"

Melanie: "Was soll ich erzählen?"

Therapeut (laut): "Was dir einfällt, und, was hast du dann gemacht, oder was fällt dir ein."

Melanie: "Das Ballern ist mir eingefallen, so!"

Therapeut: "Ja, weiter."

Melanie: "Gut, wie ich das da draufgemacht hab', wie ich das eingeteilt hab', was weiß ich, wie ich's da drinne hatte und versteckt hab', damit er (ihr gewalttätiger, damaliger Freund) nichts abkriegt, daß ich's dann wieder vergessen hab', halt Geschichten, Bilder ..."

Therapeut: "Bilder? Laß mal hören ... Da vorhin hat sie von Shit geredet."

Karla: "Ja ich versteh's auch nicht."

Karla (fängt an zu reden): "..."

Therapeut: "Weiter! Du hast vorhin von Shit geredet."

Karla: "Darf ich mal ganz kurz, du hast das Ding rumgezeigt und gefragt, ob man das als Haschisch erkennen kann."

Therapeut: "Ja, das hab' ich."

Karla (an Melanie gewandt): "Du hast gestern erzählt, du hast die Hülle aufgemacht und dir ist das Pulver entgegengefallen."

Melanie: "Nein, Karla, ich habe gesagt, ich habe gestern dieses Ding aufgemacht und es war hart da drauf, was da drauf ist. Ich weiß jetzt nicht mehr, wie es jetzt aussieht."

Karla (etwas lauter): "Ich saug' mir den Satz nicht aus den Fingern, ich saug' mir den Satz nicht aus den Fingern. Du hast zu mir gesagt, da ist das Pulver rausgefallen."

Melanie: "Nee, so hab' ich das nicht gesagt."

Karla: "Hundertprozentig."

Melanie: "Nein, Karla, nein Karla!"

Reinhard: "Du hast gestern auch gesagt, dir ist der Dreck (eine getrocknete Substanz) an den Fingern geklebt."

Melanie: "Ich hab' gesagt, ich hab' da was an den Fingern gehabt, ich hab' drauf geguckt, was es ist, so, ich hab' das Ding ja aufgemacht, und dann hab' ich gleich geguckt, hab' dann da raufgetippt und gedacht, Oh Gott, da ist Scheiße  (getrocknetes Heroin) dran. Dann hab' ich's Gregor gegeben und ich hab' mir die Hände gewaschen. So war's."

Therapeut: "Und ich hab' gedacht, das sei Shit."

Melanie: "Nee, ..."

Therapeut: "Das hab' ich so verstanden."

Melanie: "Neee, das hätt' mich auch wahrscheinlich nicht so aufgeregt."

Therapeut: "Ja, was hat dich denn konkret jetzt so aufgeregt an dem Ding?"

Melanie: "Mensch, einfach so nahedran zu sein an ..."

Therapeut: "Was hast du da gemacht mit dem Papier?"

Melanie: "Da hab' ich es draufgepackt."

Therapeut: "Und was hast du noch gemacht? Ich bin farbenblind."(nicht ironisch gemeint, denn der Therapeut konnte die Farbe des Fleckes nicht richtig erkennen)

Melanie: "Mann, was ich jetzt so denke, ich hab' das auf dem Tisch liegen gehabt, das Zeug war, hab' da noch was drauf, wir hab'n uns was runtergenommen, auf den Löffel gepackt, ist irgendwie Wasser an das Papier rangekommen, auf das Papier, und, da lag noch was drauf, und es ist getrocknet, ... das kenn' ich ja so, und anschließend war das weg, und dann trocknet das wieder, und dann macht man es wieder naß, dann kann man das wieder wegkratzen (unwirsch) ... All so ne Scheiße hab' ich gedacht. "

Therapeutin (unverständlich, wegen extrem starken Straßenlärms): "....also wieder abkratzen und ..."

Therapeut: "... du mußt es jetzt sagen, sonst wirst du das nicht los."

Melanie: "Ja, wie ich aus Hamburg nach Hause komme, das da versteckt hab', so, und erzählt, hab' nichts gekriegt, ich hab' nur Robhys (Rohypnol, starkes Beruhigungsmittel) mitgebracht. Ich hab' mir aber doch ein Päckchen gekauft gehabt und das dann versteckt."

Therapeut: "Jetzt versteh' ich's. Vorhin war das nicht verständlich ... (Pause) ...Weiter."

Melanie: "Wenn ich so dran denke, das merk' ich jetzt auch wieder, so war es auch gestern Abend, ich spür' jetzt doll meine Augen, wie ich denn guck', so."

Therapeut: "Wie guckst du denn jetzt?"

Melanie: "Ich empfinde jetzt, ich denk', ich hab' 'ne Macke, ich bin bescheuert, echt."

Therapeut: "Wieso sollst du eine Macke haben? ... Wenn du solche Sachen mitgemacht hast ..."

Melanie: "Nee, da krieg' ich voll die großen Augen."

Therapeut: "Klar kriegst du große Augen. Andere kriegen jetzt auch große Augen. Weiter."

(Schweigen)

Therapeut an Reinhard (unverständlich): "... was hast du heut' erzählt ... oder was das gwesen sein soll, für Spuren?"

Reinhard: "War schon klar, von Shore ...(unverständlich)... Wasser."

Therapeut: "Wer hat denn Ulla angerufen?"

Melanie: "Ich (und zu Kerstin gewandt), du auch."

Therapeut: "Wer hat denn was von Shit erzählt? Heute Morgen hat sie von Shit erzählt (zu seiner Kollegin gewandt) oder täusche ich mich?"

(Der Therapeut täuscht sich nicht. In der Dienstbesprechung vor der Gruppe wurde die Kassettenhülle betrachtet, wobei nicht bekannt war, daß Rückstände daran geklebt hatten; dies wurde ja erst in der Therapiegruppe deutlich. Man wußte zwar, daß einige den Fleck für getrocknetes Heroin hielten, aber aufgrund Ullas Eindruck von den Telefonaten und weiteren Überlegungen hielten die Therapeutinnen und Therapeuten in der Teambesprechung das ganze für eine panische Überreaktion Melanies. Deshalb neigte man eher dazu, daß möglicherweise Shitspuren auf der Hülle sich befinden)

Therapeutin: "Also, bei Ulla weiß ich das nicht."

Melanie: "Mensch, ich hab' wohl Scheiße geredet."

Therapeut: "Weiter, jetzt müßt ihr reden. (schaut mehrere Klienten an und sagt) Was ist, was ist, was ist, was ist bei dir?"

Karla: "Ich versteh' nicht, wie ihr so lang das habt ungeklärt lassen können, wenn da gestern schon die Rede von ..., weiß ich nicht, es geht auch an mich ..., und die ganze Zeit, ich rede von Shit, da geht's original um aufgekochtes Zeug oder was. Mir geht's da auch schlecht damit. Wir verhandeln da über ganz verschiedene Sachen, zunächst mal geht's da drum, und dann geht's um so was, und die ganze Geschichte aufkochen, Pulver, Wasser drauf, und wieder abkratzen, und ihr seid beide ruhig (an Gregor und Reinhard gewandt)."

Melanie: "Deshalb hab' ich mich gestern auch so aufgeregt, weil ich mich auf einmal allein gefühlt hab' mit dem Ding, da hab' ich mich irgendwie von Gregor besonders allein gelassen gefühlt."

Reinhard: "Also, wie du das gestern mir erzählt hast, ich kam gerade aus der Stadt, ich konnte erst einmal damit nichts anfangen, weil ich wußte genau, ich hab' die Kassetten nicht gefilzt, ich war total ärgerlich, ich weiß, ich konnte gestern Abend damit nichts anfangen. Ich hab' da kein Gefühl dazu gekriegt, ich hab' da gesessen, hab' mir das angehört und dachte, Scheiße, ich wußte genau, ich hab' sie nicht gefilzt."

Therapeut: "Aber sag' doch mal ... (unverständlich), aber sag' doch mal, ... (unverständlich) ..."

Reinhard: "Nee, mir war klar, daß es sich darum dreht."

Thomas: "Also, mich hat das gestern Abend, so Gregor, du hast das gesagt, dann war irgendwie Gruppe (so nennt man Zusammenkünfte der Gruppe, die jeder einberufen kann), du hast dann irgendwie gesagt, und Stufe 2, noch Bereitschaft (anrufen), da hab' ich schon gemerkt, daß mich das gestört hat, dann hab' ich gesagt, ich find' das blöd, wie das im Moment ist, ich komm' da voll unter Spannung. Ich wollte eigentlich, meine Absicht war, daß es jetzt klar in der Gruppe gesagt wird, was los ist irgendwie so, dann hat aber keiner reagiert, und dann hast du dich noch völlig alleine gefühlt, weil das alles so irgendwie im Raum stand, keiner weiß so richtig was. Dann konnte ich nicht mehr. Dann hab' ich mich nur noch alleine damit gefühlt. Mich hat das gestört. Ich wußte es irgendwie so, und es ist hier nicht klar, das muß irgendwie in der Gruppe klar sein, nicht so bis ins kleinste Detail, aber so, daß es wenigstens gesagt wird. Ich denke, jeder hat irgendwie geschnallt, daß mit dir was los ist, Melanie, nee, du warst auch total aufgedreht und hast dann noch mit Ulla telefoniert."

Therapeut: "Mir ist nicht klar, warum ihr nicht Gruppe gemacht habt."

(Allgemeines Gemurmel)

Kerstin: "Bei Gregor war das total unklar. Dann hab' ich noch mal angerufen." (soll bedeuten, die Gruppe, die Gregor einberief, brachte keine Klarheit)

(Pause)

 

VI.

Therapeut (zu Gregor): "Was ist denn los?"

Gregor: "Ich bin abgekaut.

Therapeut: "Abgekaut?"

Gregor: "Voll traurig."

Therapeut: "Warum?"

Gregor: "Ich bin voll genervt, was weiß ich, ich war nur am Reagieren gestern, und ich hab' mich auch scheiß alleine gefühlt mit diesen Kassetten, und dann sagst du, da klebt Shore dran, und dann klingelt in dem Moment das Telefon, und wo ich weiß, da ist dein Vater dran (zu Ben gewandt) und Dirk (ein anderer Therapeut) hat zu mir gesagt, ich soll das machen mit dem Gespräch. Dann wußte ich auch nicht mehr, was ich machen soll. Und dann hab' ich gesagt, o.k., geh' raus hier aus meinem Zimmer (zu Melanie), du kommst mit runter. Und dann standst du neben dem Telefon. In dem Moment kamst du mir gar nicht so abgegessen vor, oder was weiß ich, so verängstigt oder verstört, denn du hast die Nummer noch aufgeschrieben, die bei dem Gespräch dran war, dann mußte ich dem das klar rüberbringen. Ich muß immer klar sein. Dabei hab' ich was ganz anderes im Kopp' gehabt. Ich mußte dem klar sagen, hier, das geht nicht. Sie können nicht mit Ben reden, und solche Dinger. Der will das nicht und so was. Der hat's nicht verstanden. Dann war der auch noch breit. Das war erst mal mein Eindruck. Dann mußt' ich mit dem auch noch reden. Das hat lange gedauert. Das war nicht nur eben mal ein Gespräch in zwei Sätzen.

Melanie: "Da hab' ich dir auch geholfen und so. Klar, gestern hab' ich das so gemacht und die Nummer aufgeschrieben. Ich weiß das. Na, klar bist du auch abgegessen gewesen, das weiß ich doch."

Gregor: "Ja, dann bin ich wieder hochgegangen, hab' die Kassetten zu mir genommen und hab' gesagt, such' dir deine Kassette selber aus, ich hab' die weggeschlossen. Und dann hab' ich Ulla angerufen."

Kerstin (zu Melanie): "Und dadurch kam das auch, daß du ein bißchen komisch in der Gesamtgruppe gesagt hast, wegen der Bereitschaft, daß du nicht ans Telefon konntest, weil Gregor dran war, daß du eigentlich gleich am liebsten (telefonieren) wolltest."

Melanie: "Ja, so war es auch. Ich wußte nicht wohin damit. Ich war doll aufgeregt und wußte einfach nicht mehr wohin damit."

Therapeut: "Wem war denn das gestern klar. Ich möchte das von jedem wissen, ob das klar war, was da drauf war."

Gisela: "Für mich war das nicht klar."

Thomas: "Mir war irgendwie klar, daß da irgendwas Flüssiges drauf war und daß es hart wär'."

Kerstin: "Ich wußte das erst seit heut' morgen."

Therapeut: "Nein, gestern Abend."

Reinhard: "Mir hat's Melanie gestern Abend gesagt."

Gerd: "Klar war mir das nicht, aber ich hab' das vermutet."

Therapeut: "Aber du bist nicht darauf gekommen aus dem, was die da gesagt haben?"

Gerd: "Nein, ich habe, nur, weil ich das auch auf den Kassetten gemacht hab' ... dann war's für mich auch gleich klar."

Gregor: "Mir war es klar in dem Moment, wo du mir das gesagt hast, und dann hab' ich die Kassette weggeschlossen und hab' dann Ulla angerufen und ihr gesagt, daß da Shore dran war, so daß es irgendwie aussieht wie ein Kaffeerand, so hab' ich ihr das beschrieben, und daß es nicht klar ist, was das genau ist, und daß ich das als Shore empfinde. Dann hat sie gesagt, gut, klär' das morgen in der Gruppe. Dann bin ich rausgegangen und hab' das weg-geschlossen."

Therapeut: "Ja, hast du das denn gesehen? Es geht um Shore."

Gregor: "Ja, auf der einen Seite. Ich hab' mir das nicht groß angeguckt. Ich hab' da nur aufgemacht, raus, weg und gut. Und dann hab' ich es gleich weggeschlossen in den Iso-Schrank. Und dann war's drin in meinem Kopf. Ich hab' heute Nacht mit dem Schlüssel (vom Iso-Schrank, zusätzlich zum schon erwähnten Zimmerschlüssel) im Zimmer gelegen. Am liebsten hätt' ich den, was weiß ich, kaputtgekloppt, diesen blöden Schlüssel, eyh ... Ich bin da auch nicht mehr rangegangen an dieses Ding."

Therapeut: "Du bist Stufe 3, warum hast du dir das nicht richtig angeguckt. Guck' dir das doch an."

Gregor: "Nee, da hab' ich keinen Bock drauf gehabt."

Therapeut: "Da klebt Shore dran. Ich mein', das ist ein bißchen übertrieben. Natürlich sind Spuren drauf."

Gregor: "Ja, ich hab' das aufgemacht, und das kurz angeguckt, was weiß ich, und in dem Moment war ich voll bockig. Weil ich nämlich sofort gedacht hab', ich hab' nicht richtig gefilzt, ich hab' nicht gleich richtig reagiert und solche Sachen. Mir war das total unangenehm. Da hab' ich nur gedacht, weg damit in den Iso-Schrank. Und ich hab' gestern Abend nie ein anderes Wort wie 'Shore' verwendet. Ich weiß nicht, was ihr alle gehört habt. Speziell ihr beide z.B., oder was Ulla gehört hat, ich hab' nie Shit verwendet, Scheiße, ich hab' immer Shore gesagt. Das lag dann daneben in meinem Zimmer, also was weiß ich, eyh, also ich hab' gedacht, ich schnippel mir das raus und fahr' in die Stadt und hol' mir 'ne Pumpe, und koch' den Scheiß auf, so 'ne Sachen hab' ich gedacht. Weil, das hätte gar keiner mitgekriegt. Egal wieviel oder wiewenig daran klebt. Solche Gedanken hab' ich gehabt in meinem Zimmer, eyh. Am liebsten hätte ich die Schlüssel sonstwo hingeschmissen. Und dann kriegt ihr beide (Kerstin und Thomas) euch in die Wolle in der Stufe 3. Sowas Beknacktes. Und ich hab' die ganze Zeit gestern gedacht, ich muß hier Ruhe behalten. Und was ich auch gut fand, was du gestern gesagt hast, was da gestern Abend, was weiß ich, daß nicht richtig gefilzt worden ist. Bei dir war wohl dein Vater am Telefon und solche Sachen, aber geregelt hab' ich doch die Sachen gestern."

Therapeut: "Du hast daran gedacht, das auszuschneiden das Zeug und aufzukochen."

Gregor: "Ja, solche Gedanken hab' ich gehabt, Ja, ist doch kein Problem."

Therapeut: "Ich bin ja Laie, kann man das überhaupt?"

Gregor: "Ja, ich hab' alles mögliche ausgeschnitten und aufgekocht."

Therapeut: "Das ist doch Placebo."

Gregor: "Ja, was weiß ich, solche Gedanken hab' ich gehabt. Ich hab' an Zeiten gedacht, wo ich solchen Mist gemacht hab' und Filter (Zigarettenfilter, beim Aufziehen der Injektion benutzt) fünfunddreißig Mal aufgekocht hab', und so 'nen Scheiß, placebomäßig, wo gar nichts mehr passieren kann."

Therapeut: "Ja Filter aufkochen ist was anderes."

Gregor: "Ja, aber nicht nach dem fünfunddreißigsten Mal (Gelächter). Nach dem dritten Mal, was weiß ich oder solche Dinger. Nimmtst 'nen Berg Filter und kochst den auf."

(allgemeines Gemurmel)

Therapeut: "Das hast du gemacht?"

Thomas: "Ja klar."

Therapeut: "Ja, für mich ist das nicht klar. Wenn eine Flasche leer ist, ist sie leer."

Gregor: "Ja, klar, irgendwann ist sie leer, irgendwann war mir das scheißegal. Ich hab' das versucht ... (unverständlich)."

Therapeut: "Warst du herbe drauf?"

Therapeutin: "Du warst verzweifelt in dem Moment."

Gregor: "Ja klar, ich war verzweifelt, ich war allein. Ich hab' (nur) die Klamotten gehabt, die ich am Leib gehabt hab'. Ich hab' dann am Bahnhof gestanden und ich hab' gestunken wie Scheiße. Ich hab' Gamma-GT-Werte von über tausend gehabt, ich war grün im Gesicht, ich war gelb im Gesicht, was weiß ich, ich konnte die Scheiße nicht halten, solche Sachen.

Therapeut: "Du hast dich eingeschissen?"

Gregor: "Ja, nee, ich hab' nich eingeschissen, nich von dem Ding her. Ich konnt' sie nicht halten, weil die Muskeln völlig verdergelt waren. Hab' Feig- Warzen dran gehabt (Hauterkrankung im Anal-und Genitalbereich), und wenn ich gefurzt hab', ist mir die Scheiße rausgekommen. Und wenn ich 'nen Schwanz drin hab', dann ist das 'n paar Stunden ausgeleiert, solche Dinge. Ich hatte keine Möglichkeit gehabt, mich zu waschen."

Therapeut: "Ja?"

Gregor: "Ich hab' keine Möglichkeit gehabt, mich zu waschen."

Therapeut: "Also warst du doch eingeschissen?"

Gregor: "Ich bin auf die Bahnhofstoilette gegangen und hab' mich da gewaschen, und ich war breit. Vorher hab' ich mir was weggemacht. Ich hab' dann gar nichts mehr geschnallt. Dann haben se mich da rausgeholt und solche Dinger. Dann war ich wieder draußen aus der Toilette und war schon wieder affig und mir was Neues geholt. Dann bin ich wieder auf die Toilette. Dann war wieder das Gift wichtiger, und im Endeffekt nur, um mich waschen zu können. Dann bin ich wieder weggenickt. Es war immer dasselbe, das ging immer so."

Therapeut: "Es war wegen deiner Anschafferei?"

Gregor: "Ich hab' das ja nicht oft gemacht. Deswegen war es ja auch so ätzend. Ich hab' das so erklärt für mich in dem Moment"

Therapeut: "Was ist jetzt?"

Gregor: "Solche Gedanken hatte ich gestern."

Therapeut: " ... auch gebracht irgendwelche Spuren aufzukochen?"

Gregor: "Ja, klar, das hab' ich auch gebracht. Einfach irgendwas nehmen. Mal gucken ob's hilft ... einen brummenden Schädel gehabt von dem Zeugs. Gestern konnte ich mich um keinen hier kümmern, echt, mal ehrlich."

Therapeut: "Ja, aber wer wußte das, daß du dich um keinen mehr kümmern kannst?"

Gregor: "Das wußte keiner."

Therapeut (leise): "Das mußt du doch sagen."

Gregor: "Ja, so wie ich das jetzt sage, kann ich das nicht sagen, wenn dann keiner vom Team dabei ist, das geht irgendwie kaum."

Therapeutin: "Du hast doch mit Ulla telefoniert?"

Gregor: "... Ich hab' mir da Ratschläge geholt, wie ich mich verhalten kann oder wie wir uns gruppenmäßig verhalten müssen, und äh, was soll ich Ben sagen. Und mit dem Zeugs, und ob das gleich raus soll aus dem Haus, oder warte ich bis morgen."

 

 

 

 

VII.

Therapeut: "Wer hat das noch gedacht, daß man das rausschneiden kann und aufkochen?"

Karla: "Ich hab' es vorhin gedacht, als Melanie das so erzählt hatte. Ich hab' mal so, in einer Zeit, 1981 war das, das weiß ich noch, da hab' ich auch verkauft und ich hab' ziemlich viel zuhause gehabt ... (zögert) und ich hab' viel ... und wenn ich mal mal nicht getroffen hab', ne, so, und das war dann versaut ... Blut ... (nicht verständlich) ..., dann hab' ich das Zeug in den Sessel gespritzt, und noch mal neu aufgekocht. Als ich mal nix mehr hatte, hab' ich den Sessel aufgeschnitten und den Schaumstoff rausgeholt und das aufgekocht. Da waren dann auch so viele braune Flecke in dem Schaumstoff und ich hab' das dann kleingeschnitten ... Löffel und ..."

Therapeut: "Und das alles dann intravenös?"

Karla: "Ja klar."

Therapeut: "Wenn man sich das mal überlegt, was für einen Mist du dir da reinhaust."

Karla: "Aber das hat geholfen, da waren nämlich ganz viele dunkle Flecken und so, das war 'ne ganze Ladung eigentlich so." (räuspert sich)

Therapeutin: "Du hast viel so gedrückt?"

Karla: "Ja."

Therapeut: "Wer hat das noch gedacht, was man damit machen kann?"

Gabi: "Ich hab' das auch gedacht, ich hab' Päckchen gesammelt, was weiß ich, Filter gesammelt und aufgekocht, Papier ausgegossen, Löffel aufbewahrt und abgekratzt ..."

Gerd: "Ja, ich hab' kurz so drüber nachgedacht. Ich hab' mal mit so 'nem gelben Kaugummipapier, ich glaub' wohl Wrigley war's, aufgekocht, da waren auch noch Spuren drauf, da hab' ich dann ... (unverständlich) gekriegt, drei Tage im Bett gelegen mit Fieber, und der Arzt war ein paarmal da, ich habe in die Hose geschissen, und so, da hab' ich dran gedacht."

Kerstin: "Ich hab' das auch gemacht, klar ..." (dann weiter leise, unverständlich)

Friederich: "Ich mein', ich krieg' das jetzt erst so richtig mit, ich hab' das auch gemacht."

Gisela: "Ja, mit dem Papier und so, ich hab' mal was vergossen ... (unverständlich) und dann das Bettlaken ausgeschnitten."

Thomas: "Was weiß ich, ich hab' irgendwie Gift gekauft und so, und dann war ich doll affig und so, und dann war das alles irgendwie nur Kaffee (nur Kaffeepulver) und so, und ich hab' echt gehofft, daß da nur ein bißchen was drin ist, und dann mehrere Pumpen von Kaffee weggemacht, und dann 'ne Pille eingeklinkt und so. Ich hab' 'nen Riesenberg Filter ausgekocht, wir haben das in der Suppenkelle ausgekocht, da mußt' ich eben dran denken, das war mir dann auch scheißegal. Einmal hab' ich gedacht, ich werd' behindert, ich bin die ganze Zeit mit verkrampften Beinen durch die Stadt gerannt, und ich weiß nicht, was da drinne war, ich hab' nur noch gesehen, mein Kumpel hat sich einen weggemacht, und ich lag im Bett und konnte nicht aufstehen. Ich konnte die Beine nicht mehr grademachen."

Reinhard: "Ja, ich weiß, ich hab' das oft mit Koks gemacht, wenn die Päckchen naß waren und so, die hab' ich dann zerschnitten."

Therapeut: "Also, ihr müßt beim Filzen auf so etwas achten, und wer etwas sieht, der muß es halt sagen, und auch nicht farbenblind sein. Das kann man nicht immer ausschließen.

(zu Melanie gewandt:) Deshalb bist du Stufe 2, damit du mit sowas umgehen kannst, wenigstens sagen ... (Pause) ... So, wo seid ihr jetzt? Kommt mal wieder zurück, wer will was sagen?"

Stefan: "Ich bin ganz schön aufgeregt. Ich hab' viel gedacht."

Gabi: "Mir ist schlecht, ich muß daran denken, was du (zum Therapeuten gewandt) gesagt hast. Ich kenn' das auch, egal ... ich war affig, egal was das war, ob das noch was gebracht hat, ich hab' mir das zusammen ..., ob ich 'nen Shake (Schüttelanfall) krieg', das war mir scheißegal, ich war fertig, irgendwie so, und da häng' ich irgendwie im Moment, mich regt das doll auf."

Beate: "Ja, ich hab' auch so einige Bilder, also so selber, ich hab' mir noch nie einen aufgekocht, aber so, ich hab' sonst noch halt Bilder, was ich mit Friederich gemacht hab'." (Friederich ist ihr Freund, mit dem sie in die Therapie gekommen ist)

Therapeut: "Du hast nie aufgekocht?"

Beate: "Nee."

Therapeut: "Wie geht das denn?"

Beate: "Ich hab' mir auch noch nie selber einen weggemacht."

Therapeut: "Wie? Wie machst du das?"

Beate: "Ich kann das nicht, also einen aufkochen, das hätt' ich schon machen können, aber das andere, ich war voll am Zittern, ich hatte so 'ne Angst vor, ich konnt' das nicht selbermachen, total Angst davor ... (unverständlich)"

Therapeut (an Beate): "Das ist aber kompliziert."

Beate: "Klar ist das kompliziert ... (unverständlich) ... was weiß ich, wenn ich 'n paar Wochen alleine war, dann hab' ich mir auch meistens nichts geholt."

Therapeut: "Das war Zwangsentzug."

Beate: "Nee, ich hab' dann, was weiß ich, so 'nen dollen Entzug hatte ich nie gehabt, klar hatte ich 'nen bißchen einen Affen, aber nie richtig toll, das kenn' ich gar nicht richtig. Wir haben halt auf dem Land gewohnt, so, und bei uns gab's das Zeug nicht, außer in seltenen Fällen. Wir mußten immer weit fahren, und wenn kein Geld da war, dann haben wir ja halt Hasch geraucht oder ... (unverständlich) gar nichts. Das hat dann halt immer so gewechselt, die ganzen Jahre, wo ich drauf war, so richtig extrem kenn' ich das gar nicht."

Therapeut: "Extrem heißt?"

Beate: "ja, so richtig, was weiß ich, daß ich da so, daß ich immer klauen geh' oder, das kenn' ich halt so nicht. Klar ist das bescheuert gewesen, so, daß ich das nicht alleine konnte, klar, ich mußte Friederich auch oft anbetteln, weil Friederich das nicht wollte. Oder ich saß dann da alleine, weil du das nicht mehr machen konntest (an Friederich gewandt)."

Therapeut: "Mhm, mhm. ... (Pause) ... noch was?"

Beate: "Ja, ich denk', irgendwas ist da auch, hat damit zu tun, ist da zwischen uns irgendwie, so, daß das immer so war, daß du das bei mir gemacht hast. Ich hab' ja mit dir angefangen und dann war es halt die ganze Zeit so, daß es so gelaufen ist. Und ich hab' das ja auch viel so, daß ich dich nur angucken muß und dich sehe, und dann hab' ich Drogen im Kopf. Das ist manchmal total extrem so."

Therapeut: "Das hast du auch noch nie gesagt."

Beate: "Nöö."

Therapeut: "Und du, Friederich? Du hast immer gedrückt?"

Friederich: "Äh, hm, also die Zeit, die letzte Zeit so, vor der Therapie, nicht mehr soviel wie schon mal davor."

Therapeut: "Also hast du Phasen gehabt, da warst du voll drauf?"

Friederich: "Ja."

Therapeut (an Friederich gewandt): "Wie war das für dich, wenn du ihr 'ne Nadel verpaßt hast?"

Friederich: "Äh, ich hab', erst mal hab' ich immer total aufgepaßt so mit der Menge, und ich mach' das jetzt nicht, ich hab' immer wieder gesagt, ich mach' das jetzt nicht, ich mach' das alleine. Ja, ich hab' das schon mal gesagt. Ich hab' das dann gemacht, weil ich das nicht mehr hören konnte, dieses Gebettel und so, ich hab' das gemacht, um Ruhe zu haben."

Therapeut: "Hast du manchmal Drogengedanken, wenn du sie siehst."

Friederich: "Nöö, so jetzt vom Sehen so, nich."

Therapeut: "Wann denn?"

Friederich: "Ich hab' wenig Drogengedanken."

Therapeut: "Beate sagt, wenn sie dich sieht, hat sie Drogengedanken, einfach vom Angucken ... (Pause) ... das ist doch normal, eigentlich."

Beate: "Weiß ich nicht."

Therapeut: "Doch, eigentlich ist das logisch."

Beate: "... (unverständliches Gemurmel)..."

Therapeut: "Gut, daß du's mal sagst."

Therapeutin (zu Friederich gewandt): ... (unverständlich) ... dann mußt du auch welche haben."

Therapeut: "Ja klar, "

Friederich: "Ja, es ist aber nicht so, daß, wenn ich dich (meint Beate) anguck' oder so, daß ich dann automatisch Drogengedanken krieg'."

Therapeutin: "Nee, aber ab und zu schon."

Friederich: "Klar."

Therapeut: "Weiter! Wer will denn noch was sagen zu dem ganzen?"

Stefan: "Ich merk', daß ich die ganze Zeit so bei mir am Gucken bin, wie das gewesen ist bei mir, und daß ich ... äh ... Abstand hab'."

Therapeut: "Schalt' ab."(will sagen: nicht reinsteigern)

Stefan: "Weiß ich nicht, so ganz merkwürdig."

Therapeut: "Nee, ich will ja nicht, daß wir jetzt ganz tief einsteigen. Es geht mir darum, daß die Leute irgendwas dazu sagen. Wenn wir da noch lange dran rummachen, dann ..."

Therapeutin: "Dann bist du das ganze Wochenende beschäftigt."

Therapeut: "Ich will nur, daß jeder noch was dazu sagt, was ihm jetzt dazu einfällt, was er sagen muß oder vorhin sagen wollte, damit das raus ist."

Karla: "Also, ich kann sagen und so, daß ich manchmal ganz froh bin mit dem Dranerinnern, durch solche Sachen an was erinnert zu werden, an die Zeit, weil, ich mein', wir leben hier und uns geht's gut, eigentlich, ne. Bei mir ist die Drogenzeit so ziemlich weit weg, muß ich sagen. Dadurch, daß ich viel mit den Regeln hier, mit der Putzerei und dem ganzen Tagesablauf, der hier so stattfindet, beschäftigt bin, vergeß' ich einfach total, warum ich eigentlich hier bin, eigentlich sogar manchmal ganz schön lange. Manchmal tagelang. Das war bestimmt manchmal auch so, daß ich, daß ich 'ne Woche lang gar nicht gewußt hab' oder intensiv gespürt hab', warum wir eigentlich alle hier sind. Wenn wir dann solche Szenen, wenn dann solche Sachen passieren, wo man dann wirklich wieder sieht, wo jeder an seine Story erinnert wird ... und braun (die Flecken auf der Hülle), und, ja so. Ich find' das ab und zu gar nicht so schlecht, so schlimm wie es auch ist. So, weil, ja denn sonst mach' ich dann so weiter einen Heiligenschein drum um meine Drogenzeit. Ich find' das gar nicht schlecht so."

Therapeut: "Das ist auch in Ordnung. Es geht mir darum, man kann sich auch reinsteigern. Jeder kann ja wirklich, wenn man nachbohrt, alle möglichen Sachen erzählen. Es ist immer die Gratwanderung ..."

Karla: "Nee, ja, Grat? Gut, ich neig' eher dazu, daß ganze ganz schnell wieder zu vergessen. Ich find's gut, daß es ab und zu mal wieder präsent ist."

Therapeut: "Deshalb will ich ja auch, daß die Sachen nicht einfach verschwinden oder, wenn hier irgendwas auftaucht, dann wird das halt gezeigt. Dann kann jeder sehen, wie es ist."

Karla: "Ja, ich hab' das eben so ein paar Minuten, die Story, die ich da erzähl' da von den Sesseln, ich hab' die genau gesehen, was da los war, und ... also, mir tut das gut, so Sachen, die unangenehm sind, die kann ich auch sehr gut vergessen."

Ben (räuspert sich): "So irgendwie, mich, das wühlt mich auch total auf gedanklich und was nicht alles, wie man was wie verwendet haben kann. Ja, das löst total viel aus, und irgendwo denk' ich, Scheiße, das fällt mir irgendwie schwer. Irgendwo hab' ich die Vermutung, ich vermiß' auch so 'ne Nagefeile, die da drinne ist (er meint den Isoschrank), das hat mir Horst so nebenbei erzählt, da klebt wohl auch noch was dran und was nicht alles. Und ich weiß nicht, ob ich nicht die ganze Scheiße irgendwie wegschmeiß'. Wenn ich das alles so hör', da ist mir Shore ins Gesicht reingeflogen und was nicht alles. So, da brauch' ich mich jetzt gar nicht anstrengen, wie das für mich war irgendwie in Gedanken. Ich war da auch beschäftigt so, da ist mir tierisch viel eingefallen, wenn das alles hier so im Isoschrank rumfliegt, so. Ich kann mir vorstellen, daß es für dich (an Gregor gewandt) total nervend sein muß, irgendwie da ranzugehen. Das Ding, das hab' ich auch mal gesagt, ich wußte nicht, was mit meiner Feile los ist. Und du hast gesagt, das kannst du ja runterkratzen, wenn du Stufe 3 bist, so, nee."

Mehrere Klienten (laut): "Was?!"

Therapeutin: "Nee, ist da 'ne Nagelfeile, wo irgendwie was dran ist?!"

Ben: "Eventuell, so, ich weiß es ja auch nicht genau."

Gregor: "Da ist 'ne Nagelfeile, was weiß' ich, die ist voll braun. Für mich sieht es einfach so aus, als ob da einer seine Filter mit auseinandergerupft hat, ganz einfach, so sieht's aus. Ob das das mit Sicherheit ist, kann ich nicht sagen."

Therapeut: "Von wem ist denn die Feile jetzt?"

Ben: "Ja, so, das ist ... klar kann das meine sein. Ich habe gedacht, das Teil, das wär' gar nicht mitgekommen, das Teil."

Therapeut: "Von wem hast du gehört, daß da so 'ne Feile rumliegt?"

Ben: "Ich hab' da mal 'nen Anspruch drauf gestellt, da war Horst noch da (ist jetzt in der Phase II), und irgendwie hieß das dann, das ist nicht in Ordnung. Ich hab' mir gedacht, daß ich dann ein neues ..."

Therapeut: "Warum kommt das nicht in die Gruppe? Himmeldonnerwetter!"

Ben: "Ja, ich wollt' das auch nicht groß thematisieren. (Gelächter) Ich wußte ja auch nicht was was und was ist."

Therapeut (lauter): "Aber der Horst muß das thematisieren, dafür ist er ja Stufe 3. Dann war er's nicht mehr." (war zu dem Zeitpunkt aus einem anderen Grund zurückgestuft worden in Stufe 2.)

Ben: "In dem Moment war das für mich klar, ob er jetzt mißtrauisch ist. Ich hab' mich da auch nicht klar gemacht. Ich wußte auch nicht, welche Nagelfeile es überhaupt ist. Und dann hab' ich dich noch mal angehaun, weil ich da noch mal 'nen Anspruch drauf gestellt hab'. Dann meintest du, das ist auch nicht in Ordnung."

Therapeut (an Gregor): "Weißt du, wo die liegt?"

Gregor: "Jetzt müßt' ich suchen. Ich weiß, wo Ben seine Sachen hat, alles total auseinanderrupfen."

Therapeut: "Ich will das haben, das Ding."

Gregor: "Ich muß in der Pause gucken. Der Horst hat gesagt, das ist in Ordnung, und damit war das Problem wieder vom Tisch."

Ben: "Ja, ja, klar."

Therapeut: "Warum sagt ihr das nicht?"

Gabi: "Also, ich hab' das so verstanden, das ist nicht in Ordnung, ob du damals mal damit was gemacht hast. Nicht, daß da was dran ist. Mich regt das voll auf. Überhaupt, mich regt das auf, daß hier, daß hier Gift im Haus ist."

Therapeut: "Nee, es ist kein Gift im Haus!"

Gabi: "Ja, ja, klar. So ist das aber für mich. Das regt mich auf."

Therapeutin: "Das kann alles passieren. Es geht darum, daß es auf den Tisch kommt. (an Gregor) Du suchst die raus und gibst sie Elmar. Und dann gucken wir, ob da was dran ist."

Therapeut: "Nix! Die kommt weg."

Ben: "Ja, so, für mich war das ja auch unklar, ob die neu ist. Ich war der Ansicht, ich hätt' mir was neues gekauft, ich war ziemlich neu hier. Und immer fragen, ob das der Fall ist."

Therapeut: "Alles in Ordnung. Kann alles passieren. Nur in dem Moment, wo jemand von der Stufe 3 wieder das filzt oder was davon mitkriegt, dann muß er das in der Gruppe sagen, und nicht, mal sehn ... Jetzt fällt's dir wieder ein."

Ben: "Ja klar."

Therapeut: "Guck mal! Jetzt fällt's dir wieder ein, und dann vergessen wir das wieder. Und in drei Monaten fällt's dir wieder ein."

Therapeutin: "Und dann bist du irgendwann Stufe 3 ... (unverständlich)"

Ben: "So, ich merk' das, und davon geht immer wieder eine tierische Gier davon los, so ist das immer und jetzt total aktuell. So, wie du das irgendwie meintest, so jetzt losrennen und hin und her. Da kann ich ziemlich schnell drin verfallen. Da brauch' ich gar nicht in meinen Geschichten zu wühlen. Überhaupt, das war gestern eh alles total panisch."

Kerstin: "Gut, aber ich möcht da echt mal ... Wir saßen gestern echt zusammen in der Stufe 3 mit mehreren, und ich fand den ganzen Abend voll anstrengend. Bis zum Schluß fand ich ihn voll anstrengend. Und ich hab' mit dir (meint Gregor) bis was weiß ich hier noch gesessen. Und daß du mir keinen Ton sagst. Und ich sag' dir das jeden Tag, daß ich echt mißtrauisch bin, daß du überhaupt mir deine Sachen sagst. Und ich weiß es echt nicht mehr, wie wir zusammen das machen wollen. Das weiß ich echt nicht, wenn du deine Sachen nicht sagst, wenn ich drei- und viermal nachfragen muß, und das noch mal nachfragen und das noch mal nachfragen, was ich vielleicht mir denken könnte, dann weiß ich's nicht, echt nicht."

Gregor: "Daß es mir echt scheiße ging, das war erst, wo ich alleine war. Klar, ich hätte heut' Nacht, ich hätte auch heut' Nacht noch kommen können und sagen können, wie es mir so geht. Aber gestern Abend, da fand ich einfach ..."

Therapeut: "Nee, nee, was ist denn mir dir und Kerstin? Mhm ... wo bist du denn jetzt? ... (Pause) ... (Gregor zugewandt:) Freund, Freund, wollst das alleine auskosten?"

Gregor: "Nee, das hat damit nichts zu tun."

Therapeut: "Nee?"

Gregor: "Weiß ich nicht, mit was das was zutun hat."

Therapeut: "Das ist S-Bahn-Surfen, ein bißchen an der Gefahr entlang, Mhm? (Gregor übte sich auch im S-Bahn-Surfen) Du?"

Gregor: "Nee, ich hab' das gestern gesagt, daß da Shore dran klebt."

Therapeut: "Warum sagst du nicht, wie es dir wirklich geht?"

Gregor: "Wie's mir geht?"

Therapeut: "Ja, das war der Vorwurf. "

(Schweigen)

Therapeut, zu Gregor gewandt: "Zu wenig."

Gregor: "Ja, Mann, gestern in dem Moment, wenn ich da noch gesagt hätte, wie es mir wirklich geht, ich wär' richtig rangekommen und hätte das so gebracht wie jetzt. Gestern oder so, dann hätte ich Angst gehabt, daß du (Kerstin) nur noch auf mich reagierst, dich nur noch um mich kümmerst und nur noch für mich da bist. Und das wollte ich in dem Moment nicht. Ich war einfach froh, daß du die Ruhe behalten hast, und dann noch mal gesagt hast, ich ruf' jetzt Ulla an, und frag', wie wir uns verhalten sollen. Weil, ich hätt's nicht mehr hingekriegt. Wenn ich dich dann auch noch vollgeheult hätte, was weiß ich, wie du dann draufgewesen wärst. Ich habe gedacht, dann geht's dir auch völlig ... und du bist am Ende. So hab' ich gedacht gestern Abend."

Kerstin: "Klar, Gregor, nach der Gruppe war das einigermaßen in Ordnung. Dann gehst du zur Dingsorgie ... (meint die Telefonate) ... dann telefonierst du was weiß ich wie lange, und danach sitzen wir hier noch bis 1.00 Uhr, und wir haben hier noch Fernsehen geguckt, und da kommt nichts von dir. Darum gehts mir."

Gregor: "Nee, da wollt' ich abschalten. Zu dem Zeitpunkt wollt' ich einfach mal abschalten. Weg und wupp, und das nicht mehr merken. Fernsehngucken und gut. So war das in dem Moment. Da bin ich einigermaßen ruhiger geworden. Das war im Haus ruhig. Ich wußte, alle pennen, und ich wollte nur noch fernsehngucken. Und dann guck' ich Fernsehn irgendwie so, ich guck' Fernsehn, und du saßest ja auch hinter mir, es war einfach nur schön. Es war einfach schön ablenkend Fernsehn zu gucken. Der Film war gut. Trotz alledem da nicht alleine zu sitzen. Und ich hab' mich voll auf diesen Film konzentriert. Da hast du auf einmal gesagt, warum krieg' ich jetzt auf einmal Drogengedanken. Da wußt' ich echt nicht mehr, wie ich drauf reagieren soll. Klar, fragen, was ist los, was ist los. Dann war der Film zuende. Dann bin ich ins Bett gegangen und dann ging bei mir der Film los. Dann hab' ich irgendwie erst angefangen zu denken. Wie die Sachen wirklich sind bei mir. "

Therapeut: "Andere!"

Kerstin: "Ich mein', das war nicht nur gestern so. Das hab' ich oft so, daß ich das so denke, daß du deine Sachen nicht sagst. Mich strengt das an, daß ich das so nicht stehenlassen darf, weil ich denke, da ist immer noch was. Und wenn ich nachfrage, dann kommt nur, ich mach mir zu viel Sorgen."

Therapeut: "Ja, gut, das ist ja irgendwie ..."

Gregor: "... (will etwas sagen) ..."

Therapeut: "Psst! Ihr redet über die Sachen, die wichtig sind. Über die Gruppe. Darüber müßt ihr euch verständigen. Und wenn danach einer nicht mehr groß reden will, dann ist das seine Sache. Also so ist das nicht, daß ihr hier irgendwie private Therapie machen sollt."

Kerstin: "Ja klar."

Therapeut: "Nicht ja klar. Ihr habt die Verantwortung. Du auch. Über die Sachen mit Kerstin in dem Fall zu reden, die wirklich die Gruppe angehen. Daß da nichts passiert."

Gregor: "Ja, das haben wir gestern gemacht."

Therapeut: "Ja, ich sag' das nochmal ausdrücklich. Das müßt ihr machen."

Gregor: "Ich hab's vielleicht nicht ganz optimal hingekriegt wie es vielleicht optimal hätte laufen können, daß ich gleich mit Ulla die Sachen klarziehe. Aber wie ich das vorhin echt gesagt habe, ich konnt' nicht mehr, das ging nicht."

Therapeutin: "Aber solche Sachen, wenn du genau spürst, du konnst dich jetzt nicht mehr um jemand kümmern, weil du selber zu tief irgendwo da drinsteckst, das müßtest du ihr sagen, damit sie das weiß, nicht ..."

Gregor: "Ja, das hätt' ich äußern müssen, damit das klar ist und nicht im Raum stehen bleib'. Wie ich mich verhalten soll. Und auch du, Thomas, natürlich beziehe ich dich damit ein (Thomas ist den ganzen Tag außer Haus, weil er ein Arbeitspraktikum durchführt. Man befürchtet, daß er nichts mehr mitbekommt.) ...(Pause )... In dem Moment denk' ich, ich hab' das auch getan. Ich hab' lediglich das Wort "genervt" verwendet, so, und nicht, daß ich nicht mehr kann. Ich hab' gesagt, wie das war. Ich hab' telefoniert und solche Sachen. Ich hab' das alles erzählt in der Stufe 3. Und als Reaktion krieg' ich dann darauf, was in der Gruppe da unten auf einmal war, wie ihr euch dann fetzt, ihr beide."

 

 

 

 

 

VIII.

Kerstin: "Das war ja auch voll bescheuert."

Therapeut (an Kerstin und Thomas): "Ihr habt euch gefetzt? Ich denk', ihr habt eine Beziehung."

Thomas: "Was weiß ich, das war... Ich kann ja mal sagen, wie das anfing für mich, so, und in der Gruppe. Du hast die Stufe 3 gemacht, Gregor, du hast gesagt, was da war beim Filzen, ja so, irgendwie, und dann hab' ich dir zugehört, und dann dachte ich in dem Moment, gut, das ist jetzt erstmal o.k. und du redest mit Ulla, und dann gucken wir weiter. Und dann ging es weiter. Und dann war unten Ansprüche ansagen (abends wird noch mal in der Gruppe bekanntgegeben, auf was 'man einen Anspruch gestellt hat', d.h. was man am abend noch machen will, wie Musik hören oder Spazieren gehen etc.) und Melanie fing dann an ähh, ich hab' gemerkt, daß es dir nicht gut ging, so mit Bereitschaft anrufen und Stufe 2(-Gruppe). Dann hab' ich auf einmal schon den Impuls gehabt, daß das jetzt hier in der Gruppe unten gesagt wird, was los ist, und daß das nicht ausartet, aber daß das unten in der Gruppe gesagt wird, hier, so und so, wir waren an den Kassetten, und mir geht's damit nicht gut, und ich möchte jetzt mit Ulla telefonieren. Ich habe gesagt, daß ich mich so nicht wohlfühle, und dann artete auf einmal alles wieder aus. Ich konnte dann nichts mehr sagen. Weil, mir fällt's im Moment auch schwer, unten in der Gruppe zu reden. Und dann haben wir wieder eine Stufe 3(-Gruppe) gemacht, weil, mich hat das auf einmal gestört. Ich hab' das mitgekriegt mit Ben, was da abging. Ich hab' mitgekriegt, was mit Melanie und ihrem Iso-Schrank abging. Dann hab' ich auf einmal gemerkt, es passiert aber nichts. Und dann hat mich das irgendwie voll genervt. Gut, dann hab' ich Kerstin irgendwie voll angemacht. Ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt hab', so, daß mich das nervt, wie das hier im Moment läuft, daß mich das ärgert und daß ich mich unten voll alleine gefühlt habe. Ja, ich weiß gar nicht mehr ... (lacht) ... nee, weil du, Kerstin, mir noch gesagt hast, daß du das Scheiße fandest, wie ich das unten in der Gruppe gesagt hab'. Das hat mich eigentlich verletzt, und ich hab' mich eigentlich auch geärgert, weil ich das korrekt fand, weil das in die Gruppe gehört. Dann wurde so 'n Heiligenschein irgendwie drumgemacht, es darf keiner wissen, so, jeder kriegt es mit, aber keiner darf es wissen. Und das ist das, was mich gestört hat. Ich hatte dann Schwierigkeiten, mich klar zu machen. Erst mal: mir fällt's schwer in der Stufe 3, daß ich mich da einbringe. Ich hab' da immer das Gefühl, ich komm' da nicht zwischen, ich kann euch da nicht zwischenfunken (er meint die anderen Klienten der Stufe 3, Reinhard und Gregor), irgendwie so, ne. Ich hab' euch beide gesehen, ihr kommt damit auch nicht ganz klar, das war mein Eindruck. So, ich hab' dann das Gefühl gehabt, ich kann euch da nicht dazwischenfunken, weil ich halt ein bißchen außen vor stehe. Aber eigentlich hatte ich von Anfang an den Impuls, daß das in der Gruppe unten schon geklärt wird, wo du das gesagt hast".

Therapeut: "Und warum habt ihr euch da unten angeschrien?"

Thomas: "Ich weiß gar nicht mehr, worum es ging."

Kerstin (an Therapeut ): "Weil es wie auf der Straße war (macht Thomas nach und sagt 'äh, äh'). Da hab' ich gesagt, ich bin hier nicht auf der Straße."

Therapeut: "Wie (hast du das gesagt)?"

(schaut Thomas an)

Kerstin: "So mit den Augen, mit dem Kopf so komisch. Darauf bin ich dann angesprungen."

Therapeut: "Weist ihr mich nun ein in eure Geheimsprache?"

Kerstin (lacht): "Na klar, ich weiß es auch nicht, irgendwie hat es mir nicht gepaßt, wie es unten gelaufen ist. Eigentlich hab' ich gedacht, wenn du unten in der Gruppe jetzt was sagst und erzählst einen von Shore und blah und blah, und ich hab' gedacht, du entlastet dich erst mal bei Ulla, und dann mit dem ganzen, das kann man da auch noch in der Gruppe sagen (meint damit die Freitagsgruppe). Darum hat mir das nicht gepaßt, wie du das dann gesagt hast (an Thomas gewandt). Weil, das hat dann noch mehr Druck gemacht. Das hat Druck irgendwo gemacht, auf mich hat das Druck gemacht."

Therapeut: "Was hat er denn gesagt?"

Kerstin: "Daß ihm das nicht paßt, wie sie (Melanie) das macht mit der Bereitschaft ..., was weiß ich ..."

Therapeut (an Thomas gewandt): "Was hast du denn gesagt?"

Thomas: "Oben jetzt bei dem Konflikt, daß es irgendwie jetzt nicht klar ist, das hab' ich gesagt. Dann hab' ich dich angeschrien, du bist dann auch ..."

Therapeut: "Wieso hast du sie denn angeschrien?"

Thomas: "Weil, mich hat das auf einmal, mich hat das voll aufgeregt."

Therapeut: "Was hat dich denn aufgeregt?"

Thomas: "Diese Spannung, irgendwie so."

Therapeut: "Wie hast du sie denn angeschrien?"

Thomas: "Ich hab', ich weiß gar nicht, was ich gesagt hab'. Zuerst hab' ich gesagt, das nervt mich, so, und dann war es einfach nur provozierend. Dann hab' ich dich irgendwie provoziert."

Therapeut: "Wie denn?"

Thomas: "So mit Blicken so, irgendwie, weil ... ich weiß nich, mich hat das nur noch aufgeregt, daß du dann rausgerannt bist ..."

Therapeut: "Ich will mal wissen, wie hast du das gemacht, sie angeschrien?"

Thomas: "Angeschrien wie ..., daß mich das nervt ähh, das nervt mich irgendwie, daß das so chaotisch ist irgendwie. Dann hast du irgendwas gesagt, was willst du denn jetzt, irgendwie so. Ich weiß das nicht mehr genau. Also ich hab's auch provoziert und hab' dann auch so gesagt ... (murmelt unverständlich weiter)."

Therapeutin: "Was machst du denn mit den Augen? Ich hab' das nicht verstanden."

Thomas (unwirsch): "So, ich weiß das nicht mehr, wie ich das gemacht hab', so, jetzt kann ich das nicht. Ich hab' Angst, daß ihr jetzt guckt. So ungefähr, was willst du denn jetzt."

Therapeut: "Ah."

Thomas: "So ungefähr wie, was willst du denn jetzt. Komm' doch her, wenn du was willst, so ungefähr, so, was willst du denn jetzt, so."

Therapeut (an Kerstin): "Was machst du dann?"

Kerstin: "Ich wollt' eigentlich, ich hab' abgeblockt. Ich hab' gesagt, wir sind doch hier nicht auf der Straße."

Therapeut: "Wie ?"

Kerstin (lacht): " ... "

Therapeut: "Ihr versteckt das so. Ich will wissen, wie ihr das macht, das find' ich schon interessanter als die Erklärungen."

Therapeut (macht auffordernde Gesten und fragt): "So irgendwie?"

Thomas (macht Kerstin nach): "Ja, ich bin hier nicht ..., irgendwie so die Augen zusammen, die Falten da so, ich bin hier nicht auf der Straße, soo ..."

Therapeutin: "Als wenn sie sich ein bißchen ekelt?"

Thomas: "Na ja ..."

Therapeut (an Kerstin): "Wie hast du es denn gemacht Kerstin?"

"Kerstin: "Ach, was weiß ich!"

Therapeut: "Wie hast du es gemacht?"

Kerstin (schweigt, dann): "... so mach ich das, ich zieh' das hier zusammen in den Augen ..."

Therapeut: "Jetzt, wo es interessant wird, kneift ihr."

Kerstin: "So, quatsch' mich nicht voll"

Therapeut: "Kommt mal beide in die Mitte."

Kerstin (lacht): "Nee, nee."

Therapeut: "Komm', Stuhl ..."

(beide nehmen ihre Stühle und setzen sich in die Mitte, einander gegenüber.)

Therapeut: "Habt ihr gestanden?"

Thomas: "Nee."

Therapeut: "Also, macht mal vor."

Thomas (bleibt stehen): "Kerstin hat gestanden."

Therapeut: "Also du stehst, mach' doch mal, provozier' sie mal wie gestern."

Thomas: "Nee, jetzt kann ich das nicht ..." (Gelächter)

Therapeut: "Komm', mach' mal."

Kerstin: "Nee, jetzt ist mir das peinlich."

Therapeut: "Ist mir egal."

Kerstin: "Ich weiß das nicht, oh Gott."

(Thomas fixiert Kerstin, schiebt das Kinn etwas vor und wirft gleichzeitig den Kopf etwas ruckartig in den Nacken. Kerstin schaut in an.)

Therapeut: "Da ist was zwischen euch, das ist wichtig."

(Stille)

Therapeut: "Mach' noch mal, mach' noch mal."

Kerstin (lächelt)

Therapeut: "Was macht das mit dir?"

Kerstin: "Das regt mich auf."

Therapeut: "Weiter, warum? Woher kennst du das?"

(Schweigen)

Therapeut (an Thomas): "Mach' noch mal. (an Kerstin) Woher kennst du das?"

(Schweigen)

Kerstin: "Ich weiß nich', ich kenn' das, ein bißchen so, was willst du denn."

Therapeut: "Woher kennst du das?"

Kerstin (leise): "Von meinen Ex-Freunden, denk' ich mal so."

Therapeut: "Von wem?"

Kerstin: "Von beiden (Ex-Freunden), daß ich nichts zu melden hab', so irgendwie."

Therapeut: "Ja, das heißt, ich hab' nichts zu melden."

Kerstin: "Ja, ich hab' nichts zu melden, ja."

Therapeut (an Thomas): "Sag' ihr mal, du hast nichts zu melden."

Kerstin (lacht)

Thomas (leise): "Du hast nichts zu melden."

Therapeut (an Thomas): "Mach' noch mal."

Thomas: "Mir ist das voll unangenehm ... Du hast nichts zu melden."       Kerstin (lacht)

Therapeut (an Kerstin): "Was macht das mir dir?"

Kerstin: "Das ist dann so cool, so, ich möcht' dann auch provozieren."

Therapeut: "Mach' mal."

Kerstin (lacht)

Kerstin: "Gestern bin ich nicht drauf eingestiegen. Ich hab' gesagt, Eyh, ich bin hier nicht auf der Straße. Da hab' ich jetzt keine Lust zu, so, gestern bin ich nicht drauf eingestiegen."

Therapeut: "Was ist denn da übriggeblieben?"

Thomas: "Von gestern? So zum Schluß, das ist dann alles ... Ich hab' dann noch 'ne Stufe 3 gemacht ... (lacht) und hab' gesagt, es tut mir leid, so wie ich das gemacht hab', weil das eigentlich um was anderes ging bei mir, so, und dann ging es eigentlich nur noch ... Ich hab' dann gesagt, wie es mir damit ging ... (murmelt), daß mich das eigentlich bedrängt hat, wie du gesagt hast, warum sagst du dann das nicht gleich? So die Frage, die hat mich voll bedrängt, so. Und dann kam, daß auch, daß du dann (an Gregor gewandt), das sind Team-Aufgaben, daß du dann gesagt hast, ich würde es besser finden, wie es mir damit geht, und nicht so sagen, warum machst du das so, daß ich mich damit irgendwie bedrängt gefühlt hab'. Dann warst du traurig ... (murmelt) ..."

Therapeut: "Nichts mehr übriggeblieben? ... Was ist denn übriggeblieben? Ihr erklärt mir zuviel."

Thomas: "Wie das auseinandergegangen ist."

Therapeut: "Wie seid ihr denn auseinandergegangen?"

(Schweigen)

Thomas: "Kerstin ist duschen gegangen und ich bin in mein Zimmer gegangen. Ich weiß gar nicht, was wir da gesagt haben noch. Ja, du warst dann traurig und bist dann runtergegangen ... Klar war da irgendwie auch nichts ... Ich wollt' eigentlich nur sagen, wie es mir damit ging, erst mal, daß es mir leid tut, daß ich dich so angemacht hab' und wie es mir damit ging, wie du gesagt hast, warum machst du das nicht gleich. Das wollt' ich dir sagen. Und dann wollt' ich dir rüberbringen, daß ich mich irgendwie, daß ich mich da irgendwie ein bißchen allein gefühlt habe, und mehr wollt' ich eigentlich gar nicht sagen. So, und dann hast du gesagt, du bist irgendwie traurig ..."

Kerstin: "Mir hat das den Rest gegeben. Weil, das war viel für mich gewesen, ne, ich hab' schon die ganze Zeit auf Gregor geguckt, da mußt' ich mich mit dir auch noch streiten, nee, und dann auch noch, daß du mich mit dem Team vergleichst und mir das so rüberbringst, daß ich Team-Sachen mach' (meint damit Therapie mit Thomas), so irgendwie hab' ich gedacht ne, jetzt ist genug."

Thomas: "Ja. "

Kerstin: "Und dann hab' ich gesagt, daß ..."

Therapeut (an Kerstin): "Hey, wie geht's dir jetzt?"

Kerstin: "Jetzt bin ich traurig, mhm."

Therapeut: "Warum?"

Kerstin: "Weil das viel gestern war, so irgendwie, weil mich das traurig macht, wie ich das höre, daß ich irgendwie Team nachmache, irgendwie sowas."

Therapeut: "Daß er nicht gesehen hat, wie schwer das war für dich?"

Kerstin: "Ja, mich stört dann irgendwie, anstatt mich da irgendwie zu unterstützen, mir noch einen Kummer, mir dann noch deine persönliche Streiterei, mir noch dazuzugeben so für den Abend, ja."

Therapeut: "Du bist enttäuscht?"

Kerstin: "Ich weiß nicht, mich macht das traurig. Und ich konnt's nicht richtig verstehen."

Therapeut: "Du bist enttäuscht."

Kerstin: "Enttäuscht bin ich vielleicht auch." (Kerstin hustet)

Therapeut: "Was denn, was ist denn jetzt, was ist denn jetzt, was spürst du denn jetzt gerade?"

Kerstin: "Da muß ich lachen."

Therapeut: "Da mußt du wieder lachen?"

Thomas: "Ich hab' vorhin im Einzel (Einzeltherapiesitzung) gesagt zu Ulla, ich will sagen wie es mir geht, und da hab' ich meine Angst, daß du sagst, wie es gestern für dich war. Du kriegst dann Unterstützung von dir, Elmar. Und ich steh' dann als Blödmann da, weil ich meine Sachen nicht ... (unverständlich), so die Angst hab' ich gehabt, daß ich jetzt wieder dasteh', mich als Problem fühle so, und zu allen Sachen nichts mehr sagen kann, weil, weil das so war, wie ich das eben erzählt hab'."

Therapeut: "Ja, das weiß ich."

Thomas: "Nein, daß das gestern viel für mich war ..."

Therapeut: "Was macht das jetzt mit dir? Du wirst schon noch von deinem Praktikum erzählen können. Nur keine Panik. Was macht's denn jetzt mit dir, wenn sie sagt, sie ist traurig und enttäuscht, daß du ihre Not da nicht siehst."

(Schweigen)

Thomas: "Ich hab' voll Angst. Ich weiß nicht, irgendwo bin ich traurig, was mir unangenehm ist."

Therapeut: "Ob sie nicht sieht, wie es dir in deinem Praktikum geht?"

Thomas murmelt: "... Häh?"

Therapeut: "Ob sie nicht sieht, wie es dir in deinem Praktikum geht?"

Thomas murmelt: "Ich denke, daß weiß sie."

Therapeutin: "Sagt sie denn da ab und zu was?"

Thomas (leise): "Ja, logisch."

Therapeut: "Noch so 'ne Antwort. Fühlst du dich damit verstanden oder nicht?"

Thomas: "Nein."

Therapeut: "Und wie findest du das?"

Thomas: "Das macht mich auch traurig (lächelt verlegen), das ist sowiewo, mir fällt das, im Moment ist das schwer. Ich will wissen, so, was hier im Haus los war, (an Kerstin) wie es dir damit geht, und ich merk' von dir auch Interesse (an Gregor gewandt), aber irgendwie ist das, so, ich weiß nicht. Jetzt weiß ich schon nicht mehr, was ich sagen soll."

Therapeut: "Was du fühlst. Du brauchst ja nicht sagen ... "

Thomas: "Ja, ich bin traurig, ich bin traurig, und auch ein bißchen unzufrieden."

Therapeut: "Ein bißchen unzufrieden?"

Thomas (leise): "Ja."

Therapeut: "Warum?"

Thomas schweigt, dann leise: "..., das war so, weiß ich nich', daß du vielleicht nicht richtig sagst, (sie) lacht (meint Kerstin, die gerade lacht), nee, jetzt weiß ich nicht, jetzt denk' ich schon wieder, das ist das gar nicht."

Therapeut: "Was fühlst du denn ... vergessen?"

Thomas (lacht): "Ja, ich guck' ja gerade."

Therapeut (betont langsam) "Ich guck' ja gerade ..."

Thomas: "Ich weiß das nicht, ich bin voll unsicher."

Therapeut: "Ja?"

Thomas: "Ich bin total unsicher."

Therapeut: "Was macht dich denn unsicher?"

Thomas: "Eigentlich bin ich traurig, hier in der Gruppe zu sitzen. Das macht mich alles ganz schön ..., ja, und traurig bin ich." (Lächelt verlegen)

Therapeut: "Ist schon gut. (an Kerstin:) Willst du ihm noch was sagen?"

(Schweigen. Kerstin fixiert den Therapeuten)

Therapeut: "Guck' mich nicht so an, als ob ich vom Mond komm'. Du muß doch was sagen."

Kerstin: "Nee."

Therapeut: "Was ist denn jetzt?"

Kerstin: "Jetzt ... äh, ... " (stöhnt)

Therapeut: "Ja, wir sind noch bei der Kassette. Ich will das jetzt fertigkriegen. (an beide:) Ihr seid zäh."

Kerstin (lacht): "Jetzt weiß ich nich', ich denk', ich hab' dich hundertmal gefragt mit deinem Praktikum, deshalb haben wir Stufe 3 gemacht und Gregor hat auch dies und das, ich weiß das nicht. Das hat mich ein bißchen gekränkt. Weil ich denk', so ja. Und ansonsten denk' ich, ich kann jetzt nichts mehr sagen. Du bist jetzt traurig und du müßtest jetzt deine Sachen sagen. Und dann kann ich erzählen."

Therapeut: "Der kommt noch dran, aber erst nach der Pause."

Kerstin: "Ach so."

Therapeut: "Wir wollen das hier zuerst fertigkriegen."

Kerstin: "Ja, das ärgert mich ... ich weiß es nicht."

Thomas: "Gut, aber ich möcht' noch was sagen. Daß ich dich so angemacht habe, das tut mir leid. Aber ich fühlte mich in dem Moment bedrängt, wenn du mich fragst, wieso. Du machst das. Ich würde es besser finden, ich weiß nicht, ob ich das sagen kann."

Therapeut: "Jetzt wird's kompliziert."

Thomas: "Ja, daß du einfach sagst, wie es dir damit geht und nicht einfach, wieso das nicht gemacht wird. Denn dann kann ich gar nicht mehr reagieren. Dann fühl' ich mich voll ..., das war für mich gestern das Wichtigste eigentlich."

Therapeut: "Na, gut. Zurück."

(Beide setzen sich wieder zurück)

 

 

 

 

IX.

Therapeut: "Dazu noch was?"

Gregor: "Ja, ich hab' dazu noch was ... (murmelt unverständlich) ... Ich weiß nicht, ob ich das sagen soll. Du hast dich von mir alleingelassen gefühlt."

Therapeut: "Wen meinst du jetzt."

Gregor: "Melanie. Ich hab' das von vorhin gesagt und ich sag' das nochmal einfach ganz platt. Ich war gar nicht fähig ... (unverständlich) ... dir irgendwas zu sagen. Weil ich mit mir selbst so doll beschäftigt war, das alles richtig zu machen und zu reagieren."

Melanie: "Ich denk', du hättest wenigstens soweit hergehen können und sagen, ... zu einer anderen Stufe 3 gehen können ... (unverständlich)."

Therapeut: "Was fühlst du denn jetzt, wenn er das sagt."

Melanie: "Ja, das verstehe ich."

Therapeut: "Nee, was fühlst du denn, wenn er das sagt. Bist du immer noch ärgerlich?"

Invonne: "Mhm."

Therapeut: "Sag's ihm, ich bin immer noch ärgerlich."

Melanie (schweigt)

Therapeut: "Melanie, hallo."

Melanie: "Jaah ich ärger' mich ..." (verschluckt den Rest des Satzes)

Therapeut: "Weil ...?"

Melanie: "Weil er mich alleine gelassen hat."

Therapeut: "Er dich alleine gelassen hat?"

Melanie: "Obwohl ich diesen Vorwurf eigentlich nach der Gruppe oder nach der Stufe 3 auch an euch beide hab'. Ich hab' den an die Stufe 3."

Therapeut: "Sag's ihnen."

Melanie: "Ihr habt nich drauf geguckt, wie es mir damit geht."

Kerstin: "Kann ich dazu was sagen? Ich hab' mir viel Gedanken um dich gemacht. Sich mit dir hinzusetzen, das hätt' ich nicht mehr hingekriegt, weil, das hätt' ich nicht mehr in Ruhe machen können. Was mir dann wichtig gewesen ist, daß ich dann zu Karla gehe, weil ich mitgekriegt hab', wie ihr oben Musik gehört habt (im Dachgeschoß befindet sich der Musikraum mit der Musikanlage). Und dann bin ich dann zu dir gegangen ... und hab' gesagt, daß du mit hochgehst, damit ihr da nicht alleine seid. Weißt du, das hab' ich dann gemacht."

Therapeut (zu Kerstin gewandt): "Wie hast du sie denn erlebt?"

Kerstin: "Mhm?"

Therapeut: "Wie hast du sie denn erlebt?

(Schweigen)

Was ist denn für dich offen?"

Kerstin: "Wie hab' ich dich erlebt? Ich hab' dich so erlebt ... ,(wird lauter) daß du hochgehst und Musik volle Power andrehst und nicht mehr da bist, so!"

Therapeut: "Und wie findest du das?"

Kerstin (heftig): "Ja, Scheiße find' ich das! Ja klar, ich find' das Scheiße, ja, ja, das find' ich Scheiße. Statt zu sagen so und so, komm' her Kerstin, hör' mir jetzt zu. Daß du einfach hoch gehst, die Andrea noch mitnimmst, die sowieso noch neu ist, und voll Hullygully machst. Das ja, das fand ich Scheiße. Daß Reinhard kommt und du ihn abschmetterst, daß Karla einsteigt in den ganzen Mist mit eurem Laut (meint die Lautstärke der Musik), das find' ich Scheiße. Das find' ich ..., für mich war das so gewesen, das hat auch noch so, weil die Gruppe hat mich Anstrengung gekostet. Ich hab' Ulla angerufen, dann hab' ich ne Gruppe gemacht und das in Ruhe gesagt, und da bei Ben hab' ich mich noch zurückgehalten mit dem Betrunkensein (meint den Vater von Ben), aber ich wußte nicht, daß er das überhaupt schon weiß. So, und dann mach' ich die Gruppe und dann war auch gut gewesen, so!!! (schreit) Für mich war das erstmal gut. Und dann machst du Hullygully oben (wendet sich an Melanie) und das macht Stimmung!!! Das wußt' ich doch nicht, daß du sagen sollst, daß dich das ärgert (meint vermutlich den Vorschlag von Ulla, der Therapeutin der Bereitschaft, daß Melanie Reinhard und Gregor ihren Ärger sagen sollte). Ich warte auf Medikamente mit Reinhard (meint damit, daß sie die vom Arzt angeordneten Medikamente austeilt), er kommt nur, um zu sagen, du erzählst einen (meint Melanie) von Shore. Da denk' ich, was geht denn hier ab. Das ist alles was ich gehört hab'. Und ich wußte nicht, daß es klar war (meint, daß deshalb schon mit Ulla telefoniert worden war). Und dann steigst du da ein. Was weiß ich, ich fand das Scheiße. Unheimlich anstrengend fand ich's. Und jetzt macht es mich irgendwo traurig, daß es so beschissen gelaufen ist."

Therapeut: "Du bist ärgerlich?"

Kerstin: "Ja, und auch das, daß ich mir von dir einen Spruch anhören muß ... Wir ziehen uns zurück."

Therapeut: "Wer?"

Kerstin (heftig): "Karla, obwohl ich denke, das war Thema gewesen, lang und dick (Karla hatte angekündigt, daß sie sich mit Ben aufs Zimmer zurückzieht, was eigentlich nicht in Ordnung war, da beide von der Gruppe kritisiert worden waren, weil sie sich zu sehr in der Freizeit aus der Gruppe raushalten). Du weißt das (zu Karla gewandt). Und ich bin dann so, daß ich dann das auch glaube (daß das in Ordnung ist, dieses Zurückziehen, weil beide darüber in der Kaffeerunde oder einer anderen Gruppe darüber reflektiert haben), daß du mir dann sagst, wir ziehen uns zurück. Und dann sagt mir Ben, wir haben uns darum einen Kopf gemacht (was nicht klärt, ob die beiden das nun in der Kafferunde besprochen haben oder nicht). Und ich bin dann die Blöde. Ich kann mir dann denken, habt ihr mich jetzt angelogen? Ist das wahr, was du sagst? Und, was weiß ich. Und dann denk' ich nur noch, es ärgert mich, daß ich mir das anhören darf (weiterhin erregt und laut). Abends dann hab' ich mit dir diese Dinger auch noch (an Thomas gewandt). Weiß ich nicht, für mich war es gestern viel, ehrlich."

Therapeut: "Wem machst du einen Vorwurf?"

Kerstin: "Thomas mache ich einen Vorwurf, daß du da noch einen persönlichen Streit oder Machtkampf oder was weiß ich daraus machst. Darauf mach' ich dir einen Vorwurf. Und dir (an Melanie gewandt), daß du nicht mit Ulla vernünftig redest, was du anscheinend nicht gemacht hast, sonst hättest du dich ja nicht so abreagieren müssen (mit der extrem lauten Musik). Da mach' ich dir einen Vorwurf. Und daß du da nicht auf jemanden zugehst anstatt zu ... was weiß ich, wo du gewesen bist, und dir mach' ich einen Vorwurf, Gregor, daß du auch nicht vernünftig mir Ulla sprichst, so, daß du dich hinten absicherst, so irgendwie ja."

Melanie: "Ulla war für mich ... nich' ganz so. Ich hab' zwar telefoniert, aber trotzdem war sie nicht bei mir. Ich brauch' einen vom Team, der bei mir ist, der echt bei mir ist, so."

Thomas: "So wie du unten reagiert hast, da hab' ich gar nicht die Möglichkeit gehabt. So wie du das reingeworfen hast, so ungefähr wie, laß mich bloß in Ruhe. Und ich hab' dich total aufgeregt erlebt. Ich hab' gedacht, da kommst du nicht ran."

Melanie: "Ja, aber ..."

Thomas: "Laß mich doch mal ausreden wie ich das erlebt hab' (lauter), laß mich doch mal ausreden! Ich hab' nur gedacht, da komm' ich gar nicht ran, so, wie du unten so zack, gleich so, daß keiner mehr was sagen kann. Ich telefonier' mit der Bereitschaft und gut! So, was soll ich denn da noch sagen, wenn du das so sagst. Du kannst genauso gut zu mir kommen, zu Kerstin kommen, hier, ich muß mal mit euch reden. Das kannst du genauso gut machen Melanie."

Melanie: "Ja, ich hab's nicht gemacht."

Therapeut (sagst etwas, nicht verständlich)

Melanie: "Ja, nee, da war ich noch so aufgeregt, da war das noch so frisch irgendwie."

Theapeut: "Ja, was hast du denn hinterher gemacht?"

(Schweigen)

Therapeut: "Musik gehört?"

Melanie: "Was war denn noch?"

Therapeut: "Wieso, was denn?"

Melanie: "Ihr wart weg irgendwie so, euch hab' ich nicht mehr gesehen. Ihr habt bestimmt Stufe 3 gemacht, ich weiß es nicht mehr. Ich bin runtergegangen, nein ich bin dann hochgegangen und hab' Musik, irgendwie so ..."

Therapeut: "Und? Die anderen?"

Kerstin: "Da hab' ich auch noch was. Daß ihr von Stufe 2 kein Stück drauf achtet, daß die da sogar Musikbegleitung macht (meint Andrea, die noch nicht lange hier ist), daß keiner (wird laut) darauf reagiert, daß im Gegenteil dazu noch eine kilometerlange 'Orgie' passiert (mit 'Orgie' sind die Organisations-besprechungen gemeint), das ist dann alles, was dann dahinterher kommt. Da denk' ich mir dann auch ... , so irgendwie. Ich hab' mich alleine gelassen gefühlt, wirklich, von vielen hier."

Karla: "Ja jetzt mal ganz abgesehen ... ich will mal ... doch mal anfangen zu erklären, warum ich gestern nicht Stufe-2-mäßig mehr gekonnt hab', so (meint wohl ihre Funktionen in der Stufe 2 wahrzunehmen, in dem Fall Melanie beim Musikhören zu begleiten)."

Therapeut: "Warum?"

Karla: "Weil, weil wir nach der Kaffeerunde, Reinhard und ich, direkt losgefahren sind und um 1/2 neun wiedergekommen. Wir sind direkt zu 'Ansprüche ansagen' wieder dagewesen, und dann hab' ich mich für Musikgleitung, hatt' ich mich noch gar nicht eingetragen, hab' aber Lust gehabt Musik zu hören und hab' eigentlich gar nicht geguckt, wer sich da schon eingetragen hat. Ich hab' dann, ... ääh Melanie und Andrea sind dann raufgegangen und ich hab' gesagt, ich komm' nach, ohne drauf zu achten, daß es dir, ich hab' das alles ja nicht so mitgekriegt, wie heftig der ganze Abend für dich schon war ..."

Therapeut: "Weil du zu spät gekommen bist."

Karla: "Wie, zu spät?"

Reinhard: "Da war ja schon alles passiert."

Karla: "Wir sind ziemlich spät, also wir haben gesagt, wir kommen zwischen acht und neun."

Therapeut: "O.k., das langt mir schon, das langt mir schon."

Karla: "Wir sind mitten bei 'Ansprüche ansagen' ..."

Therapeut: "Du warst gar nicht da. (an Stefan:) Wo warst du denn?"

Stefan: "Ich war im Kasino."

Therapeut: " Ihr habt, die ganze Gruppe hat die Stufe 3 hängenlassen, so seh' ich das. Als ob ihr mit Drogen nichts zu tun habt."

Melanie: "So dachte ich auch."

Therapeut: " So war das."

Melanie: "So dachte ich auch, und da hab' ich dann gedacht, bin ich jetzt bescheuert oder was."

Therapeut (nochmals an Stefan): "Wo warst du denn? Du bist doch Stufe 2."

Stefan: "Bei 'Ansprüche ansagen', da war ich dabei."

Therapeut: "Bei 'Ansprüche ansagen', da war er dabei. Und gerade wird erzählt, und du hast ein bleiches Gesicht, legst deine Stirn in Falten und denkst an frühere Zeiten. Wo warst du gestern Abend denn, wenn es so wichtig ist."

Stefan schweigt. Dann: "Das hab' ich doch erst nach 'Ansprüche' (ansagen), nachdem Kerstin die Gruppe gemacht hat, da hab' ich das doch erst mitgekriegt."

Kerstin laut: "Mann, kriegst du gar nicht mit, was hier im Haus abgeht? (schreit) Da ist doch AA's (damit ist 'Ansprüche ansagen' gemeint) mit Spannungen, wo einer reinschmeist... und der und der und der.... und du kriegst das alles nicht mit, oder was? (schreit) Mann, wo lebst du denn außer bei Gisela!"

Stefan: "Was soll das denn jetzt?"

Kerstin (schreit weiter): "Ja, da kümmerst du dich, da bist du immer. Aber ansonsten: wo bist du denn?"

Stefan: "Melanie hat gesagt, sie ruft die Bereitschaft an."

Kerstin (schreit weiter): "Ja, und dann ist gut?"

Stefan: "Und dann ist gut. Und dann war nix (unverständlich) ..., muß jemand was sagen in der Stufe 2."

Kerstin (schreit weiter): "Mann, die hören mit Musik mit 60 oder was. (60 bedeutet eine Zahl auf dem Lautstärkeregler der Musikanlage) Das ganze Haus hat 'nen Dings, und du kriegst das nicht mit, Micha, nee, ehrlich!"

Stefan: "Natürlich hab' ich das mitgekriegt, ich stand doch mit dir unten. Da sagst du, Reinhard ist oben. Da sag' ich, gut."

Kerstin (laut): "Und weiter?"

Stefan: "Und dann wurde die Musik leiser gemacht."

Kerstin, aufgeregt: "Und weiter, also ehrlich!"

Stefan: "Ja dann war es doch o. k., wenn Reinhard da schon hoch ist."

Therapeutin: "Ja, du kümmerst dich nicht, du kümmerst dich nicht. Das macht schon jemand anders, und dann brauchst du dich nicht mehr zu rühren. So wirkt das."

Stefan (stöhnt): "Aah, ich war in der Küche und hab' die Spülmaschinen leergeräumt und ich hab' die laute Musik gehört und bin an die Treppe gegangen, und da stand Kerstin. Und ich hab' Kerstin gefragt, was los ist. Und dann hab' ich Reinhard rufen hören, so, und dann hab' ich gedacht, Reinhard macht das jetzt. So, gut."

Therapeut: "Und wie hat sich das angefühlt?"

Stefan: "Nee, und dann hab' ich gewartet, bis das oben da klar war und Reinhard wieder runterkam. Und dann hab' ich die Spülmaschine weiter ausgeräumt."

Therapeut: "Wie hat sich das angefühlt? Ich will wissen, wie sich zum Beispiel hier die Atmosphäre zu diesem Zeitpunkt angefühlt hat. Wir sind hier nicht in einer Gerichtsverhandlung."

Stefan: "Für mich war das so, wie wir Gruppe gemacht haben, ich hab' gemerkt, daß vor der Gruppe, daß da Spannungen waren."

Therapeut: "Das hast du gemerkt?"

Stefan: "Gerd saß im Zimmer und so. Was ist denn überhaupt los? Da wird einer nach dem anderen hochgeholt zur Stufe 3, und das Telefon war ständig besetzt."

Therapeut: "Und? Und? Was machst du denn dann?"

Stefan: "Ja, ja, was mach' ich da. Es war Stufe 3 oben, so irgendwie, ich hab' mir Gedanken gemacht, so irgendwie."

Therapeut : "Fein!"

Gerd: "Ja, wir saßen unten im Zimmer, Stufe-3-Zimmer, und haben das da mitgekriegt, daß da ganz schön Aufregung war und haben auch nachgefragt irgendwie bei Gregor und bei Ben und so, und die waren auch alle voll aufgeregt. Und dann haben wir mitgekriegt, daß oben Stufe 3 ist. Und dann haben wir gedacht, dann machen sie bestimmt gleich eine Gruppe. Und dann hat das immer länger gedauert. Und dann hab' ich auch gesagt, wenn nicht, dann müssen wir gleich mal eine Gruppe machen, so war das."

Therapeut: "Und? Was habt ihr gemacht?"

Gerd: "Dann hat Kerstin die Gruppe gemacht, so, und da war ich auch dann erleichtert."

Therapeut: "Hast du Melanie noch gesehen gestern?"

Gerd: "Bei 'Ansprüche ansagen' ja. Und da hab' ich die ganze Zeit gedacht, daß das alles irgendwie mit dem Telefonat von deiner Mutter zu tun hat und so."

Therapeut: "Und hast du gefragt oder so?"

Gerd: "Nöö."

Therapeut: "Warum nicht ?"

Gerd: "Nöö, da ging's mir so ähnlich wie Thomas, daß ich das Gefühl hatte, da komm' ich gar nicht mehr ran."

Therapeut: "Du hast dann überhaupt nichts gesagt."

Gerd: "Nöö."

Therapeut: "Warum nicht? Warum schweigt ihr? Ist doch egal, ob die das mag oder nicht. Du kannst doch sagen, ich habe das Gefühl, ich komm' nicht ran an dich. Oder, was ist mit dir los? Kann man doch fragen."

Gerd: "Mhm, so nöö, das hab' ich nur so, so, das hab' ich für mich irgendwie so in mich hineingenuschelt, so, aber nicht irgendwie laut in die Gruppe ..."

Therapeutin: "Deswegen fragt Elmar ja. Warum machst du das so."

Gerd: "Gestern war das so, daß ich echt das Gefühl hatte, da komm' ich nicht gegen an."

Therapeut: "Dann muß du ihr das mal sagen. Dann mußt du sagen, ich hab' was mit dir offen. Gestern hatte ich das Gefühl, ich komm' nicht gegen dich an. Da hast du doch ein Problem mit ihr."

Gerd: "Ja klar."

Therapeut: "Ja klar."

Gerd (an Melanie): "Ja, du warst so am Zappeln auf dem Sofa irgendwie schon (im Kasino), du hast so gesessen mit dem Fuß und hast dann nur noch starr auf den Tisch geguckt, oder so. Und da hab' ich so für mich gedacht, was ist denn los und so. Und das war kurz vor 'Ansprüche ansagen' hab' ich gedacht, gleich ist Gruppe und so. Und wo alle da sind, in dem Moment stehst du dann auf, springst auf, ja, ich ruf' jetzt Ulla an. So, ne, ich wußte echt nicht mehr, wie ich da reagieren soll so, wenn du, wie du geladen warst."

Therapeut: "Warum fragst du nicht, warum rufst du Ulla an?"

Gerd: "Ja, weil ich irgendwie gleich davon ausgegangen bin, weil, daß das wegen der, was in der Abendrunde war mit dem Brief von deiner (Melanies) Mutter irgendwie. Da bin ich, ich bin davon gleich ausgegangen. Ich bin gar nicht mehr davon ausgegangen, daß da noch irgendwie ..."

Therapeut: "Bei Frauen bist du vorsichtig. Kann man das so sagen?"

Gerd: "Das kann man so sagen, ja."

Therapeutin: "Das heißt, bei geladenen Frauen."

Gerd: "Bei geladenen Frauen, da zieh' ich mich irgendwie, da zieh' ich den Schwanz ein (lacht). Wenn das 'n Typ gewesen wär hier, und das wär auch so 'ne Scheißstimmung so ... Für mich war das so, daß du im Moment 'ne Scheißstimmung gemacht hast. Weil ich nicht wußte was los ist und so, oder geladen alles, so. Wenn das 'n Typ gewesen wär, hätt' ich gesagt, jetzt hörst du mal langsam auf, so."

Therapeut: "Aha!"

Gerd: "So ist das ." (lacht)

Therapeut: "Gisela, wo warst du denn?"

Gisela: "Ich war in dem Zimmer."

Therapeut: "Und du hast das dort nicht mitgekriegt?"

Gisela: "Ich bin ins 3er-Zimmer gegangen und da kam Kerstin gerade rein und hat das Telefon rausgeholt und was weiß ich. Ich wußte nicht, was ist los. Und Gerd sagte, ja weiß ich auch nicht, ich mach' gleich ne' Gruppe, wenn hier nichts passiert und so. Und dann kurze Zeit später hieß es dann schon Gruppe, bin ich dann mit hoch gegangen ... (murmelt unverständlich)."

Therapeut (an Melanie): "Was?"

Melanie: "Das kann ich nicht verstehen so."

Therapeut: "Du bist betroffen?"

Melanie: "Ja klar."

Gisela: "Ja, das kann sein, ich hab' selber den Kopf bis oben hin voll und ich sitz' auch die ganze Zeit schon hier (wird lauter) denk' und hör' und hör' und hör', zeitweise, daß ich das überhaupt nicht aufnehmen kann, daß ich ... was weiß ich."

Melanie: "Du machst hier alleine Therapie und nicht mit uns, so seh' ich das, echt."

Gisela (lächelt)

Therapeut (an Gisela): "Sag's"

Gisela (zögert): "Nee."

Therapeut: "Mach' doch!"

Gisela: "... (unverständlich)..."

Therapeut: "Los, mach' mal, sag' das noch mal."

Gisela: "Nee, ich hab' mich gestern Abend abgemeldet (wird laut), weil mir das total beschissen ging, was weiß ich. Und du kommst und machst mir Vorwürfe, weil du an Kassettenhüllen gehst, wo du weißt, was da für welche drin sind, eyh! (schreit) Dann laß die Finger davon!"

(Schweigen)

 

 

 

X.

Gregor: "Echt, ich ärger' mich auch total. Die ganze Zeit irgendwie. Das Ding ist für mich noch nicht gegessen."

Therapeut (dazwischen): "Ja deshalb machen wir ja so lange."

Gregor: "Weil, ich hab' immer wieder das Gefühl, ich bin das Problem. Du ärgerst dich über mich. Ärger' dich über die Leute hier, mal ehrlich, eyh. Ich war mit dir an dem Shore-Teil da dran. Mal ehrlich, solche Dinger. Du, du, Mann, du der mir am allerwichtigsten ist, sagst mir, ich hab' dich alleine gelassen."

Melanie (schreit): "Ja, hast du gestern Abend auch!"

Gregor: "Mann, Scheiße, mach' das mit den anderen Leuten klar."

Melanie: "... (schreit dazwischen, wegen der Lautstärke unverständlich) ..."

Gregor: "Das ist hier doch keine Beziehungstherapie hier, Mann. Das ist hier 'ne Gruppentherapie!"

Melanie (schreit): "Aber du warst in dem Moment bei mir, wo wir das gesehen haben.Und du bist gegangen, Mann!" Gregor (schreit): "Ich hab' dich mit rausgenommen. Ich hab' gesagt, komm' mit raus hier!"                           Melanie (laut): "Mann, danach! Mann!"                                                              Gregor: "Echt, und dann kommst du heut Morgen an, ich geh' an 'n Isoschrank, und dann wirfst du mir schon wieder so'ne Spitze rein, ach, gehst du an Isoschrank oder was. Mann, weißt du wie mich das trifft. Echt, so'ne Dinger kannst du stecken lassen, echt, aber ganz gewaltig. Mann, und bevor wir an die Kassetten gingen, kommst du zu mir und sagst, na, können wir das machen mit den Kassetten? Und ich sag' zu dir ganz normal, ja wir machen das gleich, ich will eine rauchen (macht eine maulende Melanie nach:) Ööh ja ... und gehst weg. Mal ehrlich, ich hab' dir nichts getan. Und dann bin ich hingegangen und hab' das gemacht mit den Kassetten. Und wenn de was weiß ich nicht genug geredet hast in der Abendrunde, was es mit dir macht mit deiner Mutter und genervt bist, dann mach' das nicht an mir fest. Ich hab' plötzlich so 'ne Phantasie, ich geh' an die Kassetten, und dann geht's mir noch schlechter, solche Dinger, eyh." (stößt Luft aus)                                  Terapeut: "Egal, was es mit dir macht. Reagier'!" (Pause)

Therapeut: "Sag' irgendwas, zeig' was."

Melanie: "Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll."

Therapeut: "Nimm was dir einfällt."

Melanie: "Oh Mann. Scheiße, echt!"

Therapeut: "Sag' mal Scheiße."

Melanie (lauter): "Scheiße!!"

Therapeut: "Noch mal!"

Melanie (schreit): "Scheiße!!!!"

Therapeut: "Noch mal! Lauter! Mach noch mal!"

(Stille)

Melanie: "Jetzt bin ich durcheinander."

Therapeut: "Weil?"

(Pause)

Therapeut: "Weil?"

Melanie: "Weiß ich nicht."

Therapeut: "Wie? Immer reden. Nicht stecken bleiben, egal, was dir einfällt."

Melanie (lacht): "Ich werd' verrückt."

Therapeut: "Du bist irre."

Melanie: "Jau, das fällt mir ein."

Therapeut: "Weiter. Du bist traurig?"

Melanie: "Ja, ich kann das jetzt nicht zulassen."

Therapeut: "Was macht dich denn traurig?"

Melanie: "Das, was Gregor gesagt hat."

Therapeut: "Genauer, was?"

Melanie: "Ja, so daß ich, ähh ..., also ich bin der Meinung, ich hab' das in der Abendrunde genau erzählt, so, und trotzdem war ich danach abgegessen, das stimmt so. Und daß ich das deshalb an ihm festmache, so, das macht mich jetzt traurig, daß ich das gemacht hab'."

Therapeut: "Da ist was dran."

Melanie: "Da ist was dran."

Therapeut: "Gut. Also, du hättest mehr von deiner Mutter erzählen sollen."

Melanie: "Und ich hab' auch gedrängelt mit den Kassetten, das stimmt auch. Und trotzdem habe ich das aber nicht so gemeint."

Therapeut: "Von deiner Mutter hättest du mehr erzählen sollen."

Melanie: "Also, zur Abendrunde nicht, nee. Da hab' ich immer das Gefühl, ich kann doch jetzt nicht in der Abendrunde ..."

Therapeut: "Aber eigentlich hättest du noch mehr erzählen sollen."

Melanie: "Was?"

Therapeut: "Eigentlich hättst du doch mehr machen wollen?"

Melanie: "Ja."

Therapeutin: "Es war also mehr da, als du gesagt hast?"

Melanie: "Nee, dann hatte Dirk (der anwesende Therapeut) gesagt, mach' das morgen ... (murmelt) ... die Zeit in der Abendrunde, da war auch so ein Druck auf mir, jetzt mußt du schnell blablabla, schnell das runterrattern, und dann, gehst ja wieder raus und gut."

Therapeutin: "Echt?"

Melanie: "Ja klar, das ist doch drinne, Abendrunde ..., was man tagsüber so gemacht hat."

Therapeutin: "Aber wie's einem geht, darf man nicht sagen?"

Melanie: "Doch, ich hab' das ja gesagt."

(Schweigen)

Therapeut (an Karla): "Und du hast nicht erzählt, wie es dir in der Stadt ergangen ist?"

Karla: "Doch. Wir haben Abendrunde gemacht. Ich hab' erzählt, wie es mir gegangen ist in der Stadt. Mir ist es einfach gutgegangen hinterher."

Therapeut: "Dir ging's gut, als du zurückkamst?"

Karla: "Mir ging's gut als ich zurückkam. 600,00 DM ausgeben für Klamotten, die einem gefallen, da kann's einem gar nicht schlecht gehen. Aber ich mein, ich hab' dann auch gemerkt, daß es 'ne komische ... Nee, komisch ist was zum Lachen ..., daß es 'ne dumpfe Stimmung ist hier im Haus. Ja, das war irgendwie, ich hab' das gestern Abend auch schon mal beschrieben, wie ich mich gefühlt hab'. Gestern Abend ist mir das auch ganz gut gelungen so."

Therapeut: "Ist o.k."

Karla: "Also, wir haben Abendrunde gemacht. Aber was mir die ganze Zeit auf der Seele liegt, schon seit dem Besuch von deiner Mutter, Melanie. So, das ist das Ding, wo ich glaube, immer mehr das Gefühl habe, versagt zu haben. Weil, ich hab' da die Begleitung gemacht. Deine Mama hat 'ne Kamera mitgebracht und hat uns gefilmt damit, und wir wollten es zusammen noch mal angucken, so Bilder, wie wir den Morgenspaziergang laufen und so. Dann hat sie die Kassette zurückgespult und auf dem Film war noch was mit drauf, wo die Mutter in Halle gewesen ist, irgendwas, ne, und das hast du dir angeguckt, 'n paar Minuten lang, zwei, drei Minuten lang. (Melanie ist in der DDR aufgewachsen zusammen mit ihrer Mutter und ihrem gewalttätigen, alkohohlsüchtigen Vater. Als die Eltern sich scheiden ließen, blieb der Vater noch 5 Jahre in derselben Wohnung, wegen der dortigen Wohnungsknappheit. Mutter und Tochter reisten vor der Maueröffnung aus) Und ich hab' das gar nicht erst so gespannt, ich hab' mich mit deiner Mutter unterhalten. Und dann hast du das gesagt, ist das nicht die Wohnung von früher und so? Und ich hab' nicht dafür gesorgt, daß du aufhörst, dir das anzugucken. So, und ich glaub', das ist nicht in Ordnung gewesen. Und ich hab' dich gefragt, Und du hast gemeint, ah, das ist o. k. Und ich hab' nur gesagt, ich glaub', es ist nicht in Ordnung. Ich hätte da massiver reagieren müssen, daß es nicht in Ordnung ist. Ich weiß nicht, ob das jetzt alles 'ne Rolle mitspielt. Aber ich weiß, daß du jedesmal dran denken mußt, wenn's dadrum geht mir dir und deiner Mutter und so, und deine Kindheit, die ja nun mal in Halle war und so. Und ich fühl' mich da Scheiße mit. Ich denk', das muß ich mal sagen."

Therapeut (an Melanie): "Ist da was dran?"

Melanie: "Ja."

Therapeut: "Wann war denn das?"

Melanie: "Wann war die denn hier?"

Karla: "Drei oder vier Wochen ist das schon her. Also jetzt am Sonntag sind's, denk' ich, vier Wochen."

(unverständliches Gemurmel allerseits)

Karla: "..."

(weiteres allgemeines Gemurmel, wann nun der Besuch genau war)

Therapeut: "Also sind ein paar Wochen rum."

Melanie: "Häh?"

Therapeut: "... paar Wochen ist es her und das hat was mit dir gemacht!"

Melanie: "Ja."

Therapeut: "Und das hast du nicht erzählt."

Melanie: "Nee."

Karla: "Und ich hab' dich danach auch noch ein paarmal gefragt."

Therapeut (zu Melanie): "Warum denn nicht?"

Melanie (lauter): "Ja, weil ich denk', weil ich dann Angst vor ihrer Reaktion ..., weil sie saß da und hat gesagt Melanie, mach' das nicht, guck' das nicht an, hör' jetzt auf. Ich hab' mir das echt bis zum Schluß angeguckt und so ..."

Therapeut: "Was heißt denn bis zum Schluß?"

Melanie: "Also diese Aufnahmen ..."

Therapeut: "... die Sequenz ?... drei Minuten, vier Minuten?"

Karla: "Ich glaub' ja."

Melanie: "Ich hab' mir den ganzen Film angeguckt. In Halle, das ging ungefähr 10 Minuten."

Karla: "Nee, so nicht, da war zwischendrin auch noch von ihrer aktuellen Wohnung ..."

Melanie: "Nein."

Karla: "Nee, nicht von der Wohnung, nee, wo sie bei ihrem Freund war. Aber was ich halt wirklich denk', wo ich ein schlechtes Gewissen hab'. Dieses Halle-Teil ..."

Therapeut (an Karla): "Laß doch mal ... "

(an Melanie): " Du müßtest mal erklären, was es mit dir gemacht hat."

Melanie: "Das waren Aufnahmen, so wo ich aufgewachsen bin, unsere alte Wohnung ... (schweigt) ... Was hat es mit mir gemacht? Ich hab' mich halt erinnert, das ist alles." (lächelt)

Therapeut: "Und deine Mutter hat euch gefilmt?"

Melanie: " Im Wald, uns, mich, Karla und Martin." (Martin ist Melanies dreijähriger Sohn, der ebenfalls in der TG lebt)

Therapeut: "Und das hat sie aufgenommen und euch gezeigt, und dann hat sie die Kassette mitgenommen?"

Melanie: "Die ist jetzt zuhause."

Therapeut: "Die läßt auch nichts aus. Schön draufdrücken. Auf die Tränen."

Karla: "Nee, es war heftig, weil, wir wollten uns eigentlich nur den Part angucken als sie uns aufgenommen hatte."

Therapeut: "Selbst das find' ich ... (unverständlich) ..."

Therapeutin: "Also, da kommen wir nicht drauf. Also, ich wär' da nicht draufgekommen, daß das Eltern gibt, die Videofilme mitbringen."

Melanie: "Nee, auf dieser Kassette war noch was frei, dann hat sie, ach Mann, dann hat sie mir gesagt, daß sie was aufgenommen hat in Halle. Dann hab' ich gesagt, oh, spul' mal zurück ... ich will mir das mal angucken. Sie hat mich gefragt. (soll bedeuten, die Mutter hat also nicht einfach vorgespielt) Ja klar hab' ich nicht nein gesagt."

Therapeut: "Ja, aber trotzdem, gleich Filme und angucken, das hat so ... Wie geht's euch damit? Ich will euch nicht die Arbeit abnehmen. Wie fühlt sich das an? Mutti kommt, nimmt dich auf."

Reinhard: "Glücklicher Familientag im Wald ... (unverständlich) ..."

Jemand: "Kitschig."

Melanie: "Ich steig' da nicht ganz durch."

Therapeut: "Du brauchst nicht durchsteigen. Spür' doch mal, was es mit dir macht im Moment. Du bist doch traurig, oder nicht?"

Melanie: "Ja, mich macht das traurig."

Therapeut: "Klar macht's dich traurig ...(unverständlich)... Ist doch nichts Unbeschwertes. Dann machen sie Sachen, die tiefgehen."

Melanie: "Ja, ich hab' das auch so, da kann ich ihr keinen Vorwurf machen, (lacht) das ist doch das Ding."

Therapeut: "Darum geht's nicht. Es geht nur darum, wie es dir geht damit."

Melanie: "Mir geht's damit Scheiße."

Therapeut: "Klar geht's dir Scheiße damit."

Melanie: "Mir geht es so ... (unverständlich), die Telefonate, das Ding, das Wochenende."

Therapeut: "Die läßt dich nicht los."

Melanie: "Nee, ich denk', ich laß sie nicht los."

Therapeut: "Nein, sie läßt dich nicht los."

(Schweigen)

Therapeut: "Das sind die Familien, ...(unverständlich)... heile Welt, was Schönes, wir lieben uns doch ... (unverständlich)."

Melanie: "Dann versteh' ich's aber nicht, warum es nicht o. k. ist. Warum ist das nicht o.k., daß das so ist." (mit den Familienbindungen)

Therapeut: "Wie fühlst du dich denn?"

Melanie (stöhnt): "Das is es ja, einerseits möcht' ich (lacht), einerseits würde ich ja, so ist das ja so schön, aber ich bin halt hier, so, und sie ist da. Ich mach' hier Therapie ..."

Therapeut: "Aber das führt doch dazu ... "

Melanie (unterbricht): "Das führt dazu, daß ich hier nicht klarkomme."

Therapeut: "Ja, das führt dazu. Und deshalb ist es scheiße."

Melanie: "Ja, und dann hab' ich noch das Entscheidungsding."(ob sie abbricht und zur Mutter zurückgeht, war für Melanie zu dieser Zeit eine noch nicht geklärte Frage)

Therapeut: "Das ist doch kein Entscheidungsding."

Melanie: "Doch."

Therapeut: "Nein! Du bist mit Videofilmen nicht clean geworden."

Melanie: "Nee."

Therapeut: "Nee. Und dann kommt die mit einem so sentimentalen Scheiß daher. Die soll dich mal in Ruhe lassen. Weil sie ein schlechtes Gewissen hat, wahrscheinlich. Der eine Sohn ist tot, ja, der hat sich umgebracht, der hatte wahrscheinlich eine psychische Krise gehabt, und du bist drogenabhängig. Was glaubst du, was sie für Schuldgefühle hat."

Melanie: "Ich weiß nicht."

Therapeut: "Ja, aber da kannst du nichts dafür. Dann soll sie dich mal lassen. Du wirst nicht clean von ihren Schuldgefühlen."

Karla: "Mir ist jetzt langsam auch klar, wenn du manchmal, also jetzt nicht mehr so arg, warum du manchmal so getilt (ist bekannt von Flippergeräten) bist, wenn man dich kritisiert hat, so, dran gedacht hast, da hinzugehen ... du dir Gedanken gemacht hast, zu deiner Mama zu ziehen, so, und hier wegzugehen, weil, deine Mama kritisiert dich nie."

Melanie: "Was, was?"

Karla: "Deine Mama, deine Mutter kritisiert dich nicht."

Melanie (leise): "Doch, hat sie auch."

Karla: "Also, immer so ein bißchen."

Melanie: "Doch, deshalb hab' ich ja, ja irgendwann ist es dann so, weil sie mir Vorwürfe macht irgendwie, daß ich nicht für sie da war, und deshalb denk' ich jetzt, ich bin daran schuld."

Mehrere: "Was?"

Karla: "Deine Mutter macht dir keine Vorwürfe!"

Melanie: "... (unverständlich, dann heftig an Karla) Nee, ich war von Anfang an dabei, du kennst meine Mutter, oder was?!"

Therapeut (an Karla): "Wart' doch mal. (an Melanie:) Was war eben? Sie macht dir Vorwürfe, daß du nicht da warst?"

Melanie: "Ja, ich hab' das, ich hab' das schon mal, ich hab' das erzählt, mit meinem Bruder so, daß ich da nicht da war. Daß sitzt jetzt fest, das ist einfach drinne."

Therapeutin: " ...(unverständlich) ... hat sie dir das vorgeworfen?"

Melanie: "Sie hat mir vorgeworfen, daß ich nicht, ähh, er hat sich umgebracht und ich war nicht da die zwei Tage, so, oder den Tag, wo es passiert ist, jedenfalls war ich nicht da. Das war auf 'nem Sonntag. Und ich habe gesagt, ich gehe am Sonntag hin und hol' den Hund ab, weil, meine Mutter hatte Nachtschicht ... (unverständlich) ... Genau. Ich bin am Sonnabend zu meiner Mutter hin und habe mit meinem Bruder meinen Lebenslauf geschrieben für hier, für die Entgiftung, hier für die Therapie (meint die Bewerbung). Und da hab' ich schon gemerkt, daß irgendwas mit ihm nicht in Ordnung ist."

Therapeut: "Mit ihm hast du den Lebenslauf für hier geschrieben?"

Melanie: "Ja, also er hat ihn geschrieben, per Computer so, und ich habe erzählt. Jedenfalls hab' ich da schon gemerkt, daß etwas nicht mit ihm in Ordnung ist, so, sonst hätte ich ... (unverständlich) ... ich weiß ja nicht, was er hatte, ich kann da nichts drüber erzählen."

Therapeut: "Was sie hatte?"

Melanie: "Nee, was er hatte, oh Gott."

Therapeut: "Was kannst du denn da nicht erzählen?"

Melanie: "Er hat sich am nächsten Tag umgebracht und ich hab' wieder gemerkt, daß was los ist mit ihm, und daß er auf seinem Bett lag und starrt an die Decke, geguckt hat, und dann war er mit seinem Freund auseinander, und so ... " (schweigt)

Therapeut: "Was ist denn jetzt?"

Melanie: "Ja, jetzt seh' ich das vor mir, wie ich reinkomme ins Zimmer so, und er da in seinem Bett lag, und ich ihn angesprochen hab', ob er das machen kann, und er hat erst gar nicht reagiert so, weil, was weiß ich. Ja klar, hat er denn gesagt und hat sich hingesetzt und hat dann echt mit Mühe geschrieben. Das hab' ich erst zuhause gemerkt dann, Mir war's scheißegal, was er da schreibt. Er hat mir erzählt, er hat da Fehler gemacht. Mein Bruder hat eigentlich nie so Fehler gemacht beim Schreiben oder so. Er hatte halt geschrieben, ich bin am 04.01.92 geboren, also Martin sein Datum bei mir hingeschrieben, alles durcheinander so, das hab' ich nicht gekannt von meinem Bruder, das hab' ich erst zuhause mitgekriegt ... (unverständlich) ... , ja den ganzen Tag, ja am letzten Tag hat er sich, so den Abend, ach ich bin durcheinander. Ich bin dann nach Hause gefahren mit Martin, zu mir nach Hause, hab' aber vorher noch zu ihm gesagt, ich komme morgen und hol' mir das ab, den Lebenslauf, und hol' den Hund. Weil, meine Mutter war auf Nachtschicht. Und das hab' ich nicht gemacht. Ich hab' so ..."

Therapeut: "Warum nicht?"

Melanie: "Weil ich breit war, weil ich irgendwo war und keinen Bock hatte aufzustehen."

Therapeut: "Klar."

Melanie: "Und Martin war bei meinem Freund seiner Mutter ... (unverständlich) der wird schon irgendwie dahinkommem, die wird schon anrufen, die wird schon merken, daß ich nicht gekommen bin. Ja, dann als er..., muß es am Abend passiert sein mit meinem Bruder, so, meine Mutter hatte auch nicht angerufen, die hat dann nur mitgekriegt am anderen Tag, die hat gewartet, um drei Uhr sollte ich in L. ankommen, und dann hierher und den Hund hinbringen, und ich bin nicht hin, ich bin nicht gekommen, der Hund war nicht zu Hause und so. Ja, irgendwann hat sie sich dann Sorgen gemacht. Die hat's auch gewußt, daß da was passiert ist, (leise, unverständlich) oh, Mann, ich weiß das doch nicht."

Therapeut: "... (unverständlich) ..."

Melanie: "Mhm?"

Therapeut: "Da kannst doch du nichts dafür."

Melanie: "Nee, aber ich denke, denn wenn ich den Abend gekommen wär' oder so, da hätt' ich ihn vielleicht ..."

Therapeut (unterbricht): "Du kannst mit Leuten, die abhängig sind, nichts verabreden. Das müßte sie doch langsam geschnallt haben."

Melanie: "Ja, ich denk' aber auch so: wenn ich gekommen wär', daß das dann nicht passiert wär' mit meinem Bruder, daß ich ihn dann nicht alleine gelassen hätte."

Therapeut: "Jaah, wenn du nicht abhängig gewesen wärst, dann hätte er keinen Lebenslauf schreiben müssen, und du hättest dann auf deinen Bruder aufpassen können."

Melanie: "Ja, das ist das, was mir meine Mutter vorwirft."

Theapeut: "Ja, und das find' ich blöd."

Melanie: "Was?"

Therapeut: "Das find' ich blöd'. Ich mein', was denkt sie denn, was du warst, wenn nicht drogenabhängig. Was macht sie denn dann große Verabredungen mit dir?"

Melanie: "Jaaah."

Therapeutin: "... (unverständlich) Das geht doch überhaupt nicht."

(Schweigen)

Therapeut: "Und was steht in dem Brief drin?"

Melanie: "Aaach, nichts eben, so, die weiß, daß ich das hier vorles', denk' ich, deshalb schreibt sie mir nicht richtig."

Therapeut: "Und wie findest du das?"

Melanie: "Das hat mir wehgetan gestern. Klar, ich kann mich da auch nicht irgendwo freimachen ... (unverständlich) schwer so ... und ich will nicht."

Therapeut: "Sie läßt es nicht zu."

(Schweigen)

Therapeut: "Sie wird eingeladen, das wird man ihr mal sagen müssen, das geht so nicht."

(Unruhe, unverständlich, zum Teil wegen des Straßenlärms)

Therapeutin: "Also es ging nicht um eure Beziehung, wie ihr miteinander umgeht?" (meint den letzten Besuch der Mutter, bei dem sie auch den Bezugstherapeuten gesprochen hatte)

Melanie: "Nee, also er hat nur gesagt, wenn sie Fragen an mich hat ... was die Therapie angeht, kann sie vorher bei ihm anrufen (damit ist ihr Bezugstherapeut gemeint). Die Fragen, was die Therapie angeht, ... also sie soll nicht am Telefon großartig mit mir was abklären, wenn's ums Besuchen geht ... (unverständlich)."

Therapeut: "Na schön ... (Pause) ... Die läßt dich nicht in Ruhe ... (Pause) ... Was lachst du?"

Melanie: "Ja, weil ich das von euch immer nur höre, ich lasse nicht los. Und gestern Abend hab' ich nicht angerufen. Ich wollte ja, daß Kerstin das macht. Das hab' ich dann auch sein lassen, nachdem die Aktion hier war. Jetzt denk' ich dann auch schon wieder, ich hab' das gestern Abend schon gedacht, ja da wird sie wieder denken, schon wieder so unzuverlässig und so ..."

Therapeut: "Vielleicht denkst du mal da nicht dran. Sie soll denken, was sie will. Du rufst nur an, wenn du willst. Bitte?"

Melanie: "Daß sie dann Gedanken, daß sie sich Gedanken macht, warum ich denn nicht anruf'."

Therapeut: "Mein Gott! Da warst du jahrelang drauf und hast alle möglichen Sachen erlebt, du. Und ihr Problem ist, ob du anrufst oder nicht. Die soll doch froh sein, daß du hierbist."

Melanie: "Ist sie ja."

Theapeut: "Ja dann ist doch alles in Ordnung."

Melanie (lacht)

(Schweigen)

Therapeut: "Du mußt sie mehr in Ruhe lassen. Das geht so nicht. Du rufst an, wenn du willst. Und nicht diese Pflichtgespräche."

(Schweigen)

Therapeutin: "... (unverständlich) ... die muß das aushalten, echt. Mann, diese Beziehungen Eltern - Kind sind nicht so labil. Ich hab' meine Mutter ein Jahr nach der Therapie, also in der Phase II hab' ich die zum erstenmal wiedergesehen. Das ging auch. Das geht nicht so schnell kaputt. Also, die denken, wenn man sich drei Monate lang nicht sieht, dann ist die Beziehung kaputt. Das ist nicht so."

Melanie: "Nee, das denk' ich ja gar nicht."

Therapeut: "Aber Mammi denkt das."

 

 

XI.

Therapeut: "So! Warum hast du denn gestern nicht eingegriffen?"

Gabi: "Ich? Ich hab' ähh ... (hatte sich umgedreht und nach hinten geblickt, obwohl da niemand ist) ..."

(Gelächter)

Therapeutin: "Hinter dir sitzt keiner mehr."

Gabi: "So, klar hab' ich gemerkt, daß du total aufgelöst warst, was los war, wußte ich aber auch nicht. Ich hab' dich dann gefragt, ähh, was los ist ..."

Therapeut: "Was hast du denn gespürt gestern?"

Gabi. "Daß irgendwas los ist."

Therapeut: "Was machst du denn dann, wenn irgendwas los ist, wenn was los ist?"

Gabi: "Ich kann, ich frag' ähh, so, was los ist. Wenn ich's nicht so höre ..."

Therapeut: "Was machst du dann? Das ist doch nicht wahr, oder, das kann ich mir nur so vorstellen (spricht überbetont): Waas ist denn los?? Da fühlt sich dann jeder angesprochen."

Gabi: "Ja, aber ..."

Therapeut: "Jetzt paßt mal auf! Eyh! (weil Gabi immer weiterredet). Das bringt überhaupt nichts, wenn man einfach in die Gruppe reinblökt, was ist denn los."

Gabi: "Das hab' ich auch nicht."

Therapeut: "Doch, aber das ist der Stil. (aller Gruppenmitglieder) Ich mein', das ist jetzt nicht auf dich bezogen. Das ist dieser Stil. Möglichst immer blöken, was ist denn los? Was ist denn los?"

(Es geht darum, daß in der Gruppe immer wieder vermieden wird, sich gegenseitig direkt anzusprechen, konkret zu sein bzw. anstatt das Risiko einer direkten Aussage einzugehen, rethorische Fragen gestellt werden. Gemäß gestalttherapeutischer Therorie lassen sich nämlich die meisten Fragen in Aussagen umwandeln)

Therapeutin: "Was ist denn jetzt schon wieder?"

Therapeut: "Was ist denn jetzt schon wieder? Da würd' ich auch nichts mehr sagen. Das ist doch keine Aufforderung, daß man was sagen soll, wenn zig Leute feststellen, daß was los ist. Dabei wissen die Leute meistens schon, was (spricht sehr gedehnt) looos ist. Der Satz ist Index! Echt, da vergeht dir doch schon die Lust, wenn einer sagt, was ist denn los? Hast du was? Nööh."

(Gelächter)

Therapeutin: "Nichts ist mit mir?"

Therapeut: "Jetzt machen wir Pause. Ihr müßt mehr auf euer Gefühl achten und nicht fragen. Das spürt man doch, daß hier was los ist. In Dachtmissen spürt man das! Weil das Haus so eng gebaut ist. Das wollen wir auch weiterhin so beibehalten. Hier ist alles sehr eng, hier spürst du alles. Jetzt lacht sie wieder. (nicht klar, wer gemeint ist) Weil Pause ist oder was? (unverständlich) Will jemand noch was dazu sagen, zu dem ganzen?"

Stefan: "Ich fand das interessant, was da alles so rausgekommen ist, was da alles hinter war, so, ja. War ja fast jeder mal dran, so."

Therapeut: "Kerstin?"

Kerstin: "Ich find' das auch gut, ich bin froh, daß ich das mal so sagen konnte."

Therapeut: "Gregor?"

Gregor: "Also für mich ganz persönlich ist das o. k. so."

Melanie: "Was ist das für dich?"

Gregor: "Das Ding ist o.k. jetzt für mich ..."

(Gemurmel , Unruhe)

Gregor: "Von meiner Seite aus ist das o.k."

Melanie: "Von meiner auch."

Gregor (murmelt, dann): "Oh Mann eyh, echt, Pause machen?"

Therapeut: "Gut, jetzt machen wir Pause.

 

 

 

XII.

Weiter nach der Pause:

(Allgemeine Unruhe)

Therapeut (redet mit Gisela): " ... Dann mußt du noch Schulden haben. Kann das sein?"

Gisela: "Ja, aber die hatte ich angeschrieben vor was weiß ich wieviel Wochen, da ist noch die Krankengymnastik, die Krankenkasse und ääh ..."

Therapeutin: "Aber das ist ja nicht schlecht, wenn du das machst."

Gisela: "Ich find' das schlecht."

Therapeut: "Rechtlich ist es gut, einen Offenbarungseid zu leisten, da wird dann festgestellt, daß du nichts hast."

Therapeutin: "... und kannst nichts bezahlen."

Therapeut: "Leute, die nichts haben, von denen kann man auch nichts holen."

Gisela: "Echt?"

Therapeut: "Rechtlich ist das gut ... (unverständlich) ... glaubst du nicht? S. hat zwei gemacht oder einen."

Reinhard: "Ich hab' auch schon einen gemacht, der ist ganz nett." (meint den Gerichtsvollzieher)

(allgemeines Gelächter)

Gisela: "Was weiß ich, ob der nett ist oder nicht nett ist."

Therapeut: "Das ist ein rechtliches Problem, das können wir am Montag mal klären, was du da unternimmst, vielleicht geht es um noch was anderes, und sie brauchen ... Um die Sache stunden zu können oder davon abzusehen, brauchen manche Gerichte oder Behörden einen Offenbarungseid, weil: du könntest ja auch lügen, und ein Offenbarungseid heißt, die Frau ist wirklich "furchtbar arm", verstehst du das? Du guckst mich so verachtend an."

Gisela: "Nee."

Therapeut: "Gut, du wolltest doch weitermachen, oder wer wollte denn weitermachen?"

Jemand: "Ich möchte weitermachen."

Therapeut (an Thomas): "Also du erzählst von deinem Praktikum, hoch und heilig versprochen." (hebt eine Hand zum Schwur)

(Thomas lacht)

Therapeutin (an Gabi): "Was ist mit dir? Die Zettel liegen da unten." (unter ihrem Stuhl, das sind wohl die eingangs erwähnten Speisekammerlisten)

Therapeut: "Den Zettel, den machen wir auch noch."

Gabi: "Ja, ich denk' mal, das mach' ich erst zum Schluß, also ich möcht mal, ... ääh"

Jemand: "Thomas soll mal machen."

Therapeut: "Also die zwei, die sitzen nebeneinander (meint Gisela und Thomas)."

(Unruhe, unverständlich)

Therapeut: "Gisela, worum geht's?"

Gisela: "Jetzt im Moment, was weiß ich, ist es wieder so, daß ich ääh, wieder viel an dieser Beziehung mit Rick bin (Rick ist ein Freund aus der Zeit vor der Therapie) und daß ich merk', daß ich mich dir gegenüber (an Stefan gewandt) zusammenreißen muß, daß ich dich, was weiß ich, bei dir sofort anspring', daß ich dich ruckzuck anschreie und ausflippen kann oder so, ich weiß nicht, es ist irgendwo klar ..."

Therapeut: "Wo kannst du denn ausklinken bei Stefan, fang' doch mal an."

Gisela: "Was weiß ich eyh, wenn du anfängst dich zu beschweren bei mir. Das ging schon los mit deinem Geburtstagsgeschenk (Gisela wird lauter), da häng' ich noch irgendwo dran, daß du zu mir schon wochenlang vorher schon ... dann und dann hab' ich Geburtstag, und schenkst du mir was. Was schenkst du mir denn, so was weiß ich (seufzt), aach."

Therapeut: "Weiter!"

Gisela: "Na, ja, am Tag vorher vor deinem Geburtstag da stehst du auf dem Flur und fragst mich, ob mich das stört, wenn du bockig bist. Da hab' ich schon gedacht, was soll das. Und dann hab' ich gesagt, meinetwegen sei bockig so lang du willst, aber laß es nicht an mir aus. Und dann bin ich weggegangen, weil, was weiß ich eyh, ich kann da auch nicht drauf. Nee, nee (muß lachen), kann ich auch nicht, so, und was weiß ich eyh, nächsten Morgen, ich fand das für mich schon blöd genug da vor dir zu stehen und dir was zu schenken, und da komm' ich mir schon total bescheuert vor. Dann, so ääh ..., oh, weiß ich nicht, ob mir das gefällt, muß ich erst mal anziehen. Dann ziehste das an und stehst vorm Spiegel, kann ich nicht sagen, ich bin ja nich mal gekämmt, aah, statt was weiß ich, statt dann wenigstens zu sagen, das paßt ja nicht oder ... und ich sag' dir noch, wenn dir das nicht gefällt oder wenn dir das nicht paßt, nimmst den Schein, den hab' ich extra mitgebracht, was weiß ich, was dir gefällt und was dir nicht gefällt. Dann gehste halt los und tauscht das um, oder was weiß ich wie. Aber nee, dann so dieses ... und anschließend kommste zu mir, ja, tut mir leid, ich war bockig, so, weil ich schon ..., was weiß ich. Da war ich schon bedient. Und dann dieses ääh, du bist eifersüchtig, wieso kriegt der was, was ich nicht krieg' und was weiß ich eyh. Wieso kannst du da lachen und mit mir nicht lachen, und so dieses ganze, was weiß ich eyh. Oder dieses 'ich-plan'-mal-morgens-schon-zu Melanie-Laufen', und sagen, daß es morgens geplant wird, daß wir abends uns zurückziehen wollen. So, das ist schon irgendwie doof, und was weiß ich. Dann sagen wir, wir gehen Fernsehen gucken, und dann? Und dann sag' ich nicht, jetzt hab' ich 'ne halbe Stunde fernsehgeguckt, jetzt geh' ich mit dir runter, weil du gern mit mir allein im Zimmer sein möchtest. Wenn wir sagen, wir gehen fernsehgucken, dann will ich den Film auch zuende sehen, egal wie spät das wird. Und dann dieses anschließend, ich hab' das alles ganz anders mir vorgestellt, und ich merk', daß ich mich da ..." (stockt)

Therapeut: "Weiter, weiter, weiter."

Gisela: "... voll ärger'."

Therapeut: "Weiter."

Gisela (noch lauter): "Und ich denk' immer, als wenn ich dein Eigentum bin. Was weiß ich, du regst dich auf, daß ich an deinem Geburtstag mit dir zusammen da nicht unter diesem Schild (hat was mit dem Geburtstagsritual zu tun) sitze. Und ich sag' dir vorher noch, ich find' das bescheuert, mich irgendwie zu präsentieren oder so. So, und denn hat Andrea sich zwischen uns gesetzt. Dann war das für mich o. k, so, und wo bleibst du dann dran hängen? Gerd hätte neben mir gesessen, und lauter so 'ne Sachen, eyh. Ich denk' ich gehör' dir oder irgendwie sowas. Ich weiß nicht mehr, mit wem ich reden darf, ich weiß nicht, mit wem ich irgendwas machen darf, ohne daß dir das gegen den Strich geht. Du regst dichauf, wenn eine Rausfahrt geplant wird und Reinhard mich begleitet. Du regst dich auf, wenn Gerd von mir eine Zigarette kriegt, weil Gerd nichts zu rauchen hat, und lauter solche Sachen, oder was weiß ich. Ich mache mit Andrea Witze und sitz' mit im Kasino und lache, und wenn ich mit dir im Zimmer sitz', kann ich nicht lachen. Lauter solche Sachen, eyh. Ich weiß nicht, was du hast, was du dir da vorstellst und wünscht oder versprichst, was weiß ich, eyh." (seufzt, stößt Luft aus)

Therapeut: " ... (unverständlich) ... ist doch gut."

Gisela: "Und irgendwann, wenn irgendwelche Sachen sind, dann versuch' ich dir zu sagen, wie ich das sage, und drum sag' ich meine Seite, wie z.B., daß ich Gerd diese Zigarette gegeben habe, weil ich wußte, er hat nichts zu rauchen, und, und ich denk', damit muß das dann o. k. sein. Und nee, so 'n Maul wird dann gezogen, 'aach', und 'mhm', und auch 'jaa', ... (Pause, stöhnt) ... Und wenn dann noch, 'hast du jetzt was mit mir', so dieses ... Was soll ich denn dann noch sagen. Und ich frag' dich dann schon, was willste denn jetzt hören. Weil ich gar nicht weiß, was weiß ich, warum du mich das überhaupt noch fragst. So wie an dem Tag da auf dem Flur, wenn du zu mir kommst: stört dich das, wenn ich bockig bin? (Gelächter) Du würdest doch nich' kommen, wenn du nicht wüßtest, daß das mich ärgert, oder daß mir das auf den Keks geht, und ich mich an dem Abend schon fürchterlich darüber aufgereg', weil ich wußte, daß du überhaupt keinen Grund dafür hattest. Da hab' ich mich schon darüber geärgert. Dann auch noch: 'So, jetzt bin ich bockig. Hast du da jetzt was gegen oder hast du da nichts dagegen.' (Gelächter) So, was soll ich denn da sagen?"

Therapeut: "Wie wirkt das auf dich, wenn er bockig ist, solche Sätze?"

Gisela: "Ich frag, nee, den (stottert) ..."

Therapeut: "Ich will wissen, wie das ist, wie das auf dich wirkt ... erwachsen?"

Gisela: "Nee, in dem Fall absolut überhaupt nicht. Weil, wir haben da lang und breit drüber geredet, immer wieder und immer wieder, was weiß ich eyh. An dem Abend als Gabi nach Hause kam und das gesagt hat, hab' ich mich schon fürchterlich aufgeregt und hab' gedacht, daß ich das Scheiße finde, und dann war das hier in der Kaffeerunde und dann kommst du zu mir in die Kaffeerunde und fragst mich, stört dich das, wenn ich bockig bin. So dieses ääh, so dieses, als wenn was weiß ich so, ich bin jetzt mit Absicht bockig, damit du schon mal Bescheid weißt. Entweder du stellst dich jetzt auf meine Seite und bist mit mir bockig und akzeptierst das, oder was weiß ich. So kommt das bei mir an. So, als wenn ich jetzt sage, nööh, find' ich o. k., daß du bockig bist, find' ich toll, mach' mal ruhig. Ja, so hat sich das für mich angehört. Weil, ich hab' keine Lust, was weiß ich ... nööh ..."

Therapeutin: "Mhm?!"

Gisela: "Dir dann immer sagen, ja, was Stefan? Ja Stefan. Ja Stefan, find' ich gut. Nein Stefan, ich mach' das nicht mehr, ich bin ganz und alleine für dich da, ich sprech' mit niemanden anders, ich geh' mit niemanden anders weg, ich teile mit niemanden andern, solche Sachen. Und da hab' ich keine Lust zu. Und wenn du da eifersüchtig bist und wenn dir das nicht paßt, dann muß du da was gegen machen. Und nicht, ich muß mich dir dann anpassen und dann mich nach dir richten ..."

(Schweigen)

Therapeutin: "Mhm?"

Gisela: "Ich find' das blöd, weil ich immer wieder versuche, irgendwas verständlich zu machen und ich denke, du kapierst das einfach nicht (seufzt), daß ich dir drei-, viermal sage, da gibst überhaupt keinen Grund, eifersüchtig zu sein, und du bist trotzdem eifersüchtig. Und hast dann nichts Besseres zu tun (muß lachen) als hinzugehen, paß mal auf: ich bin eifersüchtig, so, und ... ääh, da mußt du doch was dran machen, und nicht losgehen und Leuten sagen, reiß dich mal ein bißchen zusammen, sonst werde ich eifersüchtig. Das sehe ich so, ob das so ist, weiß ich nicht ...

(Schweigen)

Ich weiß da nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich trau' mich nicht mehr, mit Reinhard zu reden, ich hab' ein total beschissenes Gefühl, weil ich mit Gerd nächste Woche mal koche, was weiß ich. Ich merk', daß ich Andrea seitdem wieder aus dem Weg gehe, ich hab' da keine Lust zu. Und jedesmal, wenn dann irgendwie so, was weiß ich eyh, ich geh' weiß Gott nicht los und meld' mich jeden Tag ab, wegen irgend so 'nem Kram oder so etwas und versuch' mich da zusammenzureißen. Und was mach' ich? Ich geh' zu Dirk (anderer Therapeut) um mich abzumelden und verkrümel' mich wieder in mein Zimmer und fang' da an, irgendwelche, was ich denk'... Gut, denn machst du das mit Mama wieder. So, dann fang' ich dann an, irgendwelche Briefe zu schreiben. Und was kommt dann dabei heraus? Nur Scheiße, daß ich dann irgendwelche Scheiße schreibe, daß ich hier weg will. Und du kommst heut' Morgen ..., drum sag ich dir das noch, ich hab' wieder irgendwelchen Scheiß (geschrieben), den kann ich dann wieder in die Tonne schmeißen, daß es mir da total schlecht mit geht, und du kommst, und: hast du Michaela den (meint den Brief) mitgegeben? (Michaela ist 6jährige Tochter von Gisela, ebenfalls in der TG) Sag' mal was ääh ..."

Therapeutin: "Ja?"

Gisela (laut): "Glaubst du ernsthaft, ich geb' Michaela (heimlich) irgendwelche Briefe mit, die sie dann in den Postkasten schmeißt oder was?"

 

 

XIII.

Stefan: "Dann muß du so was nicht sagen."

Gisela: "Ich habe überhaupt nicht gesagt, ich geb' den Michaela mit."

Stefan: "Nee, aber du hast gesagt, ich würde den am liebsten abschicken ohne Briefmarken und draufschreiben, Gebühr zahlt Empfänger. Ja, und ich hab' mir da ganz schön Sorgen um dich gemacht."

Gisela: "Ja, weil ich dir gesagt hab', daß es ein so Scheiß-Brief wieder ist, daß ich den so nicht vorlesen kann, und so nicht abschicken kann, und daß mir im Moment, daß mir das wieder total beschissen geht."

(Schweigen)

Stefan: "Und das mit der Eifersucht, so, du hast mich gestern Abend ..., auf wen ich mehr eifersüchtig bin, fragst du mich so, und ich hab' gar nichts gesagt von Eifersucht."

Gisela: "Du fingst ääh ..."

Stefan: "Laß mich doch mal ausreden. Für mich war das so, daß du mich gefragt hast, auf wen bist du mehr eifersüchtig, auf Andrea oder auf Gerd. Da fiel mir..."

Gisela: "Ja, nachdem du erst mal erzählt hast, daß dich das mit den Zigaretten gestört hat und daß dich das mit Andrea gestört hat."

Stefan: "... "

Gisela (unterbricht ihn): "... und daß dich das dann mehr ..., da hab' ich gesagt, auf wen bist du mehr eifersüchtig."

Stefan: "Ich hab' gesagt, das hat mich geärgert, ja. Weil, zwei Minuten vorher hab' ich dich nach einer Zigarette gefragt. Nee, die sind für den Gruppenabend, so. Und dann kam von dir, Gerd, ach, ich weiß ja schon, wo ich mich hinsetz', also so irgendwie. Und dann hab' ich gedacht, ach toll, Gerd kriegt Zigaretten, und ich, ich frag' dich ..."

Gisela: "Und ich nicht."

Stefan: "Ja, genau."

Gisela (schreit): "Und du hast zu rauchen und Gerd hat nichts. (Gelächter) So sieht das aus, und das erzähl' ich dir ein paar Mal, daß mir das ja überhaupt nicht darum geht, ob du das bist oder Gerd ..."

Stefan: "Das hab' ich in dem Moment auch nicht so gesehen."

Gisela: "Nee, und ich hab's dir ein paar Mal gesagt, daß da überhaupt nicht ... ähh..."

Stefan: "Ich hab' nur gesehen, ..."

Gisela (unterbricht ihn): "... der kriegt was und ich krieg nichts."

Stefan: "Ich hab' gesehen, daß ich dich gefragt hab' und du sagst nee, und zu Gerd sagst du, hier möchst du eine rauchen. So, ja. Das hab' ich gesehen. Und das hat mich 'n bißchen gestört ..."

(Schweigen)

Therapeut: "Was fühlst du denn gerade?"

Stefan: "Ich bin aufgeregt, so."

Therapeut: "Warum denn?"

Michael (leise): "Ich weiß es nicht nicht, ach, weil ich denk', das hat, was weiß ich, die letzten Wochen so hat es echt gut geklappt, irgendwie so, dann ist wieder irgendwas passiert so, ..."

Therapeut: "Nee, nee, was ist denn passiert?"

Stefan: "Ich weiß ich es nicht. Das kam, ich hab' die Bäder einen Tag abgenommen (Kontrolle der Bäderreinigung), so, da hab' ich schon gespürt, da war schon was. Da hab' ich gesagt, da sind noch Haare, die müssen noch weg. Da machst du mich gleich nach: 'da sind noch Haare'. So voll irgendwie die Spitze kam da rüber. Da hab' ich gedacht, du willst mich völlig provozieren. Und abends im Zimmer fragst du mich noch, ob ich eifersüchtig bin. Und da kommen nur solche Spitzen von dir so. Ja, und da ärger' ich mich drüber."

Therapeut: "Ja, und du bist verletzt"

Stefan: "Ja, klar bin ich verletzt, so, weil ich, ich hab' das Gefühl, du willst mich provozieren (Stimme zittert) ... und dann sagst du noch, wir müssen uns mal wieder streiten, Streit bindet. So kommt das irgendwie. Und dann setzt du schon mal voraus ..."

Gisela (unterbricht): "War das gestern oder vorgestern ... (unverständlich)"

Therapeut: "Seit wann läuft denn das so?"

Stefan: "Seitdem ich, Gisela hat mir das Hemd geschenkt, so, und ich hab' mich darüber gefreut, das war für mich eine Überraschung. Natürlich hab' ich mit was anderem gerechnet, so irgendwie. Aber es war schön, so. Und das war dann den Tag, wo ich mit Gisela gerne hätte frühstücken wollen auf meinem Geburtstag. So, das war bei der 'Orgie' schon geplant. Gisela hat ihren Urlaub angesagt, so irgendwie. Und das hat alles nicht geklappt. Und da war ich tierisch bockig gewesen. Und da hab' ich dann abends oder morgens Dirk ..., am Abend vorher hab' ich Dirk abfahren lassen (seinen Bezugstherapeuten): 'das paßt ja wie Arsch auf Eimer', so irgendwie (meint seine Reaktion auf Dirks Ankündigung, daß er mit Stefan am anderen Morgen Einzeltherapie macht), und mir stand das hier. Ich hab' gedacht, mir wirft einer nach dem anderen einen Knüppel zwischen die Beine, so irgendwie (Stimme zittert) ... Dann hab' ich mich abends hingelegt und hab' gesagt: herzlichen Glückwunsch Stefan, so. Ja so irgendwie. Das war völlig destruktiv. "

Therapeut: "Und die Phase II hast du lange eingeladen gehabt. Die wußten ja gar nicht mehr, daß du Geburtstag hast."

Stefan: "Das ist ein anderes Ding. Das macht mich traurig so."

Therapeut: "Naja, aber was erwartest du denn. Die gehen doch alle ins Praktikum. Dann ruftst du den Abend vorher an, ich hab' mal kurz ..."

Stefan: "Das stimmt gar nicht abends vorher. Den Abend hab' ich dann auch noch angerufen und hab' gefragt, wer kommt denn jetzt alles von euch. Ich hab' auf dem Frühstück davon auf dem Phase I- und Phase II-Frühstück, hab' ich, ich würde mich freuen, wenn von euch welche kommen zum Geburtstag. Das hab' ich Glen erzählt, und der hat gesagt, er weiß es nicht. Aber dem hab' ich das erzählt, ich hab' bald Geburtstag auf'm Dienstag, kommst du denn auch, ich mach' Gruppenabend, Musik, so irgendwie. Ich hab' das jedem erzählt, schon zwei Wochen vorher. So irgendwie."

Therapeut: "Was glaubst du denn, was die machen an dem Dienstag. S. macht ein schweres Praktikum im Behindertenkindergarten, Glen arbeitet beim Friseur. Horst hat ein Praktikum. Simone geht abends zur Schule, falls du das schon mal realisiert hast. Und Eugen geht tagsüber zur Schule. Die haben viel zu tun. Dann sollen sie plötzlich mal reinschneien. Und keiner weiß was los ist. Und dann bist du beleidigt.

(Schweigen)

Und was du nicht hören willst, was bei dir nicht so ist, das ist nicht so."

Stefan: "Das war ja auch klar, aber daß gesagt wurde, ich hab' sie nicht eingeladen, das ist das Ding, was mich ein bißchen stört. Weil, ich hab' sie eingeladen. Ich hab' zwei Wochen vor meinem Geburtstag ... kommt bitte zu meinem Geburtstag ... "

Therapeut: "Ja, aber wenn du mir zwei Wochen vor deinem Geburtstag sagst, komm' bitte zu meinem Geburtstag, dann komm' ich auch nicht, weil ich das vergessen hab' ..."

(Schweigen)

Stefan: "Olaf hab' ich das auch erzählt. Der hat das nicht vergessen. Der hat mich angerufen, der hat das gemacht. So irgendwie. Der hat gesagt, er kann nicht, er muß Hausaufgaben machen."

Therapeut: "Olaf ist auch der beste Klient, den wir jemals hatten."

Stefan: "Ach, der hat's auf jeden Fall auf 'm Schirm gehabt."

Therapeut: "Na, ja, Olaf vergißt nichts."

Stefan: "Das ist ja auch o. k., daß sie nicht konnten, und vielleicht einige das auch vergessen haben."

Therapeut: "Na, ja, es geht ja um was anderes. Es geht darum, daß die Sachen so sind, wie du sie siehst."

Therapeutin: "Und wenn wir dir Knüppel zwischen die Beine werfen, dann werfen wir dir Knüppel zwischen die Beine. Wahrscheinlich sind wir dann Schuld, daß du nicht Stufe 3 bist. Na komm'."

Therapeut: "Ich mein', so wie du die Sachen siehst, so sind sie. Es gibt nur eine Wahrheit und das ist deine. Zum Therapeuten abends zu sagen, das paßt wie ..."

Mehrere: "Arsch auf Eimer."

(Schweigen)

(Grupppe unruhig)

Therapeutin: "Ja, auf die Idee zu kommen, sowas zu sagen ..."

Therapeut: "Wo hast du denn das her?"

Stefan: "Was weiß ich. Ich war total abgegessen, total. Ich hab' nur gesehen irgendwie, mir will jemand was nehmen ..."

Therapeut: "Ja, wer will dir denn was nehmen?"

Stefan: "Ich hab' gedacht, Dirk (sein Bezugstherapeut) will mir was nehmen."

Therapeut: "Was will er dir denn nehmen?"

Stefan: "Daß ich mit Gisela zusammen frühstücke. (weil zu diesem Zeitpunkt ja die Einzeltherapiesitzung stattfinden sollte) Gisela hat sich auch darauf gefreut ..."

Therapeut: "Und Dirk macht mit dir 'Einzel', damit du mit ihr nicht frühstücken kannst ..."

Stefan: "Das war doch nicht im Einzel, das war in der Kaffeerunde hier."

Melanie: "Mit den Pärchen auf den Zimmern, so ..."

Stefan: "So, da hab' ich gesagt, ich hab' mal kurz 'nen Anspruch, ich möchte morgen mit Gisela frühstücken im Zimmer. Und dann sagt Dirk, nee! Da muß ich knallhart sagen, nee! So irgendwie. Und dann war ich bedient."

Melanie: "Nee, so war das nicht. Dirk hat das gesagt, weil wir seine Anweisung nicht eingehalten haben. Und er hat gesagt, eine Woche nicht zusammen auf's Zimmer. Und auf Wilfried (Therapeut) hin ..."

Stefan: "Das war denn danach, das war nach meinem Einzel, und das war dann in der Abendrunde, erst zum Thema."

Kerstin (und mehrere): "Nein, das ist nicht wahr. ... (unverständlich) ... und dann hat er gesagt, wir haben ihn sowieso schon mit Affenzahn über den Tisch gezogen, und jetzt sagt er einfach nein. (Therapeut Dirk ist gemeint. Die Gruppe hatte schon mehrmals Dirks Weisung unterlaufen, wonach sich die Pärchen nicht immer auf die Zimmer zurückziehen sollen) So, das hat er gesagt. Hör' auf."

Stefan: "Jaaah."

Therapeut: "Das kommt in der Dienstbesprechung am Montag raus."

Stefan: "Ja, dann war das halt so. Auf jeden Fall, und ich muß jetzt aber bluten, so."

Therapeut: "Wo blutest du denn?"

Stefan: "Ja, mir hat das wehgetan." (etwas erregt)

Therapeut: "Was denn?"

Stefan: "Daß ich nicht mit Gisela nicht hätte frühstücken können."

Melanie: "Das hättest du ja sagen können."

Stefan: "Jaaah, ... (Pause) ..., ich bin ganz schön bockig."

Therapeut: "Du warst ja schon bockig wegen der Aktion mit Gabi."

(es ist nicht klar, was damit gemeint ist)

Stefan: "Ja klar."

(Schweigen)

Therapeut: "Hast du dir denn Gedanken gemacht, wie was da aussehen soll mit Andrea, Frank und Gabi. War das klar, daß Frank hier auch ... "(unverständlich)

(Schweigen)

Therapeut: "Weiter! Da hat sich auch keiner Gedanken gemacht."

(Schweigen)

Therapeut: "Wo hängst du denn jetzt? Die Welt ist schlecht?"

(Schweigen)

Therapeut: "Heh?"

(Schweigen)

Therapeut: "Was hast du denn erwartet zum Geburtstag statt Hemd?"

Stefan: "Ich hab', ähh, also ich hab' gedacht, so irgendwie was fürs Zimmer."

Therapeut. "Fürs Zimmer. Was denn?"

Stefan: "Weiß ich nicht, irgendwie was fürs Zimmer."

Therapeut: "Was hättest du denn gerne fürs Zimmer gehabt? Ein Poster?"

Stefan: "Ja, oder irgendwie sowas, was ..."

Therapeutin: "Mhm?"

Stefan: "Was zum Angucken."

Therapeut: " Was zum Angucken?"

Stefan: "Ja, so, und dann ähh, ..."

Therapeut: "Mhm?"

Stefan: "Und dann kam das Hemd. Ich hab' mich darüber auch gefreut, so. Weil, ich hab' keine Klamotten, so. Und das Hemd fand ich schön (Stimmer zittert), ich hab' das aber nicht gleich gezeigt, wie. So!"

Therapeut: "Das wolltest du ja auch nicht. Du wolltest ja was zum Angucken kriegen."

Stefan: "Ja, dann hab' ich mir eben das Hemd angeguckt."

(Gelächter)

Stefan: "Aah, Mann."

Gabi: "Was wolltest du denn haben? Ein Bild zum Angucken von Gisela, so hab' ich jetzt eben gedacht."

Stefan: "Ja, irgendwas."

Therapeutin: "Sag' doch mal!"

Stefan: "Irgendwas Gefühlvolleres."

Therapeut: "Was Gefühlvolleres?"

Stefan: "Ja, so. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll."

Therapeut: "Ja, etwas Gefühlvolleres. Das wär ein schönes Poster gewesen."

Stefan: "Ja, oder ... ääh ..."

Therapeut: "Oder, was gibt's denn da noch, was man so an die Wand hängt?"

(Schweigen)

Therapeutin: "Ja hat sie recht, ein Bild mit Gisela im Rahmen, oder sowas?"

Jemand: "Ein Lebkuchenherz."

Jemand: "Das hat er schon."

Gisela: "Oder 'ne Locke."

Therapeut: "Sag' mal."

Stefan: "Waah, ja irgendwas Persönliches."

Gisela (bissig): "Und das Hemd gehört allen, oder was?"

Stefan: "Nein, aach ..."

Gisela (laut). "Dann kommst du nachher und nimmst mich in 'n Arm, so das tut mir leid, ich war bockig, und ich find' das schön, toll und klasse, und tut mir leid, daß ich so bockig war, und ... aaah ..."

Therapeut (an Gisela): "Was ist denn jetzt?"

Gisela: "Ich kann mich da furchtbar ... (fängt an zu lachen) ... mir ist das einfach nur noch unangenehm. Daß, was weiß ich eyh ..., erst, ich seh' das, daß dir das nicht gefällt. Ich mach' mir 'n Kopf, was kannste gebrauchen. Was nur für dich ist!!!" (Gisela sehr laut)

Therapeut: "Wie ist das für dich, wenn sie sich einen Kopf macht für dich, was du gebrauchen kannst."

Stefan: "Ja, das find' ich schön."

Therapeut." Nee."

Stefan: "Das hab' ich aber im ersten Moment ..."

Therapeut unterbricht: "Nein!"

Stefan (laut): "Doch!"

Therapeut: "Nein."

Stefan: "Im ersten Moment hab' ich das ..."

Therapeut: "Neiiin!!!! Du haßt es, Kleidung geschenkt zu bekommen."

Therapeutin: "Schon seit du ganz klein bist."

Stefan (schaut die beiden Therapeuten an): "Woher wißt ihr das denn?"

(Gelächter)

Therapeut: "Es gibt Leute ..."

Stefan: "Ja, es ist so."

Therapeut: "Es gibt Leute, die mögen das nicht, wenn man ihnen Kleider schenkt. Das ist zu vernünftig."

Stefan (stöhnt)

Therapeut: "Gisela, du warst venünftig."

Gisela: "Klar war es vernünftig, kommst zu mir, hast keine Pullover und ziehst meine Klamotten an und was weiß ich ..."

Therapeut: "Bist du traurig?"

Gisela: "Mich regt das, regt das richtig ..."

Therapeut: "Er zieht immer deine Klamotten an und so, und dann haste gedacht, schenk' ich ihm was Schönes zum Anziehen ..."

Gisela: "Ja, und sein Antrag ist auch abgelehnt worden." (meint damit Kleidergeldantrag)

Beide Therapeuten: "Echt?"

Gisela: "Ich zerbrech' mir den Kopf, wie du was zum Anziehen kriegst, und dann erst, ich seh', daß dir das nicht paßt ..."

Therapeut (an Stefan): "Und du kannst es auf den Tod nicht leiden, wenn du Klamotten kriegst."

Gisela: "Und dann frag' ich dich noch, und sagst nicht mal was ..."

Therapeut: " ..."

Gisela (unterbricht ihn): "Ich sag' da noch, ich hab' dir 'n Schein mitgebracht, das kannst du umtauschen, wenn das nicht o.k. ist für dich."

Therapeut (an Gisela): "Das macht doch keiner, Mensch. Das würd' ich auch nicht machen. Weiter! Da habt ihr aber einen klassischen Ehekonflikt."

Reinhard: "Vor allem trägst du's jeden Tag."                                      (Gelächter)